Inhaltsübersicht
I. Anwendungsgebiet
und Zielsetzungen
II. Abgrenzung
zum Activity Based Costing
III. Der
Prozessansatz
IV.
Prozesskosten und deren Beeinflussung
V. Prozessanalyse,
Ressourcen- und Kostenzuordnung
VI.
Prozesskostenorientierte Kalkulation
VII. Ergebnisrechung
als mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung mit Prozesskosten
VIII. Prozesskostenorientierte
Budgetplanung und Bereichssteuerung
IX. Vermeidung
nicht verursachungsgerechter Verrechnungen
I. Anwendungsgebiet und
Zielsetzungen
Bei der Prozesskostenrechnung handelt es sich um eine
spezielle, die vorhandene Kostenrechnung ergänzende Methode zur Planung,
Steuerung und Verrechnung der Kosten indirekter Leistungsbereiche von Industrieunternehmen
(z.B. Beschaffung, Logistik, Produktionsplanung und -steuerung, Instandhaltung,
Qualitätssicherung, Auftragsabwicklung, Vertrieb, Rechnungswesen etc.) sowie
für alle Verwaltungs- und Logistiktätigkeiten in Handels- und Dienstleistungsunternehmen,
Betriebs- und Verwaltungsbereichen von Banken und Versicherungen sowie Behörden
und öffentlichen Einrichtungen.
Die Notwendigkeit, Prozesskostenrechnung auch als ein
Instrument für direkte Produktionsprozesse von Industrieunternehmen zu entwickeln,
war aus dem Entwicklungsstand des Rechnungswesens im deutschsprachigen Raum
heraus nicht gegeben, denn Produktionsprozesse lassen sich in Arbeitsplänen
abbilden und mit den Methoden der Plankostenrechnung bewerten (vgl. Horváth,
P./Mayer, R. 1993, S.17).
Die Zielsetzung der Prozesskostenrechnung ist eine dreifache:
-
Zunächst sollen mittels der Prozesskostenrechnung die
Leistungen bzw. Aktivitäten indirekter Bereiche definiert und deren
Ressourceninanspruchnahme bewertet werden. Damit entsteht Transparenz
hinsichtlich der aufwandsbezogenen Bedeutung der Prozesse.
-
Über so genannte Cost Driver sollen die mittel- und
langfristigen Einflussgrößen auf die Kosten- bzw. Ressourcenveränderung
sichtbar gemacht werden. Auf Grundlage definierter Prozesse, zugeordneter
Ressourcen und der Kosteneinflussgrößen (Cost Driver) soll ein permanentes
Gemeinkostenmanagement zur gezielten Kostenbeeinflussung der
Gemeinkostenbereiche ermöglicht werden.
-
Sofern Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge bestehen, sind
die Prozesskosten in einem weiteren Schritt auf Produkte, Aufträge, Kunden
oder Marktsegmente zurechenbar, um deren Inanspruchnahme von Ressourcen aus
dem indirekten Bereich aufzuzeigen.
II. Abgrenzung zum Activity
Based Costing
Prozesskostenrechnung und Activity-Based Costing (ABC) sind
keine synonymen Begriffe, sondern zwei Varianten einer Grundidee. ABC hat sich
in den USA als Antwort auf das Fehlen von Steuerungssystemen für Gemeinkosten
generell, d.h. im direkten wie auch im indirekten Bereich, entwickelt (vgl. Johnson,
H.T./Kaplan, R.S. 1987). Die Verrechnung von
Fertigungsgemeinkosten über Maschinenstundensätze und der Einsatz
differenzierter Bezugsgrößen waren in der amerikanischen Unternehmenspraxis kaum
bekannt. ABC umfasste vom ersten konzeptionellen Entwurf (vgl. Cooper,
R./Kaplan, R.S. 1988, S. 96 – 103) die Planung und Verrechnung
von direkten Gemeinkosten der Fertigungsbereiche (als „ Ersatz “ von
Lohnzuschlägen) und in indirekten Gemeinkostenbereichen, z.B. Beschaffung,
Logistik und Vertrieb, gleichermaßen.
