Inhaltsübersicht
I. Zum
systematischen Zusammenhang von Führung und Kommunikation
II. Strukturale
und interaktionale Formen der Führung
III. Reflexion:
Ansätze für Begrenzungen und Erweiterungen
I. Zum systematischen
Zusammenhang von Führung und Kommunikation
1. Führung
Der Begriff der Führung bezieht sich allgemein auf
Beeinflussungsprozesse in Organisationen, mit denen beabsichtigt wird, das
Handeln und Verhalten von Personen in bestimmter Weise auszurichten.
Vernachlässigt man mögliche individuelle Absichten hinter solcher Beeinflussung
und nimmt man die Managementfunktion Führung in den Blick, so geht es
systematisch darum, die Verfolgung des Organisationszwecks zu fördern, der sich
in Effektivitäts- und Effizienzkriterien konkretisiert und auch die Effizienz
von Führenden und die Effektivität von Führung einschließt (zu Führungserfolg
und seinen Kriterien Weibler, 2001,
S. 83 ff.).
Unabhängig auch von anderen ideologischen Begründungen von
Führung (Neuberger, 1990,
S. 8 ff.) und den Formen der Einflussausübung, kommen Strukturen und Prozesse
sozialer Kontrolle (Türk, 1981)
in den Blick, die als Handlungs- und Verhaltenskontrolle auf
vor-organisationaler sozialer Kontrolle (Sozialisationsprozesse
unterschiedlicher Art) und organisationaler Potenzialkontrolle (Selektion,
Allokation, organisationale Sozialisation, Training und Personalentwicklung)
aufbauen. Die Erfüllung der Lenkungsaufgabe durch Führung wird davon abhängig
sein, wie stark auf jeweilige Situationen bezogen die Vorprägungen und die
Potenzialkontrolle wirken. Führung tritt dabei in zwei Formen auf, die als struktural und interaktional bezeichnet werden können (Wunderer, 1997,
S. 5 ff.).
Die strukturale Perspektive fokussiert auf die mit der
Organisationsstruktur verbundenen Stellenschneidungen, administrativen
Regelungen und Gratifikationssysteme. Sie wird – in den folgenden Überlegungen
– als neben solchen Programmen und Prozeduren auch solche Beeinflussungen
einschließend verstanden, die auf die Kontrolle ideologischer Prämissen von
Handlungen und der Sinn- und Bedeutungsprämissen von Wahlentscheidungen und
Handlungen gerichtet sind (Gagliardi, 1996,
S. 575). Strukturale Führung umschließt damit Beeinflussungen durch die
Unternehmenskultur. Ihre Adressaten sind im Gegensatz zur interaktionalen
Führung im Prinzip alle Mitglieder der Organisation (Katz, /Kahn, 1966,
S. 235). Aus agencytheoretischer Perspektive liegt die Bedeutung solcher
Führungsinstrumente darin, das opportunistische Verhalten von Agenten durch
institutionelle Regelungen zu begrenzen (Picot,
/Neuburger, 1995.
Bei der interaktionalen Führung geht es um die Beziehungen
zwischen Führungsberechtigten oder -beauftragten und von ihnen abhängigen
Personen, also in Organisationen typischerweise zwischen Vorgesetzten und
Untergebenen. Diese Interaktionen sind eingebunden in den strukturalen Prozess
und spielen eine Rolle bei der Entstehung von Bedeutungszuschreibungen, Sinn
und der Definition der Organisationsrealität (Bryman, 1996,
S. 276). Strukturale Führung beeinflusst Bedingungen interaktionaler Führung
durch das Vorgeben von Handlungsrahmen und interaktionale Führung
(re-)produziert diese Bedingungen. Strukturale und interaktionale Führung
beeinflussen sich wechselseitig. Reber (Reber, 1995,
Sp. 663) weist darauf hin, dass erst die ausgewogene Berücksichtigung beider
Formen den Gegenstand von Führung umfassend ausleuchten kann.
