Inhaltsübersicht
I. Einführung
II. Überblick
III. Klassische
Organisationstheorie
IV. Neoklassische
Organisationstheorie
V. Moderne
Organisationstheorien
I. Einführung
Die Organisationstheorie ist keine homogene Disziplin. Sie
verfügt über kein allseits akzeptiertes Paradigma, das Forschung und praktische
Gestaltung einheitlich leiten würde. Im Gegenteil, unterschiedliche
Perspektiven und Theoriengebäude konkurrieren um Erklärungs- und
Gestaltungsrelevanz.
Offen geblieben ist dabei nicht nur die Frage, wie die
Organisationswissenschaft als Wissenschaft zu betreiben ist, sondern auch, was
ihr Gegenstand sein soll.
Dass diese Fragen offen geblieben sind, sollte nicht als
„ Krise “ oder gar als „ Unreife “ missverstanden werden (so etwa Pfeffer,
Jeffrey 1993), sondern ergibt sich mehr oder weniger aus der Natur
der Sache. Wie bei allen Kulturwissenschaften (im Gegensatz zum Ideal der
Naturwissenschaften) beruht eine Entscheidung für eine Forschungsperspektive
auf einer Reihe von (häufig nicht explizierten) Vorentscheidungen und einer
allgemeinen Vororientierung ( „ Weltbild “ ). Nachdem der zu studierende Gegenstand
komplex und interpretationsbedürftig ist, bleibt die Begründung der gewählten
Studienperspektive immer zu gewissen Teilen offen; sie lässt sich auch durch
noch so große Anstrengungen nicht vollständig schließen. Dies bedeutet aber
nicht, dass eine Diskussion über die Vorziehenswürdigkeit bestimmter
theoretischer Perspektiven nicht möglich und sinnvoll wäre.
Theoriewahl-Diskurse sind und bleiben wesentliches Element jeder Wissenschaft (Scherer,
Andreas G. 2002).
II. Überblick
Zur Strukturierung der Vielfalt der Ansätze in der
Organisationstheorie ist eine Reihe von Strukturierungsmustern entwickelt
worden (vgl. Abb. 1). Die bekanntesten Raster ordnen die Ansätze nach:
-
ihrer historischen
Entwicklung (z.B. Scott, W.
Richard 1961),
-
der zugrunde liegenden Methodologie (präskriptiv,
kausalanalytisch, interpretativ usw., z.B. Burrell,
Gibson/Morgan, Gareth 1979),
-
nach der Aggregationsebene (Mikro-, Meso- und
Makrotheorien, z.B. Pfeffer,
Jeffrey 1982),
-
dem zugrunde liegenden Leitbild (Maschine, Gefängnis,
Gehirn, Kultur usw., z.B. Morgan,
Gareth 1997),
-
der Basis-Disziplin, in der sie ursprünglich
entwickelt wurden (ingenieurwissenschaftliche, volkswirtschaftliche,
psychologische, arbeitswissenschaftliche, soziologische,
betriebswirtschaftliche Ansätze usw., z.B. Mayntz,
Renate 1963; Grochla,
Erwin 1975).
Das beste Verständnis für eine Disziplin kann zweifellos
zunächst einmal aus ihrer geschichtlichen Entwicklung gewonnen werden. Die wohl
bekannteste Gliederung hierfür ist das 3-Phasen-Schema von Scott (Scott,
Richard W. 1961):
-
Klassische Organisationstheorie,
-
Neoklassische Organisationstheorie,
-
Moderne Organisationstheorie.
Diese Gliederung ist jedoch dort zu grob, wo es um die
Modernen Ansätze geht, da es keine Moderne Organisationstheorie als
geschlossenen Denkansatz (wie es noch in der Klassischen und Neoklassischen
Theorie annähernd der Fall ist) gibt.
Der Begriff „ Moderne Organisationstheorie “ ist nur eine rein
zeitliche Ortsbestimmung, er fungiert als eine Sammelstelle für die
unterschiedlichsten Ansätze, die nach dem 2. Weltkrieg neu entwickelt wurden
(nicht darunter fallen allerdings Beiträge, die zwar zu diesem Zeitpunkt
verfasst, inhaltlich aber klassische oder neoklassische Konzepte fortführen,
wie z.B. Kosiol, Erich
1976). Folgt man den jüngsten Entwicklungen, so müsste den modernen Ansätzen
als vierte Kategorie die Postmoderne Organisationstheorie folgen. Diese wird
aber nachfolgend, da es um eine rein zeitliche Bestimmung geht, noch einmal zu
den modernen Ansätzen gerechnet.
III. Klassische
Organisationstheorie
Die Anfänge der Organisationstheorie gehen auf drei Wurzeln
zurück, die aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen und
Landeskulturen kommen: der Bürokratie-Ansatz, der Administrative Ansatz und der
Arbeitswissenschaftliche Ansatz.
1. Bürokratie-Ansatz
Max Weber (1864 – 1920) hat mit seinem erst posthum
veröffentlichten Jahrhundertwerk „ Wirtschaft und Gesellschaft “ (Weber, Max
1976; zuerst 1921) und den darin enthaltenen berühmten Untersuchungen zur
„ bürokratischen Herrschaft “ wichtige Grundlagen zum Verständnis der
Funktionsweise moderner Großorganisationen in Staat und Wirtschaft geschaffen
und dabei zugleich auch entscheidende Beiträge zum Aufbau der
Organisationstheorie geleistet. Auf seine Arbeiten haben später so bedeutende
Organisationstheoretiker wie Peter Blau, Peter/, Michel Crozier, Michel/ oder
David Hickson, David aufgebaut.
Im Gegensatz zu den anderen klassischen Ansätzen ist Weber
nicht daran gelegen, Prinzipien zur Optimierung betrieblicher Organisation zu
entwickeln; sein Denkansatz ist explikativ, er will das Aufkommen und das
Funktionieren großer Organisationen zu Anfang des Jahrhunderts mit dem
Idealtypus der Bürokratie
als technisch gesehen rationalste Form der Herrschaftsausübung verständlich
machen. Er erklärt, wie es Großorganisationen, wie z.B. der kapitalistischen
Großunternehmung, gelingt, die Handlungen der Individuen zweckgeleitet
aufeinander zu beziehen, regelhaft zu verstetigen und reibungslos zu einem
Ganzen zu verbinden (vgl. die zusammenfassende Darstellung von Kieser,
Alfred 2002).
