Inhaltsübersicht
I. Übersicht
II. Problemstrukturierung
III. Entscheidung
bei mehrfachen Zielen
IV. Entscheidung
unter Risiko
V. Weitere
Hinweise
I. Übersicht
Die Entscheidungstheorie (englisch: decision analysis) ist
eine Disziplin mit präskriptiver Orientierung, die Personen beim Treffen
komplexer Entscheidungen unterstützen will. Sie enthält ein Arsenal von
Konzepten und Methoden von genereller Anwendbarkeit ‐ beispielsweise im
Management, in der Medizin, den Ingenieurwissenschaften oder der Politik. Ihre
Daseinsberechtigung beruht auf der Beobachtung, dass auch schwerwiegende
Entscheidungen häufig intuitiv oder auf der Basis unzureichender und
unsystematischer Analyse getroffen werden. Psychologen, die tatsächliches
Entscheidungsverhalten untersucht haben, beschreiben eine große Anzahl
systematisch auftretender Wahrnehmungs- und Urteilsverzerrungen.
Die Entscheidungstheorie zielt auf rationalere
Entscheidungen. Rationalität kann zum einen als prozedurale Rationalität verstanden werden und zielt darauf, die
der Bedeutung der jeweiligen Entscheidung angemessene Sorgfalt bei der Wahl des
Entscheidungskontextes und bei der Informationssuche ‐ betreffend die
eigenen Ziele, die Alternativen, die Risiken und Chancen ‐ aufzuwenden (Phillips,
L.D. 1982). Eine „ optimale “ Entscheidung ist immer nur in
einem mehr oder weniger adäquaten Modell der realen Situation optimal, ein
Tatbestand, den Simon als „ bounded rationality “ bezeichnet hat (Simon, H.A.
1957). Der Grad der prozeduralen Rationalität ist niemals objektiv
messbar. Zum zweiten bedeutet Rationalität Konsistenz.
Die Informationen, auf denen eine Entscheidung basiert wird, dürfen nicht im
Widerspruch zu Postulaten rationalen Verhaltens stehen, die der Entscheider als
solche anerkennt, wie z.B. die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder die
Transitivität von Präferenzen.
II. Problemstrukturierung
Grundlegendes Paradigma der Entscheidungstheorie ist die
Zerlegung komplexer Probleme in einfachere Teilprobleme. Voraussetzung für eine
rationale Entscheidung ist daher eine angemessene Problemstrukturierung. Jedes
Entscheidungsproblem lässt sich in vier Teilmodelle zerlegen: (1) Ziele und
Präferenzen, (2) Alternativen, (3) Umwelteinflüsse und (4) Konsequenzen.
1. Ziele
und Präferenzen
Ziele und Präferenzen drücken aus, was ein Entscheider
erreichen will, und sind notwendig subjektiv. Die Entscheidungstheorie erhebt
keinen normativen Anspruch und wertet Präferenzen nicht.
Ein Ziel besteht aus einer Zielvariablen und ‐
gewöhnlich ‐ einer Optimierungsrichtung, z.B. Maximierung des Gewinns
oder Minimierung der Schadstoffemission. Im einfachsten Fall spielt nur ein
Ziel eine Rolle. In den meisten wichtigen Entscheidungen sind jedoch mehrere
Ziele von Belang, die sich auf die gewünschten Eigenschaften von
Problemlösungen beziehen, etwa Fähigkeiten von Bewerbern, Umweltverträglichkeit
von Produkten oder Sozialverträglichkeit von Desinvestitionen.
Die Generierung eines Zielsystems ist ein wichtiger und in
der Praxis allzu oft vernachlässigter Schritt (Keeney, R.L.
1992). An ein Zielsystem
sind einige Anforderungen zu stellen. Die Ziele sollten fundamental sein in dem
Sinne, dass nicht ein Ziel lediglich Instrumentalcharakter zur Erreichung eines
anderen Ziels hat; dies würde zu Doppelbewertungen führen. Sie sollten durch
Attribute operationalisiert werden, die eine eindeutige Messung erlauben. Die
hierarchische Anordnung der Ziele, d.h. die Etablierung von
Oberziel-Unterziel-Relationen, erleichtert die Prüfung des Zielsystems auf
Vollständigkeit und Nichtredundanz.