Führung vollzieht sich durch
Kommunikation, sowohl in strukturaler als auch in interaktionaler Sicht. Diese
Kommunikation findet statt in asymmetrischen, hierarchischen Beziehungen (Tannenbaum,
/Rozgonyi, 1986): Herrschaftssystem und Kommunikationssystem
fallen zusammen. Strukturelle Ungleichheit der Führungsbeziehung umfasst die
reziproke Beeinflussung von Führer und Geführten (Zündorf, 1995).
2. Kommunikation
Kommunikation wird verstanden als die Übertragung von
Informationen. Information ist dabei konstruiert als das Signal und die damit
verbundenen Bedeutungsinhalte und Handlungskonsequenzen. In sozialen
Interaktionen betrifft Kommunikation sowohl die Inhalts- als auch die
Beziehungsebene (Watzlawick,
/Beavin, / Jackson, 1969, S. 50 ff.). In ökonomischer
Sichtweise soll die Orientierung des Kommunikationsmodus des Vorgesetzten an
den Präferenzen der Organisationsmitglieder immateriellen Nutzen stiften,
Motivation erhöhen und Arbeitskosten senken (Wolff,
/Lazear, 2001, S. 22 f.).
Kommunikation vollzieht sich, formal betrachtet, zwischen
Sender und Empfänger. Sie kann in verbaler und nichtverbaler Form erfolgen
(wobei in radikalkonstruktivistischer Sicht die Grenze zwischen beiden fließend
ist; Schmidt, 1991,
S. 32). Verbale Kommunikation unterscheidet sich in mündliche und schriftliche
Formen. Die mündliche Kommunikation kann entweder technisch vermittelt oder
unmittelbar, face-to-face, erfolgen. Face-to-face Kommunikation enthält immer
Kombinationen von verbalen und nichtverbalen Elementen, nichtverbale
Kommunikation kann unabhängig von der verbalen entstehen und wahrgenommen
werden.
Die Beziehungen zwischen Sender und Empfänger lassen sich
modellhaft rekonstruieren (Howell, 1972,
S. 153). Wenn es um bewusste Kommunikation geht, verfolgt der Sender die
Absicht, den Empfänger in bestimmter Richtung zu beeinflussen und/oder aber
seine Wahlmöglichkeiten durch Erweiterung seines Wissensstandes zu vergrößern.
Nach Entscheidung über die Absicht muss der Sender systematisch die Frage
beantworten, wie der Empfänger angesprochen werden soll, was prognostizierende
Erwägungen darüber einschließt, wie der Empfänger auf die Information reagieren
wird. Die Reaktion wird abhängen von der Art der Informationsübermittlung und
der inhaltlichen Wahrnehmung der Information durch den Empfänger. Bei der
Wahrnehmung geht es um das Problem ihrer Selektivität in Abhängigkeit von
Gewohnheiten, Erwartungen und Bedürfnissen des Empfängers. Auf dieser Basis
vollzieht sich die Verschlüsselung der beabsichtigten Information und ihre
Übersetzung in eine übertragbare Form. Der Übertragung, für die es Störungen zu
beachten gilt, folgt die Aufnahme beim Empfänger als Umwandlung von Licht- und
Schallwellen in nervliche Impulse und deren Entschlüsselung durch
Interpretation der Information, wobei deren Bedeutung der Wahrnehmung
entspricht. Den Abschluss des Kernprozesses bildet die Reaktion des Empfängers,
die eine Änderung des Wissensstands, eine Änderung von Einstellungen,
Änderungen von Handeln und Verhalten, aber auch eine Nullreaktion umfassen
kann. Die Qualität des Kommunikationsprozesses hängt sowohl vom Handeln des
Senders als auch des Empfängers ab. Die Qualität der übertragenen Information
ist eine Funktion von Kommunikationsfähigkeit und -bereitschaft des Senders wie
von Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft des Empfängers, formal betrachtet in
multiplikativer Verknüpfung.
Wenn die Reaktion des Empfängers für den Sender sichtbar
wird, löst sie als Information Interpretationsprozesse aus, die wiederum dem
Prinzip folgen, dass deren Bedeutung der Wahrnehmung entspricht. Möglichkeiten
solcher Rückkopplungen sind abhängig von der Art der Sichtbarkeit der Reaktion
und der Reichhaltigkeit der Information. Sichtbarkeit und Reichhaltigkeit sind
am höchsten bei face-to-face Kommunikation.