Mit ABC wurde in den USA einerseits ein methodischer Mangel
beseitigt, der im deutschsprachigen Raum durch das Vorhandensein der
Plankostenrechnung für den Fertigungsbereich nicht bestand, und gleichzeitig
ein weiterer Schritt hin zur Planung, Steuerung und Verrechnung indirekter
Bereiche gemacht, dem Einsatzfeld der Prozesskostenrechnung.
ABC kann allerdings nicht als Kopie der
Grenzplankostenrechnung verstanden werden. Durch das Fehlen der Kostenspaltung
ist die Methodik am ehesten mit der „ starren Plankostenrechnung “ bzw. einer
Maschinenstundensatzrechnung auf Vollkostenebene vergleichbar.
ABC unterscheidet sich aber auch von seinen methodischen
Ausprägungen her deutlich von der Prozesskostenrechnung:
-
Während die Prozesskostenrechnung zwischen
(kostenstellenbezogenen) Teilprozessen und übergreifenden (Haupt-) Prozessen
unterscheidet, kennt ABC in der Regel nur „ Activities “ (vgl. Cooper,
R./Kaplan, R.S. 1991, S. 85)
-
Die Prozesskostenrechnung „ sammelt “ aus feingliedrigen
Kostenstellen Aktivitäten, um sie zunächst übergeordneten Prozessen
zuzuordnen, die dann weiter verrechnet werden, während ABC (große) Cost
Center in Activity Pools aufteilt und diese über Bezugsgrößen (Cost Driver)
verrechnet.
III. Der Prozessansatz
Kern des Ansatzes ist die Neustrukturierung der
Gemeinkostenbereiche in sachlich zusammengehörige, kostenstellenübergreifende
Prozessketten. Es findet eine Fokussierung auf die Geschäftsprozesse als
Ursache und Begründung des Kostenanfalls statt. Über die Wirkungskette zwischen
Kunden – Produkten – Prozessen – Ressourcen (vgl. Franz, K.P.
1997, S. 106) sollen mit der Prozesskostenrechnung strategische Impulse
gegeben werden, indem die Wirkungszusammenhänge zwischen markt- und
produktbezogenen Entscheidungen und den dadurch (mittelfristig) veränderbaren
Kapazitäten (Potenzialfaktoren) in den indirekten Bereichen transparent werden.
Unter einem Prozess wollen wir eine auf die Erbringung eines
Leistungsoutputs gerichtete Kette von Aktivitäten verstehen. In der Regel geht
man von einem mehrstufigen, hierarchischen Prozessmodell aus (vgl. Mayer, R.
1998, S. 136 – 139):
-
Geschäftsprozesse
sind die aggregierteste Form der Prozessbetrachtung. Unter einem
Geschäftsprozess verstehen wir umfassende Aufgabenfelder eines Unternehmens,
die ablauforientiert betrachtet werden, z.B. der Beschaffungsprozess oder
Kundenauftragsabwicklungsprozess.
-
Hauptprozesse
sind Abschnitte oder Varianten von Geschäftsprozessen. Unter einem
Hauptprozess verstehen wir eine Kette homogener Aktivitäten, die demselben
Kosteneinflussfaktor unterliegen und für die Prozesskosten ermittelt werden
sollen. Homogenität bedeutet, nur solche Aktivitätsbündel in einem
Hauptprozess zusammenzufassen, die sich in Struktur, Ablauf, Arbeitsaufwand
und der damit verbundenen Ressourceninanspruchnahme nicht grundsätzlich
unterscheiden.
Geschäftsprozesse lassen sich vertikal und horizontal in Hauptprozesse
differenzieren. Bei einer vertikalen Differenzierung bezieht sich der
Hauptprozess auf klar abgegrenzte Sequenzen einer Prozesskette. So kann z.B.
der Geschäftsprozess „ Kundenauftragsabwicklung “ in drei Hauptprozesse zerlegt
werden; diese sind allgemeine Kundenbetreuungsaktivitäten ( „ Kunden betreuen “ )
mit dem Cost-Driver \'Anzahl Kunden\', vertriebs- und verwaltungsseitige
Abwicklung ( „ Kundenauftragsabwicklung “ ) mit dem Cost-Driver \'Anzahl Aufträge\'
und logistische Abwicklung ( „ Kundenauftragskommissionierung “ ) mit dem
Cost-Driver \'Anzahl Positionen\'.
