Inhaltsübersicht
I. Quellen
der Unsicherheit
II. Ökonomie
und Unsicherheit
III.
Datenunsicherheit
IV. Zufälligkeit
und Risiko
V. Unvollständige
Information
VI. Verhaltensunsicherheit
VII. Konklusion
I. Quellen der Unsicherheit
Unsicherheit ist auf natürliche Weise mit der Zukunft
verbunden. Entwicklungen, Entscheidungskonsequenzen und das Verhalten anderer
Menschen sind um so weniger sicher, je weiter wir voraus blicken. Unsicherheit
kann in einer Ungenauigkeit von betrachteten Größen und von Zusammenhängen
begründet liegen; in der Folge gibt es dann Prognosefehler (weil wir
Anfangsbedingungen oder Gesetze nicht genau kennen). Sodann kann die
Unsicherheit in einer wirklichen Zufälligkeit der Entwicklung begründet sein.
Ferner kann die Unsicherheit dem Verhalten von Partnern und Gegenspielern
entspringen.
Unsicherheit ist ein vielschichtiges Phänomen. Es wird
deshalb versucht, Quellen der Unsicherheit zu unterscheiden. Meistens wird den
eben genannten Gründen gefolgt, es ergeben sich dann vier „ Arten “ von
Unsicherheit.
1. Modellrisiko
Zunächst sind wir einer Datenunsicherheit
ausgesetzt. Wir kennen die Größen, Parameter, oder auch Zusammenhänge – Basis
der von uns gemachten Bilder der Wirklichkeit – nicht immer genau. Das ist eine
Fehlerquelle, selbst wenn es keine weiteren Formen von Unsicherheit gibt. Diese
Form der Unsicherheit wird als Modellrisiko bezeichnet: Wir haben gewisse
Vorstellungen über die Zusammenhänge, jedoch könnte unser Modell aufgrund
ungenauer Parameter oder aufgrund eines fälschlicherweise unterstellten
Zusammenhanges Schaden bewirken.
2. Risiko
und Zufall
Unsicherheit liegt oft in einer Zufälligkeit der weiteren Entwicklung begründet, die verschiedene
Pfade nehmen oder in verschiedene Ergebnisse münden kann. Den möglichen
Entwicklungen sollen Wahrscheinlichkeiten
zugeordnet werden können. Situationen, in denen die Entwicklungen zufällig (für
sie also Wahrscheinlichkeiten gegeben) sind, werden als Risiko angesprochen.
Formal werden Zufallsvariable oder stochastische Prozesse für die nähere
Beschreibung herangezogen. Wenn das Phänomen mit einem großen Erfahrungsschatz
und anhand von Ähnlichkeiten beschrieben werden kann, haben die unterstellten
Wahrscheinlichkeiten objektiven
Charakter. Ansonsten, wenn nur die Betroffenen bereit sind, den möglichen
Entwicklungen und Ergebnissen Zahlen so zuzuordnen und mit diesen so zu
arbeiten, als wären es Wahrscheinlichkeiten, wird ihnen subjektiver Charakter zugesprochen. Ist es dagegen überhaupt nicht
möglich, Vergleiche anzustellen oder Analogieschlüsse zu ziehen, können den
Entwicklungen und Ergebnissen auch keine Wahrscheinlichkeiten zugeordnet
werden. Dann spricht man von Ungewissheit – und nicht mehr von Zufälligkeit
oder von Risiko.
3. Unvollständige
Information
Die Datenunsicherheit wie die Zufälligkeit (Risiko) kann den
Grund haben, dass wir nicht gut informiert sind. Von unvollständiger
Information wird gesprochen, wenn es möglich ist, durch Informationsbeschaffung
entweder die Datenunsicherheit zu verringern (etwa durch größere Stichproben)
oder die aufgrund der Zufälligkeit nur eingeschränkte Prognose genauer zu
gestalten. Letzteres kann geschehen, wenn Information über gewisse Indikatoren
eingeholt werden könnte, und bekannt ist, welche Korrelation zwischen den
Indikatoren und der zu prognostizierenden Entwicklung besteht. Die
Informationsbeschaffung ist aber nicht notwendigerweise ein Spiel gegen die
Natur, vergleichbar mit der Rohstoffgewinnung im Bergbau. Oft ist die
Information bereits da, nur verfügen andere Menschen über sie. Dann liegt asymmetrische Information vor.
