Inhaltsübersicht
I. Einleitung
II. Überblick
über verschiedene Modelle zur Länderselektion
III. Anforderungen
und Konstruktion eines Selektionsmodells
IV. Grobselektion
V. Feinselektion
VI. Zur
praktischen Umsetzung des Selektionsmodells
VII. Resümee
I. Einleitung
Unternehmen werden durch veränderte Marktbedingungen, wie
z.B. Sättigungs- und Schrumpfungstendenzen auf angestammten Märkten, die
zunehmende Konkurrenz aus (ehemaligen) Schwellenländern und im Zuge der
EU-Osterweiterung, die schrittweise Liberalisierung des Welthandels und die
zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft zum Erarbeiten und Überdenken von
Internationalisierungskonzepten gezwungen (Krystek,
U./Zur, E. 1997; Koller,
H./Raithel, U./Wagner, E. 1998). Die begrenzten Ressourcen gestatten
es den meisten Unternehmen nicht, weltweit tätig zu sein. Eine kalkulierte
Ländermarktauswahl ist erforderlich, weil sich Marktentwicklungen,
Marktpotenziale und Marktbedingungen sowie Konkurrenzsituationen und Risiken
auf verschiedenen Ländermärkten sehr unterschiedlich gestalten (Bamberger,
I./Evers, M. 1994). Die Länder- und Marktwahl ist neben der Analyse
potenzieller Kundengruppen, Kundenprobleme und Problemlösungskonzepte
integraler Bestandteil der internationalen Geschäftsfeldplanung
(Schneider,
D.J. G. 1984). Bei der Auswahl von Ländern ist zu beachten, dass
diese in unterschiedlicher Weise segmentiert und vollständig oder teilweise,
differenziert oder undifferenziert bearbeitet werden können (Köhler,
R./Hüttemann, H. 1989). Kreativität und Erfolg des Managements bei
der Erarbeitung einer Internationalisierungsstrategie können durch einen
systematischen, heuristischen Planungsprozess unterstützt werden, in dem
Informations- und Entscheidungsphasen abwechseln. Kreativität und Erfolg des
Managements bei der Erarbeitung einer Internationalisierungsstrategie können
durch einen systematischen, heuristischen Planungsprozess unterstützt werden,
in dem Informations- und Entscheidungsphasen abwechseln und die Zusammenhänge
zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen berücksichtigt werden.
Länderselektionsmodelle stellen lediglich Unterstützungssysteme für eine
rationellere und strategisch orientierte Entscheidungsfindung dar, können dem
Management die Entscheidung selbst aber nicht abnehmen.
II. Überblick über
verschiedene Modelle zur Länderselektion
Dass sich im Zeitalter der Globalisierung noch immer nur
wenige Autoren mit der Ländermarktauswahl beschäftigen, ist erstaunlich (Schneider,
D.J. G. 1998). Nachfolgend ein Überblick.
Die Arbeiten von Sethi
unterscheiden sich insofern von eigentlichen Selektionsmodellen, als er nicht
eine stufenweise Ausfilterung von Ländern vornimmt, sondern vielmehr durch
Anwendung der Clusteranalyse
und die Darstellung gravierender Unterschiede der Ländergruppen eine
Entscheidungshilfe für die Auswahl von Ländergruppen entwickelt (Sethi, S. P.
1971). Er erhofft sich über die Ländergruppensegmentierung ein
Kosteneinsparungspotenzial aufgrund einer ländergruppenweisen Standardisierung
des marketingpolitischen Instrumentariums. Durch die vorgenommene Aggregation
der Profile zu einem Merkmalswert für ein Land gehen allerdings wertvolle
Informationen verloren. Auch sind die dabei verwendeten überwiegend
makroökonomischen Kriterien für eine unternehmensspezifische
Auswahlentscheidung zu wenig aussagekräftig.
Die von Backhaus
vorgeschlagene Vorgehensweise, auf der Basis von Lieferantenauswahlkriterien über multivariate Verfahren zu einer
internationalen Marktsegmentierung
zu gelangen, die eine wesentliche Grundlage für Marktauswahlstrategien darstellt,
scheint insbesondere für weltweit tätige Großunternehmen des Anlagenbaus
interessant (Backhaus, K.
1977; Backhaus, K.
