Inhaltsübersicht
I. Zur
Terminologie
II. Marketing
und Design
III. Designzwecke
IV. Designprägnanzen
V. Designentscheidungen
I. Zur Terminologie
Kommt ein Begriff in Mode, wollen sich meist viele mit ihm
schmücken. Ein ursprünglich in Fachkreisen durchaus verständlicher Begriff
verliert durch Popularisierung an Trennschärfe. Fokussiert auf Formgebungs- oder Formgestaltungsüberlegungen hat man sich im 20. Jahrhundert,
beginnend mit dem Werkbund über das Bauhaus nach dem Ersten und dann nach
dem Zweiten Weltkrieg über die Ulmer
Hochschule für Gestaltung, mit ästhetisch-funktionalen Gestaltungsfragen
professionell befasst. Auch heute noch heißt die deutsche Designrepräsentanz »Rat für Formgebung«. Nicht unähnlich dem
Wandel vom Absatz- zum Marketing-Begriff tauchte dann in der Mitte der
1960er-Jahre zunehmend der Designbegriff auf. Er dominiert heute, er hat den Formgestaltungsbegriff fast verdrängt.
Auch der Gestaltungsinhalt hat sich erweitert. Ausgehend von
der Möbelgestaltung dominierte fast 40 Jahre die Interieurgestaltung. Auch hier
wieder der Marketing-Disziplin ähnlich, weitete sich wegen des Erfolges das
Tätigkeitsgebiet aus. Im technischen Design werden nicht nur Maschinen und
Werkzeuge, sondern ganze Verkehrssysteme gestaltet. Grafiker nennen sich Grafikdesigner – heute spricht man auch
von Kommunikationsdesignern. Aus den Überlegungen zur Corporate
Identity erwuchs das Corporate Design als der visuelle Auftritt des
Unternehmens. Seit einigen Jahren begegnet man dem Begriff Publicdesign als dem
Bereich, der die Stadtarchitektur durch die Gestaltung öffentlicher Räume (z.B.
Straßenbahnhaltestellen, Verkehrsleitsysteme) abrundet. Daraus resultieren
heute vorrangig folgende Tätigkeitsschwerpunkte
(Abb. 1).
Abb. 1: Tätigkeitsschwerpunkte des Design
Das Produktdesign konzentriert sich auf die körperhafte,
dreidimensionale Gestaltung serieller Erzeugnisse. Dazu gehört auch das Mode-
und Schmuckdesign. Produktdesign ist Teil der Produktgestaltung, deren andere
Aufgaben von den Funktionsbereichen Konstruktion, Forschung und Entwicklung
usw. wahrgenommen werden. Die Tätigkeitsgrenzen sind fließend. Die Pointierung
in Kerngestaltung (Technik) und Hüllengestaltung (Design) trifft nur partiell
zu. Der Autokonstrukteur konzentriert sich auf Motor- und Fahrgestellentwurf,
der Designer auf Karosserie- und Interieurgestaltung. Bei der Gestaltung eines
Schreibtischstuhles ist das nicht mehr ganz so sauber zu trennen. Die Aufgabengebiete
vernetzen sich zunehmend. Als kennzeichnendes Merkmal bleibt übrig, dass der
Designer sich vorrangig mit der Schnittstelle
Produkt – Mensch befasst. Das führt zur Fokussierung auf
wahrnehmungsbezogene und produktumgangsbezogene Gestaltungsüberlegungen. Daraus
leiten sich die ästhetische und die pragmatische Dimension
(Gebrauchstauglichkeit) des Produktdesign ab. Es erweist sich als zweckmäßig,
eine sozial-semantische (symbolische)
Dimension hinzuzufügen, um die soziale Ausdruckskomponente zu erfassen, denn
das Produktdesign sagt etwas über die Produktbesitzer aus. Diese drei
Dimensionen bilden einen Raum, in dem die verschiedenen Designprägnanzen
(Designstilrichtungen) positioniert werden können. Darauf konzentrieren sich
die folgenden Überlegungen.
Die erwähnten Tätigkeitsfelder sind vielfältig miteinander
verflochten. Grafikdesign erstreckt
sich nicht nur auf Briefbogen- und Plakatgestaltung; in der
Verpackungsgestaltung oder genereller in der Oberflächengestaltung (z.B.
Bedienungsfeldgestaltung) wird der Zusammenhang zum Produktdesign offenkundig.