Solche Überlegungen sind unmittelbar auf
Kommunikationsprozesse bei interaktionaler Führung übertragbar. Vorgesetzte
z.B. nehmen, in Abhängigkeit von Bedingungen, mehr oder weniger genau wahr, wie
ihre Untergebenen auf an sie gerichtete Kommunikation reagieren und in welchem
Ausmaß sie von Erwartungen abweichen, so eine von der Führung teilweise
unabhängige Realität konstruierend, die auf die Führung zurückwirkt. Betrachtet
man strukturale Führung, so ist der dort sich vollziehende
Kommunikationsprozess in der Tendenz abstrakter sowohl hinsichtlich der Inhalte
als auch der Bestimmung von Sendern und Empfängern. Rückkopplungen über das
Befolgen strukturaler Vorgaben werden deshalb häufig diffuser sein und nicht
notwendigerweise die Konstrukteure der Struktur, deren Sender, als Adressaten haben.
Die Perspektive auf Kommunikation orientiert sich vorrangig
an bestimmten Metaphern von Kommunikation (zu Metaphern von Kommunikation und
ihrer Bedeutung Putnam,
/Phillips, /Chapman, 1996). In ihrer Betonung des
Informationsflusses und seiner Struktur greift sie auf die \'conduit metaphor\'
zurück. Mit dem Hinweis auf die Bedeutung von Wahrnehmungsprozessen nutzt sie
die \'metaphor of lens\', bei der es um Informationssuche, -filterung,
-blockierung und -weiterleitung geht, wobei Sender und Empfänger aktiv an der
Informationsverarbeitung beteiligt sind. Verzerrungen von Informationen kommen
nicht nur gewollt, sondern über Selektivität auch immer ungewollt vor.
Überlegungen solcher Art erlauben Analogien zu erkenntnistheoretischen
Erwägungen über die Bedeutung von Wahrnehmung (Vollmer, 1998,
S. 45). Kommunikation wird auch betrachtet als Erzeugung von Verbindungen
(\'linkage metaphor\'), mit der Frage nach den Bedingungen, unter denen sie
entstehen. Damit gekoppelt ist die Beziehung zwischen Organisationen als
Systemen koordinierter Handlungen und Kommunikation als sie konstituierend
(\'metaphor of performance\').
3. Orientierungen von Beeinflussungsprozessen
Strukturale Führung erfolgt durch Kommunikation von Regeln,
Gratifikationen und ideologischen Handlungs- und Reaktionserwartungen
organisationskulturspezifischer Art. Interaktionale Führung erfolgt durch
verbalen und non-verbalen Informationsaustausch innerhalb einer sozialen,
hierarchisch geordneten Handlungsbeziehung. Interaktionen schaffen,
reproduzieren und verändern Regeln und Ressourcen, also strukturale Führung und
deren Interpretation (Kieser,
/Hegele, 1998, S. 139 ff.). Hier drückt sich Dualität von
Struktur – als Handlungen lenkend, aber auch rekursiv durch Handlungen verändert
werdend – aus (Giddens, 1988,
S. 77 ff.). Dualität von Struktur bei Führung durch Kommunikation bedeutet,
dass Strukturmerkmale von Organisation in Praktiken des Führungshandelns
einbezogen sind. In Führungsprozessen stellen sie gleichzeitig die Mittel der
Systemreproduktion dar. Die Strukturierung sozialer Systeme durch Führung
bedeutet, dass diese in Interaktionszusammenhängen durch Kommunikation
produziert und reproduziert werden. Strukturmomente sozialer Systeme sind
zugleich Medium und Ergebnis rekursiv organisierter sozialer Praktiken (Giddens, 1979,
S. 65 ff.).
Abb. 1: Orientierungen von Beeinflussungsprozessen.
