Inhaltsübersicht
I. Interorganisationale
Netzwerke
II. Determinanten
des Erfolgs regionaler Netzwerke
III. Kritische
Würdigung
I. Interorganisationale
Netzwerke
Wenn heute von neuen Leitbildern für Organisation und
Unternehmensführung gesprochen wird, dann ist auch von besonderen
Herausforderungen für Beziehungen zwischen Organisationen die Rede. Formen
organisationsübergreifender Zusammenarbeit können auf bilaterale Beziehungen
beschränkt sein. Sie können aber auch eine größere Anzahl interagierender
Organisationen mit einschließen. In diesem Fall wird von einem
interorganisationalen Netzwerk gesprochen, das sich durch eine mehr oder
weniger kooperative, formalisierte und stabile Arbeitsteilung und
Zusammenarbeit rechtlich selbstständiger Organisationen auszeichnet.
In der Literatur finden sich je nach Tätigkeit und Gestaltung
unterschiedliche Bezeichnungen für interorganisationale Netzwerke, wie
strategische Netzwerke, Wertschöpfungsnetzwerke, Innovationsnetzwerke,
virtuelle Netzwerke und industrielle Distrikte (Grabher,
Gernot 1993). Es gibt auch eine Vielzahl unterschiedlicher
Kriterien, die zur Typologisierung der verschiedenen Formen
interorganisationaler Netzwerkbeziehungen herangezogen werden. Dazu gehören
z.B. die Art der Interdependenz (komplementär oder kommensalistisch), die
Richtung der Beziehungen (horizontal oder vertikal), die Intensität der
Beziehung (direkter oder indirekter Austausch) und die räumliche Verteilung der
vernetzten Organisationen (regional, international oder global) (Langlois,
Richard/Robertson, Paul 1995).
Ein gesteigertes Interesse ist in letzter Zeit besonders an
der Entstehung und Weiterentwicklung von interorganisationalen Netzwerken, in
denen sich hauptsächlich kleine und mittlere und auf wenige Produktionsschritte
spezialisierte Unternehmen kooperativ zusammenfinden, festzustellen. Hierbei
handelt es sich oft um räumlich konzentrierte Unternehmensnetzwerke, die bzgl.
ihrer Innovations- und Lernpotenziale eine wesentliche Grundlage regionaler
Leistungsfähigkeit bilden und auch kleinen und mittleren Unternehmen die
Möglichkeit geben, sich im globalen Wettbewerb mit Produzenten in Niedrigkostenländern
zu behaupten. Der vorliegende Beitrag soll einen Überblick über die
Grundaussagen in der Literatur zu regionalen Netzwerken bieten. Als empirische
Beispiele für die Aussagen dienen die Erfahrungen der Industriedistrikte im
nördlichen Italien, dem sog. „ Dritten Italien “ .
1. Das regionale Unternehmensnetzwerk als
Typus interorganisationaler Netzwerke
Ein wesentliches Merkmal regionaler Unternehmensnetzwerke ist
das gemeinsame soziale Milieu, in das die Unternehmen, ihre Mitarbeiter und die
lokalen institutionellen Organisationen eingebunden sind (Maillat,
Denis 1995). Dieses Milieu zeigt sich in einem gemeinsamen
Verständnis von Kooperation, Kommunikation und Konfliktlösung und in dem
intensiven Austausch von materiellen Ressourcen, Informationen und insb. nicht
standardisierbarem Wissen. Man spricht von solchen Netzwerken als
„ socio-territorial entity which is characterised by the active presence of both
a community of people and a population of firms in one naturally and
historically bounded area “ (Becattini,
Giacomo 1990, S. 38). Demnach ist das Zusammenfließen von
Unternehmen und Gesellschaft in der Region für die Leistungsfähigkeit der
Netzwerke von herausragender Bedeutung.
