Inhaltsübersicht
I. Einführung
II. Unsicherheit
im Rahmen spezifischer Kostenkategorien
III. Kostenrechnung
zur Fundierung von Entscheidungen bei unsicheren Erwartungen
I. Einführung
1. Funktionen
der Kostenrechnung und Unsicherheit
Die Kostenrechnung ist ein Instrument zur Unterstützung
unternehmerischer Führungsentscheidungen, insbesondere der
Entscheidungsvorbereitung, der Kontrolle und der Koordination. Die damit
verbundenen Funktionen lassen sich allgemein als Entscheidungsfunktion
einerseits und Verhaltenssteuerungsfunktion andererseits kennzeichnen (Ewert,
R./Wagenhofer, A. 2000a). Beide Funktionen sind in der
Realität grundsätzlich durch die Existenz von Unsicherheit charakterisiert:
-
Bei der Planung sind die optimalen Maßnahmen unter
Beachtung unsicherer Erwartungen zu bestimmen.
-
Bei der Kontrolle geht es um die strukturelle
Gestaltung und Auswertung von Abweichungsanalysen. Zu Abweichungen der Ist-
von den Sollgrößen kann es aber nur bei Unsicherheit kommen.
-
Die Verhaltenssteuerung betrifft die Gestaltung der
Anreizsysteme eines Unternehmens im weitesten Sinne. Solche Fragen setzen die
Existenz sowohl von Interessenkonflikten als auch von Informationsunterschieden
zwischen Zentrale und Entscheidungsträger voraus. Dies impliziert zumindest
Unsicherheit der Zentrale bezüglich tatsächlich vorliegender Gegebenheiten im
Bereich des Handlungsfeldes des zu motivierenden Entscheiders.
2. Aufbau
des Beitrags
Im vorliegenden Beitrag können nicht alle obigen Punkte
behandelt werden. Hinsichtlich solcher Fragen, die mit der Risikoanalyse
innerhalb der Kostenrechnung, Kontrollrechnungen bzw. Abweichungsanalysen und
mit Verhaltenssteuerungsgesichtspunkten zusammenhängen, sei auf die Stichworte Agency-Theorie, Analyse der Unsicherheit, Kostenkontrolle,
Unsicherheitstheorie verwiesen. Der
Fokus dieses Beitrags soll dagegen auf Aspekten liegen, welche die Bedeutung
unsicherer Erwartungen für Elemente einzelner Kostenrechnungssysteme
oder die grundsätzliche Eignung solcher Systeme im Rahmen der
Entscheidungsfunktion betreffen.
Dementsprechend widmet sich Kapitel II. spezifischen
Kostenkategorien, in denen unsichere Erwartungen im Rahmen von
Kostenrechnungssystemen traditionell erfasst werden. Kapitel III. behandelt
Konsequenzen, die sich aus unsicheren Erwartungen für die Gestaltung von
Entscheidungsrechnungen ergeben können.
II. Unsicherheit im Rahmen
spezifischer Kostenkategorien
1. Wagniskosten
Unter (Einzel-)Wagnissen versteht man in der Kostenrechnung
üblicherweise Risiken „ unproduktiver Güterverbräuche “ wie etwa Ausschuss,
Nacharbeit, Gewährleistungen, Forderungsausfall, Diebstahl, Schwund, Zerstörung
von Anlagen durch Unfälle oder Explosionen etc. Die damit verbundenen Kosten
werden abweichend vom externen Rechnungswesen oftmals nicht in Höhe ihres
tatsächlichen und im Zeitablauf ggf. stark schwankenden Anfalls erfasst, weil
diese Vorgehensweise die Interpretation der Gewinnentwicklung als Maßstab z.B.
der marktorientierten Stellung des Unternehmens beeinträchtigen könnte.