Von einer horizontalen Differenzierung sprechen wir, wenn unterschiedlich
aufwendige Abwicklungsformen eines Prozesses kostenseitig gesondert
ausgewiesen werden sollen und damit auch als eigene Hauptprozesse zu
definieren sind. Bei der Kundenauftragsabwicklung könnte beispielsweise
zwischen Inlands- und Auslandsabwicklung unterschieden werden, wenn die
Auslandsauftragsabwicklung den mehrfachen Aufwand verursacht.
-
Unter einem Teilprozess
verstehen wir schließlich eine Kette homogener Aktivitäten einer
Kostenstelle, die einem oder mehreren Hauptprozessen zugeordnet werden
können, und für die Prozesskosten ermittelt werden sollen. Ein Teilprozess
ist immer kostenstellenbezogen zu definieren, da dieser als Bindeglied
zwischen den Kostenstellenkosten, die kostenstellenindividuell auf
Teilprozesse zugeordnet werden, und den kostenstellenübergreifenden
Hauptprozessen fungiert. Ein Hauptprozess ist formal als Zusammenfassung
verschiedener Teilprozesse einer oder mehrerer Kostenstellen zu verstehen.
-
Aktivitäten
werden teilweise zur weiteren Detaillierung und zur besseren inhaltlichen
Beschreibung von Teilprozessen aufgeführt. Aus Praktikabilitätsgründen hat
sich allerdings eine kostenseitige Bewertung auf diesem Detaillierungsniveau
als nicht sinnvoll herausgestellt, denn daraus ergäbe sich eine enorme
Komplexitätsausweitung des Modells. Der notwendige Pflegeaufwand würde mit
hoher Wahrscheinlichkeit die permanente Nutzung des Systems gefährden.
IV. Prozesskosten und deren
Beeinflussung
Grundsätzlich werden bei der Prozesskostenrechnung die Kosten
für alle in Anspruch genommenen Ressourcen des Anwendungsbereiches einbezogen
und gemäß dem Verursachungsprinzip (der Kostenanfall entspricht den
Prozessmengen) bzw. dem Beanspruchungs- oder Einwirkungsprinzip (die Prozesse
beanspruchen Kapazitätsteile von intervallfixen Kosten) auf die Prozesse
verrechnet.
Alle Ressourcen, die zur Durchführung der Prozesse in
Anspruch genommen werden, führen zu Kostenarten im Rahmen der
Prozesskostenrechnung. Dabei handelt es sich sowohl um „ proportionale Kosten “
wie z.B. Personal- und Personalnebenkosten (bis zu 70%), Bürokosten und
Reisekosten. Aber auch als „ Fixkosten “ deklarierte Positionen zählen dazu, wie
z.B. Abschreibung/Leasing von IT-Anlagen, Softwarelizenzkosten,
Abschreibung/Leasing von logistischen Einrichtungen, Raumkosten sowie eventuell
kalkulatorische Zinsen von Beständen. Nicht einbezogen werden i.d.R. klassische
Werks- und Unternehmensumlagen.
Dem Cost Driver kommt, wie auch der Bezugsgröße der
Plankostenrechnung, eine Doppelfunktion zu: Er ist sowohl Messgröße für die
Kostenverursachung oder besser die Ressourceninanspruchnahme, als auch
Messgröße für den Leistungsoutput (vgl. Horváth,
P./Mayer, R. 1993, S. 18f). Dies bedeutet konkret: Bei
Verdoppelung der Hauptprozessdurchführungen (gemessen durch den hierfür
geeigneten Cost-Driver) ist von einer Verdoppelung der Ressourcenbeanspruchung
und damit von einer Verdoppelung des Kostenanfalls auszugehen und umgekehrt.