Produktion und Restrukturierung von Struktur durch Führung
kann bezogen sein auf Beharrung und/oder Wandel in und von Organisation. Nach
der Absicht der Beeinflussung lässt sich zwischen Begrenzung oder Erweiterung
von Handlungsmöglichkeiten der von Führung Betroffenen differenzieren. Versteht
man Führung als durch Kommunikation vermittelte strukturale und interaktionale
Beeinflussung und Kommunikation als Übertragung von Informationen in
begrenzender oder öffnender Absicht, dann kann man vier Orientierungen von
Beeinflussung unterscheiden (vgl. Abb. 1). Führung als strukturale und als
interaktionale Beeinflussung kann sowohl jeweils auf Begrenzung als auch auf
Öffnung angelegt sein. Handlungen begrenzende Absichten drücken sich bspw.
struktural in bürokratischen Regeln sowie interaktional in Befehlen von
Vorgesetzten aus. Mit ihnen verbunden ist die Erwartung ihrer Befolgung und des
Gehorsams von Untergebenen. Handlungsmöglichkeiten eröffnende Absichten drücken
sich bspw. in der Ermöglichung von Selbststeuerung und Selbstorganisation sowie
in der Übermittlung für Partizipation erforderlicher Information aus. Mit ihnen
verbunden ist die Erwartung, dass Freiräume zielgerichtet genutzt werden und
Partizipation der Befriedigung von Bedürfnissen und der Zielerreichung dient.
II. Strukturale und
interaktionale Formen der Führung
1. Kommunikation in strukturaler Führung
a) Begrenzend: bürokratische Regelung
Als Beispiel für eine begrenzende Führungsorientierung kann
Webers (Weber, 1985,
S. 124 ff.) idealtypische Charakterisierung der bürokratischen Organisation
gelten. Der Aufgabenvollzug erfolgt regelgebunden. Die Kompetenzbereiche sind
genau abgegrenzt und machen Abstimmungsprozesse zwischen Positionsinhabern überflüssig.
Amtshierarchie und Instanzenzug legen die Wege der Informationsübermittlung
vertikal fest. Die Verwaltungsvorgänge werden aktenmäßig dokumentiert und sind
unabhängig von den beteiligten Personen rekonstruierbar. Die Amtsführung
erfolgt unpersönlich, die Kommunikation beschränkt sich auf die Übermittlung
von Sachinformationen. Die Mitgliedschaft ist durch Arbeitsvertrag geregelt, in
dem die Einhaltung der strukturellen Vorgaben zur Mitgliedschaftsbedingung
wird.
Ähnliche Sichtweisen vermitteln u.a. zwei weitere Autoren der
klassischen Managementschule. Taylor (Taylor, 1911)
betont weitgehende Arbeitszerlegung und Trennung von Planung und Ausführung, um
so systematisch die beste Lösung für Arbeitsvollzüge zu entwickeln und den
Ausführenden als Norm vorzugeben. Fayol (Fayol, 1916)
plädiert u.a. für die Einheit der Auftragserteilung, Zentralisierung, die
Einhaltung des Instanzenzuges für Kommunikationsprozesse und an stabile Ordnung
gebundene Disziplin.
Die Botschaft, die eine solche Struktur an Mitglieder sendet,
heißt offenbar, dass sie sich vorgegebenen Erwartungen anzupassen haben. Diese
Anpassung schließt die Erwartung ein, dass Kommunikationsprozesse hierarchisch
verlaufen. Die Empfänger der Botschaft sind als passive Rezipienten
konstituiert, die fähig sind, die an sie gerichteten Erwartungen so zu
erfüllen, wie dies von der \'Amtshierarchie\' beabsichtigt wird. In diesem
linearen Modell strukturaler Führung erscheint Kommunikation als
unproblematisch. Die Frage nach der Notwendigkeit von Rückkopplungen entsteht
nicht. Die Kontrolle des Mitgliederverhaltens erfolgt über die Kontrolle des
Aufgabenvollzugs. Personale Führung wird zur Randkategorie.