2003). Dadurch kann ihre Angebotspolitik segmentspezifisch gesteuert und die
Angebotsselektion unterstützt werden. Außerhalb dieses Spezialfalles ist der
Nutzen dieser Vorgangsweise allerdings sehr eingeschränkt (Schneider,
D.J. G./Müller, R. U. 1989).
Meffert/Althaus
führen – ähnlich wie Backhaus –
zunächst eine Länder- und Abnehmersegmentierung und erst dann eine Bewertung
und Auswahl der Segmente durch (Meffert, H.
1977; Meffert,
H./Althans, J. 1982). In einem mehrstufigen Prozess der
Segmentbildung und -bewertung, gegliedert in eine Phase der Grobsegmentierung
(durch Analyse der generellen Kaufvoraussetzungen und der politischen Risiken)
und eine Phase der Feinsegmentierung (Analyse der Höhe des Zielbeitrages durch
Gewinn- und Absatzchancen in den Ländern), werden die jeweils Erfolg
versprechenden Segmente schrittweise herausgefiltert. Erst im Anschluss daran
werden die spezifischen Marktbearbeitungsstrategien erarbeitet. In Anbetracht
der Informationsflut, die schon bei einer überschaubaren Anzahl von Ländern zu
bewältigen ist, ist eine Weltmarktsegmentierung aus Gründen der Handhabbarkeit
und Wirtschaftlichkeit kaum durchführbar. Ebenso dürfte die Prognose von Gewinn-
und Umsatzwerten problematisch sein.
Das 2-Stufen-Modell von Berekoven
geht zunächst in der Grobauswahl von
Kriterien wie Unternehmensphilosophie und Unternehmensziele sowie von
allgemeinen Voraussetzungen für Lieferung, Absatz und Verwendung im Land
(Importbestimmungen, Risiken, Klima, Sprache usw.) aus. Die nach der
Grobauswahl verbleibenden (wenigen) Länder werden durch Punktbewertungs- und
Profilmethoden, Risikopunktbewertungsverfahren (insb. basierend auf dem BERI-Index), multivariate Analyseverfahren
(insb. Clusteranalyse)
und Portfolio-Analysen weiter
untersucht (Berekoven, L.
1985). Der stufenweise oder parallele Einsatz des Instrumentariums bleibt dabei
allerdings im Dunkeln.
Bei Stahr ist die
Selektion neben der Ermittlung des Auslandspotenzials der Unternehmung, der
systematischen Erarbeitung von Selektionszielen, der Entwicklung einer
Markteintrittsstrategie und der Integration der Länderstrategien in das
Unternehmenskonzept ein (isolierter) Bestandteil des Internationalisierungsprozesses
(Stahr, G.
1980). Die Selektionsphase, in welcher Markteintrittsstrategien nicht
berücksichtigt werden, gliedert sich dabei in die Phasen Vorauswahl (Umfeld-
und Umweltanalyse), Vorprüfung (Risiken, Absatzchancen, Absatz- und
Importbedingungen, Marktdynamik) und Hauptanalyse. Stahr setzt in seinem eher operativ orientierten Selektionsmodell
Instrumente wie Punktbewertungsverfahren und Wirtschaftlichkeitsanalysen
(statische und dynamische Investitionsrechenverfahren, Sensitivitätsanalyse,
Risikoanalysen usw.) ein.
Henzler geht in
seinem Selektionsansatz von einem 3-Phasen-Prozess aus. Nach einer ersten Phase der Vorauswahl (nach
politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen) werden in der zweiten Phase die nach Bevölkerungsstand
und Pro-Kopf-Einkommen kleinen und wirtschaftlich schwächeren Länder
ausgeschieden. In der dritten Phase
wird schließlich nach jeweils unternehmensspezifisch angepassten
Kriterienkatalogen (etwa nach den Kriterien »zukünftige Nachfrage und
wirtschaftliche Potenz des Landes«, »Verteilung des Wohlstandes«,
»Anforderungen an das technische Niveau der Produkte«, »Ausstrahlung des
Marktes auf andere Wirtschaftsräume«, »Verfügbarkeit von Produkten«) eine
weitere Auswahl getroffen. Erst daran anschließend werden für die verbleibenden
Länder strategische Vorgehensweisen festgelegt und konkrete strategische Pläne
entwickelt (Henzler, H.