4. Verhaltensunsicherheit
Der vierte Grund für die Unsicherheit liegt im unbekannten
Verhalten anderer Menschen, seien es nun Partner oder Gegenspieler. Oft ist
dieses Verhalten aber nicht unberechenbar. Es können rationale und egoistische
Motive unterstellt werden, wodurch das Verhalten kalkulierbar wird. Im Rahmen
der Spieltheorie wird versucht herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich
bei derartigen Motiven wohl diese oder jene Strategie anbietet. Neuerdings wird
für die Erklärung oder Prognose des Verhaltens anderer Menschen auch der Behaviorismus herangezogen, so etwa im
Rahmen des Behavioral Accounting.
II. Ökonomie und
Unsicherheit
Die Ökonomie als Wissenschaft versucht, zunächst das
wirtschaftliche Umfeld zu beschreiben,
also die Art des Umgangs mit Ressourcen und die bestehenden Formen der
Kooperation vor dem Hintergrund der Verwendung von Ressourcen zu erfassen. Die
Beschreibung bildet die Grundlage für das Gestaltungsziel der
Wirtschaftswissenschaften. Hierzu werden untersucht: Entscheidungen, also individuelle und kollektive Wahlhandlungen,
verbunden damit Kontrakte, also der
Abschluss von Verträgen, Koordinationsaufgaben, Überwachung und Ausführung,
sowie die Schaffung von Institutionen
für die wiederholte und dauerhafte Kooperation. Die Stichworte also sind 1.
Beschreibung, 2. Entscheidung, 3. Kontrakte, 4. Institutionen.
Hier spielt Unsicherheit eigentlich immer hinein. Eine
sichere und fehlerfrei prognostizierbare Welt mit vollständiger Information und
Berechenbarkeit des Verhaltens aller Parteien wäre rein fiktiv. Doch ist die Unsicherheit,
auch wenn in gewissem Umfang vorhanden, ab und zu für das Studium der genannten
Fragen unerheblich. Sie muss in diesen Fällen bei der Formulierung von Modellen
nicht eigens Berücksichtigung finden. Die ökonomische Analyse der Unsicherheit
setzt erst dann ein, wenn die Berücksichtigung der Unsicherheit bei der
Beschreibung, in einem Entscheidungsmodell, bei der Analyse von
Vertragsbeziehungen oder in der Ökonomie der Institutionen andere Antworten liefert, die als besser beurteilt werden als jene, die unter der Annahme von
Sicherheit gefunden werden.
Ob in die ökonomische Analyse eines Phänomens die
Unsicherheit eigens einbezogen werden muss, ist also eine Frage der Beurteilung
alternativer Modellierungen dieses Phänomens. Im Grunde wird eine Meta-Theorie benötigt, die verschiedene
und konkurrierende Modellformulierungen zum selben Gegenstand hinsichtlich
ihrer „ Güte “ vergleichen kann. Eine solche Meta-Theorie muss wenigstens
implizit vorhanden sein, und sie muss feststellen, dass ein Modell mit Einbezug
der Unsicherheit „ besser “ ist. Vielleicht ist die Meta-Theorie durch eine
Best-Practice ergänzt, nach der für diesen oder jenen Gegenstand von Experten
gewisse Modelle als überlegen betrachtet werden.