b) Öffnend: Selbstorganisation
In weitgehender Übereinstimmung wird davon ausgegangen, dass
Unternehmensführung einem starken Wandel ausgesetzt ist. Die Handhabung von
Ideen und Information wird wichtiger, und Lernen von Organisationsmitgliedern
und Organisation werfen die Frage nach den für sie geeigneten Organisationsstrukturen
auf (Grieger, 1997,
S. 317 ff.). Die Veränderungen, die mit großem Variantenreichtum entstehen (Bartölke,
/Kiunke, 2000), werden mit dem Begriff der lernenden
Organisation charakterisiert. Im Gegensatz zur traditionellen Hierarchie, die
zentralisierte Kontrolle mit durch die Führungsspitze vorgegebener Strategie
verbindet, wird die lernende Organisation als durch \'empowerment\' der
Beschäftigten mit durch Entscheidungspartizipation der Beschäftigten emergierenden
Strategien gekennzeichnet (Daft, 1995,
S. 490 ff.).
Zu den Grundprozessen des Lernens zählen die Entwicklung von
Wissen, der Transfer von Wissen und die Anwendung und Sicherung von Wissen (Ridder,
/Conrad, /Schirmer, 2001, S. 122 ff.). Organisationales Lernen
nimmt dabei seinen Ausgangspunkt in individuellem Lernen und hängt davon ab, ob
die Strukturbedingungen der Organisation als Führungsinstrument individuelles
Lernen behindern oder fördern, also es erlauben, Wissen zu entwickeln (Müller,
/Hurter, 1999, S. 15 ff.). Es setzt weiter voraus, dass die
Möglichkeit besteht, individuell entwickeltes Wissen auf andere
Organisationsmitglieder zu transferieren, um auch ihnen Lernprozesse zu
ermöglichen. Der Anwendungsaspekt schließlich setzt Handlungsspielräume voraus,
also die Revidierbarkeit von oder die Nicht-Verpflichtung gegenüber
vorgegebenen Regelungen.
Lernen wird deshalb zu richten sein auf die Veränderung
handlungsleitender Alltagstheorien. Die Wahrscheinlichkeit von Lernen in diesem
Sinn hängt ab von der Art der Kommunikation. Die gemeinsame Sammlung von
Informationen, das Aufdecken und in Umlauf und zur Geltung bringen von
Informationen eröffnen vielen Organisationsmitgliedern Zugang zu ihnen. Das
Problem der Unsicherheit kann dadurch zu bewältigen versucht werden, dass
Informationen spezifiziert und geklärt werden, dass sie erläutert werden und
man sich um ihre Prüfbarkeit bemüht. Aus solchen Vorgehensweisen sich
entwickelnde Prämissenkritik für Entscheidungsprozesse ermöglicht die
Neuformulierung von Alltagstheorien als Ausdruck organisationalen Lernens (Ridder, et
al. 2001, S. 149).
Diesen Prozessen förderlich sind Strukturen, die
Selbstorganisation und Selbstkoordination betonen. Teilautonome Arbeitsgruppen
(Bartölke, 1992)
und interne Netzwerke, die enge Kopplung in Gruppen mit loser Kopplung zwischen
Gruppen verbinden, liefern Beispiele dafür (Staehle, 1999,
S. 562 ff.). Lose Kopplung bedeutet kein Signal für das Fehlen von Strukturen,
sondern die strukturelle Aufforderung, Aktivitäten zur Erfüllung der Vision der
Organisation zu entwickeln (zum Verhältnis von Struktur und Lernen mit etwas
anderer Akzentsetzung Steinmann,
/Schreyögg, 1997, S. 463 ff.). Die Herausbildung einer Vision
und ihre kommunikative Durchsetzung finden auf allen Organisationsebenen statt
(Weinert, 1998,
S. 581). Die Vision ersetzt das der Kommunikation hinderliche strukturell-hierarchische
Regelungssystem. Ihre Akzeptanz durch die Organisationsmitglieder führt zu
einer mindestens teilweisen Ersetzung von Fremdkontrolle durch strukturell
wirkende Selbstkontrolle und eröffnet damit bessere Chancen dafür, dass das
schwer zugängliche implizite Wissen (Steinmann,
/Schreyögg, 1997, S. 455) explizit in Kommunikationsprozesse
eingeht.