2. Administrativer Ansatz
Neben dem Bürokratieansatz ist das Werk von Henri Fayol,
Henri (1841 – 1925) als weiterer Grundpfeiler der klassischen Organisationslehre
zu betrachten. Neben seiner Systematik des Organisierens haben insb. seine 14
„ Managementprinzipien “ Prominenz erlangt. Mehr als Weber betont Fayol den
Führungsprozess, er unterscheidet fünf Basiselemente guter Betriebsführung
( „ éléments d\'administration “ ), nämlich 1. Planung ( „ prévoyance “ ), 2.
Organisation, 3. Befehl, 4. Koordination und 5. Kontrolle.
Organisieren wird gleichgestellt mit dem Entwurf und der
Realisierung eines allgemeinen Regelsystems ( „ corps sociale “ ) und der
Ausstattung dieser Struktur mit Mitarbeitern. Organisieren steht bei Fayol in
einer instrumentellen Beziehung zur Planung,
sie ist „ Mittel zum Zweck “ . Das Organisieren wird als logisch-konstruktive
Aufgabe beschrieben, ähnlich der eines Architekten. Die Idee ist, dass zunächst
eine rein technische Struktur geplant wird, in die dann später die Menschen
einzupassen sind, und zwar so, dass sie an den vorbestimmten Arbeits- und
Koordinationsabläufen nichts verändern, sondern diese anweisungsgerecht
vollziehen.
Der Ansatz von Fayol ist später von anderen Autoren und
Praktikern weiterentwickelt worden. Hier haben v.a. die Arbeiten von Urwick (Urwick,
Lyndall F. 1943) und Mooney (Mooney, James
D. 1947) Prominenz erlangt. Auch die deutsche Organisationslehre (Nordsieck,
Fritz 1934; Schramm,
Walter 1936 und später Kosiol, Erich
1976) wurde nachhaltig von dieser Denk- und Forschungstradition geprägt, sie
war über Jahrzehnte hinweg eine Prinzipienlehre in der Tradition Fayols.
Die Idee, die Organisationslehre als Prinzipienlehre zu betreiben,
erwies sich trotz des enormen Zuspruchs letztendlich als wissenschaftlich
problematisch. Dies war nicht zuletzt eine Folge der scharfen Kritik von Simon
und March (Simon,
Herbert A. 1945; March, James
G./Simon, Herbert A. 1958) an diesen Ansätzen; sie bemängelten die
geringe Operationalität der Begriffe und die vage empirische Basis.
3. Arbeitswissenschaftlicher Ansatz
Ausgangspunkt ist nicht die Gesamtorganisation, sondern die
Analyse und Gestaltung konkreter Arbeitsabläufe. Begründet wurde dieser Ansatz
von dem Ingenieur Frederick W. Taylor, Frederick W. (1856 – 1915). Im Mittelpunkt
seines Denkens steht die Organisation der gewerblichen Arbeit; genauer: die
rationellste Arbeitsteilung und die Optimierung der Arbeitsvollzüge. Das von
ihm entwickelte sog. Scientific Management sollte im Gefolge mit anderen
Erfindungen (z.B. dem Fließband) eine Revolution in der industriellen
Arbeitswelt auslösen. Organisatorisch gesehen, hat das Taylor-System insgesamt
eine sehr starke Betonung der Standardisierung, Routinisierung und
Spezialisierung mit sich gebracht.
IV. Neoklassische
Organisationstheorie
Eine mehr oder weniger radikale Abwendung von der klassischen
Sichtweise bereitete sich in den sog. Hawthorne-Experimenten vor, die von 1924
bis 1932 im Hawthorne Werk der Western Electric Comp., durchgeführt wurden.
Ferner kündigte sich auch eine Wende mit den Arbeiten von Chester I. Barnard
an, der in seinem berühmten Buch „ The Functions of the Executive “ (Barnard,
Chester I. 1938) die Tür für völlig neue organisationstheoretische
Perspektiven öffnete.
1. Der Human-Relations-Ansatz
Die Hawthorne-Experimente starteten zunächst mit einer
klassisch-arbeitswissenschaftlichen Fragestellung. Es ging um die Erforschung
von physischen Einflussfaktoren auf die Arbeitsproduktivität (Roethlisberger,
Fritz J./Dickson, William J. 1975, S. 19 ff.). Man richtete in
ausgewählten Fertigungsstätten Versuchs- und Kontrollgruppen ein und variierte
systematisch bestimmte äußere Arbeitsbedingungen (als unabhängige Variable) in
der Hoffnung, stabile Zusammenhänge mit der Arbeitsproduktivität (als
abhängiger Variable) nachweisen zu können.
Während der ganzen Versuchsperiode registrierte man paradoxe
Produktivitätssteigerungen, die mit den herkömmlichen Theorien nicht zu
erklären waren. Zur Aufhellung der Ergebnisse wurde schließlich eine
Forschergruppe der Harvard-Universität hinzugezogen. Die dann folgenden
Untersuchungen und Ergebnisinterpretationen sollten die Hawthorne-Experimente
weltberühmt und zu einem Wendepunkt in der Entwicklung der Organisationstheorie
machen.
Nach Durchsicht aller vorliegenden Befunde und nach weiteren
Experimenten kam die Forschergruppe zu der Auffassung, dass der entscheidende
Grund für die (unerklärlichen) Produktivitätssteigerungen nicht im Lohnsystem
oder äußeren Arbeitsbedingungen zu suchen sei, sondern im sozio-emotionalen
Bereich, eben in den „ human relations “ . Sie vermuteten, dass die mit den
Experimenten einhergegangene Veränderung der sozialen Beziehungen die Ursache
für die rätselhaften Produktivitätssteigerungen sei.
