Inhaltsübersicht
I. Begriff
II. Der
reedukative Ansatz der Organisationsentwicklung
III. Aktionsforschung
als Strategie zur gezielten Veränderung von Organisationen
IV. Der
soziotechnische Systemansatz
V. Zum
aktuellen Stand der Diskussion
VI. Hat
sich der Denkansatz der OE überlebt?
VII. Ausblick
I. Begriff
Der Begriff Organisationsentwicklung (OE) kann in der
Zwischenzeit bereits auf eine lange und wechselvolle Geschichte seines
Gebrauches zurückblicken. Dieser Terminus hat sich gegen Ende der 1950er-Jahre
in der angloamerikanischen Managementliteratur eingebürgert. Anfänglich sollte
er spezielle unternehmensinterne Trainingsmaßnahmen beschreiben, die auf eine
Veränderung bestimmter Einstellungen und Verhaltensmuster der Mitarbeiter
abzielten und die auf diesem Wege auch einen Wandel der Strukturen und Abläufe
in der Organisation in Gang setzen sollten (vgl. dazu Wimmer, 1991,
S. 69 ff.). Da man solche Veränderungsaktivitäten von Anfang an in enger
Kooperation mit einschlägig interessierten Sozialforschern konzipiert und
durchgeführt hat (vgl. dazu beispielhaft den Ansatz des Londoner
Tavistockinstitutes; ausführlich in Trist,
/Murray, 1993), wurde OE bald auch zum Etikett für jene
wissenschaftlichen Anstrengungen, die sich in der Forschung um ein besseres
Verständnis für die Möglichkeiten und Grenzen eines geplanten Wandels in
Organisationen bemühten. Dieser zweifache Verweisungszusammenhang ist dem
Begriff OE bis heute erhalten geblieben. Er benennt einerseits ein bestimmtes
Repertoire an Veränderungsmaßnahmen, auf das Manager wie Berater zurückgreifen
können, wenn es in der Praxis um den gezielten Wandel von als dysfunktional
erkannten Strukturen und Abläufen in Organisationen geht. Zum anderen meint er
aber auch eine ganz bestimmte Tradition angewandter Sozialforschung, eine
spezifische akademische Disziplin also, die sich im Kontext von Wissenschaft um
die erforderliche Theorieentwicklung auf diesem Gebiet kümmert (im
deutschsprachigen Raum gibt es allerdings nur ganz wenige Lehrstühle, die
explizit diesem Themenfeld gewidmet sind). Diese Janusköpfigkeit von OE hat im
Laufe der Zeit sowohl im Bereich der Praxis wie auch auf theoretischem Gebiet
eine Vielzahl von Experimenten und innovativen Denkansätzen hervorgebracht,
eben weil Theorie und Praxis stets in einem engen, sich wechselseitig
stimulierenden Kooperationsverhältnis zueinander standen. Diese enge
Verwobenheit von wissenschaftlicher Forschung und praktischem Tun hat aber zu
allen Zeiten auch große Verwirrung gestiftet und ist zweifelsohne
mitverantwortlich dafür, dass OE im akademischen Kontext als Spezialdisziplin
nach wie vor ein ausgesprochenes Außenseiterdasein fristet.
Um die Besonderheiten dieses Veränderungsansatzes adäquat zu
verstehen, lohnt sich ein Blick zurück in die Pionierzeit der OE. Legt man die
Wurzeln in der Entwicklung des Theoriegebäudes sowie des praktischen
Instrumentariums zur Förderung des gezielten Wandels in Organisationen im
Einzelnen frei, so lassen sich diese generell auf drei unterschiedliche
Traditionsstränge zusammenführen. Diese Wurzeln zeigen bei aller Vielfalt der
unterschiedlichen Entstehungszusammenhänge in den Grundannahmen über die
Verfasstheit von Organisationen und im Verständnis über die Veränderbarkeit
derselben große Gemeinsamkeiten. Es sind dies Gemeinsamkeiten, die bis heute
die Werthaltung und das professionelle Selbstverständnis der mittlerweile gar nicht
so kleinen „ OE-Szene “ prägen. Im Folgenden soll deshalb in aller Kürze auf
diese Traditionsstränge eingegangen werden.