Im Publicdesign wird mit Produkten gearbeitet, deren Auswahl und Anordnung z.B.
eine stadtspezifische Klammer bilden. Unternehmen wie Wilkhahn bemühen sich um eine enge ideelle Verbindung von Produkt-
und Corporate Design.
II. Marketing und Design
Zumindest andeutungsweise muss geklärt werden, warum man sich
im Marketing
mit Designfragen befasst. Aus einer Vielzahl von Gründen seien die folgenden
herausgegriffen:
-
Im Mittelpunkt der Corporate
Identity kann als Grundorientierung, als grundlegende Leitmaxime
unternehmerischen Handelns Designorientierung stehen. Dafür gibt es viele
Beispiele (Erco, Lamy, FSB, Braun, Cor,
Cassina, Artemide, Flos usw.). Welche Designorientierung das auch immer
sein mag, die Überlegungen zur Produktgestaltung, in den meisten Fällen auch
der daraus folgenden Werbegestaltung, haben dem zu folgen. Ein von diesem
»Tugendpfad« abweichender Produktmanager mag die Konfrontation lieben, er
wird verlieren.
-
In den meisten Fällen
ist der Begründungszusammenhang allerdings nicht so eindeutig. Hilfreich für
die weitere Analyse kann die Produktzielbestimmung
sein. Einige Produktziele gibt Abb. 2 wieder. Neben dem
designorientierten Produktziel – hier wird die Verbindung von Corporate Identity mit der
Formalzielgestaltung offenkundig – können auch andere Ziele designrelevant
sein. So kann man billige Massenprodukte durch modisches Design attraktiv
gestalten (»Swatcherisierung«), bei soliden Produkten sind bekannte Designlösungen
denkbar, exklusive Spitzenprodukte sind im Luxusdesign üblich, für
intelligente Spitzenprodukte eignen sich technische Designvarianten. Gängige
Standardprodukte, gekennzeichnet durch geringe Marktlebensdauer und keine
Produktpflege, eignen sich weniger. Bei Pionierprodukten kann man, um den
Gewöhnungsbedarf in überschaubaren Grenzen zu halten, bekannte Designlösungen
wählen.
Abb. 2: Ausgewählte
Produktziele (Quelle: Koppelmann,
U. 1992, S. 194)
-
Im Strategiekontext wird die Designnotwendigkeit wieder
offenkundiger. In Wettbewerbswirtschaften dominiert das Profilierungsgebot. Ein Unternehmen ist nur überlebensfähig mit
Leistungen, die vom Käufer wahrgenommen werden, die ihm wichtig sind, die
vorteilhaft gegenüber den Konkurrenzangeboten erscheinen und die der Käufer
dem Unternehmen wieder zuordnet. Die Vorteilhaftigkeit kann mehrere
inhaltliche Facetten aufweisen (Abb. 3).
Neben der »Swatcherisierungsstrategie« interessiert vor allem die ästhetische Faszination. In
gesättigten Volkswirtschaften bedarf es häufig kräftiger Impulse, um ältere
Modelle gegen neue auszutauschen. Design kann durch seine ästhetische
Faszination dazu beitragen.
Abb. 3: Inhalte von
Profilierungsstrategien (Quelle: in Anlehnung an Koppelmann,
U. 1992)
-
Neben der inhaltlichen Begründung sei noch die Prozessnotwendigkeit betont (Abb. 4).
Abb. 4: Planungsprozess
Aus dem Briefing
erwächst zwar auch das Werbekonzept, wichtiger ist jedoch das allem Weiteren
zugrunde liegende Produktkonzept, die Produktgestaltung.
Das Produkt als Fokus des Marketing-Mix
wird vom Produktmanager eher planerisch begleitet und vom Designer/Konstrukteur
gestaltet (Realisationsanalyse). Um eine marktgerechte Lösung sicherzustellen,
muss der Produktmanager ein Grundverständnis über die Designarbeit haben,
ansonsten liefe er Gefahr, dass seine Kontrollaussagen als Laienurteile
beiseite geschoben werden könnten.
