Inhaltsübersicht
I. Das
Handlungsfeld und seine Bezeichnungen
II. Die
Interaktionsobjekte
III. Professionalisierungsschwerpunkte
IV. Der
Beschaffungsprozess
V. Supportaspekte
VI. Managementkonsequenzen
I. Das Handlungsfeld und
seine Bezeichnungen
Das Handlungsfeld Beschaffung rückt zunehmend in das
Blickfeld unternehmerischer Entscheidungen. Im internationalen Wettbewerb
reicht es nicht mehr aus, die Einkaufspreise durch Machtausübung zu drücken.
Entlang der Wertschöpfungskette entstehende Optimierungspartnerschaften
präferieren eine gänzlich andere Vorgehensweise: Über die Funktions- und
Unternehmensgrenzen hinweg werden bestmögliche Lösungen (Kooperationen)
gesucht. Fusionen werden häufig mit Einsparmöglichkeiten in der Beschaffung
begründet. Dem Bedeutungszuwachs in der Praxis entspricht die Realität in der
Forschung noch nicht.
Der Bedeutungswandel kommt auch durch die in Unternehmen
verwendeten Begriffe zum Ausdruck. Vom bestellschreibenden Einkauf über die
verwaltende Materialwirtschaft steht heute die Beschaffung im Fokus. Der
Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) betont ebenso
die Beschaffung wie die Verbandszeitschrift „ Beschaffung aktuell “ . So wird auch
in der Aufbauorganisation der Bereich genannt, der sich dieser Aufgabe widmet.
Man kann auch von Beschaffungsmanagement sprechen. Stellt man den Marktaspekt
heraus, um die Interaktion zu betonen, bietet sich analog zum Absatzmarkt die
Bezeichnung Beschaffungsmarketing an. Hier besteht die Aufgabe darin,
Koalitionen mit internen Kunden und externen Lieferanten zu bilden. Das spielt
insbesondere dann eine Rolle, wenn in großen Unternehmen die
Beschaffungsaufgabe als Servicegesellschaft zentralisiert wird.
II. Die
Interaktionsobjekte
Im Rahmen des Business Reengineering wurde das Objektfeld der
Beschaffung deutlich erweitert. Man kann die folgende Struktur zugrunde legen
(Abb. 1).
Abb. 1: Interaktionsprozesse
Was benötigt ein Unternehmen, um durch Fremdbedarfsdeckung
seine Ziele zu verwirklichen? Die Produktionsfaktorsystematik bietet erste
Ansatzpunkte. Im Mittelpunkt stehen noch Sachgüter (Roh-, Hilfs-,
Betriebsstoffe, Halbfabrikate, Fertigteile, Systeme, Werkzeuge, Maschinen,
Anlagen, Endprodukte). Bei der Entscheidung „ Beschaffung oder eigene
Produktion “ wird die Sachgütererweiterung deutlich: IBM lässt in China fertigen
und schließt eigene Produktionsstätten, Porsche vergibt die Produktion des
Boxter an Valmet (Finnland), nur noch wenige Markenhersteller der
Textilindustrie stellen selbst her: Die Produktion wird in low-cost-countries
verlagert. Zunehmend wird der Beschaffung die Versorgung mit Dienstleistungen
übertragen (Informationen, Beratung, Service, Fleetmanagement, Ingenieur- und
Werkstattdienstleistungen, Logistikleistungen, Facility-Management,
Wirtschaftsprüfung, Recht, Personalleasing, Zeitarbeitskräfte usw.). Die beiden
letzten Interaktionsobjekte bilden
eine Brücke zur Personalbeschaffung als einen Teil der Personalfunktion im
Unternehmen. Auch zum Finanzbereich gibt es Überschneidungen, wenn die
Sachgutbeschaffung (z.B. Anlage) mit der Finanzierung einhergeht (z.B.
Leasing). Umgekehrt kann die eigene Beschaffung durch eigene
Finanzierungshilfe, die man dem Lieferanten anbietet, erleichtert werden. Die
Entscheidungsstruktur von Sachgüter- und Nominalgüterbeschaffung differiert nur
wenig. Auch bei der Beschaffung von Immobilien und Unternehmen, die vorrangig
von der Unternehmensleitung vorgenommen wird, lassen sich Ansätze der
Professionalisierung mit Hilfe der Beschaffung feststellen.