2. Kommunikation in interaktionaler Führung
a) Begrenzend: Befehl und Gehorsam
Die Führungsforschung (Neuberger, 1990,
S. 141 ff.; Weinert, 1998,
S. 426 ff.; Weibler, 2001,
S. 294 ff.) arbeitet mit einer Reihe von Begriffen, die mit unterschiedlicher
Trennschärfe und nicht völliger Übereinstimmung die Gemeinsamkeit aufweisen, dass
sie Führungsstile oder Führungsverhalten kennzeichnen, die die Untergebenen in
ihren Handlungsmöglichkeiten betont einschränken: autokratisch/autoritär,
restriktiv, aufgabenorientiert, direkt, strukturinitiierend,
produktionsorientiert. Der Vorgesetzte ist in diesen Begriffen der unbestritten
dominierende Faktor in den Interaktionen. Die Absicht der
Informationsübermittlung besteht in der Engführung der Aktions- und
Reaktionsmöglichkeiten der Untergebenen.
Dieses Befehl-Gehorsam-Modell lässt sich attributionstheoretisch
interpretiert als dem McGregorschen Theorie-X-Manager entsprechend verstehen (McGregor, 1980).
Es beschreibt eine Art von Kommunikation, die der Gefahr ausgesetzt ist, in
einen sich verstärkenden Misstrauenszyklus zu münden, der mit einer
Verringerung insbesondere der Bereitschaft, vertikal aufwärts zu kommunizieren,
einhergeht.
b) Öffnend: Information und Partizipation
Die öffnende Perspektive der interaktionalen Führung wird
durch die Gegenbegriffe der begrenzenden Perspektive bezeichnet. Demokratisch,
permissiv, kooperativ, partizipativ, unterstützend, untergebenenorientiert,
indirekt, beziehungsorientiert sollen Einstellungen oder Verhaltensweisen von
Vorgesetzten bezeichnen, die – wiederum nicht in voller Übereinstimmung
untereinander – ihre Untergebenen zumindest beratend in Entscheidungsprozesse
einbeziehen und ihnen Freiräume im Aufgabenvollzug eröffnen. So
charakterisierte Führungsverhaltensweisen oder Führungsstile sind mit
zweiseitiger Kommunikation verbunden. Informationen von Vorgesetzten an
Untergebene erhöhen deren Handlungsfähigkeit und sind nicht grundsätzlich als
hinzunehmende Befehle oder Anordnungen zu verstehen.
Solche Orientierungen wird ein durch die Theorie Y (McGregor, 1980)
ausgezeichneter Vorgesetzter seinen Untergebenen gegenüber zeigen und damit
auch signalisieren, dass er Vertrauen in ihre Leistungsbereitschaft setzt. Das
verstärkt die Chance für einen der Kommunikationsqualität förderlichen
Vertrauenszyklus (zu Dimensionen von Vertrauen in Führungsbeziehungen Seifert, 2001).
Dieser Prozess beschreibt eine Situation, in der es wahrscheinlich
wird, dass Untergebene ihren Vorgesetzten zuhören, aber auch Vorgesetzte ihren
Untergebenen. Das Bemühen um Empathie wächst. Mit Empathie sinkt das Auftreten
von Missverständnissen in beiden Kommunikationsrichtungen. Die Übertragung von
Sachinformationen wird verbessert, die Überzeugungsarbeit für Identifikationen
mit den Unternehmenszielen wird erleichtert, auf sie bezogene Selbstkontrolle
verstärkt (zur Bedeutung des Zuhörens Daft,
/Lengel, 2000, S. 133 ff.).
3. Zum Verhältnis von strukturaler und
interaktionaler Führung
Im Zusammenwirken von interaktionaler und strukturaler
Führung erzeugt Kommunikation unterschiedliche Muster sozialer Kontrolle.
Wahrnehmungsprozesse in der Deutung von Informationen und die Bereitschaft der
Übermittlung von Informationen werden von der Asymmetrie des Herrschaftssystems
beeinflusst. Mit Führung als Herrschaftssystem ist ausgedrückt, dass
Organisation Abgrenzung bedeutet und dass mit Abgrenzung ebenfalls Begrenzungen
von Kommunikation verbunden sind. Auch eine öffnende Orientierung sozialer
Kontrolle impliziert deshalb nicht Beliebigkeit in der Bildung, Weitergabe und Verarbeitung
von Informationen. Sie bleiben an die Erfüllung des Organisationszwecks
gebunden.