Sodann muss der Entscheider seine Präferenzen bezüglich
dieser Ziele bestimmen, sodass die Bewertung multivariabler und/oder unsicherer
Konsequenzen möglich wird. Die Präferenzen werden durch Wertfunktionen (bei
Sicherheit) bzw. Nutzenfunktionen (bei Unsicherheit) repräsentiert. Inwieweit
sich die Präferenzen durch (z.B. additive oder multiplikative) Aggregation
univariabler Wert- bzw. Nutzenfunktionen darstellen lassen, muss durch
geeignete Tests geklärt werden. Sowohl für die Generierung von Einzelwert- bzw.
Einzelnutzenfunktionen als auch für die Bestimmung der Skalierungsfaktoren
( „ Gewichte “ ) wurden Verfahren entwickelt (Keeney,
R.L./Raiffa, H. 1976).
Bei mehrperiodigen Konsequenzen kann die Ermittlung von
Zeitpräferenzen geboten sein. Gruppenentscheidungen enthalten das Problem der
Aggregation von Einzel- zu Gruppenpräferenzen.
2. Alternativen
Entscheidung ist die Auswahl einer Alternative aus einer
Menge sich gegenseitig ausschließender Alternativen. Es kann sich um einstufige
Alternativen handeln, z.B. die Auswahl einer Produktionsanlage oder eines
Softwarepakets. Mehrstufige Alternativen (Strategien) enthalten neben einer
Anfangsentscheidung auch bedingte Anweisungen für weitere Entscheidungen in
Abhängigkeit von späteren Ereignissen.
3. Umwelteinflüsse
Neben der eigenen Entscheidung können auch
nichtbeeinflussbare Faktoren die Handlungskonsequenzen mitbestimmen, z.B. die
Reaktion von Nachfragern oder die künftige Steuergesetzgebung. Man spricht von
Entscheidungen unter Sicherheit, wenn der Entscheider diese Ereignisse mit
(hinreichender) Sicherheit vorhersagen zu können glaubt. Dementsprechend
bedeutet Unsicherheit oder ‐ hier synonym gebraucht ‐ Risiko, dass
eine Entscheidung zu unterschiedlichen Konsequenzen führen kann, je nachdem,
welches Ereignis eintritt. Dann ist zu versuchen, die
Eintrittswahrscheinlichkeiten der Ereignisse zu bestimmen.
Die Entscheidungstheorie geht von einem subjektiven
Wahrscheinlichkeitsbegriff aus. Subjektive Wahrscheinlichkeiten sollten zwar
durch relevante und nachprüfbare Informationen begründet sein, enthalten aber
immer ein subjektives Element, sodass ihre „ Richtigkeit “ nicht abschließend
beurteilt werden kann.
Wahrscheinlichkeiten müssen, ebenso wie Präferenzen, durch
Befragungsprozesse von Personen gebildet, stabilisiert und explizit gemacht
werden (elicitation). Hierfür wurden Methoden entwickelt (Spetzler,
C.S./Staël von Holstein, C.A.S. 1975), die um so wichtiger
sind, als psychologische Studien schwerwiegende Defekte der menschlichen
Fähigkeiten bei der Bezifferung und Verknüpfung von Wahrscheinlichkeiten offen
gelegt haben (Kahneman,
D./Slovic, P./Tversky, A. 1982; Hastie,
R./Dawes, R. M. 2001; Bazerman,
M.H. 2002).
4. Konsequenzen
Eine Konsequenz ist durch die Ausprägungen der Zielvariablen
definiert, die als Folge der Entscheidung und der Umwelteinflüsse eintreten.
Bei Sicherheit führt jede Entscheidung zu einer eindeutigen Konsequenz, bei
Unsicherheit sind mehrere Konsequenzen alternativ möglich. Es gilt für jede
Konsequenz die Ausprägungen aller Zielvariablen zu ermitteln. Dazu muss unter
Umständen ein Wirkungsmodell konstruiert werden. Beispielsweise ist die
Auswirkung einer Kapazitätsentscheidung auf den Gewinn nicht unmittelbar
ersichtlich, sondern erst durch ein Optimierungsmodell, das die optimale
Aufteilung der Kapazität auf mehrere Produkte bestimmt, zu ermitteln.