In weiteren Experimenten wurde deutlich, dass informellen
Beziehungen in der formalen Organisation eine sehr große Bedeutung zugemessen
werden muss. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass sich in jeder formalen
Organisation unvermeidlicherweise auch informelle Regeln und Gruppen
herausbilden, die für die Zufriedenheit der Mitarbeiter von Bedeutung sind und
ihre Leistungen wesentlich beeinflussen. Das Leitbild der klassischen
Organisationslehre, das Organisationsmitglieder lediglich als „ Vollzugsorgane “
begreift, ist damit brüchig geworden.
In der Organisationstheorie hatten diese Einsichten eine
deutliche Hinwendung zum „ Verhalten in Organisationen “ ( „ Organizational
Behavior “ ) zur Folge – eine Forschungstradition, die bis zum heutigen Tage
einen großen disziplinären Schwerpunkt bildet.
2. Die Anreiz-Beitrags-Theorie nach Barnard
Einen weiteren Pfad aus der klassischen Organisationslehre
heraus legten die Arbeiten von Chester I. Barnard (Barnard,
Chester I. 1938). Er hat in seinen Arbeiten bereits an einigen Erkenntnissen
der Hawthorne-Experimente in der Human-Relations-Bewegung angeknüpft, insb. an
dem Phänomen informaler Prozesse in Organisationen. Im Mittelpunkt des
Barnardschen Denkens steht jedoch ein anderes Erkenntnisinteresse, nämlich die
Thematisierung der Unternehmung als System von Handlungen, dessen Bestand
jederzeit prekär ist. Zur Sicherung des Bestandes ist durch die Systemführung
nicht nur der Zweck der Organisation zu erfüllen, sondern auch fortlaufend ein
fragiler Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten. Ein Gleichgewicht gilt es in
mehrfacher Hinsicht herzustellen: zwischen formalen und informalen Beziehungen,
zwischen internen und externen Ansprüchen sowie zwischen „ Anreizen “ und
„ Beiträgen “ . Erstmals tauchte damit ausdrücklich der Umweltbezug als Problem
der Organisationsgestaltung auf, die reine Binnenperspektive des klassischen
Ansatzes wird verlassen (vgl. zusammenfassend Schreyögg,
Georg 2003).
V. Moderne
Organisationstheorien
Die Moderne Organisationstheorie stellt sich als ein sehr
heterogenes Feld dar; immer mehr Perspektiven entwickeln sich und treten
zueinander in Konkurrenz. Es ist deshalb auch unmöglich, die Grundmerkmale in
einem kohärenten Konzept darzustellen.
1. Der Human-Ressourcen-Ansatz
Die Human-Relations-Bewegung fand in dem
Human-Ressourcen-Ansatz eine wesentliche Fortentwicklung. Der fundamentale
Unterschied zwischen den beiden Ansätzen ist in dem Einbezug der formalen
Organisationsgestaltung durch die Human-Ressourcen-Schule zu sehen. Hatte die
Human-Relations-Bewegung die Organisationsstruktur noch als gegebenes
Rahmengefüge betrachtet, innerhalb dessen die sozialen Aktivitäten zu entfalten
sind, so geht es dem Human-Ressourcen-Ansatz ganz essenziell um eine
motivationsorientierte Neugestaltung organisatorischer Strukturen und Prozesse.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine Kritik an der
traditionellen Organisationsgestaltung mit ihrer Logik des Regelgehorsams.
Traditionale Strukturen – so die These – hindern Menschen daran, Initiative und
Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln, betonen stattdessen Abhängigkeit und
unreflektierte Regeltreue. Diese Art der Organisationsgestaltung führe im
Ergebnis zu einer Verschwendung von Human-Ressourcen.
Verschiedene Autoren haben diese Kritik aufgegriffen und
Lösungsvorschläge entwickelt. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Schule
gehören McGregor (McGregor,
Douglas 1960), Argyris (Argyris,
Chris 1964) und Likert (Likert,
Rensis 1967) und neuerdings Pfeffer (Pfeffer,
Jeffrey 1999) und Lawler (Lawler,
Edward E. 2003). Sie versuchen auf der Basis von
motivationstheoretischen Überlegungen, Führungsprinzipien und Strukturmodelle
zu entwickeln, die einen besseren Zusammenklang von individueller
Bedürfnisbefriedigung und ökonomischer Zielerreichung ermöglichen.
Ein spezieller Zweig der Human-Ressourcen-Schule beschäftigt
sich mit dem Problem des geplanten Wandels von Organisationen. Diese
Teildisziplin firmiert unter dem Namen „ Organisationsentwicklung “ (vgl. Bennis,
Warren G. 1969). Treiber für diese Sonderentwicklung waren immense
Schwierigkeiten, Human-Ressourcen-Programme in die Praxis umzusetzen, insb.
bürokratische Organisationen für diese neuen Ideen zu öffnen. Die Forschung auf
diesem Gebiet führte zu einem Kanon verschiedener Vorgehensweisen und Methoden
(zu einem Überblick vgl. Schreyögg,
Georg 2003).
2. Strukturalistischer Ansatz: Komparative
Strukturanalysen
Im Unterschied zum Human-Ressourcen-Ansatz, der sich
eigentlich als Antipode zur Klassik versteht, knüpft der Strukturalistische
Ansatz unproblematisch an der klassischen Organisationstheorie (insb. der
Bürokratietheorie) an. Im Vordergrund steht das Bestreben, Organisationsstrukturen
in systematischer Weise empirisch zu erfassen und vorfindbare Unterschiede in
der Ausgestaltung (Varianzen) zu erklären.
Dazu wurden – und dies war neu in der Organisationstheorie –
Messinstrumente entwickelt, die den Anforderungen rigoroser, d.h. naturwissenschaftlich
ausgerichteter Forschung entsprachen. Der Ausgangspunkt war häufig Webers
Idealtypus der Bürokratie; er wurde in (fünf- oder siebenstufige)
Beschreibungsskalen transformiert, um damit das unterschiedliche Ausmaß an
Formalisierung oder eben Bürokratisierung zu bestimmen.