II. Der reedukative
Ansatz der Organisationsentwicklung
Dieser OE-Zweig wurzelt in den Forschungsanstrengungen Kurt
Lewins, der in den 1940er-Jahren an seinem Research Center of Group Dynamics am
MIT die Bedingungen für die Möglichkeit von Einstellungs- und
Verhaltensänderungen in Gruppen zu erforschen versuchte. Im Zuge seiner
Forschungssettings entdeckten er und seine engsten Mitstreiter (Lippitt,
/Bradford, /Benne, ) die enormen Lernchancen, die darin liegen können, wenn
eine Gruppe sich selbst gezielt zum Gegenstand des Erforschens macht (Lippitt, 1974,
S. 272). Die Einsicht in die außergewöhnlichen Veränderungswirkungen von
Selbstreflexion in Gruppen, d.h. von sozialen Rückkoppelungsprozessen regte die
Einrichtung einer spezifischen Lernform an, die als „ Gruppendynamische
Trainingsgruppe “ bis heute intensiv genutzt wird (vgl. u.a. Wimmer, 1993).
Sie basiert auf der Beobachtung, dass Gruppen, wenn sie sich systematisch mit
den eigenen Strukturen, Rollenkonstellationen und Kommunikationsmustern
befassen, in einen Prozess der Selbstveränderung geraten, der verfestigte
Machtstrukturen verflüssigt und die Entfaltungsspielräume jedes Mitglieds
deutlich erhöht.
III. Aktionsforschung
als Strategie zur gezielten Veränderung von Organisationen
Eine andere Wurzel des OE-Ansatzes bilden jene Bemühungen
angewandter Sozialforschung, die auf Kurt Lewins Konzept der Feldforschung
zurückgehen (Lewin, 1982).
Der Grundgedanke dieser Forschungsrichtung liegt bekanntlich in dem Versuch,
die scharfe Trennung von Forschern und Beforschten, wie sie für das
Selbstverständnis der traditionellen empirischen Sozialforschung konstitutiv
ist, durch eine Neukonzeptualisierung des Forschungsprozesses zu überwinden.
Die Grundgedanken der Aktionsforschung haben auf vielfältige
Weise in die OE-Praxis Eingang gefunden. Ob es sich um die Durchführung von Mitarbeiterbefragungen
und die organisationsinterne Aufarbeitung ihrer Ergebnisse handelt oder um die
begleitende Evaluation von Projekten: stets geht es darum, dass Organisationen
sich in einem glaubwürdig produzierten Spiegel betrachten können. Hier sollten
sie sich wiedererkennen und dabei aber doch auch Seiten an sich zu sehen
bekommen, die Anlass für die eigene Weiterentwicklung bieten. Obwohl die
Aktionsforschung in ihrer Ursprungskonzeption Veränderungsimpulse gerade auch
ins Wissenschaftssystem einbringen wollte (als Alternative zu den klassischen
Methoden empirischer Sozialforschung), so sind ihre Wirkungen auf diesem Feld
letztlich mehr als bescheiden geblieben. Dies hängt nicht nur mit der
Veränderungsresistenz etablierter Forschungsmethoden zusammen, sondern in
erster Linie mit dem uneinlösbaren Anspruch der Aktionsforschung, uno actu
OE-Maßnahme und wissenschaftliche Forschung zu sein. Veränderungsprozesse in
Organisationen professionell zu steuern, ist eine Sache. Neue wissenschaftliche
Erkenntnisse zu produzieren, die innerhalb des Wissenschaftssystems Relevanz
gewinnen, ist ein ganz anderer Aspekt.
IV. Der soziotechnische
Systemansatz
Eine dritte Wurzel der OE geht auf Forschungsarbeiten zurück,
die Ende der 1940er-Jahre rund um das Tavistock Institute of Human Relations in
London intensiviert worden sind. An Hand von Feldforschungen in einigen
britischen Kohlebergwerken ging das Institut der Frage nach, welcher
Zusammenhang zwischen einer bestimmten Produktionstechnologie und
korrespondierenden Kommunikationsstrukturen in der Arbeitsorganisation
hinsichtlich der Arbeitsproduktivität
zu beobachten sind. In den ersten Feldversuchen ging man dabei noch von der
These aus, dass die Technologie der bestimmende Faktor sei, und die sozialen
Verhältnisse, die Zusammenarbeitsformen der Beschäftigten sich diesem
unterzuordnen haben (Herbst, 1975,
S. 22).
Die erkenntnisleitende Annahme, dass eine in der Praxis
anzutreffende Arbeitsorganisation die notwendige Folge einer bestimmten
Technologie sei, wurde erst aufgegeben, als 1954 von Emery, / und Trist, die
zweite Serie von Bergbaustudien begonnen wurde und etwa zur gleichen Zeit A. K.