Stattdessen wird empfohlen, die mit solchen Wagnissen verbundenen Kosten in
Form normalisierter Beträge als spezifische Wagniskosten in die Rechnung
einzubeziehen; diese Wagniskosten lassen sich dabei für verschiedene
Kostenarten (z.B. Materialkosten, Abschreibungen, etc.) getrennt ermitteln. Der
periodisch angesetzte Kostenbetrag für Wagnisse bleibt für mehrere Perioden
konstant und soll im Durchschnitt den tatsächlichen Belastungen durch
Einzelwagnisse entsprechen; er ist daher auch in bestimmten Intervallen zu
überprüfen und ggf. anzupassen. Auf diese Weise werden letztlich
einzelwagnisbedingte, erratische Erfolgsänderungen weitgehend unterbunden.
In der Kostenrechnungsliteratur werden die Wagniskosten
regelmäßig für die obigen, spezifischen Einzelwagnisse reserviert und eine
Einbeziehung des so genannten „ allgemeinen Unternehmerwagnisses “ als Ausdruck
des generellen Risikos unternehmerischer Betätigung in die Kostenrechnung
abgelehnt (siehe stellvertretend für viele Kloock,
J./Sieben, G./Schildbach, T. 1999, S. 73). Diese Auffassung
ist jedoch nicht unproblematisch, wie der folgende Abschnitt über die
Kapitalkosten zeigen wird. Außerdem scheint aus empirischer Sicht der Ansatz
spezieller Wagniskosten weit weniger verbreitet, als man aus der
Lehrbuchliteratur vermuten würde (Währisch, M.
2000, S. 686 f.).
2. Kapitalkosten
Die Kapitalkosten betreffen in der Kostenrechnung das
sachzielnotwendige Fremd- und
Eigenkapital. Dabei wird das sachzielnotwendige Vermögen mit einem
durchschnittlichen Kapitalkostensatz multipliziert, der eine auf der
Kapitalstruktur des Unternehmens basierende Mischung aus Fremd- und
Eigenkapitalkosten darstellt. Bei den Eigenkapitalkosten handelt es sich
letztlich um Opportunitätskosten; sie geben an, welche erwartete Rendite die
Eigner hätten erzielen können, wenn sie das Kapital anderweitig zu vergleichbarem Risiko investiert
hätten. Damit enthält der Eigenkapitalkostensatz eine Risikoprämie, deren Berechnung grundsätzlich kapitalmarktorientiert
unter Berücksichtigung des Portefeuilleproblems der Investoren zu erfolgen hat
(etwa auf Basis des „ Capital Asset Pricing Model “ (CAPM), vgl. z.B. Kruschwitz,
L. 1999, S. 155 ff.). Diese Risikoprämie ist im Kern aber eine
Kompensation für das „ allgemeine Unternehmerwagnis “ , für dessen Eingehen
risikoscheue Anleger eben einen Ausgleich fordern. Insofern findet auch das
„ allgemeine Unternehmerwagnis “ Eingang in die Kostenrechnung, nur an einer
anderen Stelle.
Die konsequente Berücksichtigung auch der Eigenkapitalkosten
spielt derzeit im Rahmen der Diskussion wertorienterter Anreizsysteme für
Manager eine große Rolle, weil sich hier zeigen lässt, dass so genannte
Residualgewinne, bei denen Zinsen auf das Eigenkapital gewinnmindernd angesetzt
sind, viele positive Eigenschaften aufweisen (vgl. zur Übersicht z.B. Ewert,
R./Wagenhofer, A. 2000b).
3. Risikokosten
Im Rahmen der Bankkalkulation ist es üblich, zur Ermittlung
von Deckungsbeiträgen einzelner Kreditgeschäfte so genannte Risikokosten zu
erfassen. Damit soll einerseits eine Kompensation erwarteter Ausfallrisiken
erreicht werden, sodass ex ante die erwartete Rendite der Bank aus dem
Kreditgeschäft wenigstens mit alternativen sicheren Anlagen vergleichbar ist;
andererseits enthalten die Risikokosten bei risikoscheuem Verhalten darüber
hinaus auch eine Risikoprämie. Zur Bestimmung von Risikokosten lassen sich
grundsätzlich traditionelle, marktdeduzierte und optionspreisbasierte Verfahren
anwenden, auf die hier nicht im Detail eingegangen werden kann (vgl. etwa Brakensiek,
T. 1991 sowie Hartmann-Wendels,
T./Pfingsten, A./Weber, M. 1998, S. 651 ff.).