Abb. 2: Typen der Kombination von strukturaler und
interaktionaler Führung
Abb. 2 zeigt vier mögliche Kombinationen strukturaler und
interaktionaler Führung in begrenzender und öffnender Orientierung. Die
Vereinbarkeit I ist auf Abwärtskommunikation ausgerichtet, die Instruktionen
über die Arbeitsstelle, Vorgaben über die Ausführung von Aufgaben, ihre
Beziehung zu anderen Tätigkeiten, die Betonung der Werte und Normen und
Kontrollinformationen enthält (Katz, /Kahn, 1966,
S. 239 ff.). Aufwärtskommunikation entsteht in der Logik der
Stabilitätsfixierung als Reaktion auf Aufforderungen übergeordneter Ebenen, ist
defensiv und mit dem Risiko bewusster Verzerrung behaftet. Horizontale
Kommunikation ist in dieser Perspektive nicht vorgesehen. Informale Beziehungen
entwickeln sich aus Sicht der Führungsspitze eher als ungeplante Abweichung.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Wahrnehmungen der Organisationsmitglieder auf
unterschiedlichen Ebenen über Strukturen und Prozesse gerade bei Betonung der
Hierarchie voneinander unterschiedlich sind, ist relativ groß (zur Hierarchie
und ihren Effekten Bartölke,
/Eschweiler, /Flechsenberger, 1985).
Der Typ Vereinbarkeit II ist durch eine starke Rücknahme von
Hierarchie charakterisiert. Strukturale und interaktionale Führung gewähren
wegen der Orientierung an Flexibilität Freiräume für Organisationsmitglieder
auch in unteren Ebenen. Das soziotechnische Prinzip einer minimalen kritischen
Spezifizierung wird handlungsleitend (Bartölke, 1992).
Kommunikation durch den Vorgesetzten erfolgt in unterstützender Absicht (Likert, 1967,
S. 47 ff.). Die Aufwärtskommunikation wird in der Tendenz weniger bewusste
Verzerrungen enthalten. Damit steigt für Vorgesetzte und Untergebene die
Chance, über die Selbstreflexion der Konsequenzen eigenen Handelns neues Wissen
zu generieren (Walger,
/Schencking, 2001, S. 38) und damit das Handlungspotenzial zu
erweitern. Horizontale Kommunikation ist strukturell erwünscht und erzeugt in
Selbstorganisation organisatorische Beziehungen, die durch nicht unterdrückte
informelle Beziehungen ergänzt werden (Bartölke, 1969,
S. 185 ff.). Die Wahrscheinlichkeit, dass mit der Hierarchie systematisch
Wahrnehmungsunterschiede kommunikativer Ereignisse variieren, ist relativ
gering.
Die beiden Typen der Vereinbarkeit sind in ihrer
Charakterisierung anschlussfähig an Überlegungen zu Managementkonzeptionen
allgemein. Beispielsweise sind die Führungs- und Kommunikationseigenschaften,
die Burns/Stalker (Burns,
/Stalker, 1961, S. 119 ff.) als mechanistisches und
organisches System aus Praxisfällen rekonstruieren, jeweils der Vereinbarkeit I
und der Vereinbarkeit II ähnlich. Für die konzeptualisierten Typen von
Unvereinbarkeit bieten sich keine solchen Assoziationen an.
Unterstellt man, dass durch interaktionale Führung
Mikrokulturen als Gegenkulturen zur Organisationskultur entstehen können – eine
plausible Annahme, weil Organisationen häufig in sich heterogen sind – , dann
bilden sich in der Unvereinbarkeitssituation I eine Flexibilitätsinsel und in
der Unvereinbarkeitssituation II eine Stabilitätsinsel. Das Bild der
Flexibilitätsinsel beinhaltet hohe Komplexität in der Binnenstruktur, die es
allen Gruppenmitgliedern erlaubt, miteinander zu kommunizieren, aufwärts,
abwärts und horizontal (Vollstruktur in der Kommunikationsforschung; Staehle, 1999,
S. 304 ff.). Die Flexibilität ist allerdings in zweifacher Weise bedroht, von
außen durch Einwirken strukturaler Führung und von innen durch wegen der
eigenen Andersartigkeit besonders starken Konformitätsdruck, der die
Selektivität der Wahrnehmung im Sinne des Verdrängens oder Umdeutens
abweichender Informationen erhöht. Durch kommunikative Akte an die interne
Systemumwelt sind allerdings auch Dynamiken vorstellbar, die die strukturale
Führung in Richtung größerer Öffnung verändern, insbesondere, wenn von der
Flexibilitätsinsel Funktionalitätssignale ausgehen.