III. Designzwecke
Obwohl bereits einige Designzwecke angedeutet wurden, soll
der Frage nach dem »Wozu« gesondert nachgegangen werden. Dem
wettbewerbsbezogenen Profilierungszweck
kann man den programmbezogenen Differenzierungszweck
an die Seite stellen. Durch unterschiedliche Designprägnanzen (Designstile)
kann man auf verschiedene Geschmackspräferenzen der Kunden Bezug nehmen, also
verschiedene Gestaltungsschwerpunkte wählen. Damit ist zwangsläufig der Zweck Anspruchsbefriedigung verbunden. Dort,
wo Design zum PR-Thema oder zum Schaufensterausstellungsstück vorkommt – das
gilt für einige Memphis-Entwürfe – , hat es seinen Zweck, Käuferansprüche zu
befriedigen, offensichtlich kaum erfüllt.
Design ist gleichzeitig ein Thema der Alltagskultur. Für die Alltagskultur interessiert sich das
Feuilleton. Durch geschickte Publizitätsarbeit kann es gelingen, die
kostengünstige Multiplikatorenfunktion des Feuilleton wirksam, da glaubwürdig,
zu nutzen. Beide Zwecke zusammen führen zum Prämierungszweck.
An verschiedenen Stellen in Deutschland, in Europa und auch weltweit wird
Design prämiert. Prämiertes Design hat bessere Startbedingungen, allerdings
keine Erfolgsgarantie, denn prämiert wird nach disziplininhärenten Kriterien,
nicht nach Kundenkriterien. Prämierungen sind damit in Grenzen planbar,
insbesondere wenn man die Besetzung der Jury kennt.
Neben den eher externen
Zweckrichtungen sind auch interne
Wirkungen zu beachten. Engagement für das Arbeitsgebiet kann auch vom
Tätigkeitsinhalt mitgeprägt werden. Identifikation
und Motivation für die Arbeit in
einem designorientierten Unternehmen können deutlich über dem Branchendurchschnitt
liegen.
IV. Designprägnanzen
Um dem aus der Gestaltpsychologie bekannten Figur-Grund-Prinzip zu entsprechen, lebt
das Produktdesign von jeweils in sich geschlossenen »Andersartigkeiten«. Zur
Positionierung sei auf die erwähnten Dimensionen Ästhetik, Pragmatik und soziale
Semantik zurückgegriffen (Abb. 5).
Abb. 5: Positionierung von Designprägnanzen (Quelle: in
Anlehnung an Koppelmann,
U. 1992)
Bis Mitte der 1970er-Jahre herrschte eine relative
Entwicklungsruhe. Der auf Bauhaus-Überlegungen
zurückgehende und in der Ulmer Hochschule
für Gestaltung geförderte ästhetische Funktionalismus dominierte. Auf das
Notwendige reduzierte Formen (»weniger ist mehr«), zweckmäßige Materialien,
unbunte Farben sprechen eher kognitive denn emotionale Schichten im Menschen
an. Diese zurückhaltende, unterkühlte Gestaltung entspricht dem Prägnanzprinzip der Gestaltpsychologie.
Das scheint gleichzeitig die Grundlage für manchen noch heute erhältlichen
Klassiker zu sein. Das Unternehmen Braun
AG hat sich dieser stark zeitinvarianten Designprägnanz verschrieben. Der
von Sullivan bekannte Satz »form
follows function« steht im Mittelpunkt der Gestaltung. Eine hohe
Gebrauchstauglichkeit sowie eine zurückhaltende, wohltuende Ästhetik sind
kennzeichnend.
Dann, zuerst zögerlich, jetzt fast sprudelnd, wagten sich
neue Designprägnanzen auf den Markt. Ausgehend von dem in den USA beheimateten Unternehmen
Knoll International, das die
Designentwicklung der 1940er- bis späten 1960er-Jahre wesentlich geprägt hat,
entwickelte sich eine technisch dominierte Designvariante. Der Technizismus
entspringt einem dem ästhetischen Funktionalismus ähnlichen Denken. Neu ist die
Faszination der Technik. Die Stahl-Glas-Konstruktionen von Bahnhöfen und
Galerien im letzten Jahrhundert sowie das Centre Pompidou als heutige Variante
standen Pate. Technisch und damit kühl wirkende Materialien (Stahl, Aluminium,
Glas), aus der Technik bekannte Formparameter (z.B. Verstrebungen,
Lamellierungen, Baukastenprinzipien) und technische Farben (vor allem Grautöne)
herrschen vor. Neben hoher Gebrauchstauglichkeit steht gleichrangig die Lust an
der technischen Ästhetik. Der Produktbesitzer demonstriert seine Begeisterung
für technische Lösungen. Nahezu gegenläufig ist die Entwicklung des
Ästhetizismus. Hier legt man nicht offen, warum etwas wie funktioniert. Man
erfreut sich der ebenmäßigen, geschlossenen, durch keine Griffe usw. gestörten
Form. Das um der ästhetischen Proportionen willen Verhüllende wird bevorzugt
(»form hides function«). Bang &
Olufsen-Unterhaltungselektronik, Gaggenau-Kühlschränke,
grifflose Küchenschränke mögen als Beispiele genügen. Die Gebrauchstauglichkeit
tritt deutlich hinter die Ästhetik zurück. Man ist auch durchaus bereit, seine
ästhetische Sensibilität zu offenbaren.