5. Rekursive
Modellierung
Die vier Module können selten sukzessiv erstellt werden. Sie
beeinflussen sich gegenseitig; z.B. führt oft die Ausweitung der
Alternativenmenge zum Erkennen wichtiger Eigenschaften der neuen Alternativen,
sodass auch die Menge der Ziele sich vergrößert. Es handelt sich daher um einen
rekursiven Prozess, der dann beendet wird, wenn der Entscheider glaubt, das
Problem hinreichend vollständig und exakt beschrieben zu haben.
Während des Prozesses sind wiederholt Vor-Entscheidungen zu
treffen, z.B. darüber, welches Problem zu lösen ist (Erweiterung oder
Einschränkung des Entscheidungskontexts), die Suche nach weiteren Alternativen
oder die Berücksichtigung von zusätzlichen Informationen.
6. Einflussdiagramme
Ein Hilfsmittel zur kompakten Darstellung von
Entscheidungsproblemen ist das Einflussdiagramm (Oliver,
R.M./Smith, J.O. 1990). Es stellt Entscheidungen (rechteckige
Symbole), Umwelteinflüsse (Ovale) und Ziele (Rauten) dar; Pfeile bedeuten
kausale oder stochastische Einflüsse. Abb. 1 zeigt ein Beispiel. Zunächst ist
zu entscheiden, ob eine Produktentwicklung fortgesetzt oder abgebrochen werden
soll. Bei Fortsetzung ist zu einem späteren Zeitpunkt über die Produktionskapazität
zu entscheiden. Externe Einflüsse sind der technische Erfolg, das
Marktpotenzial, das eventuelle Auftreten eines Konkurrenzprodukts etc.
Zielvariablen sind der Gewinn und das spezifische Know-how, welches das
Unternehmen durch die Entwicklung und die Produktion erlangen würde.
Einflussdiagramme eignen sich zur Unterstützung der Kommunikation zwischen
Entscheidungsträgern und zur Prüfung, ob alle wesentlichen Elemente des
Entscheidungsmodells berücksichtigt werden.
Abb. 1: Einflussdiagramm
III. Entscheidung bei
mehrfachen Zielen
Viele Entscheidungsprobleme lassen sich adäquat als
Entscheidung bei multiplen Zielen und sicheren Erwartungen modellieren, z.B.
die Wahl zwischen mehreren bekannten Bewerbern um eine Position. Für die
Bewertung der Alternativen wird eine multiattributive
Wertfunktion v(x1, x2, ... , xk) gebildet, welche die Präferenzen des
Entscheiders bezüglich der Ausprägungen der Zielvariablen X1 bis Xk ausdrückt. Der Buchstabe v steht für value.
Eine wegen ihrer Einfachheit häufig benutzte Wertfunktion ist
die additive:
Hierin bedeutet vi(xi) die
(Einzel)wertfunktion bezüglich der Zielvariablen Xi.
Alle Einzelwertfunktionen sind auf das Intervall [0, 1] normiert. Die wi sind
Gewichtungsfaktoren zwischen null und eins, die die relative Bedeutung der
Ziele repräsentieren; Es gilt w1 + w2 + ... + wk = 1. In Tab. 1 ist eine Situation mit
drei Alternativen (a, b, c)
und drei Zielvariablen (X1, X2, X3)
dargestellt. Die Eintragungen in den Zellen bedeuten die Ausprägungen der
Zielvariablen bei den einzelnen Alternativen.
Tab. 1: Entscheidungsmatrix für drei Alternativen und drei
Ziele bei Sicherheit
Das additive Wertmodell repräsentiert die Präferenzen des
Entscheiders genau dann, wenn dieser bezüglich der Zielvariablen wechselseitige
Präferenzunabhängigkeit empfindet. Das bedeutet: Die Präferenz zwischen zwei
beliebigen Alternativen a und b, die sich nur hinsichtlich einer
(beliebigen) Teilmenge der Zielvariablen unterscheiden, hängt nicht davon ab,
welche Ausprägungen die Zielvariablen der Restmenge haben. Ist die
wechselseitige Präferenzunabhängigkeit nicht gegeben, kann evtl. auf andere
Aggregationsmodelle zurückgegriffen werden. Häufig lässt sich jedoch durch eine
Redefinition des Zielsystems die Bedingung der wechselseitigen
Präferenzunabhängigkeit herstellen.