Rice in einer indischen Weberei die Wirkungen unterschiedlicher Formen der
Arbeitsorganisation auf experimentelle Weise studieren konnte (Rice, 1963).
Angeregt durch die Ergebnisse der ersten Forschungsphase des
Tavistockinstitutes im Kohlebergbau wollten Emery und Trist ihre These von der
Dominanz des technologischen Systems durch weitere empirische Studien erhärten.
In der Zwischenzeit hatte die Langfrontmethode zum Abbau von Kohle in den meisten
britischen Bergwerken Eingang gefunden, sodass sich die Möglichkeit bot, bei
ein und derselben Technologie zwei unterschiedliche Organisationsformen der
Arbeit unter Tag miteinander zu vergleichen und ihre Auswirkungen sowohl auf
die Produktivität als auch auf bestimmte soziale Indikatoren zu studieren. Die
eine Form der Arbeitsorganisation war folgendermaßen strukturiert: es gab einen
Produktionszyklus mit drei Schichten bei hoher Spezialisierung der einzelnen
Arbeitsrollen und hoher Interdependenz zwischen den Schichten. Emery und Trist
nennen sie die konventionelle Langfrontmethode (Emery,
/Trist, 1969, S. 285). Die andere Form fußte auf der formellen
Existenz autonomer Gruppen, die sich selbst zusammenfanden und sich die
anfallenden Tätigkeiten gruppenintern aufteilten. Diese Teams waren jeweils für
einen ganzen Produktionszyklus verantwortlich. Hinsichtlich des
Arbeitsprozesses übernahm jede Schicht den Zyklus an jenem Punkt, wo die
vorherige Schicht aufgehört hatte. Jeder Bergarbeiter erhielt den gleichen
Grundlohn, Leistungsprämien gingen an die Gruppen, die diese Zusatzentlohnung
gruppenintern verteilten. Die Tavistockforscher sprechen hier von der
kombinierten Langfrontmethode (ebenda). In der konventionellen Form wird eine
komplexe formale Struktur mit einfachen Arbeitsrollen, in der kombinierten Form
wird eine einfache formale Struktur mit komplexen Arbeitsrollen verbunden. Im
ersten Fall fühlt sich jeder Bergarbeiter seiner ihm zugeordneten Teilaufgabe
verantwortlich. Gegenüber den Auswirkungen seines Verhaltens auf andere kann er
unempfindlich bleiben. „ Im kombinierten System ist der Bergarbeiter der Aufgabe
der gesamten Gruppe verpflichtet; folglich wird er in eine Vielzahl von
Aufgaben einbezogen, wobei er mit verschiedenen Mitgliedern der Arbeitsgruppe
kooperiert. Er kann an jeder Arbeit an der Abbaufront zusammen mit jedem
Gruppenmitglied beteiligt werden und seinen Beitrag zu jeder Schicht leisten “ (Trist, 1975,