III. Kostenrechnung zur
Fundierung von Entscheidungen bei unsicheren Erwartungen
1. Vorbemerkungen
Die explizite Integration unsicherer Erwartungen in
kostenrechnerische Ansätze ist erst seit etwa Anfang der 1980er-Jahre verstärkt
zu beobachten. Der Grund dürfte sein, dass die Kostenrechnung vornehmlich kurzfristig wirksame Entscheidungen im
Beschaffungs-, Produktions- und Absatzbereich fundieren soll, bei denen die
Unsicherheit als nicht so gravierend eingestuft wird. Die zunehmende Bedeutung
des Risikomanagements in der Praxis hat diese Vorstellung aber obsolet werden
lassen. Nachfolgend werden verschiedene Zugänge zur Unsicherheitsproblematik im
Rahmen kostenrechnerischer Ansätze vorgestellt.
2. Break-Even-Analysen
Mit einer Break-even-Analyse
(vgl. z.B. Schweitzer,
M./Troßmann, E. 1986) sollen vornehmlich Indizien hinsichtlich der Bedeutung der Unsicherheit
verschiedenster Parameter für die Lösung bzw. Zielerreichung eines
Entscheidungsproblems gewonnen werden. Es handelt sich um eine spezifische Form
von Sensitivitätsanalysen, mit denen z.B. kritische Absatzmengen
( „ Break-even-Mengen “ ) errechnet werden, bei deren Überschreiten man einen
bestimmten Mindestgewinn erreicht. Die Rechnungen lassen sich auch in
stochastischer Form durchführen (Welzel, O.
1987), um etwa eine Wahrscheinlichkeitsverteilung des Gewinns basierend
auf den Einzelverteilungen verschiedenster Parameter zu bestimmen. Diese
stochastischen Break-even-Analysen erlangen derzeit bei der Berechnung
spezifischer Kennzahlen zum Risikomanagement eine zunehmende Bedeutung, weil
sich mit ihrer Hilfe auch im Nichtbankenbereich Größen wie z.B. der
Value-at-Risk ermitteln lassen. Break-even-Analysen geben aber allgemein keine
Empfehlung für eine bestimmte Lösung, sodass offen bleibt, wie man sich
letztlich entscheiden soll.
3. Kostenrechnung
als grundsätzliches Informationssystem
Ausgehend vom Grundmodell der Entscheidungstheorie
lässt sich die Unsicherheit durch einen Zustandsraum abbilden. Die Ergebnisse
einer Aktion hängen vom Eintritt eines Umweltzustandes ab, der vom Unternehmen
nicht beeinflusst werden kann. Lassen sich diese Zustände mit
Wahrscheinlichkeiten belegen, spricht man von einer Risikosituation. Ein Entscheidungsträger steht nun vor dem Problem,
für all seine Aktionen eine Ergebnisfunktion aufzustellen, die seine Ziele
(z.B. das Konsumniveau) mit den Aktionen und Umweltzuständen verknüpft. In
diesem Rahmen können Kostenrechnungssysteme
als Informationssysteme betrachtet werden, die in spezifischer Form dazu
beitragen, Erwartungen des Entscheidungsträgers zu verändern. Sie beeinflussen
daher seine Aktionswahl und lassen sich grundsätzlich mit den Methoden der
entscheidungstheoretischen Informationsanalyse unter Einbeziehung der
Informationskosten bewerten (Demski,
J.S./Feltham, G. 1976; Krönung,
H.-D. 1988). Diese Sichtweise setzt die Wahl und
Dimensionierung eines Kostenrechnungssystems zwar in einen allgemeinen
entscheidungstheoretischen Kontext, hat aber bislang kaum zu verwertbaren
Einzelresultaten geführt.