Da bei der Prozesskostenrechnung auf eine Trennung der Kosten
in proportionale und fixe Kosten verzichtet wird, kann der Cost-Driver nicht zu
einer unterjährigen Sollkostenermittlung im Sinne der flexiblen
Plankostenrechnung herangezogen werden. Sollkosten im Rahmen der
Prozesskostenrechnung (Ist-Cost-Driver-Mengen Prozesskostensatz) sind ein
Maßstab für die Auslastung der Kapazität, Abweichungen zu den
Kostenstellenbudgets stellen Leerkosten bzw. in Anspruch genommene
Zusatzkapazitäten dar.
V. Prozessanalyse,
Ressourcen- und Kostenzuordnung
Voraussetzung für den Aufbau einer Prozesskostenrechnung ist
eine Analyse und Strukturierung aller in den einbezogenen Unternehmensbereichen
durchgeführten Tätigkeiten (Prozesskostenmanagement).
Die Analyse erfolgt i.d.R. kostenstellenbezogen, da die Planung von
Personalkapazität und Kosten in einem gegebenen Kostenrechnungsumfeld auf
Kostenstellenebene erfolgt und auch die Istkosten auf Kostenstellenebene
abgreifbar sind. Teilprozesse sind als Aktivitätsbündel aufzufassen, die in
einer Kostenstelle zur Abwicklung eines übergreifenden Hauptprozesses erbracht
werden.
Zur Klassifizierung der Teilprozesse haben wir die Begriffe
-
leistungsmengeninduziert (lmi),
-
leistungsmengenneutral (lmn)
geprägt (vgl. Horváth,
P./Mayer, R. 1989, S. 216). Bei leistungsmengeninduzierten
(lmi) Teilprozessen verhalten sich Zeitaufwand und damit die zugeordneten
Kosten mengenproportional zum erbrachten Output. Für alle
leistungsmengeninduzierten Prozesse sind geeignete Maßgrößen zu finden, mit deren
Hilfe die Prozesse mengenmäßig quantifizierbar sind. Leistungsmengenneutrale
(lmn) Tätigkeiten stellen eine „ Grundlast “ der Kostenstelle selbst dar. Sie
sind notwendig zur Mitarbeiterführung, zur eigenen Verwaltung und
Weiterbildung. lmn-Teilprozesse werden nicht unmittelbar auf Hauptprozesse
zugeordnet, sondern in einem zweiten Schritt auf die Imi-Teilprozesse der
jeweiligen Kostenstelle verrechnet.
Entscheidend ist, dass die gesamte Personalkapazität einer
Kostenstelle auf Teilprozesse zugeordnet wird. Dies ist erforderlich, um eine
fundierte Plausibilisierung der zugeordneten Kapazitäten bzw. Zeiten vornehmen
zu können.
Die Zuordnung von Kapazitäten und Zeiten kann grundsätzlich
auf zwei Wegen erfolgen:
-
Bottom-up (vgl. Mayer, R.
1996, S. 55) über die Zeitdauer zur Durchführung einzelner
Bearbeitungsvorgänge (meist in Minuten). Die Menge der in der Abteilung
abgearbeiteten Vorgänge (Maßgrößenmenge) multipliziert mit den Minutenwerten
der Teilprozesse muss bei kompletter Abbildung der Kostenstelle durch
Teilprozesse die Gesamtjahresarbeitsminuten der Mitarbeiter der Kostenstelle
ergeben.
-
Top-down (vgl. Mayer, R.
1998, S. 13) lässt sich die gesamte Mitarbeiterkapazität (in
Mitarbeiterjahren, MJ) auf einzelne Teilprozesse aufteilen. Dividiert man die
Kapazitäten (in MJ) je Teilprozess durch die Maßgrößenmengen je Teilprozess,
ergeben sich die Kapazitätsanteile je Durchführung.