Meta-Theorie und Best-Practice legen fest, wie im konkreten
Fall die Unsicherheiten zu modellieren sind. Es kann dann sein, dass ein
„ gutes “ Modell es verlangt, sich auf eine einzige Art oder Quelle von
Unsicherheit zu konzentrieren, obwohl vielleicht andere Formen von Risiko oder
unvollständiger Information bei dem betreffenden Gegenstand ebenso
hineinspielen. Die „ Güte “ eines Modells kann sich auf die Qualität von
Prognosen beziehen oder auf die Akzeptanz und Einsichtigkeit der gebotenen
Erklärungen, auf die Einfachheit, auf die mathematische Eleganz der
Modellformulierung oder auf die Argumentationskraft für die Wirtschaftspolitik.
Auf diese Weise haben sich für die ökonomische Analyse von
Unsicherheit gewisse Grundtypen von
Modellen herausgebildet, die von Forschern und Praktikern als „ gut “ angesehen
werden und den unter Annahme von Sicherheit formulierten Modellen als überlegen
gelten. Im Folgenden sollen die wichtigsten dieser Grundtypen besprochen
werden; zum Schluss werden wir in der Konklusion ein gemeinsames Merkmal
aufzeigen.
III. Datenunsicherheit
Die Unsicherheit, die auf Messfehler und auf
Beobachtungsfehler zurückgeht, darf nicht vernachlässigt werden. Sie ist dafür
verantwortlich, dass wir Größen oder auch Zusammenhänge nicht genau kennen. Vor
allem entsteht die Datenunsicherheit durch Schätzfehler bei Erhebungen und
Stichproben sowie durch Fehlurteile bei Tests und bei der empirischen Arbeit.
Die Statistik trifft Aussagen über Konfidenzintervalle für Parameter und
untersucht Fehler erster und zweiter Art. Ein Fehler erster Art wird begangen,
wenn eine in Wahrheit zutreffende Hypothese aufgrund der empirischen Evidenz
oder aufgrund einer Stichprobe abgelehnt wird. Ein Fehler zweiter Art wird
begangen, wenn eine in Wahrheit falsche Hypothese aufgrund der bis dato
vorliegenden empirischen Evidenz nicht verworfen wird, sondern weiterhin
„ angenommen “ bleibt.
Die Erkenntnislogik und die meisten Testverfahren gehen so
vor, dass ein Fehler erster Art überhaupt nicht oder nur mit einer sehr
geringen Wahrscheinlichkeit eintreten kann, während falsche Hypothesen sich,
selbst wenn eine gewisse Evidenz gegen sie spricht, öfters noch lange halten
können. Erkenntnisfortschritt ist daher eigentlich nicht gegeben, wenn eine
Hypothese aufgrund der empirischen Evidenz „ angenommen “ bleibt – die
Wahrscheinlichkeit, dass sie falsch ist und ein Fehler zweiter Art begangen
wird, kann ziemlich hoch sein. Ein Erkenntnisfortschritt liegt nur vor, wenn zu
einer Hypothese gezeigt werden konnte, dass ihr logisches Gegenteil aufgrund
der Empirie verworfen werden kann. Solche Überlegungen werden in der
Wissenschaftstheorie diskutiert und sind mit dem Namen Karl Popper, K.R.s
verbunden.
Wirtschaftswissenschaften waren und sind stets mit
empirischer Forschung verbunden. Die Entwicklung der Ökonomie sollte in ihren
theoretischen Teilen deshalb anhand von Begriffen, Größen und Parametern
erfolgen, die hinreichend genau geschätzt werden können. Die Ökonomie sollte
mithin Zusammenhänge postulieren, die prinzipiell einer empirischen Prüfung
unterzogen werden können – und keine Tautologie darstellen. Allerdings dürfte
es nicht viele Zusammenhänge oder Gesetzmäßigkeiten geben, deren empirischer
Gehalt dadurch begründet wurde, dass das logische Gegenteil empirisch widerlegt
werden konnte. Deshalb müssen wir mit weniger zufrieden sein: Es sollte
wenigstens viele kritische Studien
gegeben haben, und es sollten so wenige
empirische Widersprüchlichkeiten aufgetaucht sein, dass der postulierte
Zusammenhang als „ erhärtete Arbeitshypothese “ oder als „ gut bestätigt “
angesehen werden darf. Unsere Erkenntnis ist dann nur vorläufig. Durchaus
können plötzlich die empirischen Widersprüche überhand nehmen, ein anderes
Modell wird postuliert, es tritt ein Paradigmenwechsel (Thomas S. Kuhn, Th.S.)
ein.