S. 207).
V. Zum aktuellen Stand
der Diskussion
Das Interventionsrepertoire und die dazugehörigen
Denkinstrumente der OE sind in einer Zeit entstanden, die ein bestimmtes
Verständnis von Organisationen und des Wandels derselben nahe legten. Die kurze
Rekonstruktion der drei Traditionsstränge sollte diesen zeit- und
organisationsgeschichtlichen Zusammenhang verdeutlichen. Die Gründerfiguren der
OE hatten einen ganz bestimmten Typus von Organisation vor Augen. Ihre eigenen
praxisbezogenen Erfahrungen und Forschungen hatten die Überzeugung geprägt, dass
Organisationen zu sehr hierarchiebetont strukturiert sind, dass sie in ihren
internen Beziehungen im Übermaß von bürokratischen Spielregeln dominiert
werden, dass der tägliche Kampf um persönliche Macht- und Einflusspositionen
letztlich alle sachlichen Entscheidungsprozesse überlagert, dass eine
übertriebene Arbeitsteiligkeit die Organisation zu sehr zersplittert und
deshalb der Blick fürs Ganze im Ringen um die Durchsetzung von Teillogiken
häufig verloren geht. Man ging in dieser Tradition zumeist von der Annahme aus,
dass die wesentlichen Entscheidungsbefugnisse zu stark an der jeweiligen
Organisationsspitze zentralisiert sind und dass solche prinzipiell
hierarchieorientierten Führungsstrukturen in der Praxis einen riesigen Aufwand
für die Aufrechterhaltung von Fremdkontrolle benötigen. Vor allem in den
impliziten Wirkungen derartiger Organisationsverhältnisse auf die unter solchen
Umständen arbeitenden Menschen sah man in den ersten Jahrzehnten der Geschichte
der OE das eigentliche Kernproblem. Solche Organisationen tun ihren Mitgliedern
Gewalt an, sie schränken ihren Entfaltungsspielraum ein. Das hohe Maß an
Fremdbestimmtheit, das mit allen Formen hierarchisch-bürokratischer
Machterhaltung unweigerlich verbunden ist, lässt das Leistungspotenzial der Beteiligten
verkümmern und letztlich wenig Eigenmotivation und Eigenverantwortung
entstehen. Die starke Dominanz hierarchischer Ordnungsprinzipien reduziert die
in formellen Zusammenkünften diskutierbaren Themen, der erforderliche Grad an
Offenheit kann sich in einem solchen Klima der Vorsicht nicht entwickeln,
vieles hat nur mehr im Informellen seinen Platz, wo der Nährboden für
energiefressende Gerüchte, Verdächtigungen und folgenschwere Missverständnisse
wächst und gedeiht. Unter solchen Bedingungen können natürlich keine
arbeitsfähigen Teams entstehen. Das besondere Problemlösungspotenzial, das in
gut funktionierenden Gruppen steckt, kann deshalb von solchen Organisationen
nicht genutzt werden.
Ein ganz wesentliches Merkmal dieses Typs von Organisation
ist ihr Umgang mit Entscheidungen. Über Entscheidungen wird zwar informiert
(von oben nach unten), aber nicht diskutiert. So etwas wie Zweiwegkommunikation
passt nicht in diese Art von Organisationsrealität. Dahinter steckt das
klassische hierarchiestabilisierende Verständnis von Autorität. Autorität
wahrnehmen heißt in diesem Sinne, davon ausgehen zu können, dass Entscheidungen
nicht weiter hinterfragt werden müssen, dass es nicht notwendig ist, die
Betroffenen, ihr Wissen, ihre Fürs und Widers mit aufzunehmen. Hierarchie
erübrigt Kommunikation. Sie kann die Akzeptanz und damit die sachgerechte
Folgebereitschaft der Adressaten von Entscheidungen qua Struktur unterstellen.
Insgesamt ist dies ein Bild von hoher struktureller Stabilität. Solche Systeme
haben gelernt, Veränderungsimpulse in einer Weise aufzugreifen, dass man rasch
wieder ins gewohnte Gleichgewicht der eingespielten Muster und
Machtgegebenheiten zurückpendeln kann. Im Sinne der Kybernetik dominieren
eindeutig negative Rückkoppelungsmechanismen in der Bearbeitung von
Abweichungen. Hat man solche Organisationen vor Augen, dann geht man
offensichtlich von Umweltbedingungen aus, die diese Art von Strukturstabilität
zulassen.
Diesem vielfach sehr pragmatisch gewonnenen Verständnis von
Organisation (eine Ausnahme bildet der sozio-technische Systemansatz)
korrespondiert das Konzept des Wandels und der diesem Wandel zugrundegelegten
Ziele. Es ist hier nicht der Platz, auf dieses Wandelkonzept und sein
Instrumentarium im Detail einzugehen (vgl. dazu exemplarisch das Erfolgsbuch
von Doppler,
/Lauterburg, 2002; bzw. den amerikanischen Klassiker von Cummings,
/Worley, 2001). Insgesamt ist vor diesem Hintergrund die große
Popularität des Dreiphasenmodells von Kurt Lewin (zuerst auftauen, dann
verändern und schließlich den gewünschten Zustand wieder stabilisieren) mehr
als verständlich. Es ist dies ein Konzept des Wandels, das von vergleichsweise
stabilen Organisationsverhältnissen ausgeht, die sich in Organisationsumwelten
reproduzieren können, die langsame, evolutionäre Anpassungsprozesse an
veränderte Überlebensbedingungen zulassen. Dies erklärt, warum in der OE
Umweltherausforderungen eine eher untergeordnete Rolle spielen und die
Konzentration auf organisationsinterne Themen und hier insbesondere auf die
soziale Dimension des zwischenmenschlichen Kooperierens und Kommunizierens so
im Vordergrund stehen.