A. 1979). Die Zerlegung des Gesamtverfahrens in einzelne isolierte
Beurteilungs- und Filterungsstufen kann dabei jedoch Fehlentscheidungen
bedingen, da der ungünstige Wert eines Kriteriums, der zum Ausscheiden eines
Landes führt, später durch andere gute Beurteilungen kompensiert werden könnte.
Weitere Ansätze zur Länderauswahl wurden u.a. von Zoltners/Dodson (Zoltners, A.
A./Dodson, J. A. 1983) und Seidel
(Seidel, H.
1977) veröffentlicht. Eine Literaturübersicht findet man etwa bei Breit (Breit, J.
1991; Schuh,
A./Trefzger, D. 1991 und Stegmüller,
B. 1995).
III. Anforderungen und
Konstruktion eines Selektionsmodells
Beim Entwurf eines strukturierten Länderselektionsmodells
sollte so vorgegangen werden, dass die Länderauswahl und die Planung der
Markteintrittsstrategien nicht in getrennten Schritten nacheinander vollzogen,
sondern integriert auf einander abgestimmt werden. Es geht demnach weniger um
die Erstellung eines Ablaufmodells für die Länderauswahl, sondern vielmehr um
die Konzeption eines integrierten Planungsmodells für Marktauswahl und Markteintrittsstrategien.
Dabei sollte das Verfahren so aufgebaut werden (dazu auch
ansatzweise Bea, F. X.
1983), dass
1.
strategische
Gesichtspunkte der Marktwahl berücksichtigt werden,
2.
akzeptable
Markteintrittsstrategien in den Auswahlprozess miteinbezogen werden,
3.
informationsökonomische
Gesichtspunkte und die Informationsbeschaffungs- und
-verarbeitungskapazitäten beachtet werden,
4.
der Erfahrungshintergrund
des Managements einfließen kann,
5.
Rückkoppelungen
zwischen den Selektionsstufen vorgesehen sind,
6.
der Planungsprozess auf offene Problemstrukturen anwendbar ist und
7.
die einzelnen Schritte des Verfahrens aus Gründen der
Akzeptanz leicht verständlich und einfach handhabbar sind.
Den informationsökonomischen
Gesichtspunkten kann dadurch Rechnung getragen werden, dass ein stufenweiser
Auswahlprozess so strukturiert wird, dass im Wege einer Negativauswahl im
ersten Schritt Länder mithilfe recht grober Informationen ausgeschieden werden.
Mit jeder Stufe des Verfahrens steigen bei sinkender Länderzahl die
Informationsanforderungen. Strategische
Gesichtspunkte sind über die Kriterieninhalte, der Erfahrungshintergrund des Managements über die Einbeziehung dieser
Personen in den Auswahlprozess und über Diskussions- und Bewertungsphasen (z.B.
im Rahmen der Erstellung von Portfolios und der schrittweisen Planung von
Markteintrittsstrategien) in das Planungsverfahren zu integrieren.
Des Weiteren haben grundlegende Vorentscheidungen erheblichen
Einfluss auf die Konstruktion und Struktur des Modells (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Konstruktion eines Selektionsmodells (in Anlehnung an
Schuh,
A./Trefzger, D. 1991)
Aus strategischer Sicht ist die Suche von Ländermärkten für vorgegebene Leistungsangebote zu eng
fokussiert. Die geschäftsfeldorientierte Länderauswahl verschafft dem
internationalen Marketing mehr Flexibilität bei der Anpassung an die
Kundenprobleme der jeweiligen Länder. Die Verzahnung von Marktauswahl und
Planung der Markteintrittsstrategien eröffnet weite Planungsspielräume. Sie
bezieht die Umsetzung der Marktauswahl durch die schrittweise und detaillierte
Planung der Markteintrittsmöglichkeiten in diesen Planungsprozess mit ein (s. Abb. 2).
Abb. 2: Flussdiagramm der Marktselektion (Schneider,
D.J. G./Müller, R. U. 1989, S. 19)
Im Folgenden wird dieses Selektionsmodell näher erläutert. Es
handelt sich um ein 3-stufiges Vorgehen, wobei unter Berücksichtigung
alternativer Markteintrittsstrategien zunächst anhand von Restriktionen und einem Satz von Selektionskriterien eine Grobselektion
vorgenommen wird und in einer anschließenden Feinselektion Märkte beurteilt und ausgefiltert werden.