In der Regel können – wie eben dargestellt – die
Kostenstellenkosten über die Mitarbeiterkapazität in Mitarbeiterjahren oder
über Minutenwerte auf die Teilprozesse zugeordnet werden. In Ausnahmefällen
kann es notwendig sein, für bestimmte Kostenarten (z.B. IT-Kosten oder
Lagerraumkosten) andere Kostenzuordnungsalgorithmen zu finden. Für verschiedene
Rechenzwecke kann es sinnvoll sein, die leistungsmengenneutralen Kosten (z.B.
„ Abteilung leiten “ ) auf die leistungsmengeninduzierten Prozesse zu verrechnen,
z.B. um die Weiterverrechnung der gesamten Kosten für die Kalkulation
sicherzustellen. Üblicherweise erfolgt die lmn-Umlage proportional zur
Kostenhöhe der Imi-Prozesse. Addiert man lmi-Kosten und verrechnete lmn-Kosten,
erhält man die gesamten Prozesskosten.
Um den Vorwurf der Proportionalisierung von lmn-Kosten
abzumildern, werden Prozesskostensätze auf Teilprozess- und Hauptprozessebene
getrennt nach (reinen) lmi-Kosten und Gesamtkosten ausgewiesen, sodass je nach
Entscheidungssituation immer die jeweils relevanten Kosten bereitstehen. Des
Weiteren werden bei Cost-Driver-Simulationen (wieviel Kapazität und Kosten
können z.B. in Kostenstelle X wegfallen, wenn sich die Hauptprozesse 1 und 2
mengenmäßig um 30% reduzieren) lmn-Teilprozesse nicht proportionalisiert, da
deren Höhe eigenständigen Entscheidungen vorbehalten bleibt.
Durch einfache Division der lmi-Prozesskosten bzw.
Gesamtprozesskosten durch die Menge der entsprechenden Maßgröße können die
(lmi- bzw. Gesamt-) Prozesskostensätze ermittelt werden. Der Prozesskostensatz
stellt die durchschnittlichen Kosten für die einmalige Durchführung eines
Prozesses dar.
VI. Prozesskostenorientierte
Kalkulation
Eine prozessorientierte Ergänzung des Kalkulationsschemas von
Industrieunternehmen ist insbesondere für solche Unternehmen relevant, deren
Produkte oder Aufträge inhomogen sind bzw. die Ressourcen im
Gemeinkostenbereich in unterschiedlichem Maße in Anspruch nehmen (vgl. Mayer, R.
1998, S. 16).
Durch die Ergänzung der Kalkulation um Prozesskosten lässt
sich – wie bereits dargestellt – nur ein Teil der (Gemeinkosten-)Prozesse
verursachungsgerecht dem Produkt bzw. dem Kundenauftrag zuordnen. In die
Herstellkostenkalkulation gehen z.B. Beschaffungs-, Fertigungssteuerungs- und
Fertigungslogistikprozesse ein.
Eine prozessorientierte Ergänzung der Kalkulation erfolgt auf
jeder Kalkulationsstufe bzw. Stücklistenstufe vom Material bzw. der
fremdbezogenen Komponente über Hausteile und Baugruppen bis zum Endprodukt.
Über die Stückliste und die auf jeder Ebene zugeordneten Prozesskosten werden
diese bis zum Endprodukt akkumuliert.
Aussagen über die „ vollen “ Kosten incl. der in Anspruch
genommenen Gemeinkostenressourcen können auf jeder Artikelnummerebene (vom
Fremdbezugsteil bis zum Endprodukt) getroffen werden. Damit sind vielfältige
Entscheidungen, nicht nur auf Produktebene, besser kostenmäßig transparent zu
machen. Zum Beispiel lassen sich auch Make-or-Buy-Entscheidungen auf Hausteile-
bzw. Baugruppenebene unter Einbezug der Prozesskosten in Beschaffung und
Logistik (Komplexitätskosten!) fundierter treffen.
Der prozessorientierten Herstellkostenkalkulation kann sich
eine kundenauftragsbezogene Kalkulation mit Prozesskosten anschließen, die
zusätzlich Kundenauftragsabwicklung und Versandprozesse beinhaltet.
Solche Kalkulationen können entweder einzelfallbezogen als
Nebenrechnung oder integriert im Rahmen der Kalkulationssoftware die heutige
Herstellkosten- bzw. Auftragskalkulation ergänzen bzw. ersetzen.