Die Gewichtungsfaktoren werden präferenzbasiert bestimmt.
Zweckmäßigerweise vergleicht der Entscheider Alternativen, die sich nur in zwei
Kriterien Xi und Xj unterscheiden,
bei den übrigen Kriterien jedoch gleiche Ausprägungen aufweisen. Die
Ausprägungen von Xi und Xjwerden so
lange variiert, bis Indifferenz gilt (Tradeoff-Verfahren). Dann hat man eine
lineare Gleichung in den Gewichtungsfaktoren wiund
wj. Bei n Zielvariablen lassen sich aus n – 1
Indifferenzaussagen zusammen mit der Normierung der Gewichtsumme auf eins die
Gewichte ausrechnen.
Intuitive Empfindungen über die „ Wichtigkeit “ von Zielen
führen zu falschen Entscheidungen, da ein Zielgewicht nicht eine Eigenschaft
des Ziels ist, sondern von dem Wertunterschied zwischen der schlechtesten und
der besten im Modell angenommenen Ausprägung abhängt.
In der Praxis sind additive Bewertungsverfahren verbreitet,
häufig unter dem Namen „ Scoringmodell “ oder „ Nutzwertanalyse “ . Dabei wird in
aller Regel die genannte Gültigkeitsvoraussetzung nicht beachtet, und die
Zielgewichtung wird nicht in nachvollziehbarer Weise aus Präferenzen
abgeleitet. Die häufigsten Anwendungsfehler sind bei Weber/Krahnen/Weber
dargestellt (Weber,
M./Krahnen, J.P./Weber, A. 1995).
IV. Entscheidung unter
Risiko
Wenn mindestens eine der Alternativen keine sichere
Konsequenz hat, liegt Entscheidung unter Risiko vor. Die endgültige Konsequenz
wird auch von externen Einflüssen bestimmt. Eine Kombination mehrerer Einflüsse
heißt Szenario. Die Situation kann wieder durch eine Entscheidungsmatrix, wie
in Tab. 2 illustriert, dargestellt werden.
Tab. 2: Entscheidungsmatrix für drei Alternativen und drei
Szenarien
Hier bedeutet z.B. c1adie Konsequenz, die eintrifft, wenn Alternative a gewählt wird und das Szenario s1 eintritt. Die Konsequenzen sind bei
einfacher Zielsetzung Ausprägungen der einen Zielvariablen, bei mehrfacher
Zielsetzung sind sie Vektoren von mehreren Zielvariablen.
Eine andere, jedoch äquivalente Darstellung von Entscheidungen
bei Risiko ist der Entscheidungsbaum (Abb. 2, Flexible
Planung). Entscheidungen sind hier als Vierecke, unsichere
Ereignisse als Kreise dargestellt. Zahlen an den Ereignissen bedeuten deren
Wahrscheinlichkeiten. Entscheidungsbäume eignen sich besonders zur Darstellung
mehrstufiger Entscheidungen.
Abb. 2: Entscheidungsbaum
Der Entscheidungsbaum in Abb. 2 zeigt das Problem eines
Lieferanten, eine umstrittene Forderung von 100 Geldeinheiten durch Prozess
einzuklagen oder dem Schuldner einen Verzicht von 50 % anzubieten. Der Ausgang
des Prozesses kann Sieg, Niederlage oder ein gerichtlicher Vergleich von 50 %
sein. Die subjektiven Wahrscheinlichkeiten sind an den Ästen angegeben. Im Fall
eines eigenen Vergleichsangebots ist entweder mit Annahme durch den Schuldner,
Ablehnung oder einem Gegenvorschlag von 25 % der Forderung zu rechnen. Der
Lieferant kann, sofern der Schuldner den Vergleichsvorschlag nicht annimmt,
immer noch einen Prozess führen. Die an den Endpunkten des Baums eingetragenen
Werte sind die Konsequenzen, ausgedrückt in Geldeinheiten.