IV. Grobselektion
1. Analyse hinsichtlich gravierender
Restriktionen
Das Verfahren beginnt aus informationsökonomischen Gründen
mit einer Restriktionenanalyse, bei der Kriterien herangezogen werden, deren
Vorliegen oder Nichtvorliegen allein das Ausscheiden eines Marktes bewirken
kann und die relativ leicht ermittelbar sind. Restriktionen können dabei
gegeben sein durch:
-
das Produkt oder den vom Unternehmen bearbeiteten
Problemlösungsbereich,
-
die personellen und finanziellen Ressourcen,
-
strategische Vorentscheidungen,
-
freiwillig auferlegte Beschränkungen und
-
die Strukturen des in- und ausländischen Marktes.
Restriktionen sind so zu wählen, dass nicht vorschnell
interessante Märkte ausgeschieden werden. Als Hilfestellung können Checklisten eingesetzt werden.
2. Analyse mithilfe von Selektionskriterien
Nach einer ersten Reduktion der Zahl der Länder durch
Restriktionen müssen im Weiteren die noch verbleibenden Länder näher analysiert
und selektiert werden. Dies erfolgt zunächst durch eine kriteriengestützte Grobauswahl.
Die Selektionskriterien für diese Grobauswahl sollten:
-
die wesentlichen Beurteilungsdimensionen enthalten,
-
dem strategischen Charakter des Entscheidungsproblems
entsprechen,
-
voneinander möglichst unabhängig sein und
-
anhand von leicht und kostengünstig beschaffbaren
Informationen bewertbar sein.
Die Beschaffung international vergleichbarer Daten stößt oft
auf erhebliche Schwierigkeiten. Es bieten sich hier u.a. Daten der UNSO (UN-Statistical Office) an, die in
einer computergestützten Datenbank, der Cometrade, gespeichert sind. Sie
enthält die der UNO von ihren
Mitgliedsstaaten nach dem Klassifikationsschema SITC (Standard International
Trade Classification) gemeldeten Im- und Exportdaten. Daten nicht oder schlecht
meldender Länder können durch Vergleich der meldenden Marktgegenseiten relativ
gut ermittelt werden. Nicht ermittelbar bleibt der Handel zwischen nicht
meldenden Ländern. Darüber hinaus bestehen noch mehrere andere Detailprobleme,
die die Aussagefähigkeit der Daten mindern können. Dennoch sind externe
Online-Informationsquellen in Form von renommierten Internetquellen wie z.B.
Homepages von Verbänden, Vereinigungen und internationalen Länderorganisationen
ebenso wie Online-Datenquellen (Dialog Corporation, GENIOS,
Fachinformationszentrum (FIZ) Technik, APA, STN International, ECHO, GBI) aber
auch Suchmaschinen im Internet vom informationsökonomischen Standpunkt her sehr
nützlich.
Ausgehend von den oben beschriebenen Anforderungen können für
die Selektionsentscheidung zwei Gruppen von Kriterien (A- und B-Kriterien) herangezogen werden, die jedoch
unternehmensspezifisch adaptiert werden müssen.
A-Kriterien, die die
Entwicklung der zu beurteilenden Länder eher aus strategischer Perspektive und
unter Berücksichtigung des Länderumfeldes sehen:
a) Entwicklungstendenzen der Region des
Landes
Diese Kriteriengruppe soll jedes Land aus strategischer
Perspektive sowie unter Berücksichtigung seiner regionalen und internationalen
»Einbettung« beurteilen und Unterschiede in der Entwicklung des jeweiligen
Landes im Vergleich zur Region und den Unterschied zwischen den betrachteten
Weltregionen aufzeigen. Als Unterkriterien können dabei etwa dienen: die
Entwicklung des Bruttosozialprodukts und der Im- und Exporte gesamt und in den
interessierenden Branchen, die Entwicklung der Industrieproduktion (gesamt) und
der interessierenden Bereiche, die infrastrukturelle Entwicklung einschließlich
Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen, Tendenzen politischer und
wirtschaftlicher Art usw.
b) Strategische Position eines Landes im
Umfeld anderer Länder
Die strategische Position kann z.B. durch die logistisch mehr
oder weniger günstige Lage eines Landes, durch politische und wirtschaftliche
Abkommen oder Distanzen und/oder durch gemeinsame oder distante Sprach- und
Kulturräume mit anderen Ländern gekennzeichnet sein. In strategischer Sicht ist
es dabei sinnvoll, vorausschauend Exportmärkte auch hinsichtlich ihrer
Vorteilhaftigkeit für weitergehende Aktivitäten einzuschätzen.