Ende der 1970er-Jahre wurde dann ausgehend von der tiefe
Spuren hinterlassenden Memphis-Bewegung in Italien alles infrage gestellt. Die
Lust am»Andersgestalten« ohne Rücksicht auf die Gebrauchstauglichkeit führte zu
Designskulpturen. Die vorher als Gebrauchstauglichkeit definierte Pragmatik
oder die funktionale Dimension wurden von den Memphisprotagonisten umdefiniert
zur Lust- oder Spaßfunktion. Die Provokation gegen die »Langeweile« des
ästhetischen Funktionalismus war den an dem Bauhausgedanken durchaus geschulten
italienischen Designarchitekten wichtiger als alles andere. Eben nicht
funktionale Formen, bewusste Materialverfremdungen, bunte Farben wurden
bevorzugt. Noch heute begegnen uns Ausläufer dieser Designwelle (»form follows
fun«).
Wieder näher an der Architekturentwicklung liegt dann die
Designrichtung der Postmoderne. Hier wird mit historischen Stilbezügen
(Kapitelle, Säulen, Friese, Giebel) gearbeitet. Die historisierende
Hüllenverfremdung konzentriert sich stark auf Formaccessoires. Die Postmoderne
spielt heute keine große Rolle mehr.
Ähnlich der Postmoderne kann man auch den Dekonstruktivismus
auf Architekturentwicklungen zurückführen. Das Aufbrechen vorhandener Körper
sowie Gestaltungslösungen, die durch Auflösung der Senkrechten und Waagerechten
einen leichten, unseren Sehgewohnheiten trotzenden Eindruck hinterlassen,
obwohl höchst artifiziell gestaltet, kennzeichnen diesen Stil.
Strittig ist die Frage, ob man von Luxusdesign sprechen kann.
Besonders wertvolle Produktgestaltung hängt vom Material, von der Formgebung
sowie von der Verarbeitung ab. Dem passen sich Farb- und Oberflächengestaltung
an. Luxusdesign hat eher traditionelle Bezüge. Firmen wie Cartier, Dupont, Louis Vuitton, Hermes gelten als Protagonisten
dieses Stiltypes. Nahe an dieser durch traditionelle Hochwertigkeit
gekennzeichneten Designrichtung liegt das Countrydesign. Eine regionale
Formensprache wird aufgegriffen und artifiziell in gemütlich, »heimelig«
wirkende Gestaltungslösungen umgesetzt. Produkte der Firmen Marktex oder Lambrecht zählen zu dieser Richtung.
Das Memphisdesign als bewusster Kontrapunkt zum ästhetischen
Funktionalismus leitet über zu anderen expressiven Designprägnanzen. Dem eher
klassischen ästhetischen Funktionalismus kann man die Richtung des Neobarock mit seiner rauschenden
Formensprache gegenüberstellen. Auf dem Stuhl Leonora von Sipek kann
man auch noch sitzen. Man sieht ihm auch an, dass es sich um einen Stuhl
handelt, aber man ist überrascht, welcher Formenaufwand möglich ist. Neben dem
Neobarock hat sich eine weitere überraschende Stilrichtung, die des
Organicdesign, herausgebildet. Starck
wählt bspw. das Hornelement aus, um es zur Grundlage der Leuchtengestaltung zu
machen. Auch hier ist die Gestaltungssemantik wichtiger als die
Gestaltungspragmatik. In diese Richtung werden sich wahrscheinlich weitere
Designprägnanzen entwickeln.