Zur optimalen Lösung von Entscheidungsproblemen unter Risiko
wird auf das Kriterium der Maximierung des Nutzenerwartungswertes
zurückgegriffen. Es besagt: Wähle diejenige Alternative, die die höchste mit
den Wahrscheinlichkeiten gewichtete Summe des Nutzens der möglichen
Konsequenzen besitzt. Im Beispiel der Entscheidungsmatrix (Tab. 2) hat die
Alternative a den Nutzen
Dieses Prinzip wird im deutschen Sprachraum nach dem
Mathematiker Daniel Bernoulli, D. (18. Jh.) als Bernoulliprinzip bezeichnet.
International wird es dagegen John von Neumann und Oskar Morgenstern zugeschrieben,
die es erstmals axiomatisch begründet haben (von Neumann,
J./Morgenstern, O. 1947). Die Nutzenfunktion u(x) über der Zielvariablen X – hierbei steht u für utility – muss nach bestimmten Vorschriften ermittelt werden,
die garantieren, dass das Kriterium des Nutzenerwartungswertes sich aus wenigen
plausiblen Axiomen als rational begründen lässt.
Eine Nutzenfunktion u(x) ist nicht notwendig mit der
Wertfunktion v(x) des gleichen Entscheiders über den gleichen Bereich der
Zielvariablen X identisch. Während
Wertfunktionen aus Befragungen hervorgehen, die die Präferenzen des
Entscheiders gegenüber sicheren Ausprägungen der Zielvariablen ausdrücken,
beruhen Nutzenfunktionen auf Präferenzen gegenüber Lotterien
(Wahrscheinlichkeitsverteilungen von Zielvariablen) und enthalten deshalb auch
Informationen über die Risikoeinstellung des Entscheiders.
Risikoneutralität bezüglich einer unsicheren Zielvariablen
liegt vor, wenn der Entscheider indifferent zwischen einer
Wahrscheinlichkeitsverteilung über dieser Variablen und deren Erwartungswert
ist. Ein risikoneutraler Entscheider würde also indifferent zwischen einem
Münzwurf, bei dem er mit je 50% Wahrscheinlichkeit null oder 1.000 Eur gewinnt,
und einem sicheren Gewinn von 500 Eur sein. Risikoscheu dagegen bedeutet, dass
das Sicherheitsäquivalent geringer als der Erwartungswert ist. Der Entscheider
wäre z.B. indifferent zwischen der Lotterie und einem sicheren Gewinn von 350
Eur. Bei Risikoneutralität ist diejenige Alternative optimal, die den
Erwartungswert der Zielvariablen maximiert bzw. minimiert; der Nutzen ist eine
lineare Funktion der Zielvariablen. Im Beispiel der Abb. 2 weist die Strategie
„ Prozess führen “ mit 61,5 Geldeinheiten den höchsten Erwartungswert auf und ist
bei Risikoneutralität optimal.
Eine Nutzenfunktion kann wie folgt konstruiert werden. Sei
willkürlich der Nutzen des geringsten Gewinns (hier z.B. null Euro) gleich null
gesetzt, der Nutzen der höchsten Gewinns (hier 1.000 Euro) gleich eins. Bei
einer Lotterie mit gleichen Chancen beträgt deren Nutzenerwartungswert
0,5 0 + 0,5 1 = 0,5. Empfindet der Entscheider einen sicheren Gewinn von
350 Euro als der Lotterie gleichwertig, so ist u(350) = 0,5. Damit ist ein Punkt der Nutzenfunktion bestimmt.
Durch weitere Indifferenzaussagen über Lotterien und deren
Sicherheitsäquivalente lassen sich zusätzliche Punkte bestimmen, die dann durch
eine durchgehende Kurve angenähert werden können (Abb. 3). Der konkave Verlauf
der Funktion repräsentiert Risikoscheu im gesamten Wertebereich.
Abb. 3: Bestimmung einer Nutzenfunktion
V. Weitere Hinweise
Als Lehrbücher der Entscheidungstheorie seien Bamberg/Coenenberg,
Clemen, Eisenführ/Weber und Laux genannt (Bamberg,
G./Coenenberg, A.G. 2004; Clemen, R.T.
1996; Eisenführ,
F./Weber, M. 2003 und Laux, H.