B-Kriterien, die die
Beurteilung einzelner Ländermärkte hinsichtlich ihres augenblicklichen und
künftigen Potenzials für den Leistungsbereich der Unternehmung ermöglichen:
c) Marktvolumina
Es muss beurteilt werden, wie attraktiv der jeweilige
Absatzmarkt für das Leistungsspektrum der Unternehmung in volumens- und, mit
erheblichen Einschränkungen, auch in ertragsmäßiger Hinsicht ist und welche
Entwicklungstendenzen sich abzeichnen. Indikatoren für die volumensmäßige Einschätzung
liefern die Entwicklung von Import- und Export- sowie Produktionszahlen der
betreffenden Länder in den untersuchten Produkt- bzw. Verwendergruppen, die um
entsprechende qualitative Informationen zu ergänzen sind.
d) Markteintrittsbedingungen
Erste Hinweise bei der Beurteilung der
Markteintrittsmöglichkeiten für die untersuchten Produkte und Länder geben die
Außenhandelssysteme sowie die Außenhandelsregime der Länder hinsichtlich
tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse. Diese Daten können von den
Unternehmungen z.B. über die Bundesstelle für Außenhandelsinformationen,
Banken, Interessenvereinigungen, Rechtsdatenbanken und externe Onlinequellen
beschafft werden.
e) Konkurrenz
Für eine erste grobe
Feststellung, ob in den untersuchten Ländermärkten mit Importkonkurrenz zu rechnen ist und woher diese Konkurrenz kommt,
lassen sich ebenfalls die UNSO-Daten
heranziehen. Es sollen die wichtigsten potenziellen Konkurrenzländer
identifiziert, die Importanteile der Produktgruppen in den untersuchten Importländern
nach Lieferländern festgestellt sowie vorhandene inländische Konkurrenz
beurteilt werden. Zwar wird in dieser Selektionsstufe noch keine detaillierte Konkurrentenanalyse durchgeführt; für
die Grobanalyse können dennoch aus den rein mengenorientierten Ergebnissen
unter Außerachtlassung anderer Parameter (Preispolitiken, Serviceangebote etc.
der Konkurrenten) erste Rückschlüsse gezogen werden.
f) Länderrisiken
Länderrisiken können mittels Risikoindikatoren verschiedener Institutionen (z.B. BERI-Index, World Political Risk Forecast, Business
International Country Rating, Länderrating des Institutional Investor Magazine) bewertet werden (Meyer, M.
1984). Für die Grobselektion können diese Indikatoren einzeln oder kombiniert
sowie durch aktuelle Informationen und Erfahrungen korrigiert eingesetzt werden
und in Verbindung mit anderen Selektionskriterien eine Beurteilung des
jeweiligen Landes bezüglich seiner Eignung für das Unternehmen ermöglichen.
Weitere Ansätze der Risikobewertung stammen z.B. von Miller,
Brouthers/Brouthers/Werner, Przybyliski sowie von Cook/Hebner (Miller, K. D.
1993; Brouthers, K.
D./Brouthers, L. E./Werner, S. 1996; Przybylski,
R. 1993; Cook, W.
D./Hebner, K. J. 1993).
In Abb. 3 wird die
Kriterienstruktur am Bespiel eines konkreten Anwendungsfalles (s. dazu VI.)
dargestellt.
Abb. 3: Beispiel einer Kriterienstruktur
Als Entscheidungshilfen für die Grobselektion können Punktbewertungsverfahren und die Profilmethode eingesetzt werden.
Punktbewertungsverfahren erlauben eine Gesamtbeurteilung der Ländermärkte
anhand der gewichteten Summe der Teilbeurteilungen. Ergänzend dazu kann für die
Sichtbarmachung der Struktur der Kriterienausprägungen die Profilmethode
angewendet werden. Beide Verfahren lassen sich für die Erstellung einer
Rangreihe der Länder miteinander kombinieren (vgl. Abb. 4), sie sind jedoch in ihrer Qualität entscheidend von der
Auswahl der Selektionskriterien, ihrer Gewichtung und der Kompetenz der
beurteilenden Personen abhängig.