Die von der OE unterstellten Organisationszustände sind auch
heute noch an vielen Stellen beobachtbar. Sie dominieren aber längst nicht mehr
das Bild von Unternehmen, wie sie es insbesondere bei größeren börsennotierten
oder staatsnahen Betrieben noch bis Ende der achtziger Jahre getan haben.
Unternehmen sind in der Zwischenzeit mit ganz anderen
Veränderungsherausforderungen konfrontiert. Heute geht es vor allem um
Geschwindigkeit, um die Bewältigung der Internationalisierungsdynamik, um den
Umgang mit außergewöhnlichen Produktivitätszwängen, um das Auffangen können
völlig überraschender Brüche in den Technologien wie in den Märkten. Letztlich
geht es um das stetige Auflösen und wieder Neuzusammenfügen ganzer Unternehmen
bzw. von Unternehmensnetzen etc. Das überkommene Wandelkonzept der OE „ lässt
dafür keine Weiterentwicklung zu und ist nicht anschlussfähig an die
relevantesten neuen Entwicklungen in Theorie und Praxis “ . So die schroffe These
von Schreyögg (Schreyögg, 1999).
Was ist dran an dieser Behauptung?
VI. Hat sich der
Denkansatz der OE überlebt?
Seit dem Beginn der 1990er-Jahre sieht sich die OE-Szene mehr
und mehr mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Zunächst waren es die
großen Industrieunternehmen, später dann auch die Unternehmen des
Dienstleistungssektors, die sich angetrieben durch radikal veränderte
Wettbewerbsverhältnisse veranlasst sahen, ihre Binnenstrukturen von Grund auf
zu erneuern. Die jahrzehntelang bewährten, funktionsorientierten Bauprinzipien
mit ihren vielstufigen, hierarchiegeprägten Führungsstrukturen hatten plötzlich
ausgedient. Neue Formen der Binnendifferenzierung, d.h. neue
Organisationsarchitekturen begannen sich durchzusetzen: die Logik der
Geschäftsfeldgliederung, die Prozessorganisation, die Dominanz von Projekten,
etc. Neue Muster der Kooperation und Konkurrenz zwischen Unternehmen
kristallisierten sich heraus, die dem Netzwerkgedanken eine ungeahnte Bedeutung
verliehen. Die Entwicklungen auf den weltweiten Kapitalmärkten stimulierten
eine neue Wachstumsphilosophie. Organisches Wachstum finanziert aus eigener
Kraft schien plötzlich nicht mehr wettbewerbsadäquat. Fusionen und
Akquisitionen standen in einem bislang noch nie da gewesenen Ausmaß auf der
Tagesordnung. Die neuen Herausforderungen eines weltweit integrierten
Wirtschaftssystems brachten Unternehmen hervor, die selbst ihre
Organisationseinheiten über den Erdball spannten und sich damit eine
Komplexität eingehandelt haben, mit der umzugehen es noch ganz wenig valide
Erfahrungen gibt (vgl. dazu etwa Bartlett,
/Ghoshal, 2002). Die beschriebene Veränderungsdynamik hat in
der Zwischenzeit längst auch die Organisationen des Gesundheitswesens, der
staatlichen Verwaltung, von Bildung und Wissenschaft erfasst. Tendenziell alle
Organisationen unserer Gesellschaft sind von diesem Wirbelsturm betroffen, der
sie in einen tiefgehenden Strukturwandel zwingt.
Das historisch absolut Neue an dieser Entwicklung ist der
Umstand, dass Organisationen ihre Grundstrukturen nicht mehr naturwüchsig
vorfinden, sondern gezwungen sind, ihre interne Differenzierungslogik
ausgerichtet an den Herausforderungen ihrer jeweiligen Umwelten immer wieder
neu zu bestimmen. Mit dem Kontingentwerden der Grundarchitekturen von
Organisationen ist auch die OE in ein neues Zeitalter eingetreten. Die
vertrauten Widersprüche, denen sie ihre Entstehung verdankte, haben
unwiederbringlich ihre Leitfunktion verloren. Mit dem Bemühen von
Organisationen durch einen Wandel ihrer Strukturen ihre Antwortfähigkeit
gegenüber veränderten Umweltherausforderungen immer wieder zu erneuern, ist
Organisationsentwicklung zur Daueraufgabe des Managements geworden. Da
funktionstüchtige Führungsstrukturen lediglich die Kehrseite des jeweils
gewählten Organisationsdesigns darstellen, gilt es bei einschneidenden
Veränderungen in diesem Design diese Strukturen mit in einen stimmigen
Transformationsprozess zu bringen. Veränderungsmanagement bedeutet daher für
die betroffenen Entscheidungsträger immer zu allererst Selbstveränderung, eine
Einsicht, die in der Praxis noch nicht all zu weit verbreitet ist.