Die kooperative Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen
erstreckt sich nicht auf alle Bereiche. Tatsächlich besteht ein ausgeprägter
Wettbewerb unter den Firmen, der jedoch weniger über den Preis von Gütern und
Dienstleistungen als über die Differenzierung des Outputs und der
Produktionsprozesse verläuft (Lazerson,
Mark 1988). Der Wettbewerb beschränkt sich hauptsächlich auf die
Bereiche, in denen Unternehmen eine eigene und distinkte Kompetenz entwickeln
können und in denen idiosynkratisches Wissen eine wichtige Rolle spielt (z.B.
in den Bereichen Design, Forschung und Prototypentwicklung). Kooperative
Austauschbeziehungen beschränken sich mehr auf Aktivitäten mit einem hohen
Standardisierungsgrad (z.B. Buchhaltung und Mitarbeiterausbildung in den
Grundfähigkeiten) und Bereiche, in denen Skalenerträge sich über die Grenzen
der Unternehmen hinweg erstrecken (z.B. Einkauf und Teilnahme an Industriemessen).
Die vermeintlichen Inkompatibilitäten von Kooperation und Wettbewerb lösen sich
in einer gemeinsamen Netzwerkstrategie auf, in der eine für alle Beteiligten
optimale Mischung der beiden Kräfte angestrebt wird und so die
Transaktionskosten innerhalb des Netzwerkes (anstatt innerhalb der Unternehmen)
reduziert werden.
2. Beispiele regionaler Netzwerke
Beispiele für innovative Regionen mit intensiven,
soziokulturell verankerten und institutionell stabilisierten Organisations- und
Kommunikationsnetzwerken sind die hochtechnologieorientierten Distrikte in
Kalifornien im Bereich Halbleiterfertigung und Biotechnologie und das
medizintechnische Cluster im baden-württembergischen Tuttlingen, die Pariser
Modeindustrie, die Finanzdienstleistungsdistrikte in London und New York, die
Multimedia- und Kulturdistrikte in Südkalifornien und die größere Anzahl von
Industriedistrikten in Norditalien in Bereichen wie Schuhwaren, Textil und
Keramik. Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die wirtschaftlichen
Bereiche sind, in denen regionale Netzwerke sich neben anderen Formen der
Produktion und des Austauschs behaupten und sogar prosperieren können. In
einigen dieser Netzwerke steht die Entwicklung fortgeschrittener Technologien
im Vordergrund, in anderen geht es um die Bereitstellung innovativer
Dienstleistungen oder um die Entwicklung modischer und kurzlebiger Produkte.
Auch traditionelle und gereifte Branchen können erfolgreich über regionale
Netzwerke organisiert sein, wie z.B. die Möbel- und Nahrungsmittelproduktion in
einigen Teilen Dänemarks (Maskell,
Peter 1998).
Ein Beispiel für ein produktspezialisiertes, regionales Netzwerk
ist der Strickwarendistrikt von Modena, Italien (Lazerson,
Mark 1995). Der Modena-Distrikt gehört zu den Regionen Italiens, in
denen traditionelle Handwerkstrukturen eine bedeutende Rolle spielen und die
ansässigen mittelständischen Unternehmen sich auf die Herstellung qualitativ
hochwertiger Produkte spezialisieren. Die Unternehmen sind im Durchschnitt sehr
klein und werden als Familienbetriebe geführt. Von den etwa 2.500
Strickwarenherstellern Mitte der 1990er-Jahre beschäftigten 70 Prozent weniger
als fünf Arbeiter (mithelfende Familienmitglieder mitgerechnet). Weniger als
ein Drittel der Hersteller produzieren ein Endprodukt und nur etwa fünf Prozent
dieser Firmen stellen eine mehr oder weniger komplette Palette an
Bekleidungsstücken her. Die meisten der Unternehmen sind reine Zulieferer, die
im Auftrag anderer Firmen bestimmte Produktionsaufgaben übernehmen, oder
Firmen, die ein Endprodukt vermarkten, sich auf Design konzentrieren oder den
Produktionsablauf innerhalb der Wertschöpfungskette koordinieren. Die
Hersteller beschränken sich in der Regel auf wenige Verarbeitungsschritte, wie
z.B. das Bedrucken oder Besticken von Stoffen, die Herstellung von Knöpfen oder
das Anbringen von Etiketten.