Die Vorstellung der Stabilitätsinsel beschreibt eine
Situation, in der Kommunikation streng hierarchisch verläuft und horizontale
Kooperation formell-organisatorisch und organisatorisch unterdrückt wird
(Sternstruktur in der Kommunikationsforschung). Die begrenzende Orientierung
der Vorgesetzten wird vor allem wegen der Eingebundenheit in die relativ offene
Systemumwelt wahrscheinlich begleitet sein durch Probleme in der
Aufwärtskommunikation und ungeplante informelle und organisatorische
Kommunikationsbeziehungen horizontaler Art. Es ist zu erwarten, dass durch
Kommunikationsprozesse am Vorgesetzten vorbei Druck auf ihn entsteht, sein
Verhalten zu ändern. Dies wird insbesondere dann auftreten, wenn mit der
begrenzenden Kommunikation dysfunktionale Effekte verbunden sind.
III. Reflexion: Ansätze
für Begrenzungen und Erweiterungen
Die vorgestellte Sichtweise von Führung und Kommunikation
bildet einen Rahmen zur Reflexion der Beeinflussung des Handelns von
Organisationsmitgliedern. Dieser Rahmen zeigt durch den Bezug auf hierarchische
Beziehungsmuster und sie kennzeichnende Phänomene der Ungleichheit, Asymmetrie,
Macht
und Herrschaft die Begrenzung von Kommunikation auch in öffnender Absicht.
Kommunikation als Instrument der machtbasierten
Handlungssteuerung steht dabei in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis zur
Bedeutung, die kommunikativen Fähigkeiten in verständigungsorientierter Absicht
für die Bewältigung von Managementaufgaben zugeschrieben werden. \'Dialogische
Vernunft\' und \'Konsensus Management\', wie von Ulrich (Ulrich, 1986,
S. 431 ff.) in Anlehnung an die Unterscheidung zweckrationalen
(instrumentellen, strategischen) und kommunikativen Handelns bei Habermas (Habermas, 1981)
vorgeschlagen, sind Ausdruck eines verständigungsorientierten
Kommunikationsmodells für Unternehmen. Solche Modelle werden allerdings auch
als zu idealistisch eingeschätzt (Türk, 1994,
S. 70 ff.).
Perspektivische Erweiterungen – nicht notwendigerweise
Öffnungen – ergeben sich, wenn moderne Formen der informationstechnologisch
gestützten Kommunikation in den Blick genommen werden, die personale,
organisationale und technische Komponenten verknüpft (Picot,
/Reichwald, /Wigand, 2001, S. 203 ff.). Deren Nutzung scheint
Elemente strukturaler und interaktionaler Führung in der Weise zu verbinden,
dass – strukturationstheoretisch ausgedrückt – Handlung und Struktur von
Kommunikation zusammenfallen und ihre Vermittlung als technikbasierter Akt
erscheint. Aufgrund ihrer geringen Reichhaltigkeit ist der Nutzen informationstechnologisch
basierter Kommunikation für Führungsprozesse jedoch als begrenzt zu erachten.
Die Betonung der Reichhaltigkeit von Kommunikation verweist
auf das oben betonte Phänomen, dass es bei der Übertragung von Informationen
nicht um eine bloße Vermittlung und Übernahme identischer Inhalte geht, sondern
dass in Wahrnehmungsprozessen als elementarer Basis von Kommunikation
interpretative Elemente enthalten sind, die dem Bild einer passiven Aufnahme
von Signalen zuwiderlaufen. In diesem Sinne gilt, dass die intendierte
Kontrolle durch Kommunikation in strukturaler und interaktionaler Führung immer
durch Konstruktionen der Empfänger der Botschaften begleitet ist, die sich in
der Regel strikter Kontrolle entziehen.
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