Der beschaffte Input muss sich im anschließenden
Leistungserstellungs- und -verwertungsprozess bewähren. Die Beschaffung ist
also selbst Dienstleister für die anschließenden Prozessstufen. Der mit dem
Lieferanten zu verhandelnde Bedarf wird letztlich aus der Engpasssituation, vom
Absatzmarkt bestimmt. Daraus ergeben sich ablauforganisatorische Konsequenzen.
III. Professionalisierungsschwerpunkte
Der Professionalisierungsgrad streut in der
Beschaffungspraxis ganz erheblich. Auch in der Theorie klaffen noch erhebliche
Lücken. Mehrere Aspekte bedürfen stärkerer Beachtung.
1. Die Strategische Fokussierung
Vor lauter operativer Arbeit kommt die strategische zu kurz.
Das Tagesgeschäft muss erledigt werden, erst dann seien strategische
Überlegungen möglich. Diese Verhaltensweise verhindert Verbesserungsprozesse (Boutellier,
Roman 2003, S. 23). Aufgespannt zwischen den Dimensionen Leistungs-
und Kostenbedeutsamkeit ist eine 4-Felder-Matrix möglich (Abb. 2).
Abb. 2: Entscheidungsfelder
Die Arbeit beginnt in dem für das Unternehmen wichtigsten Quadranten
(Feld 1), wegen der hohen Kosten und Leistungen sind hier für das Unternehmen
die höchsten Erfolgspotenziale zu erwarten. Die Arbeit konzentriert sich
darauf, bei hoher Leistungskonstanz möglichst nahe an oder sogar in Feld 3 zu
gelangen. Feld 2 kann in Richtung Feld 1 durch Leistungserhöhung oder in
Richtung Feld 4 durch Kostensenkung verlassen werden. Es kann auch geprüft
werden, ob die bisherige Leistungshöhe unbedingt notwendig ist, oder ob es
nicht sinnvoller ist, durch Leistungssenkung aus Feld 3 in Feld 4 zu gelangen.
Und aus Feld 4 kann man schließlich in Feld 1 streben, wenn man nach Regelungen
sucht, um aus dem operativen Tagesgeschäft z.B. durch Rahmenverträge über
E-Procurement-Plattformen auszusteigen – die Abwicklung wird vom Bedarfsort aus
vorgenommen. Diese strategische Entscheidung kann in längeren Abständen (z.B.
alle 2 Jahre) überprüft werden. Damit wird Zeit aus dem operativen Arbeiten ins
strategische übertragen.
2. Die Prozessdominanz
Die mangelnde Prozessorientierung hat mehrere schädliche
Konsequenzen. Es wird das bestellt (eingekauft), was als Bedarf gemeldet wird –
man kann das als Bestellschreiberverhalten bezeichnen. Der mit dem Lieferanten
zu verhandelnde Bedarf ist jedoch das Ergebnis eines crossfunktionalen
Entscheidungsprozesses innerhalb des eigenen Unternehmens und zum Lieferanten
hin (Optimierung des Wertschöpfungsprozesses). Die Beschaffungsplanung beginnt
am Engpass – das ist in Wettbewerbsmärkten meist der Absatz. Hier setzt die
Strategie des Simultaneous Engineering an und wird in strategischen
Beschaffer-Lieferanten-Partnerschaften fortgesetzt.
Die Prozessperspektive erleichtert auch eine umfassendere
Kostenperspektive. Statt alleiniger Betrachtung der Beschaffungsobjektkosten
werden auch die Beschaffungsprozesskosten in das Entscheidungskalkül
einbezogen.
3. Methodenvielfalt
Das in der Beschaffungspraxis genutzte Methodenarsenal ist
überschaubar. Dass sich Methoden dem Problem anzupassen haben und sich eine
Methode nicht für alle Probleme eignet, wird zu wenig beachtet: Ernst hat in
einer umfangreichen Arbeit die Problemwelt strukturiert (Problemidentifikation,
Informationssammlung, Alternativengenerierung, Bewertung, Entschlussfassung,
Kontrolle, Methoden der Prognose), diese Problemwelt den Stufen des Beschaffungsprozesses
zugeordnet und dann diesen Feldern die bekannten Methoden zugeordnet (Ernst, Achim
1995). Der mögliche Methodenreichtum überrascht die Praxis, wenn sie damit
konfrontiert wird.