IV. Zufälligkeit und Risiko
Zufällige oder risikobehaftete Entwicklungen, insbesondere
die Entscheidungsfindung angesichts zufälliger Ergebnisse, spielen aus
verschiedenen Gründen eine große Rolle. Die beiden wichtigsten: Entscheidungen
unter Risiko sind nicht trivial, und es sind Institutionen entstanden, die vor
allem den Zweck haben, Risiken zu alloziieren und zu diversifizieren,
namentlich Versicherungsgesellschaften, Intermediäre und Finanzmärkte.
Die Komplexität von individuellen Entscheidungen unter Risiko
zeigen die Diskussionen um das auf Bernoulli, D./ zurückgehende Prinzip, so zu
entscheiden, als ob ein Erwartungsnutzen zu maximieren wäre. Dieses Prinzip ist
1944 durch das Buch „ Theory of Games and Economic Behavior “ der Autoren von
Neumann und Morgenstern bekannt geworden (von Neumann, J./Morgenstern,
O. 1944). Doch die Gleichsetzung von „ Rationalität “ und
Axiomen, die das Prinzip des Erwartungsnutzens begründen, hat Widerspruch
provoziert. Früh wurden Antinomien (Allais, D./) entdeckt, und es sind Versuche
zu nennen, alternative Entscheidungskriterien zu studieren: Hier wurde zunächst
eine Prospect-Theorie (Kahneman, D./
und Tversky, A./) entworfen und beispielsweise werden gerade im Finance neben
dem Erwartungsnutzen auch Shortfall-Ansätze
als Entscheidungskriterium favorisiert. Neuerdings werden
verhaltenswissenschaftlich begründete Erklärungen für ökonomische Phänomene
geboten, wenn sie mit dem Erwartungsnutzen nicht erklärt werden können. „ The
Winner\'s Curse “ und andere Bücher von Thaler, R.H. geben eine Fülle von
Beispielen.
Mit dem Shortfall-Ansatz wird eine Idee aufgegriffen, die Roy
1952 formulierte: Risiko ist die Wahrscheinlichkeit für ein Disaster (Roy, A.D.
1952). Also bietet sich an, Risiko als jenen Fall zu verstehen, in dem
eine Mindestrendite nicht erreicht wird. Die Wahrscheinlichkeit dieses
Shortfalls soll begrenzt bleiben.
Verwandt mit solchen Entscheidungskriterien ist der
Value-at-Risk (VaR, Performancemaße,
risikoorientierte). Selbst für sehr Vorsichtige bietet sich nicht
an, die Entscheidung nur aufgrund des Worst Case zu treffen. Sinnvoller scheint
es, die 1% oder 5% der allerschlechtesten Szenarien auszuklammern und sich
daran zu orientieren, was unter den verbleibenden Szenarien der größte Verlust
ist. Das ist der VaR. Er wird von den Regulierungsbehörden für die
Risikobegrenzung von Finanzinstitutionen eingesetzt.
Etwas schwieriger hat sich die Untersuchung von
Entscheidungsempfehlungen für Unternehmen gestaltet, wenn es um das Management von Risiken geht. Neben
operativen Risiken und anderen Risiken stehen heute Preis- oder Marktrisiken
und Gegenparteirisiken im Mittelpunkt. Für diese Risiken bieten die
Finanzmärkte Instrumente für das Hedging.