4. Spezifische
Fragestellungen im Rahmen konkreter Entscheidungsrechnungen bei Unsicherheit
Die folgenden Ansätze beschäftigen sich mit spezifischen
Aspekten, die insbesondere die Problematik Vollkostenrechnung/Teilkostenrechnung
betreffen. Ausgangspunkt ist die aus den üblichen deterministischen Ansätzen
gewonnene Aussage, zur Bestimmung optimaler Entscheidungen sei es hinreichend, nur die variablen Kosten-
und Erlösbestandteile zu berücksichtigen. Daraus resultiert die Empfehlung, für
operative Entscheidungen nur Teilkosten- bzw. Deckungsbeitragsrechnungen zu
verwenden; der Gebrauch von Stückvollkostenrechnungen berge dagegen sogar die
Gefahr von Fehlentscheidungen. Nachfolgend werden zwei alternative Zugänge zu
dieser Problematik präsentiert, die ausdrücklich auf unsicheren Erwartungen
basieren und zu einer Relativierung der obigen Empfehlung führen.
a) Stückvollkosten
bei unsicheren Erwartungen und heuristischen Entscheidungskalkülen
Die auf Entscheidungsheuristiken basierenden Arbeiten (Dickhaut,
J.W./Lere, J.C. 1983; Lere, J.C.
1986; vgl. auch Krönung,
H.-D. 1988, S. 234 ff.) gehen von beschränkter
Informationsverarbeitungskapazität eines Entscheiders aus. Dieser verwendet
keine komplexen Optimierungskalküle, sondern tastet sich an die Lösung durch
ein sequenzielles Vorgehen heran,
indem er z.B. bei der Bestimmung von Absatzmengen sukzessiv Erhöhungen bzw.
Verminderungen vornimmt, bis sich die Erfolgsdifferenz unterhalb einer
vorgegebenen Grenze bewegt. Insbesondere besitzt der Entscheider keine
vollständige Kenntnis der Kostenfunktion, sondern kann nur mit Hilfe eines
Kostenrechnungssystems für konkrete Mengen deren jeweilige Kosten ermitteln.
Zur Wahl steht dabei einerseits eine Teilkostenrechnung, die nur die variablen
Stückkosten erbringt, andererseits aber auch eine Vollkostenrechnung, die
zusätzlich proportionalisierte
Fixkosten enthält, deren Stückbetrag auf Basis einer a priori vorgegebenen
Beschäftigung bestimmt wurde.
Angenommen, der Entscheider ist risikoneutral und das
Kostenrechnungssystem liefert stets unverzerrte Informationen über den Kostenerwartungswert der einzelnen
Mengen. Dann bleiben die üblichen Empfehlungen zur Teilkostenrechnung weiterhin
gültig. Das Kostenrechnungssystem kann aber auch verzerrte Informationen derart
liefern, dass es die tatsächlichen Kostenerwartungswerte unterschätzt, weil es z.B. nicht möglich oder viel zu teuer ist,
bei jedem operativen Partialmodell sämtliche Konsequenzen auf andere
Entscheidungsfelder durch spezielle Opportunitätskostenansätze zu erfassen
(vgl. dazu auch Zimmerman, J.
1979). In diesem Fall würde die Verwendung einer Teilkostenrechnung zur
Überproduktion führen, während eine Stückvollkostenrechnung diesem Effekt bei
der obigen Entscheidungsheuristik entgegenwirkt und eine Verbesserung bringen kann (falls nicht z.B. eine zu starke
Unterproduktion entsteht). Eine analoge Wirkung ergibt sich für den Fall, dass
– unabhängig vom Vorliegen verzerrter Kosteninformationen – der Entscheider risikoscheu ist. Dies führt zur
tendenziellen Verringerung der Produktionsmenge, was durch Verwendung von
Stückvollkostenrechnungen erreicht werden kann.
b) Stückvollkosten
und optimale Preisfindung bei Risiko
Eine weitere Begründung von Stückvollkosten zeigen
Banker/Hughes (Banker,
R./Hughes, J. 1994) im Rahmen eines Problems der simultanen
Kapazitäts- und Preisbestimmung (vgl. zu einem ähnlichen Ansatz auch Jahnke,
H./Chwolka, A. 1999). Zu Beginn einer Periode wird eine
Kapazitätsentscheidung bei risikobehafteten künftigen Absatzmengen getroffen.