Ebenfalls eine neue Richtung könnte das Archetypdesign
werden. Design muss nicht immer elitär und damit für die oberen
Zielgruppenschichten gestaltet sein. Zunehmend gehen Unternehmen dazu über,
auch etwas für den Mainstream, für den MoR-Bereich (middle of the road) zu tun.
Im Mittelpunkt steht das Bemühen, durch nichts aufzufallen. Semantik, Pragmatik
und Ästhetik orientieren sich an den einfachen, als Bilder gespeicherten
Urtypen von Produkten (Gladbach, M.
1994).
Diese Momentaufnahme bedarf der ständigen Aktualisierung. Vor
einer Neuaufnahme in den Stilkatalog sollte die jetzige oder morgige
Marktbedeutung geprüft werden, um Typexoten zu vermeiden.
V. Designentscheidungen
Aus dem großen Spektrum relevanter Entscheidungen seien
einige bedeutsame herausgegriffen:
1. Design für wen?
Nimmt man die Kundenbezogenheit des Marketing-Gedankens
ernst, dann muss geprüft werden, für welche Zielgruppe
sich welche Designrichtung eignet.
Daher kann es nicht entscheidend sein, wenn Designer meinen, die eine oder
andere Designrichtung sei »out«; denn dann müsste die immer noch erfolgreichste
Richtung »ästhetischer Funktionalismus« seit mindestens 25 Jahren vom Markt
verschwunden sein.
Grundlage der folgenden Zuordnung muss ein Marktsegmentierungsmodell sein, das
nicht nur eine praktikable Marktsegmenterfassung zulässt, sondern auch über den
Datenfundus eine datengestützte Stilzuordnung
nahe legt. Dazu wird das Sinus-Milieu-Konzept (Abb. 6) gewählt (Augstein, R.
1993; Becker,
U./Becker, H./Ruhland, W. 1992; Burda,
/Sinus, 1989). Dieses Modell wird ständig aktualisiert, die neueste
Version (2005) findet sich im Internet (sinus
sociovision, 2005).
Abb. 6: Die sozialen Milieus in Westdeutschland: Soziale
Stellung und Grundorientierung (Quelle: in Anlehnung an Augstein [Augstein, R.
1993])
Neben einer repräsentativen, in kurzen Abständen wiederholten
Befragung wurde auch die Alltagskultur zielgruppenspezifisch fotografisch
erhoben. Der Inhaltsvergleich führt dann zu obiger Zuordnung (Abb. 7). Das traditionelle und
traditionslose Arbeitermilieu bilden augenblicklich noch kein Zielpublikum für
Desingprodukte. Deutlich wird aus dieser Übersicht, dass der ästhetische
Funktionalismus am weitesten verbreitet ist und dass das
technokratisch-liberale Milieu das breiteste Designinteresse besitzt. Diese
Zielgruppe bildet den Kernmarkt für Designprodukte.
Abb. 7: Zuordnung von Designprägnanzen zu Milieus
Antworten auf die Frage »Was für wen?« können auch mit
anderen Marktsegmentierungskonzepten (z.B. Einstellungskonzepten) gefunden
werden. Sie können auch zur Vertiefung des Milieukonzepts herangezogen werden.
2. Designerauswahlentscheidungen
In vielen Fällen muss sich der Produktmanager um
Designervorschläge kümmern, manchmal sogar die Auswahl treffen.
Die Frage »eigene oder
fremde Designer?« wird unterschiedlich gelöst. Konzentriert man sich auf eine Designrichtung, erscheint der
»Hausdesigner« vernünftig. Wählt man dagegen die Strategie des Designpluralismus (z.B. Flos, Cassina, Rosenthal, Alessi), dann
bieten sich fremde Designer geradezu an, sodass sich die eigene Arbeit auf die
Designkoordination beschränkt.
Die Alternative »bekannte
oder unbekannte Designer?« wird bei den stark designorientierten
Unternehmen mehrheitlich zugunsten der großen Namen entschieden. Dies geht auf
eine Tradition der Firma Knoll
International zurück. Die Imagepartizipation ist dann wechselseitig. Die
Durchsetzung junger Designer wird damit erschwert. Und wenn mehrere Designer
zur Auswahl stehen? In dieser Entscheidungssituation hilft das vorangestellte
Konzept. Es spricht einiges dafür, prägnanztypisch
Designer auszuwählen. Einen Designer, der bisher vorrangig Luxusdesign
entworfen hat, mit einem Konzept für ein Technizismusmodell zu beauftragen,
birgt offenkundig große Risiken.