Die heute so erfolgskritische Fähigkeit von Organisationen,
ihre Grundstrukturen bei Bedarf immer wieder erfolgreich zu erneuern, bedingt
eine andere kommunikative Qualität im Verhältnis der verantwortlichen
Entscheidungsträger untereinander, aber auch in ihrer Beziehung zu den
Beschäftigten. Mit dieser Abhängigkeit haben sich Organisationen allerdings
ein, gegenüber früher, völlig neues Problem eingehandelt. Sie müssen ihren
traditionell äußerst restriktiven Umgang mit Kommunikation total umbauen. Fußte
die klassische Hierarchie auf dem Prinzip, Arbeit
so zu organisieren, dass zu ihrer effizienten Erledigung möglichst wenig
miteinander kommuniziert werden musste, so gilt unter den heutigen
organisationsinternen Strukturbedingungen das genaue Gegenteil. Die Effizienz
der Prozesse baut auf eigenverantwortlich wahrgenommene, prozessbegleitende
Abstimmungsaktivitäten, die ihrerseits gelingende Kommunikation zwischen allen
Beteiligten zur Voraussetzung haben. Mit der Explosion organisationaler
Eigenkomplexität ist der Faktor Kommunikation als Koordinationsmechanismus
zwischen den Hierarchieebenen, aber noch mehr zwischen an sich weitgehend
selbstständigen Einheiten zum alles entscheidenden Engpass geworden. Damit ist
die Schaffung geeigneter Kommunikationsräume, in denen die Funktionsträger
Lösungen für die aktuell anstehenden Entscheidungslasten und Zielkonflikte
miteinander aushandeln, nicht mehr ein Anliegen, das der Hierarchie gegen ihren
Willen abgetrotzt werden muss. Das Herstellen und ständige Verbessern
aushandlungsorientierter Kommunikationsstrukturen ist selbst zu einer ganz
besonders erfolgskritischen Führungsaufgabe geworden.
Genau auf diesen Punkt zielten doch viele der Veränderungsbemühungen
traditioneller OE-Projekte. Sie schufen geschützte Kommunikationsgelegenheiten,
die es möglich machten, über heikle organisationsrelevante Dinge miteinander zu
sprechen, die im Alltag aus welchen Gründen immer keinen Platz fanden. Insofern
ist der Einschätzung Baeckers voll zuzustimmen: „ Die tatsächliche Aufgabe, das
hidden curriculum der OE bestand in den vergangenen Jahrzehnten in der
Wiedereinführung der Kommunikation in die Organisation, das heißt in der
Korrektur eines technischen zugunsten eines sozialen Verständnisses von
Organisation “ (Baecker, 2003,
S. 137). Die alte kommunikationsvermeidende Allianz zwischen optimaler
technischer Lösung und hierarchischer Durchsetzung derselben, diese
jahrzehntelange Koalition von Technik und Hierarchie ist nicht zuletzt dank des
Alternativbewusstseins, das mit der Denkwelt der OE in die Organisation
gekommen ist, ein für allemal zerbrochen. Jene Organisationsprobleme, zu deren
Lösung die OE ursprünglich angetreten ist, stehen heute so nicht mehr im
Vordergrund. Die „ heilige Ordnung “ (Hierarchie) mit all ihren
Thematisierungstabus ist einer „ säkularisierten “ Strukturvielfalt gewichen, die
natürlich auch weiterhin auf die hierarchischen Ebenenunterschiede nicht
verzichten kann. Die Funktion dieses Ebenenunterschiedes ist jedoch eine
gänzlich andere geworden (vgl. dazu Baecker, 2001).