Doch sollte die Unternehmung hedgen oder ihr Aktionär? Auf diese Frage gibt es
im Sinn von Modigliani, F./ und Miller, M.H. diese Antwort: Wenn die
Unternehmung und ihr Aktionär zu denselben Konditionen die Hedge-Instrumente
ergreifen kann, dann ist der optimale Umfang des Hedging durch die
Risikopräferenz des Aktionärs bestimmt. Wer von beiden jedoch nun die Maßnahmen
ergreift, ist (für den Wert der Unternehmung) irrelevant. Heute sehen wir, dass
Unternehmen zum Teil größere Nachteile haben, wenn nicht sie, sondern der
Aktionär Risikomanagement betreibt. Das ist der Fall, wenn die Unternehmung
ihre Finanzen stabilisieren sollte, weil sie nahe an einem Distress ist (also
etwa bei hohem Leverage), wenn die Unternehmenssteuern nicht proportional sind,
oder wenn bei nicht stabilisierten Finanzergebnissen gewisse Opportunitäten
(etwa für Investitionen) schwinden können. Doch dann muss die Unternehmung
ihrem Aktionär zeigen, wie sie absichert, damit dieser nicht nochmals Risiken
hedgt, die er vermeintlich zu tragen hat. Damit wird das Risiko-Management
aufwändig, abgesehen davon, dass es Sorgfalt verlangt und dass Fehler dadurch
entstehen können, dass nicht alle Risiken abgesichert werden können. Der Fall
der Metallgesellschaft, die einem Konkurs nahe kam, lehrt, dass auch nach einem
überlegt wirkendem Risikomanagement erhebliche Gefahren bleiben können.
Aufgrund der Risikoaversion der Teilnehmer einer Wirtschaft
ist zu wünschen: Alle individuell gehaltenen Risiken, die sich ausgleichen
könnten, sollten durch geeignete kollektive Verfahren oder durch
Diversifikation zum Verschwinden gebracht werden. Hier sind spezielle
Institutionen und Märkte verlangt. Versicherungsgesellschaften und
Rückversicherer sind ein Beispiel, Finanzmärkte ein anderes Beispiel.
Jedoch sind mit der Weitergabe von Risiken stets gewisse
Beobachtungskosten verbunden. Hier treten zwei Beispiele in den Vordergrund.
Die Emission, etwa eine Kapitalerhöhung oder Börsengang. Der Begriff des
IPO-Discounts zeigt, dass das Angebot einer riskanten Investitionsmöglichkeit
stutzig macht: Warum behält sie der Anbieter nicht selbst? Erst durch die
intendiert neutrale Prüfung einer Investmentbank und einen Preisabschlag kann
die Skepsis kompensiert werden, die Partei, die ein Risiko abgeben wolle, wisse
eben doch mehr und könne ungestraft etwas verheimlichen. Das zweite Beispiel
sind Gegenparteirisiken und Bonitätsrisiken. Zwar können hier Rating-Agenturen
wirken, doch entstehen trotzdem Märkte für Kreditderivate nur langsam. All das
behindert den effizienten Risikoausgleich etwas.
Wir kommen auf die asymmetrische Information, die vielfach
mit der Weitergabe von Risiken verbunden ist, noch zurück. Intermediation kann
aufgrund dieser Phänomene dem Markt überlegen sein. Diamond, P. hat mit
Argumenten in dieser Richtung, „ Delegated Monitoring “ einen Existenzgrund für
die Bank geliefert. Zwar ist ein Intermediär eine Institution, eine Hierarchie
oder Bürokratie und daher als Organisation vielfach teurer als ein Markt. Gibt
es jedoch nur den Markt, könnte es sein, dass so wenig an Information bereit
gestellt wird, dass sich die Marktteilnehmer zurückziehen und der Markt
zusammenbricht.