Die zu beobachtenden Unterschiede in den
Organisationsstrukturen wurden zum Anlass genommen, in breit angelegten
empirischen Studien nach möglichen Erklärungen zu suchen und
Optimalitätsaussagen bzgl. bestimmter Ausprägungsformen zu gewinnen. Diese
Forschungsrichtung ist später unter dem Namen „ Kontingenztheorie der
Organisation “ bekannt geworden.
Für Khandwalla (Khandwalla,
Pradip N. 1977) war die Kontingenztheorie Ende der 1970er-Jahre „ die
kraftvollste Orientierung in der modernen Organisationstheorie “ (S. 251). Das
Bild der kontingenztheoretischen Forschung wird am markantesten durch die
Konzepte geprägt, die vorfindbare Unterschiede in den Organisationsstrukturen
auf unterschiedliche Umweltsituationen zurückführen (vgl. v.a. Lawrence,
Paul R./Lorsch, Jay W. 1967), denen die betreffenden Organisationen
gegenüberstehen ( „ Umwelt-Schule “ ). Daneben sind die Technologie und die Größe
am häufigsten zur Erklärung herangezogen worden (Woodward,
Joan 1965). In allen diesen Fällen – und dies war völlig neu im
organisationstheoretischen Denken – wird eine unabhängige Determinante
vermutet, die im Sinne eines Kausalgesetzes die verschieden ausgeprägten
Organisationsmuster bewirkt.
In den Weiterentwicklungen der Kontingenztheorie erwies es
sich als unumgänglich, die Handlungs- bzw. Organisationsspielräume und
dementsprechend das Wahlverhalten der Gestalter als wesentlichen Bestandteil
einer situativen Organisationstheorie (mit) zu thematisieren (vgl. Child, John
1972). Diese Modelle stellen die Organisationsgestaltung in den Spannungsraum
von Zwang und Wahlfreiheit, von Determinismus und Voluntarismus (Hrebiniak,
Lawrence G./Joyce, William F. 1985).
Für das sich hier anschließende theoretische Problem, wie vor
einem solchen Hintergrund ein adäquates Verständnis organisatorischer
Strukturierung gewonnen werden kann, wurde immer wieder auf
Entscheidungsprozessanalysen als geeigneten Ansatzpunkt verwiesen (z.B. Crozier,
Michel/Friedberg, Erhard 1979; Friedberg,
Erhard 1995). Danach ist zu untersuchen, wer die Macht hat, im
Rahmen der gegebenen Zwänge die Strukturentscheidungen zu bestimmen, und welche
Absichten und Zwecke (Interessen) in diesen Entscheidungsprozess einfließen
bzw. eingeflossen sind.
Eine solche Analyse setzt notwendigerweise voraus, dass man
abgeht von der Vorstellung, die Organisation sei ein einheitlich orientiertes
Handlungsgefüge (oder könne als solches behandelt werden); stattdessen rückt
ein Bild in den Vordergrund, das Barnard entscheidend vorgeprägt hatte, nämlich
die Organisationen als Verbund potenziell widerstreitender Interessen
(Koalitionstheorie).
Als eine neue aufgeklärte Variante der Kontingenztheorie kann
der Neo-Institutionalistische Ansatz der Organisation angesehen werden, der die
Entstehung und Veränderung von Organisationen primär durch den
kulturell-gesellschaftlichen Rahmen erklärt, in den die Organisation
eingebettet ist (Meyer, John
W./Rowan, Brian 1977; Zucker, Lynne
G. 1983; Scott, W.
Richard 1988; DiMaggio,
Paul J./Powell, Walter W. 1991). Er unterscheidet sich insofern
grundlegend von der Kontingenztheorie, als dort nicht von objektiven
Umweltdeterminanten als Ursache organisatorischer Strukturmerkmale ausgegangen
wird, sondern von Umwelten als gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeiten,
d.h. Normen, Interpretationsmustern, Denkstilen usw. Organisationen sieht man als
konstitutive Teile der Gesellschaft, die diese Muster mit reproduzieren (vgl. Berger, Peter
L./Luckmann, Thomas 1966). Institutionalisierung soll dann den
Prozess bezeichnen, der diese kognitiven und habituellen Muster verbindlich
macht, ihnen den Charakter von ungeschriebenen (manchmal auch geschriebenen)
Gesetzen verleiht (Meyer, John
W./Rowan, Brian 1977). Die Kernthese ist nun, dass formale
organisatorische Strukturen im Wesentlichen das Ergebnis einer Anpassung (Isomorphie)
an institutionalisierte Erwartungen (aus der institutionellen Umwelt) sind,
gleichgültig, ob dies interne Effizienz fördert oder nicht (zu einem Überblick
vgl. Walgenbach,
Peter 1999).
3. Organisatorische Entscheidungsforschung
Der entscheidungstheoretische Ansatz in der
Organisationstheorie zerfällt in zwei gänzlich unterschiedliche Teilbereiche,
die außer der Entscheidungsorientierung und dem Interesse für die Rationalität
von Entscheidungen wenig gemein haben. Der Gruppe der formalwissenschaftlichen
Organisationstheoretiker, die eine Optimierung der Gestaltungsentscheidungen
mit Hilfe quantitativer Methoden anstrebt, steht die Gruppe der empirischen
Entscheidungstheoretiker gegenüber, die das faktische Entscheidungsverhalten
von Individuen und Gruppen in Organisationen zum Gegenstand hat.
a) Empirische Theorie der organisatorischen
Entscheidung
Der empirische Ansatz hat das Ziel, faktisch beobachtbare Entscheidungsprozesse
in Organisationen zu erklären; von besonderem Interesse ist dabei
der Einfluss organisatorischer Regelungen auf das Entscheidungsverhalten.
Entscheidungsprozesse werden im Kontext arbeitsteiliger Leistungsgemeinschaften
thematisiert; ihr besonderes Augenmerk gilt der Frage, wie organisatorische
Merkmale auf Entscheidungen einwirken (March, James
G./Simon, Herbert A. 1958; Witte,
Eberhard 1968; March, James
G./Shapira, Zur 1982; Kirsch,
Werner 1988).