Die festgelegte Produktionskapazität kann im Laufe der Periode zwar noch einer
ggf. höheren Nachfrage angepasst werden, doch ist dies teurer, als wenn die
gleiche Kapazität direkt zum Periodenbeginn erworben worden wäre. Die
Unternehmung hat einerseits ihre Kapazitätswahl zu optimieren, wobei
Kapazitätseinheiten zu einem konstanten Preis gekauft werden können;
andererseits muss sie zum Periodenbeginn auch den Preis ihrer Produkte
festlegen, der eine Wahrscheinlichkeitsverteilung möglicher Absatzmengen
induziert (der Erwartungswert der
Absatzmengen folgt dabei einer typischen Preis-Absatz-Funktion). Es lässt sich
zeigen, dass bei der optimalen Lösung die Preisbestimmung
quasi auf Basis der Stückvollkosten vorgenommen wird, obwohl die
Kapazitätskosten aus Sicht der Preis- und Mengenpolitik eigentlich „ sunk costs “
sind. Daraus resultiert scheinbar eine Abweichung von der üblichen
Optimierungsregel „ Grenzerlös = Grenzkosten “ . Bei der Interpretation der
Resultate ist aber zu berücksichtigen, dass die Kapazität im vorliegenden Fall
nicht wirklich fix ist, sondern simultan mit der Preis- und Mengenpolitik
festgelegt wird. Damit sind letztlich auch die Kapazitätskosten variabel,
sodass es nicht verwundert, dass sie eine Bedeutung für die Preispolitik
erhalten. Diese Analyse erfasst daher eher eine Situation „ langfristiger “
Preise, für deren Bestimmung z.B. auch die Prozesskostenrechnung
(die ja ebenfalls eine spezifische Vollkostenrechnung ist) empfohlen wird.
Allgemein ist die Eignung der Prozesskostenrechnung für strategische
Entscheidungen aber nur unter relativ engen Prämissen gegeben (vgl. dazu Schiller,
U./Lengsfeld, S. 1998).
c) Potenzielle
Entscheidungsrelevanz von Fixkosten bei risikoscheuen Entscheidern
Die hier relevanten Ansätze gehen zwar letztlich auf
Diskussionen in Adar/Barnea/Lev und Dillon/Nash, zurück, haben aber die
deutschsprachige Literatur erst durch einen provokanten Beitrag von Schneider
nachhaltig beeinflusst und zu einer lebhaften Debatte geführt (Adar,
Z./Barnea, A./Lev, B. 1977; Dillon,
R.D./Nash, J.F. 1978; Schneider, D.
1984, vgl. ausführlich mit vielen weiteren Nachweisen Ewert,
R./Wagenhofer, A. 2000a, S. 237 ff.). Die zunächst
überraschende These von Schneider besteht darin, dass es in Risikosituationen
für die optimale Entscheidungsfindung eines risikoscheuen
Entscheiders regelmäßig notwendig ist,
Fixkosten ins Kalkül einzubeziehen, während man bei reiner Orientierung an
Teilkosten das Optimum verfehlen würde. Eine Deckungsbeitragsrechnung wäre im
Regelfall mithin nicht nur nicht hinreichend, sondern sogar sicher ungeeignet
für Entscheidungsrechnungen bei Risiko!
Der Grund dafür wird einsichtig bei Betrachtung des
risikoorientierten Entscheidungsverhaltens auf Basis der Maximierung des Erwartungsnutzens (Laux, H.
1998). Dabei wird der Erwartungswert E[U(V)] einer an das
Endvermögen V anknüpfenden
Nutzenfunktion U maximiert.