V. Unvollständige
Information
Auf der mikroökonomischen Ebene einer Einzelentscheidung geht
es angesichts unvollständiger Information um die Frage, ob der
Entscheidungsträger gewisse, ihm mögliche Informationen beschaffen sollte oder
nicht. Der Zentrale Begriff ist hier der (ökonomische) Informationswert, wohl
zu unterscheiden von der Entropie der Nachrichtentheorie.
Ein Ergebnis dieser Entscheidungsmodelle ist, dass es für den
Einzelnen nicht immer vorteilhaft ist, alle
möglichen Informationen einzuholen. Die Informationsbeschaffung kostet, weshalb
maximaler Nutzen bedeuten kann, sich nur teilweise oder sogar überhaupt nicht
zu informieren. Jede weitergehende Information wäre mit Aufwand verbunden, der
höher ist als der erwartete Vorteil einer „ informierteren “ Entscheidung.
Von daher ist es nur ein kleiner Schritt zum Informationsgleichgewicht – ein Konzept,
das von Grossman und Stiglitz entwickelt wurde (Grossman,
S.J./Stiglitz, J.E. 1976). In ihrem Modell gibt es zwei
Gruppen von Teilnehmern (an einem Finanzmarkt). Die einen sind informiert und
treffen ihre Kauf- und Verkaufentscheidungen anhand eigens beschaffter
Informationen. Die anderen sind nicht informiert und gehen davon aus, dass der
Preis (oder Kurs eines Wertpapiers) ungefähr die Qualität (oder Performance)
beschreibt. Allerdings ist der Markt nicht ganz informationseffizient: Die
Uninformierten müssen sich damit abfinden, dass es immer wieder exogene
Zufallseinflüsse gibt, wodurch die Preise „ verrauscht “ sind und nicht exakt
wiedergeben, was die Informierten über die Qualität oder Performance in
Erfahrung gebracht haben.
Alle Marktteilnehmer haben die Wahl, zu welcher Gruppe sie
gehören wollen, ob sie also unter privaten Kosten Informationen einholen wollen
oder nicht. Abgesehen vom Nachteil der Kosten für die Informationsbeschaffung
haben die Informierten gegenüber den Uninformierten einen Vorteil, der um so
größer ist, je mehr Uninformierte und je weniger Informierte es gibt. Denn wenn
es sehr viel Informierte gibt, werden sehr viele Transaktionen aufgrund von
Informationen vollzogen, und die Preise spiegeln daher diese Informationen
weitgehend wider. Preise sind nur wenig verrauscht. Wenn es dagegen nur wenig
Informierte gibt, werden viele Transaktionen von Uninformierten getätigt, und
die erwähnten externen Zufälligkeiten bewirken ein kräftiges Rauschen. Es hat
zur Folge, dass die (wenigen) Informierten dann einen deutlichen Vorteil haben.
Wenn es also in einem Anpassungsprozess anfänglich nur wenig Informierte gibt,
ist die Motivation, zum Lager der Informierten zu wechseln, groß. Irgendwann
jedoch werden einzelne Informierte entdecken, dass ihr Vorteil nicht mehr
reicht, die Kosten für die Informationsbeschaffung zu decken. Sie werden
wählen, zu den Uninformierten zu gehören. So entsteht ein Gleichgewicht. Es
bestimmt zugleich, ob die Preise eher schwach oder stark verrauscht sind. Das
Informationsgleichgewicht legt den Informationsgehalt der Preise fest.
Dieses Modell behandelt Information als privates Gut. Es lässt erkennen, dass es ein ökonomisches
Spannungsfeld zwischen der Produktion von Information gibt – eine mit Kosten
verbundene Aktivität – und der Ausnutzung dieser Information, bei der sie
gleichzeitig publik wird und eventuell etwas an Wert verliert. Diese Thematik
hat eine große Bedeutung bei der Beurteilung des Schutzes geistigen Eigentums
durch Patente und die Verfolgung von Piraten. Das oberste Grundprinzip dabei
ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, solche Regeln zu etablieren, die eine
effiziente Allokation der Ressourcen bewirken.