Entscheidungen werden dabei nicht als punktueller Wahlakt
begriffen, sondern vielmehr als ein sich über die Zeit hinwegziehender Prozess
aufgefasst. Die Organisationsmitglieder werden in ihren Entscheidungen und den
dazu notwendigen Vorbereitungen in mannigfaltiger Weise von der
Organisationsstruktur und der ihr eigenen Dynamik (informelle Organisation)
beeinflusst.
Die Theorie organisatorischer Entscheidungen stellt sich
heute nicht mehr als einheitlicher Block dar, sondern es haben sich in ihr –
wie so häufig in der Organisationstheorie – unterschiedliche Strömungen
entwickelt, die jeweils spezielle Aspekte der organisatorischen Dynamik in den
Vordergrund rücken. Vereinfachend kann man die folgenden drei Hauptmodelle
unterscheiden (Allison,
Graham T. 1971; Schreyögg,
Georg 1984): Das Modell der 1. Organisatorischen Differenzierung, 2.
des Politischen Prozesses und 3. der Organisierten Anarchie.
b) Entscheidungslogisch-mathematische Ansätze
Die formalwissenschaftlichen Arbeiten sind im Zuge des
Einsatzes mathematischer und formallogischer Modelle in den Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften entstanden. Im Kern geht es darum, organisatorische
Gestaltungsentscheidungen, wie z.B. die Abteilungsbildung oder die Verteilung
von Kompetenzen, zu systematisieren und sie unter Anwendung mathematischer
Modelle oder formallogischer Operationen einer richtigen oder ggf. optimalen
Lösung zuzuführen. Eine Reihe von Arbeiten steht in der Tradition des
Operations Research (z.B. Schüler,
Wolfgang 1980; Müller-Merbach,
Heiner 1992) und versucht, unter Anwendung spezieller mathematischer
Methoden (wie etwa der Linearen Programmierung oder der Warteschlangen-Theorie)
die Organisationsgestaltung zu optimieren.
Ein wesentlich größerer Teil der formalwissenschaftlichen
Arbeiten orientiert sich in der Tradition von Marschak (Marschak,
Jacob 1955) an der präskriptiven Entscheidungslehre und stellt Probleme
wie die Ableitung optimaler Regeln der Arbeitsteilung, die Einräumung von
Verfügungskompetenzen oder ganz allgemein die Bestimmung optimaler
Verhaltensnormen in den Vordergrund (z.B. Hax, Herbert
1965; Laux, Helmut/Liermann,
Felix 2002).
Laux und Liermann (Laux,
Helmut/Liermann, Felix 2002) differenzieren den Gegenstand dieses
Ansatzes genauer. Ihrem Vorschlag nach soll es einerseits um die rationale Wahl
der bestmöglichen Organisationsalternative nach den Kalkülen der
Entscheidungstheorie gehen (vgl. hierzu auch den differenzierenden Ansatz von Frese, Erich
2000). Zum anderen aber – und diese Perspektive ist sehr viel weitgehender –
wird vorgeschlagen, die gesamte Organisationstheorie als Optimierung der
organisatorischen Entscheidungsstruktur zu betreiben, d.h. als Entwicklung
optimaler Verhaltensnormen zur Steuerung der Entscheidungen in Organisationen
(z.B. welche und wie viele Informationen sollen beschafft, welche Informationen
sollen weitergeleitet werden?).
4. Die mikroökonomische Organisationsanalyse
(Neue Institutionenökonomik)
Seit Anfang der 1970er-Jahre finden sich zunehmend auch
Beiträge zur Organisationstheorie aus der Mikroökonomie. Die Initialzündung,
sich mit Organisation zu beschäftigen, gab die – von der Neoklassik in einigen
Kernpunkten abgesetzte – Neue Institutionenökonomik, die den institutionellen
Charakter von Unternehmen betont. Die Neue Institutionenökonomik setzt die
individuelle Nutzenmaximierung ohne „ moralische Skrupel “ ( „ Opportunismus “ ) als
Prämisse, geht von einer Situation unvollkommener Information ( „ Unsicherheit “ )
aus und unterstellt die Kalkülisierbarkeit aller relevanten
Handlungsalternativen. Es haben sich im Wesentlichen drei Ansätze herausgebildet:
(1) Der Transaktionskosten-Ansatz
hat seinen Ausgangspunkt in der gegen die Neoklassik gerichteten These, dass
die Koordination von Transaktionen durch den Markt (Koordinations-)Kosten
verursache, das Preissystem also nicht kostenneutral sei (Coase, Ronald
H. 1937; Williamson,
Oliver E. 1975). Im Sinne funktionaler Äquivalente geraten dadurch
andere Koordinationsmechanismen als der preisgesteuerte Markt in das Blickfeld
ökonomischer Alternativen, gemeint ist v.a. die interne organisatorische
Abwicklung der Transaktionen, dort verkürzend Hierarchie
genannt. Die Entstehung von Unternehmen im Sinne hierarchischer Institutionen
wird immer für den Fall angenommen, dass eine interne, hierarchisch
koordinierte Abwicklung der betreffenden Transaktionen effizienter, d.h.
kostengünstiger ist als über den Markt ( „ Marktversagen “ ), d.h. wenn die
internen Transaktionskosten niedriger als die externen sind.
(2) Der verfügungsrechtliche
Ansatz stellt die Verfügung über Ressourcen und unterschiedliche Regelungen
zur Verteilung der Verfügungsrechte in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.
Verfügungsrechte (property rights) sind im sozialen Raum festgelegte und mit
Sanktionen bewehrte Befugnisse von Wirtschaftssubjekten an Gütern oder
Ressourcen (Demsetz,
Harold 1967, S. 347). Art und Umfang der – grundsätzlich
veräußerbaren – Verfügungsrechtsbündel können sehr stark variieren. Vollständig
spezifizierte Verfügungsrechte zeichnen sich durch ein Bündel von vier
Einzelrechten aus: das Recht auf 1. Nutzung (usus), 2. Aneignung des Ertrags
(usus fructus), 3. Veränderung von Form und Substanz (abusus) und 4.