Risikoscheu impliziert grundsätzlich eine streng konkave Nutzenfunktion, d.h.,
die erste Ableitung ist positiv, die zweite dagegen negativ (U\'> 0, U " <> 0). Die konkrete Intensität der Risikoscheu wird
durch die so genannte absolute Risikoaversion AR (bzw. das Arrow, K.J./-Pratt, J.W.-Maß) gemessen, die wie folgt
definiert ist:
AR(V) = -U"(V)/U\'(V)
> 0
Die absolute Risikoaversion ist bei Risikoscheu zwar überall
positiv, aber in ihrer konkreten Höhe grundsätzlich variabel, d.h., sie kann je
nach Höhe des Vermögens schwanken. Damit wird erfasst, dass die Risikoscheu
prinzipiell vom Reichtum des Entscheiders abhängen kann, dass sich also ein
vermögender Unternehmer bezüglich des Risikos möglicherweise anders verhält als
etwa ein wenig vermögender Entscheider. Die Höhe der Fixkosten verschiebt
ceteris paribus die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Endvermögenswerte bei
operativen Problemen in unterschiedliche Vermögensbereiche. Sofern aber eine reichtumsabhängige Risikopräferenz
vorliegt, impliziert die Verschiebung eine mit dem Umfang der Fixkosten
veränderte Risikoeinstellung gegenüber den risikobehafteten Ergebnissen der
Handlungsvariablen und mithin eine typischerweise andere optimale Entscheidung (die für Fixkosten abgeleiteten
Ergebnisse gelten dabei analog auch für das Anfangsvermögen, bezüglich der
Wirkungsrichtung aber mit jeweils umgekehrtem Vorzeichen). Nur dann, wenn die
absolute Risikoaversion überall konstant ist, bleibt auch die optimale Aktion
von der Höhe der Fixkosten unbeeinflusst. Selbst in einer solchen Situation
sind die Fixkosten indes regelmäßig von Bedeutung, wenn sie selbst stochastisch
sind (d.h., sie unterliegen einer Wahrscheinlichkeitsverteilung, die aber nicht
von den Entscheidungsvariablen des Problems abhängt). Der Grund liegt in
Diversifikationsaspekten zwischen der Fixkostenverteilung und der Verteilung
der Überschüsse aus den zu optimierenden Handlungsvariablen (Ewert,
R./Wagenhofer, A. 2000a, S. 253 f.).
Diese Argumentation begründet eine Empfehlung für Vollkostenrechnungen als Periodenrechnung,
in der also die Fixkosten als Block
einbezogen werden. Mit einer Proportionalisierung von Fixkosten und daher einer
Stückvollkostenrechnung haben die Ergebnisse dagegen nichts zu tun. Die obige
Darstellung basiert aber auf einer gewichtigen Prämisse: Sie vernachlässigt die
Existenz eines Kapitalmarkts.
Die zusätzliche Einbeziehung von Kapitalmärkten (vgl. Ewert, R.
1996) hat folgende Konsequenzen: Handelt es sich um eine börsennotierte Unternehmung, kann unter
bestimmten Bedingungen ( „ Spanning “
und „ Competitivity “ , vgl. DeAngelo, H.
1981) als einmütig präferierte Zielsetzung die Maximierung des Shareholder
Value verwendet werden. Bei arbitragefreiem Kapitalmarkt hat die
Marktbewertung die Eigenschaft der Wertadditivität (Schall, L.
1972) und kann in einer quasi-risikoneutralen
Form dargestellt werden. Daraus folgt aber die Irrelevanz der Fixkosten und
des Anfangsvermögens. Sollte dagegen die Unternehmung selbst nicht börsennotiert sein, haben die
Eigner im Rahmen ihrer individuellen Portefeuillegestaltung dennoch vielfältige
Möglichkeiten, die aus dem Produktions- und Absatzprogramm des Unternehmens
resultierenden Risiken zu diversifizieren. Damit kann aber die operative
Programmplanung letztlich von der Doppelfunktion der Erbringung von
Überschüssen einerseits und der Diversifikation von Risiken andererseits
entlastet werden. Es lässt sich zeigen (Ewert, R.
1996), dass unter den gleichen Bedingungen, unter denen die
Marktwertmaximierung als einmütig befürwortete Zielsetzung aller Investoren
gültig ist, für die Entscheidungsfindung eines nicht börsennotierten
Unternehmens eine virtuelle Marktwertmaximierung resultiert, die ebenfalls mit
einer Irrelevanz der Fixkosten verbunden ist. Im Ergebnis sind Fixkosten bei Risiko demnach nur dann
entscheidungsrelevant, wenn ein nicht börsennotiertes Unternehmen ohne
Berücksichtigung der Eignerportefeuilles betrachtet wird.