Diese ausgeprägte, unternehmensübergreifende Arbeitsteilung
erfordert ein ausgeklügeltes und anpassungsfähiges Koordinationssystem.
Hilfreich dabei ist die räumliche Nähe der Unternehmen. Sie erleichtert den
Warenverkehr sowie den Austausch von Informationen, insb. den Austausch von nur
schwer artikulierbarem Wissen.
Doch sie garantiert nicht die für Innovationen nötige soziale Nähe. Diese nährt
sich aus einer historisch gewachsenen Kooperationskultur und wird durch
vertrauensfördernde, institutionelle Maßnahmen und Organisationen unterstützt.
II. Determinanten des
Erfolgs regionaler Netzwerke
1. Flexible Spezialisierung
Typisch für die in zahlreichen Fallstudien untersuchten
erfolgreichen Netzwerke ist der hohe Spezialisierungsgrad der Unternehmen und
die dadurch erforderliche hohe Verflechtung der Akteure sowohl auf personaler
wie organisationaler Ebene. Unter den Bedingungen wechselhafter Nachfrage und
stark segmentierter Märkte können sich kleine Unternehmen einen komparativen
Vorteil erarbeiten, indem sie sich innerhalb der Wertschöpfungskette auf
bestimmte produkt- und/oder prozessbezogene Kompetenzen beschränken.
Spezialisierte Unternehmen können so schneller auf unvorhergesehene
Marktschwankungen reagieren als integrierte Massenhersteller, die eine ihrer
Größe entsprechende rigide, bürokratische Kontrollstruktur benötigen. Der Sinn
für Fokus, unterstützt durch den Einsatz flexibler Technologien, bedeutet
niedrigere Overheadkosten, schlanke Organisationsstrukturen und schnelle
Entscheidungsprozesse. Außerdem schafft die Spezialisierung der lokalen
Unternehmen in unterschiedlichen Kompetenzen eine für Innovationen förderliche
Diversität, wie sie in evolutionstheoretischen Studien gewöhnlich betont wird (Staber, Udo
2001a). In dem Maße, wie die spezialisierten Kompetenzen der Unternehmen in
einem interorganisationalen Verflechtungsnetzwerk aufeinander abgestimmt sind,
wird die Flexibilität der gesamten Wertschöpfungskette in der Region erhöht.
Die wirtschaftlichen Vorteile der flexiblen Spezialisierung
werden gewöhnlich im Rahmen der neuen Institutionenökonomik thematisiert. Aus
der Sicht der Williamson\'schen Transaktionskostentheorie löst flexible
Spezialisierung das Problem der Anpassung von Unternehmen in Märkten mit hoher
Nachfrageunsicherheit und Aufgabenkomplexität (Williamson,
Oliver E. 1985). So ist es nicht überraschend, dass regionale
Netzwerke mit einem hohen Spezialisierungsgrad besonders in Industrien
entstehen, die in Nischenmärkten mit starken Nachfrageschwankungen und unter
hohem Innovationsdruck operieren (z.B. Elektronik, Kultur/Unterhaltung und
Modekleidung). Mit Blick auf die durch Steuerung anfallenden Transaktionskosten
bedeutet dies, dass die Probleme der Koordination von der Ebene der
Einzelunternehmung auf die des Netzwerkes verlagert werden und somit ein
wirksames, interorganisationales Steuerungsinstrument erfordern. Aus
transaktionskostentheoretischer Sicht bieten Netzwerke eine effiziente
Organisationsform, die unter Bedingungen hoher Nachfrageunsicherheit,
Aufgabenkomplexität und Innovationsdruck alternativen Formen des Austauschs
überlegen ist. Doch ein hoher Spezialisierungsgrad führt zu Abhängigkeiten von
Netzwerkpartnern, die wegen der damit einhergehenden Unsicherheiten
Abstimmungsprozesse und intensiven Informationsaustausch notwendig machen und
hohe Anforderungen an die organisatorische Leitung des Netzwerkes stellen.