Insofern droht die OE, wenn sie an ihren ursprünglichen Idealen und
Interventionsformen festhält, „ ein Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Denn
davon, dass hier hervorragende Arbeit geleistet worden ist, gehe ich auch dann
aus, wenn das Management der Organisationen vielfach anderer Meinung ist – und
anderer Meinung sein muss, denn immerhin ist hier eine Arbeit geleistet worden,
für die das Management selbst einmal angetreten ist und an der es gescheitert
ist. Die OE-Perspektive hat sich auf breiter Front durchgesetzt. Selbst dort wo
sie nicht akzeptiert wird, tut man dies mit Gründen, die aus dem Wortschatz
dieser Perspektive stammen “ (Baecker, 2003,
S. 135).
VII. Ausblick
Die OE-Szene befindet sich seit geraumer Zeit an einer
entscheidenden Weggabelung. Sie kann sich dafür entscheiden, an ihrem
überkommenen Verständnis von Organisation und dem Wandel derselben
festzuhalten, ihre normativen Prämissen als identitätsstiftende Basis weiter zu
pflegen und das tradierte Repertoire in der Strukturierung von
Veränderungsprozessen noch zu verfeinern. Man muss kein Prophet sein, um
angesichts der Dynamik, die im Wechselspiel zwischen Organisationen und ihren
jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldern zur Zeit zu beobachten ist, voraussehen
zu können, dass dieser Disziplin und ihrem praktischen Pendant dann in der
Beratungslandschaft keine blühende Zukunft beschert sein wird. Ihre weitere
Marginalisierung scheint unaufhaltsam. Die heutigen Anforderungen an das
wiederholte Umbauen von Organisationen sind mit dem Grundverständnis von OE
schwer vereinbar. Sie „ steht diesen wilderen und ungeordneten Formen
organisatorischen Wandels konzeptionell hilflos gegenüber “ (Schreyögg, 1999,
S. 78). Auch die Einführung neuer Termini, die den Begriff der OE ablösen
sollen, wie z.B. Change Management, wird das angesprochene Kernproblem nicht
lösen. Solche neuen Begriffe sind ein Symptom für das Unbehagen der OE-Szene an
sich selbst und schaffen keinen Aufbruch zu neuen Ufern, wenn es nicht gelingt,
eine angemessene Konzeptualisierung sowohl für die in der Zwischenzeit stark
veränderte Organisationslandschaft wie auch für die heutigen Anforderungen an
einschneidende Umgestaltungsprozesse, die stets unter erheblichem Zeitdruck
stattfinden, zu entwickeln (vgl. dazu etwa Wimmer, 1998;
Wimmer, 1999).
Es ist Schreyögg, zuzustimmen, wenn er feststellt, dass aus dem Change
Management bislang kein eigenständiges Konzept erwachsen ist, das über die
OE-Tradition deutlich hinausweisen würde (Schreyögg, 1999,
S. 76).
Analysiert man das Theoriegebäude der OE und ihr Set an
Grundüberzeugungen, dann ist das Festhalten am bisherigen professionellen
Selbstverständnis allerdings naheliegend. Die OE-Szene pflegt einen ausgesprochen
normativen Erwartungsstil, d.h. sie verfügt über ein recht stabiles
Wertegerüst, mit dessen Hilfe sie an ihren Realitätskonstruktionen auch dann
festhalten und diese immunisieren kann, wenn verbreitete Erfahrungen eine
Weiterentwicklung des Ansatzes eigentlich nahe legen würden. Deshalb sind die
Selbstentwicklungsmöglichkeiten der OE schon aus immanenten
theoriearchitektonischen Gründen sehr begrenzt. Unterstützt wird diese
Limitierung durch den hohen Grad an Fragmentierung und Vereinzelung der Szene
in Deutschland. Aufgrund dieses geringen Institutionalisierungsniveaus der OE
ist es über all die Jahre auch nicht gelungen, akzeptierte Standards für zu
durchlaufende Professionalisierungswege zu entwickeln und durchzusetzen (vgl.
dazu ausführlicher Kühl, 2001).
Alles in allem sprechen die genannten Indizien nicht dafür, dass sich die OE
dem brennenden Veränderungsdruck, dem sich Organisationen in ihren heutigen
Umfeldern ausgesetzt sehen, wirklich stellen wird. Dies ist deshalb
ausgesprochen bedauerlich, weil im reichhaltigen Fundus vieler OE-Projekte ein
enormes Veränderungswissen angesammelt worden ist, das kombiniert mit einem
adäquaten Verständnis für die aktuelle Dynamik in Organisationen, vor allem für
deren zentrale Überlebensfragen auch künftig von großem Wert sein könnte.
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