Veräußerung oder sonstige Übertragung der Rechte an Dritte (Furubotn,
Eirik G./Pejovich, Svetozar 1972). In der Praxis ist dieses Bündel
von Rechten aus Effizienzgründen meist in Einzelteile aufgelöst ( „ verdünnt “ ).
Die Theorie der Verfügungsrechte interessiert sich nun für die verschiedenen
möglichen Arrangements der Verfügungsrechte (unterschiedliche Grade der
Spezifikation und der Verdünnung) und deren Wirkungen mit dem Ziel, eine
ökonomisch optimale Struktur der Verfügungsrechtsverteilung im Hinblick auf die
jeweiligen situativen Bedingungen zu ermitteln (Milgrom, Paul/Roberts,
John 1992, S. 307).
(3) Der Prinzipal-Agenten-Ansatz
ist die dritte und heute am stärksten beachtete Theorielinie. Der Ansatz
formuliert organisatorische Probleme als Problem ungleich verteilter
Information, konkreter als jederzeit problematisches Verhältnis zwischen
Auftraggeber, dort „ Prinzipal “ , und Auftragnehmer, dort „ Agent “ . Der Prinzipal
beauftragt aus Wirtschaftlichkeitsgründen einen Agenten gegen Entgelt mit der
Wahrnehmung bestimmter Aufgaben und überträgt ihm dazu bestimmte
Verfügungsrechte. Dem Delegationsvorteil (Nutzen) des Prinzipals – oder,
wenn man so will: dem Organisationsvorteil – werden die potenziellen Nachteile
(Kosten) gegenübergestellt, die sich durch die gewöhnlicherweise unvollkommenen
Informationen des Prinzipals und den daraus resultierenden Vertragsabweichungen
des Agenten ergeben. Die Differenz zwischen der Situation bei vollkommener
Information und der de facto realisierten sind als „ Agenturkosten “ bestimmt (Jensen,
Michael C./Meckling, William H. 1976).
Die generelle Ursache für die Agenturkosten sind – ähnlich
wie bei den beiden anderen Ansätzen – der „ Opportunismus “ , d.h. die Gefahr,
dass der Agent den Prinzipal betrügt. Konkreter werden die Agenturprobleme
durch folgende Umstände bestimmt: Mangelnde Beobachtbarkeit des Verhaltens der
Agenten bei der Leistungserfüllung ( „ hidden action “ ); verdeckter Informations-
oder Kompetenzvorsprung des Agenten ( „ hidden information “ ); ferner bereits vor
Vertragsabschluss das Verschweigen negativer Eigenschaften durch den Agenten
mit der Gefahr der Fehlauswahl ( „ adverse selection “ ).
Um das Delegationsrisiko bzw. Wohlfahrtseinbußen gering zu
halten, kann der Prinzipal eine Reihe von Maßnahmen ergreifen; so etwa
Kontrollen aufbauen, Sanktionen androhen (Reputationsverlust), das
Informationssystem ausbauen, oder – und dies wird von der Agenturtheorie
favorisiert – Anreize für den Agenten schaffen, sodass eine Zielabweichung in
seinen Handlungen weniger wahrscheinlich wird. Solche risikosenkenden Maßnahmen
sind indessen i.d.R. teuer, insofern geht es dem Ansatz darum, solche
Arrangements zu finden, die die Agenturkosten insgesamt minimieren, nicht nur
das Abweichungsrisiko des Agenten (vgl. zusammenfassend Dietl, Helmut
1993).
5. Systemtheoretische Ansätze
Die Systemtheorie hatte von Anfang an eine starke
Anziehungskraft auf die Organisationstheorie. Das systemtheoretische Denken
selbst hat jedoch im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen
und dadurch erhebliche Veränderungen erfahren, ebenso unterschiedlich waren
dementsprechend auch die Impulse, die von ihr auf die Organisationstheorie
ausgingen.
a) Systemtheoretische Entwicklungen
Die erste Phase des systemtheoretischen Denkens war im
Wesentlichen eine morphologisch geprägte. Systeme wurden (aus nie ganz
geklärten Gründen heraus) als Ganzheiten definiert, die aus untereinander
verbundenen Teilen bestehen; das Ganze – so lautet der zentrale Lehrsatz – ist
jedoch mehr als die Summe seiner Teile.
Im Zuge der Rezeption der Kybernetik (griechisch:
Steuermannskunst) als zweiter Phase hat v.a. das Regelkreisschema Eingang in
das organisatorische Denken gefunden. Mit dem Regelkreis wird ein
Steuerungsprozess beschrieben, der auf der Basis genau vorgegebener Prämissen
autonom funktioniert.
Im Fortlauf hat sich die Systemtheorie in einer dritten Phase
sehr eng mit dem funktionalistischen Forschungsansatz verbunden, der vor dem
Hintergrund des Motivs der Bestandserhaltung von Systemen nach der objektiven
Zweckbestimmung systemischer Strukturen und Prozesse fragt. Für die
Organisationstheorie sind daraus äußerst bedeutsame Impulse geflossen, die das
organisatorische Denken bis zum heutigen Tage stark beeinflussen (Parsons,
Talcott 1960). Die funktionalistisch orientierte Systemtheorie
studiert die Organisationsstruktur als Problemlösung, als eines von vielen
Mitteln, das Systemen zur Verfügung steht, um ihr Bestandsproblem zu lösen. Die
Organisationsstruktur wird im Wesentlichen als ein Mittel angesehen, das hilft,
Umweltkomplexität kleinzuarbeiten, und zwar dergestalt, dass die
Reduktionsleistungen in voraussehbarer Weise an verschiedenen Stellen im System
erfolgen, sodass nicht überall die gesamte Komplexität erfasst und reduziert
werden muss (zur detaillierten Ausarbeitung dieser Perspektive vgl. Luhmann,
Niklas 1973).