Literatur:
Adar, Zvi/Barnea,
Amir/Lev, Baruch : A Comprehensive Cost-Volume-Profit Analysis under
Uncertainty, in: Acc.R., Jg. 52, 1977, S. 137 – 149
Banker, Rajiv/Hughes,
John : Product Costing and Pricing, in: Acc. R., Jg. 69, 1994, S. 479 – 494
Brakensiek, Thomas : Die
Kalkulation und Steuerung von Ausfallrisiken im Kreditgeschäft der Banken,
Frankfurt am Main 1991
DeAngelo, Harry :
Competition and Unanimity, in: American Economic Review, Jg. 71, 1981, S. 18 – 27
Demski, Joel S./Feltham,
Gerald : Cost Determination – A Conceptual Approach, Ames/Iowa 1976
Dickhaut, John W./Lere,
John C. : Comparison of Accounting Systems and Heuristics in Selecting Economic
Optima, in: JAR, Jg. 21, H. 2/1983, S. 495 – 513
Dillon, Ray D./Nash,
John F. : The True Relevance of Relevant Costs, in: Acc. R., Jg. 53, 1978, S.
11 – 17
Ewert, Ralf : Fixkosten,
Kapitalmarkt und (kurzfristig wirksame) Entscheidungsrechnungen bei Risiko, in:
BFuP, Jg. 48, 1996, S. 528 – 556
Ewert, Ralf/Wagenhofer,
Alfred : Interne Unternehmensrechnung, Berlin et al., 4. A., 2000a
Ewert, Ralf/Wagenhofer,
Alfred : Rechnungslegung und Kennzahlen für das wertorientierte Management, in:
Wertorientiertes Management, hrsg. v. Wagenhofer, Alfred/Hrebicek, Gerhard,
Stuttgart 2000b, S. 3 – 64
Hartmann-Wendels, Thomas/Pfingsten,
Andreas/Weber, Martin : Bankbetriebslehre, Berlin et al. 1998
Jahnke, Hermann/Chwolka,
Anne : Preis- und Kapazitätsplanung mit Hilfe kostenorientierter
Entscheidungsregeln, in: BFuP, Jg. 51, 1999, S. 3 – 20
Kloock, Josef/Sieben,
Günter/Schildbach, Thomas : Kosten- und Leistungsrechnung, Düsseldorf, 8. A.,
1999
Krönung, Hans-Dieter :
Kostenrechnung und Unsicherheit, Wiesbaden 1988
Kruschwitz, Lutz :
Finanzierung und Investition, München et al., 2. A., 1999
Laux, Helmut :
Entscheidungstheorie, Berlin et al., 4. A., 1998
Lere, John C. : Product
Pricing Based on Accounting Costs, in: Acc. R., Jg. 61, 1986, S. 318 – 324
Schall, Lawrence : Asset
Valuation, Firm Investment, and Firm Diversification, in: JB, Jg. 45, 1972, S.
11 – 28
Schiller, Ulf/Lengsfeld,
Stefan : Strategische und operative Planung mit der Prozeßkostenrechnung, in:
ZfB, Jg. 68, 1998, S. 525 – 547
Schneider, Dieter :
Entscheidungsrelevante fixe Kosten, Abschreibungen und Zinsen zur
Substanzerhaltung, in: DB, 1984, S. 2521 – 2528
Schweitzer, Marcell/Troßmann,
Ernst : Break-Even-Analysen, Stuttgart 1986
Währisch, Michael : Der
Ansatz kalkulatorischer Kostenarten in der industriellen Praxis, in: ZfbF, Jg.
52, 2000, S. 678 – 694
Welzel, Otmar :
Möglichkeiten und Grenzen der Stochastischen Break-Even-Analyse als Grundlage
von Entscheidungsverfahren, Heidelberg 1987
Zimmerman, Jerold : The
Costs and Benefits of Cost Allocations, in: Acc. R., Jg. 54, 1979, S. 504 – 521
|