2. Soziale Einbettung und Vertrauen
Räumliche Nähe erleichtert den Austausch von Informationen
und Ressourcen insofern, als sie die entfernungsabhängigen Kosten reduziert und
direkten, persönlichen Austausch unter Personen ermöglicht. Sie bedeutet jedoch
nicht unbedingt eine für effizienten Austausch notwendige soziale Nähe und das
damit zusammenhängende Sichverstehen. Netzwerkorientierte Aktivitäten, wie z.B.
die Auswahl geeigneter Partner und die Bewertung der Ergebnisse, erfordern ein
gewisses Maß an Vertrauen
unter den beteiligten Akteuren, d.h. die Bereitschaft, Vorleistungen ohne die
Gewissheit des Erhalts von Gegenleistungen zu erbringen.
Fallstudien zeigen, wie eine effektive Steuerung regionaler
Netzwerke durch die Einbettung der beteiligten Akteure in lokale soziale
Strukturen, die einen gewissen Zusammenhalt der unter Wettbewerbsdruck
stehenden Hersteller ermöglichen, unterstützt wird. Diese soziale Einbettung
wird von vielen Forschern als eine zentrale Ursache für das Entstehen und die
Stabilität regionaler Netzwerke gesehen (Lorenzen,
Mark 1998). Es lassen sich drei Dimensionen der sozialen Einbettung
unterscheiden: eine strukturelle, eine relationale und eine kognitive
Dimension.
Die strukturelle Dimension beinhaltet das personenunabhängige
Gefüge der Netzwerkverbindungen. Sie umfasst damit bspw. das Vorhandensein oder
Fehlen von Verbindungen zwischen einzelnen Akteuren, die Konfiguration eines
Netzwerkes oder das Beziehungsportfolio eines Akteurs. In der Literatur sind es
insb. die Heterogenität des Netzwerkes sowie die Multiplexität spezifischer
Netzwerkbeziehungen, die als erfolgskritisch gesehen werden. Die Rollenüberlagerung
in multiplexen Beziehungen erhöht das Ausmaß und die Unterschiedlichkeit an
Ressourcen, die Akteuren zur Verfügung stehen, und somit die Lern- und
Innovationsfähigkeit des Netzwerkes. In den industriellen Distrikten des
„ Dritten Italiens “ kommen diese strukturellen Aspekte der Netzwerke durch
Familienverbünde zustande. In anderen Distrikten ist es eher eine hohe
berufliche Mobilität von Mitarbeitern, die die Unternehmen miteinander
verbindet und das Vertrauen stärkt.
Die relationale Dimension der sozialen Einbettung beschreibt
die Eigenschaften einer spezifischen Beziehung, auf deren Basis die Beziehung
funktioniert. In diesem Zusammenhang sind bspw. gemeinsam geteilte Normen und
Verpflichtungen zwischen Akteuren von Bedeutung. Sie stellen Orientierungshilfen
für Handlungsentwürfe dar, die das Verhalten der Akteure koordinieren und
einschätzbar machen helfen. In Netzwerken zeigt sich die relationale Dimension
in der Art, wie soziale Kontrollmechanismen zur Verhinderung von
Vertrauensmissbrauch durch betrügerische Handlungen einzelner Personen
eingesetzt werden.
Die kognitive Dimension der sozialen Einbettung stellt einen
bedeutenden Aspekt des sozialen Zusammenhalts eines Netzwerkes dar, da sie
Akteuren eine wechselseitige Interpretation ihrer Handlungsabsichten und
Deutung von Ereignissen ermöglicht. Die interpretativen Schemata können als
Filter verstanden werden, durch die Informationen aufgenommen und anschließend
verarbeitet werden. In der Folge entsteht eine spezifische Ressource, die ein
gemeinsames Verständnis kollektiver Ziele sowie ein gemeinschaftliches Handeln
überhaupt erst möglich macht. So sind z.B. die Regionen des „ Dritten Italiens “
durch ein historisch tief verwurzeltes Gemeinschaftsgefühl gekennzeichnet, das
zur Reduzierung der Transaktionskosten beiträgt.