3. Designstrategien
Eine strategische Alternative lautet »Monoprägnanz – Polyprägnanz«.
Wie schon angedeutet, hat sich die Firma Braun
für nur einen Prägnanztyp, den
ästhetischen Funktionalismus, entschieden. Diese Entscheidung ermöglicht eine
gut konturierte Zuordnung des Produktauftritts auf dem Markt.
Entscheidet man sich für die Strategie der Stilvielfalt,
dann wird der Auftritt diffuser, weil abstrakter. Das Verbindende ist dann das
Gestaltungsniveau und vielleicht noch die Stilaktualität. Der Vorteil liegt in
einer besseren Risikoverteilung durch Designpluralität.
Eine andere Entscheidungsalternative liegt in der Wahl
zwischen modischem Kurzfristdesign
(»Swatcherismus«) und der Longlifestrategie.
Die meisten designorientierten Anbieter wählen die Longlifestrategie. Dass die
Kurzfriststrategie auch sehr erfolgreich sein kann, beweist Swatch; in diesem Unternehmen wird durch
Deklination vorrangig der Oberflächenparameter jeweils halbjährig eine
umfangreiche Kollektion erstellt. Schöpferische Pausen sind bei dieser
Strategie nicht möglich. Auch die anderen Moderisiken sind evident.
4. Designprognose
Die schwierigste Frage richtet sich auf zukünftige Designentwicklungen. Für ein Unternehmen, das mehrere
Designstile pflegt und den Avantgardeanspruch erhebt, haben Antworten auf diese
Frage grundlegende Bedeutung. Bisher wird das Prognoseproblem meist faktisch
gelöst. Unternehmen entscheiden sich für einen Designer, der durch avantgardistische
Entwürfe aufgefallen ist. Und man extrapoliert bisheriges Verhalten in
zukünftige Wirkung; die intellektuelle Basis ist damit eher bescheiden.
Zumindest zwei methodische Lösungswege
bieten sich an: Der historisch-hermeneutische
Weg verspricht Erkenntnisse über Gestaltungszyklen
in der Vergangenheit. So zeigt uns die Architekturgeschichte Formpräferenzen im
Zeitablauf. Für dieses Jahrhundert hat Abshof
mehrere gleich bleibende Formzyklen in der Damenmode nachgewiesen. Wegen des
Wahrnehmungscharakters des Design und des der Wahrnehmung zugrunde liegenden
Mutations-(Abwechslungs-)Bedürfnisses verspricht die Analogie nutzbare
Prognoseergebnisse (Abshof, I.
1992).
Der andere Weg setzt nicht bei der Gestaltung, sondern bei
der Wirkung an. Es sind Prognosen
über zukünftige Käuferansprüche vonnöten. Wird demnächst das Prosaische, das
Märchenhafte, das Heimelige aufblühen? Über das, was morgen sein könnte, kann
man mit Fachleuten gemeinsam durch Nutzung der verschiedenen Kreativitätstechniken (z.B.
Delphitechnik, Szenario-Methoden) nachdenken.
Literatur:
Abshof, I. : Modetrends Deutscher
Mode, Köln 1992
Augstein, R. : SPIEGEL-Dokumentation:
Auto, Verkehr und Umwelt, Hamburg 1993
Becker, U./Becker, H./Ruhland, W. :
Zwischen Angst und Aufbruch, Düsseldorf et al. 1992
Burda, /Sinus, : Wohnwelten in
Deutschland, 2. A., Heidelberg et al. 1989
Gladbach, M. : Archetypen von
Produkten, Köln 1994
Koppelmann, U. : Design und Marketing
– Kunst contra Kommerz oder sich ergänzende Disziplinen?, in: DBW, 1988, S.
299 – 309
Koppelmann, U. : Produktmarketing, 4.
A., Heidelberg et al. 1992
Leitherer, E. : Design,
betriebswirtschaftliche Aspekte, in: HWB, Bd. 1, hrsg. v. Wittmann, W./Kern,
W./Köhler, R. et al., 5. A., Stuttgart 1993, Sp.753 – 764
sinus sociovision, : Informationen zu
den Sinus-Milieus 2005
(http://www.sinus-sociovision.de/Download/informationen%20012005.pdf)
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