Abb. 4: Profilmethode und Punktbewertungsverfahren als
integrierte Darstellung
V. Feinselektion
1. Suche nach detaillierten Informationen
Für die Feinselektion
ist es erforderlich, eine genauere Übersicht über die bisher ausgewählten
Märkte zu erhalten. Daher sind die eher groben Informationen hinsichtlich der
B-Kriterien für die konkreten Leistungsangebote der Unternehmung erheblich zu
verfeinern.
2. Länderportfolio
Auf der Grundlage dieser Informationen geht es darum, eine
Gesamtübersicht über das Portefeuille der Länder hinsichtlich relevanter
Kriterien zu ermöglichen, um so auch die Struktur der bisherigen und
zukünftigen internationalen Aktivitäten diskutieren zu können. Bei
unbefriedigender Verteilung kann in die Phase der Grobselektion zurückgegangen
werden. Die Verteilung der bisherigen und der potenziellen internationalen
Aktivitäten kann mithilfe von Portfolio-Analysen
(Albach, H.
1978; Ansoff, H.
I./Kirsch, W./Roventa, P. 1981; Dunst, K. H.
1979; Hinterhuber,
H. H. 1992; Mauthe,
K./Roventa, P. 1982; Roventa, P.
1979) besser überschaubar gemacht werden, um hier schon mögliche
Ungleichgewichte in der Streuung der internationalen Aktivitäten erkennen und
ihnen durch eine modifizierte Länderwahl begegnen zu können. Gleichzeitig
bieten die Portfolios auch Ansatzpunkte zur Diskussion länderbezogener
Marktstrategien. Bei unbefriedigender Verteilung im Portfolio ist in der
Planungsstruktur eine Rückkoppelung zur Grobselektionsphase vorgesehen.
3. Prioritätsorientierte Ländergruppierung
Aufgrund der zusätzlich gewonnenen Informationen hinsichtlich
der B-Kriterien und der Erkenntnisse der Länderportfolios kann eine erste
prioritätsorientierte, gruppenweise Einteilung der Ländermärkte vorgenommen
werden, z.B. in:
-
bisherige
und potenzielle Kernmärkte
(Länder zentraler Bedeutung mit erheblichem Anteil der Auslandsaktivitäten),
-
Hoffnungsmärkte (mit der Aussicht, in Zukunft zu
Kernmärkten zu werden),
-
Gelegenheits-
bzw. Periphermärkte (weniger wichtige Märkte) und
-
Abstinenzmärkte, auf deren Bearbeitung verzichtet
wird.
Eine solche Einordnung wird aus Gründen einer
wirtschaftlichen Informationsversorgung vorläufig und revidierbar vorgenommen.
Sie erlaubt jedoch die Steuerung des Umfangs und der Intensität weiterer
Informationsbemühungen.
4. Miteinbeziehung von
Marktbearbeitungsstrategien
Für potenzielle Kernmärkte muss eine intensive
Informationsgewinnung erfolgen. Um auch hier die informationsmäßigen
Anforderungen begrenzen zu können, ist zu überprüfen, ob für einzelne dieser
Märkte Bearbeitungsrestriktionen
seitens des Marktes oder der Unternehmung bestehen. Für die verbleibenden
Kombinationen von Kernmärkten und Marktbearbeitungsstrategien sind nun
sukzessive weitere Informationen zu gewinnen. Dabei können einzelne Märkte
wieder aus dem Bereich potenzieller Kernmärkte herausgenommen und als
Hoffnungs- oder Periphermärkte eingestuft werden und umgekehrt.
Für die Hoffnungsmärkte werden vorerst, entsprechend der
Unternehmenspolitik und den Ressourcen des Unternehmens, im Vergleich zu
Kernmärkten weniger intensive Formen des Markteintritts in die Überlegungen
einbezogen. Für Gelegenheits- bzw.