3. Institutionelle Ordnung
Aufgrund des wirtschaftlichen Wettbewerbsdrucks von außen
sind die Mechanismen sozialer Kontrolle und gemeinsam geteilter Deutungsmuster
oft nicht ausreichend, um Auflösungsgefahren der Netzwerke entgegenzuwirken.
Auch die erfolgreichen industriellen Distrikte in Italien unterliegen einem
Strukturwandel, der durch Importe aus Niedrigkostenländern,
Produktionsverlagerungen ins Ausland und dem Eindringen von Großunternehmen von
außen über Allianzen und Firmenaufkäufe angetrieben wird. Diese Entwicklungen
stellen eine Herausforderung für die Stabilität eines historisch gewachsenen
Netzwerkes dar, die durch eine ergänzende institutionelle Ordnung aufgefangen
werden sollen.
In dem Maße, wie die Unternehmen der Region funktional
spezialisiert sind, sind Netzwerke für ihre Funktionalität und
Leistungsfähigkeit auf branchenbezogene, nicht zuletzt aber auch auf
gesellschaftsweite Institutionen angewiesen. Institutionen wie
Forschungslabors, Schulungseinrichtungen, Beratungszentren und
Finanzeinrichtungen sollen, im Zusammenspiel mit den Unternehmen der Region,
für die notwendigen Ressourcen sorgen. Durch die Vernetzung der Institutionen
sollen kollektiv nutzbare Leistungen wie Kontakte zu Finanzgebern, Vermittlung
von qualifiziertem Personal und Teilnahme an gemeinsamen Messeveranstaltungen
bereitgestellt werden (Storper, Michael
1997). Institutionen sollen auch der Sicherung einer kollektiven Ordnung
dienen, die unternehmensübergreifende Lernprozesse, schnellen Wissenstransfer
und gemeinsame Problemlösungen unterstützt (Lawson,
Clive/Lorenz, Edward 1999).
Amin und Thrift (Amin,
Ash/Thrift, Nigel 1994) sprechen in diesem Zusammenhang von einer
für die kollektive Ordnung notwendigen „ institutionellen Dichte “ . Dabei geht es
nicht ausschließlich um die einfache Präsenz formaler institutioneller Einrichtungen,
die kollektiv nutzbare Leistungen bieten. Ebenso entscheidend sind die
institutionellen Prozesse und Mechanismen, mit denen Erwartungen gefestigt,
Informationen ausgetauscht und die Netzwerkakteure zu gemeinsamem Handeln
ermutigt werden. Als Ergebnis institutioneller Dichte bilden sich kollektive
Strukturen heraus, die die Organisation unterschiedlicher Interessen
erleichtern und gleichzeitig opportunistisches Handeln einzudämmen helfen.
Erleichtert wird die Koordination im Netzwerk dadurch, dass
die Institutionen den sozialen Konsens fördern und die Verbreitung von Ideen
beschleunigen. Mit dem Bezug auf sozialen Konsens ist jedoch nicht gesagt, dass
Interessenunterschieden und Machtdifferenzen keine Bedeutung zukommt. Im
Gegenteil: Ebenso wie die Entstehung und Koordination von Netzwerken ist auch
die Entwicklung der institutionellen Ordnung, nicht zuletzt aufgrund
asymmetrisch verteilter Ressourcen, ein machtdurchtränkter Prozess, der den
sozialen Konsens grundsätzlich in Frage stellt. Insofern ist die oben
beschriebene soziale Einbettung der Netzwerkakteure auch für die Stabilität der
institutionellen kollektiven Ordnung von Bedeutung.
III. Kritische
Würdigung
Ob die interorganisationalen Netzwerke, wie oben beschrieben,
historische Einzelfälle sind oder Prototypen für eine effektive Unternehmens-
und Industriepolitik darstellen, ist in der Literatur heftig umstritten. Zum
einen ist die empirische Validität einer sog. regionalen Netzwerktheorie auch
nach zwei Dekaden intensiver Forschung noch offen (Staber, Udo
2001b). Die meisten Untersuchungen befassen sich jeweils nur mit einzelnen
Facetten der Gesamtproblematik, basieren auf nicht repräsentativen Erhebungen
einzelner Fälle und arbeiten selten mit multivariaten statistischen Verfahren.