4. Entscheidungstransparenz
Die zunehmende Kompetenz der Beschaffungsmitarbeiter
ermöglicht Entscheidungen auf niedrigerer Hierarchieebene. Das durch
Crossfunktionalität bedingte Entscheiden im Projektteam führt zur Mitwirkung
mehrerer, unterschiedlicher Funktionsträger. Es trägt zur Reduktion
langwieriger Debatten bei, wenn die Entscheidungsbedingungen allen Mitwirkenden
bekannt sind, wenn sie außer ihren eigenen Entscheidungsmustern auch die der
anderen Funktionsbereiche kennen lernen, um dann Optimallösungen für das
gesamte Unternehmen zu generieren. Fertigt man Entscheidungsprotokolle mit
Begründungen an, hat man auch die Möglichkeit, Mitarbeiterwechsel zu
verkraften.
Aus einem großen Fundus von möglichen sind inzwischen auch
praxistaugliche Entscheidungsoperatoren (Wenn-Bedingungen)
gefiltert worden (Koppelmann,
Udo 2004, S. 48 ff.).
5. Theoretische Bezüge
Es gilt zu prüfen, welche Theorien als Grundlagen für das
Beschaffungshandeln herangezogen werden können. Die Transaktionskostenanalyse
(Anbahnungs-, Vereinbarungs-, Abwicklungs-, Kontroll-, und Anpassungskosten (Picot, Arnold
1991, S. 344) schärft den Blick für die Prozesskosten. Neben dem
Kostensenkungsziel müssen jedoch auch weitere Beschaffungsziele
(Qualität/Leistung, Flexibilität/Autonomie, Risikosenkung) beachtet werden.
Auch Hinweise, dass mit wachsender Unsicherheit, Komplexität und Spezifität
einerseits und Transaktionskosten andererseits die Marktlösung unvorteilhafter
sei (Homburg,
Christian/Werner, Harald 1998, S. 985) decken sich nur begrenzt mit
der Realität. Auch die Theorien zur Informationsasymmetrie helfen nur begrenzt.
Will man die Interaktionen zur Optimierung des Inputs entlang der
Wertschöpfungskette erfassen, dann benötigt man Verhandlungstheorien, die den
jeweiligen Partnernutzen in den Mittelpunkt rücken. Hilfreicher für die
Beschaffer-Lieferanten-Interaktion sind die Koalitionstheorie (Simon,
Herbert 1955; March, James
G./Simon, Henry A. 1958; Cyert,
Richard/March, James 1963) und die Anreizbeitragstheorie (March, James
G./Simon, Henry A. 1976). Die Koalitionstheorie gibt Hinweise zum
Bestand, zur Auflösung von Koalitionen, die Anreiz-Beitrags-Theorie erleichtert
das Verständnis, wie Beziehungen gestaltet, beeinflusst werden können. Weil
sich dieses Konzept als besonders tragfähig erwiesen hat, wird die Adaption auf
die Beschaffer-Lieferanten-Beziehung herausgestellt. Folgendes Beziehungsgefüge
(s. Abb. 3) wird unterstellt.
Abb. 3: Anreiz-Beitrags-Elemente
Die Beschafferanforderungen sollen möglichst durch
Lieferantenleistungen erfüllt werden. Der Lieferant nennt seine Preisforderung
bzw. akzeptiert/lehnt die Preisforderung des Beschaffers ab. Es kommt zu
Verhandlungen. Sie können über eine Änderung der Beschafferanforderung zur
Reduktion der Lieferleistungen führen. Interessanter werden jedoch
Verhandlungen darüber, was der Beschaffer jenseits des Preises für Leistungen
anbieten kann, die dem Lieferanten wichtig sind, bei ihm mehr bewirken, als sie
den Beschaffer kosten und damit eine überproportionale Preissenkung
ermöglichen.
Die Netzwerktheorie (vgl. Sydow, Jörg
1992) bemüht sich um die Klärung des Phänomens, dass es langfristige
Beziehungen vertikaler und horizontaler Art zwischen Unternehmen gibt, die in
starkem Maße vertrauensbasiert sind. Zu klären sind Interaktionen (z.B.
gemeinsame Weiterentwicklungsaktivitäten), ohne dass dem eine vertragliche
Regelung zugrunde liegt. Dies spielt insbesondere in außergewöhnlichen
Situationen (z.B. bei Rückrufaktionen, Schadensfällen) eine erhebliche Rolle.
Auch das Wissen um das gemeinsame Bemühen und das Vertrauen auf das gemeinsame
Optimierungshandeln kann als eine Form rationalen Handelns verstanden werden.