In der nachfolgenden, für die Entwicklung der Organisationslehre
ebenfalls sehr bedeutsamen Theorie offener Systeme wird das System nicht mehr
länger nur als Anpasser konzeptualisiert, sondern man geht vielmehr davon aus,
dass das System/Umwelt-Verhältnis interaktionaler Natur ist, d.h. eine
Unternehmung bzw. ein System steht unter starkem Umwelteinfluss, hat aber auch
selbst die Möglichkeit, gestaltend auf die Umwelt einzuwirken (z.B. Maurer, John
G. 1971). Systeme – so die Annahme – besitzen eine begrenzte
Autonomie gegenüber der Umwelt.
Die neuere Systemtheorie macht in einer vierten Phase
deutlich, dass Grenzziehung und -definition eine Leistung ist, die das soziale
System selbst erbringt; die Grenze ist eine soziale Konstruktion. Der Prozess
der Grenzbildung ist abstrakt gesprochen die Herstellung einer Differenz von
System und Umwelt. Konkreter geht es darum, bestimmte Handlungsmuster zu
schaffen, die es ermöglichen, in die Komplexität der Welt, in das Übermaß an
Möglichkeiten, eine Ordnung zu legen, d.h. in spezifischer Weise einzuengen, zu
reduzieren und zu verarbeiten. Dieses selbst erzeugte Innen/Außen-Raster ist
die Folie, die bestimmte Ereignisse überhaupt erst zu Umweltereignissen macht
bzw. an der Ereignisse überhaupt erst Informationswert gewinnen, weil sie diese
lesbar macht (Luhmann,
Niklas 1982, S. 16). Dieser „ konstruktivistische “
Perspektivenwechsel kann auch als selbstreferenzielle Wende in der
Systemtheorie bezeichnet werden. Alle Systemoperationen beziehen sich auch auf
sich selbst, weil sie das selbst erzeugte Raster allen weiteren Operationen
zugrunde legen und insoweit auf sich selbst beziehen. Systeme können sich also
von der Umwelt abgrenzen, aber nur als eigene Operation im System.
Paradoxerweise müssen sich Systeme also erst einmal schließen, um sich dann der
Umwelt öffnen zu können. Die Rede vom „ offenen System “ wurde deshalb
aufgegeben.
Für die Theorie selbstreferenzieller Systeme wird in jüngerer
Zeit eine radikale Umorientierung vorgeschlagen (Luhmann,
Niklas 1984); sie soll an die aus der Biologie stammende Theorie der
Autopoiesis (Varela,
Francisco J. 1979; Maturana,
Humberto R. 1985) angeschlossen werden. Kernidee ist, dass ein
System nicht nur die Strukturen selbst erzeugt, sondern auch die Elemente aus
denen es besteht. Analog zur Zellbiologie werden Elemente als zeitliche
Operationen begriffen, die fortlaufend zerfallen und unaufhörlich durch die
Elemente des Systems selbst reproduziert werden müssen.
b) Spezielle organisationstheoretische Ansätze
Neben der allgemeinen konzeptionellen Fundierung einer
umweltoffenen Denkrichtung in der Organisationslehre hat die Systemtheorie auch
zu zahlreichen speziellen Theoriebildungen Anlass gegeben:
Hier sei als erstes auf das Ressourcen-Abhängigkeits-Theorem
(Thompson,
James D. 1967; Pfeffer,
Jeffrey/Salancik, Gerald 1978; Pfeffer,
Jeffrey 1987) verwiesen, das am Input-Output-Schema anknüpft. Es
verdichtet den weitläufigen System/Umwelt-Bezug auf ein zentrales Problem,
nämlich die Abhängigkeit von externen Ressourcen. Organisationen benötigen – so
der Ausgangspunkt – zur Leistungserstellung Ressourcen verschiedener Art, über
die sie i.d.R. nicht selbst, sondern externe Organisationen verfügen. Der
Ansatz zeigt, wie Organisationen diese Abhängigkeit bewältigen, d.h. abpuffern,
abmildern oder überwinden können.
Eine andere neuere Strömung in der Organisationstheorie, die
an Themen der Systemtheorie anschließt, ist der populationsökologische oder
allgemeiner der evolutionstheoretische Ansatz (Hannan,
Michael T./Freeman, John 1977; McKelvey,
Blake/Aldrich, Howard E. 1983; Kieser,
Alfred/Woywode, Michael 2002). Dieser ebenfalls der Biologie
entlehnte Ansatz – dort entwickelt für die Artengeschichte von Tieren und
Pflanzen – interessiert sich primär für den evolutionären Ausleseprozess und
versucht die Frage zu beantworten, weshalb bestimmte Systeme bzw.
Systempopulationen (z.B. Branchen) ihr Überleben sichern können, andere dagegen
nicht. Die Idee ist, dass die Umwelt – wie in der Natur – aus der Vielfalt der
Systeme/Populationen diejenigen ausfiltert, die sich an die speziellen externen
Gegebenheiten nicht oder eben nicht hinreichend angepasst haben.
Als dritte stark systemtheoretisch inspirierte Strömung ist
die Theorie interorganisatorischer Beziehungen zu nennen. Aufbauend auf dem
System/Umwelt-Paradigma konzentriert sich dieser Ansatz zum einen auf
organisierte Umwelten und deren Bedeutung für die fokale Organisation. Das
praktische Interesse gilt dem Management dieser externen Beziehungen und den
Strategien, die dafür zur Verfügung stehen (Benson, J.
Kenneth 1975; die Beiträge in Negandhi,
Anant R. 1975). Das Thema Kooperationen zwischen Organisationen
gewinnt dabei immer stärker an Interesse (z.B. Rogers, David
L./Whetten, David A. 1982; Ring,
Peter/Van de Ven, Andrew 1992). Diese Studien verweisen bereits auf
den zweiten Strang dieser Forschungsrichtung, der sich mit
Organisationskollektiven beschäftigt (z.B. Aldrich,
Howard E./Whetten, David A. 1981; Astley,
Graham/Fombrun, Charles J. 1983; Sydow, Jörg
1992). Gegenstand dieser Forschung sind die verschiedenen Formen der Kollektive
(Partnerschaften, Netzwerke
usw.) und die Erklärung ihrer Entstehung, die Beziehungen innerhalb wie auch
zwischen Kollektiven und ihre Rationalisierung sowie Ergebnis- und
Effizienzvergleiche mit anderen Organisationsformen.