Die bestehenden Datensätze reichen nicht aus, um die Allgemeingültigkeit eines
generischen Netzwerkmodells zu bestätigen und entsprechende
Handlungsempfehlungen für erfolgversprechende Unternehmensstrategien
abzuleiten. Aufgrund der Hinzunahme unterschiedlicher theoretischer Ansätze,
die fast die gesamte Bandbreite von wirtschaftswissenschaftlichen bis
gesellschaftswissenschaftlichen Bereichen abdecken, ist es ebenso schwierig,
vom Idealtypus abweichende Forschungsergebnisse zusammenfassend zu bewerten.
Und ohne gesichertes Wissen über die Kontextbedingungen, unter denen die
Hauptaussagen Gültigkeit besitzen, ist es schwierig, die in einzelnen Netzwerken
gesammelten Erfahrungen auf andere Netzwerke problemlos zu übertragen.
Zum anderen gibt auch die interne Komplexität eines regional
eingebetteten Netzwerkes Anlass zu einer vorsichtigen Interpretierung der
theoretischen Aussagen. Die hohe Anzahl an interagierenden und schwer messbaren
Variablen, wie Qualität des Informationsflusses und gegenseitiges Vertrauen,
führt zu einem komplexen Modell mit häufigen „ sowohl-als-auch “ -Aussagen. So
sind z.B. die oben beschriebenen Vorteile der sozialen Einbettung keineswegs so
eindeutig, dass sie nicht auch Risiken bergen können. Beispielsweise können zu
großes Vertrauen und zu enge soziale Beziehungen zu Blockierungen möglicher
Innovationen führen, wenn sie die Akteure dazu verleiten, neue Anforderungen,
kritische Bewertungen und Warnsignale zu verdrängen. Innovationsfreudige
Netzwerkkulturen erfordern offene Strukturen, die auch Möglichkeiten zum
Infragestellen und Experimentieren bieten und die so negative Folgen von
Pfadabhängigkeiten in Entwicklungsprozessen mindern helfen.
Trotz dieser Ambiguitäten liefern regional konzentrierte
interorganisationale Netzwerke einen ernst zu nehmenden Beitrag zum Repertoire
möglicher Strategien der Unternehmensführung sowie regionaler
Wirtschaftspolitik. Netzwerke können von kleinen und mittleren Unternehmen dazu
genutzt werden, eigene Schwächen in ihrer Ressourcenausstattung auszugleichen
und mit Blick auf Verbundvorteile und Kostensynergieeffekte ähnlich effektiv
wie ein integriertes Großunternehmen zu handeln. Für Großunternehmen erweitern
interorganisationale Netzwerke die Möglichkeiten zur räumlichen Aufgliederung
von Unternehmensfunktionen, erhöhen die Flexibilität der Standortwahl und
schaffen Zugang zu standortspezifischen Ressourcen. Gleichzeitig benötigen
regional konzentrierte Netzwerke Verbindungen mit globalen Netzwerken, um
Innovationsimpulse von außen aufnehmen zu können, auch auf die Gefahr hin, dass
regionenexterne Verflechtungen den inneren Zusammenhalt des Netzwerkes
aushöhlen. Bereits theoretisch wird aufgrund der komplexen Zusammenhänge
deutlich, dass die verschiedenen Formen interorganisationaler Netzwerke
empirisch oft nur schwer zu trennen sind. Regional konzentrierte Netzwerke
haben auch internationale Momente und tragen zur Wertschöpfung eines gesamten Produktionssystems
bei. Diejenigen Netzwerke werden im internationalen Innovationswettbewerb am
erfolgreichsten sein, die die für sie unter den jeweiligen lokalen und
institutionellen Bedingungen passende Kombination von Wettbewerb und
Kooperation gefunden haben.
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