IV. Der
Beschaffungsprozess
Statt einige Handlungsinhalte isoliert darzustellen, sollen
sie im Handlungszusammenhang dargestellt werden. Das kann in diesem Kontext nur
überblickartig erfolgen. Zugrunde liegt folgender Beschaffungsprozess (Abb. 4),
welcher sich auch in der Realität bewährt hat.
Abb. 4: Der Beschaffungsprozess
Geht man vom Engpassgesetz der Planung (Gutenberg,
Erich 1983, S. 163 ff.) aus, beginnt die Wertschöpfungsplanung in
Wettbewerbswirtschaften im Regelfall beim Absatz. Was dort als Problem
definiert wurde, bestimmt den folgenden Problemlösungsprozess. Gemeinsam mit an
diesem Prozess beteiligten Funktionsträgern muss nun über die Funktionsgrenzen
hinweg (crossfunktional) nach einer für das gesamte Unternehmen optimalen
Lösung gesucht werden. Das kann in einer Projektorganisation erfolgen. In das
Projektteam bringt der für die Beschaffungsaufgabe Verantwortliche die
versorgungswirtschaftlichen Fragen und Lösungsmöglichkeiten ein. Nur so kann
der auf den eigenen Funktionsbereich begrenzten Sicht begegnet werden. Sie
führt häufig zu Fehlsteuerungen. Nur aus der Gesamtsicht lässt sich z.B. die
Alternative Produktion oder Beschaffung lösen. Die in Abb. 4 strukturierten
Handlungsinhalte werden als funktionsspezifische Problemfelder in den
Gesamtprozess integriert.
Der Planungs- und Entscheidungsprozess beginnt in der
Situationsanalyse damit, dass der Handlungshintergrund geprüft wird. Marktliche
oder unternehmensinterne Konstellationen können das morgige Beschaffungshandeln
erleichtern oder erschweren. Konstellationen schlagen sich in Leistungs-,
Mengen-, Preis-, Zeit- und Ortsänderungen nieder. Unerwünschten Änderungen muss
je nach Beschaffungssituation vorgebeugt werden. Ziele und Potenziale müssen in
die Planung integriert werden. Der für den Leistungsinput wichtigste Bereich
folgt mit der Bedarfsanalyse und -formulierung. Noch so gute
Optimierungsbemühungen können eine schlechte Bedarfsfixierung nicht
ausgleichen. Mehrere Prinzipien sind zu berücksichtigen. Aus der
Crossfunktionalität (interne Kooperation) folgt, dass die Anforderungen aller
an der Problemlösung mitwirkenden Funktionsbereiche beachtet werden müssen;
dabei sollten Funktionshierarchien vermieden werden. Aus dem
Vollständigkeitsprinzip folgt, dass man einen systematischen Anforderungsrahmen
benötigt, um nachfolgende Korrekturen zu vermeiden. Wegen der
Anforderungsvernetzung führen sie zu aufwändigen Reparaturarbeiten. Und
schließlich handelt es sich um eine dynamische Betrachtung. Das Heute ist nur
insoweit interessant, als es Hinweise für morgen Mögliches gibt. Die so
erhobenen Anforderungen werden häufig bereits in dieser Entwicklungsstufe
näherungsweise an den jetzt offenkundigen Marktmöglichkeiten gespiegelt. Dabei
sind erste Überlegungen zu den eigenen Beschafferleistungen möglich, die man
dann später aufgrund der Lieferanforderungen in den Verhandlungsprozess
einbringen kann (siehe Abb. 3). In diesen Kontext gehört auch die
Outsourcingproblematik. Die Produktionsfaktoren, die man bisher selbst
erzeugte, die Prozesse, die man bisher selbst verantwortete, werden zunehmend
der kritischen Überprüfung unterworfen, ob man dafür nicht besser eine
marktliche Lösung statt der hierarchischen wählen sollte. Die Reduktion der
internen Komplexität wird durch die Steigerung der marktlichen Komplexität
erkauft. Handelt es sich nur um eine Auslagerung, verbleiben also die
Mitarbeiter im eigenen Unternehmen, wird überlegt, was an bisher vom Markt
Bezogenem wieder im Unternehmen erzeugt werden kann (Insourcing).
Vor der Lieferantenanalyse steht die des Marktes. Der Markt
kann kaum, der Lieferant schon eher beeinflusst werden. Auch hier bewährt sich
das Trichtermodell. Geht man vom Weltmarkt (Global Sourcing) aus, werden
zunächst die offenkundig ungeeigneten Märkte ausgeschlossen. Die weiteren
Filterkriterien konzentrieren sich auf Risiko-, Leistungs- und Kostenaspekte.