VII. Ergebnisrechung als
mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung mit Prozesskosten
Durch Einbezug von Prozesskosten kann der Informationsgehalt
einer mehrstufigen Deckungsbeitragsrechnung ausgebaut werden. In der
traditionellen mehrstufigen Deckungsbeitragsrechnung werden Fixkosten
stufenweise den Produkten, Produktgruppen, Bereichen bzw. dem gesamten
Unternehmen zugeordnet. Dies erfolgt, indem Kostenstellen oder
Kostenstellenblöcke (z.B. Fixkosten der Produktionsanlage für Produkt A oder
Kosten der Vertriebsniederlassung in Frankreich) auf die Produkte oder Regionen
zugeordnet werden, mit der sie in ursächlichem Zusammenhang stehen (vgl. Horváth,
P./Mayer, R. 1993, S. 27; Mayer, R.
1996, S. 64).
Diese Vorgehensweise ist häufig viel zu grob, um die Kosten
auf Ebene einzelner Kunden oder Produkte zuzuordnen. Wollen wir aber
beispielsweise einem Produkt oder einer Produktgruppe seine Änderungskosten
zuordnen, müssen wir den Änderungsprozess durch alle Kostenstellen des
Unternehmens verfolgen und die Kosten über Teilprozesse zusammenfassen.
Gleiches gilt für Beschaffungs-, Fertigungssteuerungs- und
Auftragsabwicklungsprozesse. Erst durch die Kenntnis dieser Prozesse und deren
Kosten lässt sich eine mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung aufbauen, bei der
alle für den Kunden entstandenen Gemeinkosten berücksichtigt sind –
Informationen, die ohne eine Prozesskostenrechnung im Unternehmen gar nicht
verfügbar wären.
Aus solchen erweiterten Deckungsbeitragsrechnungen lassen
sich wichtige Managementkonsequenzen ableiten, z.B.
-
Preis-, Rabatt- und Provisionspolitik,
-
Markt- und Kundenbetreuungskonzepte,
-
Kunden- und Sortimentsstraffung im Rahmen eines
Komplexitätsmanagements.
Deckungsbeitragsrechnungen können auch mehrdimensional über
verschiedene Schnittflächen eines gedanklichen Würfels aufgebaut werden, wenn
die Zuordnungsbeziehungen der einzubeziehenden Hauptprozesse zu den
Zuordnungsobjekten definiert und alle Verrechnungsalgorithmen hinterlegt sind
(vgl. Mayer,
R./Weich, Martin 2005, S. 146 f).
VIII. Prozesskostenorientierte
Budgetplanung und Bereichssteuerung
Als permanentes (im Jahresrhythmus eingesetztes) Planungs-
und Steuerungssystem hilft die Prozesskostenrechnung, die Gemeinkosten
mengenorientiert als Sollkosten (Anzahl der Prozesse Kostensatz) zu planen. Bei
Gegenüberstellung der Istkapazität und der Istkosten werden Unterauslastungen
oder fehlende Kapazitäten sichtbar.
Prozesskostenorientierte Budgetplanung erlaubt es,
Rationalisierungsziele und mengenmäßige Veränderungen des Arbeitsvolumens und deren
Konsequenzen für Kapazitätsveränderungen und Kostenveränderbarkeit aufzuzeigen.
Damit wird die Planung in den Gemeinkostenbereichen versachlicht, weil ein
objektives Mengen- und Preisgerüst zugrunde liegt.
Bezüglich des Soll-Ist-Vergleichs ist zu beachten, dass
kurzfristige Kostenveränderungen in den Gemeinkostenbereichen aufgrund des
Fixkostencharakters nur sehr eingeschränkt möglich sind.