VI. Verhaltensunsicherheit
Wem wäre neu, dass Menschen allzu leicht der Gefahr
unterliegen, zugunsten des kleinen Egoismus von einem Verhalten abzuweichen,
das allgemein als ethischer Imperativ gilt. In vielen Varianten wurde diese
Gefahr im Dilemma der Gefangenen untersucht und als „ Spiel “ modelliert. Die
gleichgewichtige – also in praktischen Fällen zu vermutende – Lösung besagt,
dass jeder der Gefangenen gestehen und seinen Mitgefangenen belasten wird, um
so gewisse Vorteile zu erlangen. Gleichwohl stellt sich nicht ein, dass beide
zusammenhalten (und leugnen), auch wenn jeder von ihnen dabei am besten fahren
würde. Der Grund: Sie können sich nicht gegenseitig zu dieser Strategie verpflichten
und nicht glaubhaft kommunizieren, dass sie diese Strategie einschlagen werden.
Die Lösung dieses Dilemmas kann durch eine außenstehende Kraft, eine
Institution herbeigeführt werden. Wenn der Einzelne, selbst freikommend, weil
er den anderen belastete und nicht zu ihm hielt, einer Strafe durch die
Gemeinschaft ausgesetzt wird, und wenn dieser soziale Druck hinreichend ist,
werden die in der misslichen Situation Gefangenen zusammenhalten.
Diese Situation gestattet verschiedene Lehren: Erstens verhält
sich der Einzelne egoistisch im Rahmen der Regeln, der Anreize, der Strafen.
Werden die Anreize und Strafen anders gestaltet, ändert sich auch das
Verhalten. Dieser Sachverhalt hat in der Agency-Theory große Beachtung
gefunden. Zweitens: In gewissen Situationen sind dauerhafte Instanzen nötig, um
ein „ kurzsichtiges “ Verhalten auszuschließen. Beispielsweise können auf Dauer
angelegte Institutionen Reputation aufbauen. Bei einem Menschen, der irgendwann
im Alter aufhören würde, ökonomische Verträge zu schließen, bestünde immer die
Gefahr, den letzten Vertragspartner auszunutzen.
VII. Konklusion
Risiko, Unsicherheit, unvollständige Information, zeigen in
ihren mannigfachen Erscheinungsformen eine Gemeinsamkeit: Die Ökonomie kann sie
nicht gratis bewältigen, und alle Verträge und Designs und Institutionen sind
mit Kosten verbunden. Wenn Datenunsicherheit oder gar ein Modellrisiko
bestehen, erweist sich schon die für die Beschreibung gewählte Modellsprache
als ungenau und daher möglicherweise mit abträglichen Fehlern verbunden. Bei
Risikoaversion ist Risiko für den Einzelnen stets mit einem Nutzenentgang
verbunden. Selbst wenn Risiken vollständig diversifizierbar sind, ist dazu eine
Institution nötig, entweder ein Finanzmarkt oder eine zentrale Agentur, die
wiederum gewisse Kosten hat. Unvollständige Information verlangt wiederum
besondere Designs, beispielsweise das Signalling, um in Richtung Effizienz zu
gehen, und auch diese Designs verursachen Kosten. Verhaltensunsicherheit
verlangt besondere Instanzen, und diese sind nicht gratis.
Aus einer First-best-Lösung
wird durch Unsicherheit eine Second-best-Lösung.
Jedoch sind oft mehrere
Second-best-Lösungen möglich. Leider fehlen einfache Kriterien, um aus
verschiedenen Designs für eine Second-best-Welt ein überlegenes auszuwählen. Damit öffnet sich das Feld für die
praktische Politik, auch die Ordnungspolitik. Durch die Unsicherheit
mündet so die Analyse in die Politik der Gestaltung von Institutionen und von
Rahmenbedingungen.
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