Stehen die Lohnkosten im Mittelpunkt des Interesses, wendet man sich
insbesondere den Low-Cost-Countries (LCC) zu. Die Zunahme von Qualitätsmängeln
(z.B. Rückrufaktionen in der Automobilindustrie) rückt in jüngerer Zeit den
Qualitäts-(Leistungs-)aspekt wieder in den Fokus. Premiumprodukte müssen ihr
Leistungsversprechen halten, wollen sie keinen irreparablen Imageschaden
erleiden. Bei geringer eigener Wertschöpfungstiefe kommt damit der Beschaffung
stärkere Bedeutung im Qualitätsmanagement zu.
Es folgt die Lieferantenauswahl. Neben jetzt bereits
möglichen interessiert die Entwicklung neuer Lieferanten. Das Internet hat das
Blickfeld wesentlich erweitert. Es wird geprüft, inwieweit sie willens und in
der Lage sind, die erwähnten Anforderungen zu erfüllen. Dies muss auch vor dem
Hintergrund ihres eigenen Marktes (siehe oben) gewertet werden. In diesem
Zusammenhang sind auch die möglichen Liefereranforderungen zu eruieren, um sie
mit den bereits ermittelten Beschafferleistungen zu korrelieren. Diese
Betrachtung folgt der analogen im Absatz, in dessen Mittelpunkt die Erhebung
der Konsumentenansprüche steht. Weil der Lieferant für den eigenen Erfolg
mitentscheidend ist, wächst die Bedeutung des Supplier-Relationship-Management
(SRM). Daraus können vertikale Kooperationen (z.B. Simultaneous Engineering),
strategische Partnerschaften erwachsen. Diese Vorüberlegungen erleichtern einen
zügigen und erfolgreichen Verhandlungsprozess. Auch hier empfiehlt sich wieder
die crossfunktionale Arbeitsweise. Das aus den beteiligten Funktionsbereichen
zusammengesetzte Buying-Team übermittelt dem ebenso zusammengestellten
Selling-Team die eigenen Forderungen und Leistungen. Gemeinsam wird dann nach
einem für beide Seiten tragfähigen und Erfolg versprechenden Kompromiss
(Win-Win-Situation) gesucht. Dies schlägt sich in der Wahl der
beschaffungspolitischen Instrumente nieder (Beschaffungs-Mix). Sie haben eine
jeweils spezifische forderungs- und/oder anreizpolitische Ausprägung. Der Mix ist
dadurch gekennzeichnet, dass der Forderungsmix mit einem möglichst wenig
kostenden Anreizmix realisiert wird. Noch liegt bei den meisten Unternehmen die
Abwicklung in der Beschaffung. Als Konsequenz der Überlegungen zum
Business-Reengineering empfiehlt sich, um Doppelarbeit zu vermeiden, die
Abwicklung in den Logistikbereich zu übertragen und sich stattdessen intensiver
mit der Lieferantenpflege zu befassen. Damit wäre eine klare Schnittstelle zum
Supply-Chain-Management gewonnen. Ein wesentliches Hilfsmittel zur Abwicklung
bildet das Internet. Bei Reverse Auctions wird mit ausgewählten Lieferanten das
preislich zu verhandelnde Interaktionsobjekt genau festgelegt, um dann die
Lieferanten während der Auktion sich unterbieten zu lassen. Entgegen mancher Erwartung
wird damit nur ein sehr kleiner Teil des Beschaffungsvolumens abgedeckt. Das
E-Procurement über Marktplattformen (z.B. Chemplorer) kann als
Abwicklungsinstrument (Rahmenvertrag für ausgewählte Beschaffungsobjekte)
benutzt werden, indem die Verbrauchsstellen direkt ohne Einschaltung der
Beschaffungsabteilung ihre Bedarfe decken. Dann sind alle
Beschaffungsbedingungen fixiert. Sie gelten nur für den einzelnen Beschaffer.
Diese Rahmenverträge werden in größeren Zeitabständen jeweils neu geschlossen –
dann haben sie für die Beschaffung strategischen Charakter. Das setzt
Beschaffungskonstanz und Standardisierung voraus und kennzeichnet vor allem
C-Produkte.
V. Supportaspekte
Um die Handlungsinhalte bewältigen zu können, die Prozesse zu
verbessern, sind Informationen nötig.
-
Im Rahmen der Beschaffungsmarktforschung wird
schwerpunktmäßig der Ist-Zustand erhoben, um die Marktrealität zu erfassen.