Im Sinne eines mittel- und langfristigen
Gemeinkostenmanagements müssen die gemeinkostentreibenden Prozesse mengenmäßig
beeinflusst werden. Dies geht nur unter Einbeziehung von Produktmanagement,
Vertrieb und Entwicklung. Den Planern ist ein handhabbares Instrument zur
Verfügung zu stellen, mit Hilfe dessen sie die Gemeinkostenkonsequenzen
konstruktiver, fertigungstechnischer sowie vertriebsseitiger Alternativen
ermitteln und in eine Kostenbewertung einbeziehen können. Sieht der Planer die
Kostenkonsequenzen der Teilevielfalt, vieler Fertigungsstufen, häufiger
Produktänderungen, etc., können frühzeitig gezielte Maßnahmen zur mengenmäßigen
Senkung kostentreibender Prozesse vereinbart und verfolgt werden.
IX. Vermeidung nicht
verursachungsgerechter Verrechnungen
Die Prozesskostenrechnung weist zwar Elemente einer
Vollkostenrechnung auf, ist aber weit davon entfernt, die vollen Kosten oder
gar die vollen Istkosten auf den Kostenträger zu verrechnen. Deshalb ist beim
Aufbau einer Prozesskostenrechnung besonders darauf zu achten, dass
-
nur solche Kostenstellen einbezogen werden, wo
vorwiegend repetitive Tätigkeiten durchgeführt werden. Den Prozessen sollen
nur die Ressourcen zugerechnet werden, die zu ihrer unmittelbaren Erstellung
anfallen. Die Kosten von Abteilungen mit Stabs- und Projektaufgaben dürfen
nicht repetitiven Prozessen belastet werden.
-
in der Kostenrechnung sind zwei Ebenen zu
unterscheiden: Erstens die Verrechnung von Kosten auf die Prozesse und
zweitens die teilweise Verrechnung von Prozesskosten auf Kostenträger
(Produkte/Dienstleistungen) oder in Segmente einer Ergebnisrechnung.
-
nur ein Teil der Prozesse wird auf den Kostenträger
verrechnet, z.B. die Kosten der Hauptprozesse „ Materialbeschaffung “ ,
„ Fertigungsauftragssteuerung “ , „ Fertigungslogistik “ , etc.
-
die auf den Kostenträger (Produkt/Dienstleistung)
verrechneten Prozesskosten werden in gesonderten Kalkulationszielen, z.B.
Beschaffungskosten, Produktionssteuerungskosten, Logistikkosten etc.
ausgewiesen, sodass für Entscheidungsrechnungen die jeweils relevanten Kosten
ersichtlich sind.
-
ein zweiter Teil der Prozesskosten ist nicht dem
individuellen Produkt zurechenbar, sondern wird in verschiedenen Segmenten
einer Ergebnisrechnung in Form einer mehrstufigen Deckungsbeitragsrechnung
zugeordnet.
-
ein letzter Teil tangiert den Wertefluss der
Kalkulation und Ergebnisrechnung nicht, sondern dient nur dazu, die Kosten
bestimmter unternehmerischer Aktivitäten transparent und steuerbar zu machen,
z.B. die Kosten der Hauptprozesse „ Personalabrechnung “ oder „ Kostenbericht
erstellen “ .
-
schließlich ist noch sicherzustellen, dass die über
ein Jahr hinweg verrechneten Prozesskosten Plankosten darstellen. Wie bei der
Leistungsverrechnung mit Plankosten oder der Bezugsgrößenkalkulation der
Plankostenrechnung sollen auch bei der Prozesskostenrechnung keine Leerkosten
in die Weiterverrechnung eingehen.
Literatur:
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Cooper, Robin/Kaplan,
Robert S. : Measure Costs Right: Make the right Decisions, in: HBR, Jg. 66,
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in: Das neue Steuerungssystem des Controllers, hrsg. v. Horváth, Péter,
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Horváth, Péter/Mayer,
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Horváth, Péter/Mayer,
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Johnson, H.
Thomas/Kaplan, Robert S. : Relevance Lost – The Rise and Fall of Management
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Prozesskostenrechnung und Prozess(kosten)optimierung als integrierter Ansatz –
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Mayer, Reinhold :
Neukonzeption einer Kapazitäts- und prozessorientierten Kostenrechnung, München
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Mayer, Reinhold :
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