6. Symbolischer Ansatz/Postmoderne Theorie
Seit einiger Zeit entwickelt sich in der Organisationstheorie
eine ganz neue Gruppe von Ansätzen, denen von Anfang an sehr viel
Aufmerksamkeit zuteil wurde, und zwar gleichermaßen von Praktikern wie
Theoretikern. Als besonders einflussreich erwiesen sich von theoretischer Seite
die Arbeiten von Berger und Luckmann (Berger, Peter
L./Luckmann, Thomas 1966), Blumer (Blumer,
Herbert 1986), Weick (Weick, Karl
E. 1969) sowie von Pondy et al. (Pondy, Louis
R./Morgan, Gareth/Frost, Peter 1983), von praktischer Seite waren es
die Studien von Peters und Waterman (Peters,
Thomas/Waterman, Robert H. jr. 1984) sowie Deal und Kennedy (Deal,
Terrence E./Kennedy, Allan A. 1982). Für ein geschlossenes Bild
dieser Strömungen ist es noch zu früh (einen Überblick geben Czarniawska-Joerges,
Barbara 2000 sowie die Beiträge in Weik,
Elke/Lang, Reinhard 2001; Weik,
Elke/Lang, Reinhard 2003).
Dennoch lassen sich drei Kernelemente herausschälen:
(1) Wie auch immer im Einzelnen gemeint, die Stoßrichtung ist
klar, die herkömmliche Rationalität wird nur noch als eines von vielen
möglichen Weltbildern angesehen; sie wird entthront, jede überragende objektive
Qualität in Abrede gestellt. Das vorherrschende wissenschaftliche und
organisatorische Denken wird als faktisch dominante, aber in keiner Weise
irgendwie überlegene Form des „ Geschichtenerzählens “ „ entziffert “ (Boje, David
M. 1991), auch um dessen Vorherrschaft und Orthodoxie zu
durchbrechen.
(2) Ein zweiter, eng mit dem eben Gesagten verwandter
Kerngedanke kennzeichnet die organisatorische Welt als symbolisch konstituiert.
Eine Reihe von Grundlagenströmungen findet Eingang in diesen
organisationstheoretischen Denkansatz: Symbolischer Interaktionismus,
Symbolischer Realismus, Französischer Symbolismus u.a. (einen Überblick gibt Czarniawska-Joerges,
Barbara 2000). Die symbolische Konstitution von Organisationen wird
als „ generischer Prozess “ begriffen (Morgan,
Garreth/Frost, Peter/Pondy, Louis R. 1983, S. 5). Damit soll in
einer Linie darauf hingewiesen werden, dass die Organisationsmitglieder auf der
Basis von Interpretationen und Bedeutungen handeln und interagieren. Die
Bedeutungen entstehen in der Interaktion und sind insofern sozial konstruiert.
Die Referenzpunkte im organisatorischen Handeln (Regeln, Normen, Richtlinien,
Räume, Gebäude usw.) werden durch Symbole repräsentiert, denen eine
entsprechende Bedeutung zugeschrieben wird. Diese Interpretation wird – wie
gesagt – i.d.R. von der Interaktionsgemeinschaft geprägt/konstruiert
( „ Symbolischer Interaktionismus “ , Blumer,
Herbert 1986).
Dieses Interesse an der Bedeutung symbolischer Prozesse für
Struktur und Dynamik organisatorischen Handelns hat zur Entwicklung eines
speziellen Forschungszweiges geführt, der dieser ganzen Ideenschule zum
Durchbruch verholfen hat. Gemeint ist die Organisationskultur-Forschung, die –
jedenfalls in Teilen – die ganze Organisation als eine symbolisch verfasste
Kulturgemeinschaft begreift (Smircich,
Linda 1983; Ebers, Mark
1985).
(3) Den methodischen Hintergrund bildet der Konstruktivismus,
eine auf (den späten) Wittgenstein (Wittgenstein,
Ludwig 1963) aufbauende Schule, die die sprachliche Verfasstheit von
„ Wirklichkeit “ betont: „ Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner
Welt “ , (Wittgenstein,
Ludwig 1963) und damit den sozial konstruierten Charakter dessen,
was wir Wirklichkeit nennen (Berger, Peter
L./Luckmann, Thomas 1966; Astley,
Graham 1985). Im Vordergrund stehen die verschiedenen Konstruktionen
( „ Sprachspiele “ ) der Wirklichkeit, begleitet von der These, dass ein objektives
Urteil über die Wahrheit der Konstruktion nicht möglich ist. Realität ist
Konstruktion. Alles wird zurückgebunden an die Perspektive der jeweiligen
Konstrukteure, an die Zeit und an den sozialen Raum des Entstehungsprozesses.
Die Plattform, auf der diese Diskussion in jüngerer Zeit
gebündelt weitergeführt wird, ist die Theorie der Postmoderne (insb. Lyotard, Jean
Francois 1999; Foucault,
Michel 1981) und spezieller die postmoderne Organisationsanalyse
(vgl. die Beiträge in Hassard,
John/Parker, Martin 1993). Durch die Arbeiten von Lyotard
konzentriert sich die Diskussion der Postmoderne sehr stark auf die Entwicklung
von Wissen und auf die verschiedenen Arten von Wissen, in Gesellschaft und
Organisationen.
Abbildung 1 stellt die verschiedenen Ansätze noch einmal
übersichtsartig zusammen, das dabei zugrunde gelegte Bild eines mäandernden
Flussbettes soll anzeigen, dass trotz aller Unterschiedlichkeit auch viel
Gemeinsamkeit vorhanden ist; ansonsten könnte man ja auch schwerlich
rechtfertigen, von einer Disziplin zu sprechen oder einen gemeinsamen
Oberbegriff zu verwenden. Wer vor Ort arbeitet, sieht hauptsächlich die
Differenz zu konkurrierenden Arbeiten; wer aus der Ferne beobachtet, sieht
dagegen die Arbeiten an Problemen der Organisation viel näher zusammen.
Abb. 1: Strömungen der Organisationstheorie
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