Dabei wird zunächst festgelegt, für welches Interaktionsobjekt sich die
Marktforschung lohnt, um dann die Informationen zu nennen, die man benötigt.
Dann muss geprüft werden, mit welchen Methoden man diese Informationen
gewinnen kann. Hier hat sich durch das Internet ein Informations- und
Kommunikationsinstrument herausgeschält, das weltweit kostengünstig Entscheidungshilfen
liefert. Bei komplexen Produkten müssen andere Informationsmethoden (z.B.
Betriebsbesichtigung) gewählt werden. Zum Schluss müssen die gewonnenen
Informationen aufbereitet, interpretiert und gespeichert werden.
-
Die Früherkennung befasst sich mit der Ermittlung
„ früher Signale “ , um schleichende Entwicklungen möglichst im
Entstehungsstadium zu erfassen und dann entsprechend zu handeln. Das gilt für
die Entwicklung von Marken und Lieferanten. Die strategische Früherkennung
spielt in der Beschaffung noch keine große Rolle.
-
Kontrollinformationen werden zur Steuerung benötigt.
Benchmarking als Ist-Ist-Kontrolle erstreckt sich auf den Vergleich des
eigenen mit fremden Unternehmen, um Best-Practise-Lösungen zu finden. Die
Beschaffungskontrolle als innerbetrieblicher Soll-Ist-Vergleich dient der
Leistungsmessung und -verbesserung.
VI. Managementkonsequenzen
Beschaffung ist weitaus mehr als operativer Einkauf. Um das
Professionalitätsniveau zu heben, empfiehlt sich eine organisatorische
Aufgabenspreizung: Dem Bedarfsmanager obliegt die interne Konfliktlösung. Er
muss vor Ort die Gegebenheiten, Möglichkeiten und Interessen kennen. Er muss
wissen, weshalb die Anforderung so und nicht anders genannt wurde, und wie und
in welchem Umfang Änderungen denkbar sind. Der Lieferantenmanager gilt als
externer Konfliktlöser. Er kennt den Markt und die Situation bei Lieferanten,
weiß was dort möglich und wünschenswert ist, erkennt frühzeitig Änderungen, um,
falls sie unerwünscht sind, gegenzusteuern. Ihm obliegt die Lieferantenpflege.
Der Informationsmanager gilt als Methodenspezialist. Er weiß, wie er welche
Informationen valide gewinnt. Er weiß, welche Informationen benötigt werden.
Noch ist es in der Beschaffung weit verbreitete Praxis, dass der Einkäufer
bezogen auf seinen Objektbereich alles erledigt.
Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Kompetenzen der
Beschaffungsmitarbeiter. Fröhlich-Glantschnig hat in einer umfangreichen
Delphi-Studie die prognostizierten Kompetenzschwerpunkte erhoben (Fröhlich-Glantschnig,
Elisabeth 2004). Bezogen auf die erwartete Fach-, Methoden-, Sozial-
und Selbstkompetenz lassen sich in der Realität noch große Lücken feststellen.
Literatur:
Boutellier, Roman/Wagner, Stephan
M./Wehrli, Hans-Peter : Handbuch Beschaffung, München et al. 2003
Cyert, Richard M./March, James G. : A
Behavioral Theory of the Firm, Englewood Cliffs 1963
Ernst, Achim : Methoden im
Beschaffungsmarketing, Köln 1995
Fröhlich-Glantschnig, Elisabeth :
Berufsbilder in der Beschaffung, Wiesbaden 2005
Gutenberg, Erich : Die Produktion, 24.
A., Berlin 1983
Homburg, Christian/Werner, Harald :
Situative Determinanten relationalen Beschaffungsverhaltens, in: Zeitschrift
für betriebswirtschaftliche Forschung, Jg. 50, H. 11/, S. 979 – 1009
Koppelmann, Udo :
Beschaffungsmarketing, 4. A., Berlin 2004
March, James G./Simon, Herbert A. :
Organizations, New York 1958
March, James G./Simon, Herbert A. :
Organisation und Individuum, Wiesbaden 1976
Picot, Arnold : Ein neuer Ansatz zur
Gestaltung der Leistungstiefe, in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche
Forschung, Jg. 43, H. 4/1991, S. 336 – 357
Simon, Herbert A. : A Behavioral
Model of Rational Choice, in: Quarterly Journal of Economics, Jg. 69, H. 1/, S.
99 – 118
Sydow, Jörg : Strategische Netzwerke.
Evolution und Organisation, Wiesbaden 1992
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