Periphermärkte werden nur noch Markteintrittsstrategien geringer
Intensität (Einschaltung von Handelshäusern, Anschlussabsatz, Vertretungen
etc.) in den Überlegungen zur Selektion berücksichtigt und entsprechende
Informationen beschafft. Märkte, die aufgrund der angestellten Kalküle den
Anforderungen nicht genügen, werden ausgeschieden. Der Vorteil der
dargestellten Vorgehensweise besteht darin, dass von vornherein mehrere
Markteintrittsstrategien parallel betrachtet und bewertet werden. Damit wird
auch ein stufenweiser Planungsprozess initiiert, der Auslandsengagements mit
Prioritätssetzung, Zeit- und Budgetvorgaben usw. verbindet.
5. Abschließende Länderportfolioanalysen
Den Abschluss der Phase der Feinselektion bildet eine nochmalige Erstellung der
Länderportfolios unter Einbeziehung der hinzugewonnenen Erkenntnisse, um
abschließende Veränderungen vornehmen zu können. Rückkoppelungen zu
vorangegangenen Phasen sind dabei grundsätzlich vorgesehen. In Abb. 5 werden beispielhaft zwei Typen
von Portfolios dargestellt.
Abb. 5: Beispiele für Ländergrundportfolios
VI. Zur praktischen
Umsetzung des Selektionsmodells
Das dargestellte Ablaufmodell für die internationale
Marktauswahl ist ein Grundschema, das im Anwendungsfall an die Gegebenheiten
und Zielsetzungen einer konkreten Unternehmung anzupassen ist. Das
Auswahlverfahren wurde erstmals in einem mittelständischen Zulieferunternehmen
erprobt, das eine Produktpalette technischer Zulieferprodukte in zwei
Produktlinien produziert und verschiedenen Verwenderbranchen in einer Reihe von
Ländern anbietet (Schneider,
D.J. G./Müller, R. U. 1989). Erfahrungen daraus sollen hier kurz
skizziert werden.
Bei der Bestimmung von
Verwendergruppen und Verwenderbranchen mussten die relevanten Daten in der
Welthandelsdatenbank und ihrer Untergliederung nach dem SITC-Produktcode
identifiziert werden. Die Produktklassifikationen waren dabei zu grob und umfassten
eine Fülle irrelevanter Produkte sowie auch angrenzende Produkte. Deshalb
wurden zusätzlich die Volumina von Abnehmerbranchen als Indikatoren für die
Ausfilterung uninteressanter Märkte herangezogen. Es zeigte sich aber, dass für
den Absatz der Produkte z.T. sehr bedeutende Verwenderbranchen in der SITC
nicht aufgeführt sind, da sie nicht als Gesamtanlagen, sondern in einer
unüberschaubaren Vielzahl von Komponenten geliefert und vor Ort zusammengebaut
werden. Zwar sind in der Regel die Zulieferprodukte mit den Komponenten bei
Lieferung schon verbunden; es tritt aber nach einer gewissen Zeit ein
Ersatzbedarf auf, sodass sich aus diesen Branchen dann ein interessantes
Nachfragepotenzial entwickelt. Wegen der Bedeutung dieser Verwenderbranchen und
ihrer nicht möglichen direkten Nachweisbarkeit in der SITC mussten ersatzweise sekundäre Verwenderprodukte
identifiziert werden. Das heißt, die Ortung dieser Verwenderbranchen erfolgte
in diesen Bereichen über die Produktion bzw. die Exportproduktion der eigentlichen
Verwenderprodukte. Einzelne Produktgruppen
konnten wiederum auf dem Hintergrund realer Produktions- und
Wettbewerbsverhältnisse zu sinnvollen primären und sekundären Verwenderbranchen
zusammengefasst und irrelevante Produkte selektiert werden.
Bei der Restriktionenanalyse
trat beispielsweise das Problem auf, dass stark schwankende
Wechselkursparitäten zu Verzerrungen bei der Bewertung der Importgüter führten.