2005). Populärwissenschaftliche Darstellungen der Grundgedanken der
Entscheidungstheorie sind bei Hammond/Keeney/Raiffa, Keeney und Russo/Schoemaker
zu finden (Hammond,
J.S./Keeney, R.L./Raiffa, H. 1999; Keeney, R.L.
1992; Russo,
J.E./Schoemaker, P.J.H. 1989). Psychologische Erkenntnisse
über fehlerhaftes intuitives Entscheidungsverhalten sind leicht verständlich
bei Bazerman, Hastie/Dawes, Jungermann/Pfister/Fischer und Plous dargestellt (Bazerman,
M.H. 2002; Hastie,
R./Dawes, R.M. 2001; Jungermann,
H./Pfister, H.-R./Fischer, K. 1998; Plous, S.
1993).
Zeitschriften mit entscheidungstheoretischem Fokus sind u.a.
Decision Sciences, Interfaces, Journal of Behavioral Decision Making, Journal
of Risk and Uncertainty, Journal of Multicriteria Decision Analysis, Journal of
Group Decision and Negotiation und Management Science.
Der Nutzen entscheidungstheoretischer Konzepte hat sich durch
die gestiegene Rechenleistung der Computer stark erhöht. Eine beträchtliche
Menge kommerzieller Programme zur Entscheidungsanalyse steht dem Anwender zur
Verfügung. Das Lehrbuch von Kirkwood enthält Anwendungsbeispiele unter
Verwendung der Tabellenkalkulations-Software Microsoft Excel (Kirkwood,
C.W. 1997).
Aktuelle Informationen über die Entwicklung des Gebietes,
Tagungen, Software etc. sind über die Internet-Adresse der Decision Analysis
Society zu bekommen: http://faculty.fuqua.duke.edu/daweb/.
Literatur:
Bamberg, Günter/Coenenberg,
Adolf G. : Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, München, 12. A., 2004
Bazerman, Max H. :
Judgment in managerial decision making, New York, 5. A., 2002
Clemen, Robert T. :
Making hard decisions, Pacific Grove, Ca., 2. A., 1996
Eisenführ, Franz/Weber,
Martin : Rationales Entscheiden, Berlin et al., 4. A., 2003
Hammond, John S./Keeney,
Ralph L./Raiffa, Howard : Smart choices. A practical guide to making better
decisions, Cambridge, Ma. 1999
Hastie, Reid/Dawes,
Robyn M. : Rational choice in an uncertain world, Thousand Oaks, Ca. 2001
Jungermann,
Helmut/Pfister, Hans-Rüdiger/Fischer, Katrin : Die Psychologie der
Entscheidung, Heidelberg 1998
Kahneman, Daniel/Slovic,
Paul/Tversky, Amos : Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases,
Cambridge, Ma. 1982
Keeney, Ralph L. : Value
focused thinking, Cambridge, Ma. 1992
Keeney, Ralph L./Raiffa,
Howard : Decisions with Multiple Objectives: Preferences and Value Tradeoffs,
New York 1976
Kirkwood, Craig W. :
Strategic decision making. Multiobjective decision analysis with spreadsheets,
Belmont 1997
Laux, Helmut :
Entscheidungstheorie, Berlin et al., 6. A., 2005
Phillips, Larry D. :
Requisite Decision Modeling: A Case Study, in: Journal of Operational Research
Society, Jg. 33, 1982, S. 303 – 311
Oliver, R.M./Smith, J.Q.
: Influence diagrams, belief nets and decision analysis, hrsg. v. , New York
1990
Plous, Scott : The
psychology of judgement and decision making, New York 1993
Russo, J.
Edward/Schoemaker, Paul J. H. : Decision traps. The ten barriers to brilliant
decision-making & how to overcome them, New York 1989
Simon, Herbert A. :
Models of Man, New York 1957
Spetzler, C.S./Staël von
Holstein, C.A.S. : Probability encoding in decision analysis, in: Jg. 22,
Management Science, 1975, S. 340 – 358
von Neumann,
John/Morgenstern, Oskar : Theory of Games and Economic Behavior, Princeton, 2.
A., 1947
Weber, Martin/Krahnen,
Jan P./Weber, Adelheid : Scoring-Verfahren – häufige Anwendungsfehler und ihre
Vermeidung, in: DB, 1995, S. 1621 – 1626
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