Deshalb wurde als Beurteilungskriterium der Weltimportmarktanteil des
jeweiligen Landes herangezogen, was die angesprochene Verzerrung zwar nicht
vollständig eliminiert, aber mildert. Für das Unternehmen ist nicht das
Potenzial der einen oder der anderen Verwenderbranche, sondern ein
Mindestmarktpotenzial eines Landes insgesamt von Interesse. Länder, die die
Mindestniveaus unterschritten, wurden markiert. Die Summe der
Weltimportmarktanteile der markierten Länder sollte dabei möglichst gering
sein, um kleine, aber lukrative Märkte nicht von vornherein auszufiltern. Bei
den Verwenderbranchen wurde ein von der gleichen Markierungsgrenze nach unten
hin abgestuftes Markierungs- und Punktsystem verwendet, um auch kleinere, erst
im Aufbau begriffene Märkte erfassen zu können. Stark wachsende Märkte mit
Wachstumsraten von über 10% bzw. über 20% wurden mit einen Punktebonus
versehen.
Für die kriteriengestützte
Länderauswahl wurde eine mehrstufige hierarchische Kriterienstruktur
entwickelt. Im Rahmen des durch die Kriterienhierarchie mehrstufigen
Aggregationsprozesses muss dabei eine Reihe von Skalentransformationen
durchgeführt werden, um zu vermeiden, dass durch unterschiedliche
Skalenbreiten, die sich durch eine verschieden große Anzahl von zu
aggregierenden Unterkriterien bilden (vgl. Abb.
3), Gewichtungseffekte ungewollt entstehen. Weiterhin müssen für alle
Kriterien und Unterkriterien in Zusammenarbeit mit der Unternehmung Gewicht
festgelegt werden, mit denen sie in die nächste Aggregationsstufe eingehen
sollen. Die Selektion der Länder kann dann auf der Basis zweier Kriterien
erfolgen: Mindestgesamtpunktesumme über alle Kriterien und Mindestausprägung
der einzelnen Kriterien.
VII. Resümee
Bei der praktischen Umsetzung des oben skizzierten
Länderselektionsmodelles wurde eine Reihe von Erfahrungen gewonnen:
-
Für Mittelbetriebe mit Produkten für eine Vielfalt von
Abnehmerbranchen ist das gewählte Verfahren dann zu aufwendig, wenn keine
einschneidenden Restriktionen genannt werden, die das Entscheidungsfeld
hinsichtlich der Länderzahl drastisch reduzieren können.
-
Mittelbetriebe, deren Produkte in eng begrenzten
Branchen eingesetzt werden, können das Verfahren mit vertretbarem Aufwand
bewältigen.
-
Das Kriterium »strategische
Position im Umfeld anderer Länder« ist nur mit unverhältnismäßig großem
Aufwand erfassbar. Hier sind noch weitere Vorarbeiten zu leisten.
-
Das Auswertungsprogramm der Welthandelsdatenbank ist für die Zwecke der Marktselektion noch
unzureichend ausgebaut. Die Folge ist ein zu großer Manipulations- und
Rechenaufwand.
-
Es ließen sich Standardprogramme für einzelne
Kriterien – z.B. »Risiken«, »Entwicklungstendenzen der Region und des
Landes«, »Strategische Position im
Umfeld anderer Länder« – entwickeln. Das würde den Selektionsaufwand
erheblich verkürzen.
-
Es könnten für einzelne Branchen Programme zur
Grobselektion entwickelt werden, die als Vorselektionsprogramm vorschaltbar
wären. Auch so könnten Aufwandsreduzierungen für die einzelne Unternehmung
erreicht werden.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass sich die Tendenz
verstärkt, bei Internationalisierungsentscheidungen auf die beispielhaft
genannten externen Onlinequellen zurückzugreifen. Wichtig ist hierbei, solche
Quellen zu identifizieren, die für alle Ländermärkte vergleichbare Informationen anbieten. Für den Aufbau von
Internationalisierungskonzepten erscheint es sinnvoll, Marktwahl und
Markteintrittsstrategien nicht in getrennten Schritten nacheinander zu planen,
sondern diese beiden Entscheidungsbereiche zu einem integrierten
Planungskonzept zu verknüpfen (Schneider,
D.J. G. 1998).
Literatur:
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Engelhardt, W. H./Laßmann, G., 1977, S. 57 – 72
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Bamberger, I./Evers, M. :
Internationalisierungsverhalten von Klein- und Mittelbetrieben – Empirische
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Multicriteria Approach to Country Risk Evaluation: With an Example employing
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Dunst, K. H. : Portfolio-Management,
Berlin et al. 1979
Henzler, H. A. : Neue Strategie
ersetzt den Zufall, in: manager magazin, H. 4/1979, S. 122 – 129
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