Inhaltsübersicht
I. Begriff
und Bedeutung der Beziehungen
II. Gestaltung
der Beziehungen
III. Evolution
der Beziehungen
IV. Aktuelle
Entwicklungen der Beziehungen in Deutschland
V. Strukturwandel
als Chance für Zulieferer
I. Begriff und
Bedeutung der Beziehungen
Die Leistungserstellung in hoch entwickelten Industrien ist
durch einen hohen Grad an zwischenbetrieblicher
Arbeitsteilung gekennzeichnet. Das Ergebnis dieser Arbeitsteilung sind
vielfältige Interaktionen zwischen Unternehmungen unterschiedlicher
Wertschöpfungsstufen, die als Lieferanten-Abnehmer-Beziehungen bezeichnet
werden. Die Gegenstände derartiger zwischenbetrieblicher Beziehungen bilden
grundsätzlich alle von den industriellen Abnehmern für ihre Leistungserstellung
benötigten Werkstoffe (Roh- und
Hilfsstoffe sowie Vorprodukte), Dienstleistungen und Betriebsmittel
inklusive der erforderlichen Betriebsstoffe.
Die Zulieferer-Abnehmer-Beziehungen
(Z-A-Beziehungen) stellen eine Teilmenge dieser
Lieferanten-Abnehmer-Beziehungen dar. Ihnen kommt in den Fertigungs- und
Montageindustrien eine besondere Bedeutung zu. Im Mittelpunkt steht die
Versorgung der industriellen Abnehmer und hierbei insb. der
Endprodukthersteller (z.B. Hersteller von Elektrogeräten, Fahrzeugen, Maschinen
und Anlagen) mit Vorprodukten und den
zugehörigen Dienstleistungen. In
Abhängigkeit von ihrer Komplexität lassen sich bei den Vorprodukten singuläre
Teile, vorgefertigte Baugruppen, Komponenten, Module und (Sub-)Systeme
unterscheiden. Speziell bei den Modulen
und (Sub-)Systemen handelt es sich
oft um Problemlösungen (Kern, W.
1979). Soweit die Vorprodukte nicht aus der eigenen Fertigung der
Endprodukthersteller kommen, können sie als Zulieferprodukte bezeichnet werden.
Es ist das besondere Merkmal von Zulieferprodukten, dass sie erst durch den
Einbau in oder den Anbau an die Endprodukte ihre Funktion im und für das
Endprodukt zweckbestimmt erfüllen können. Im Gegensatz zu den Roh-, Halb- und Hilfsstoffen, die im
Wege der Weiterverarbeitung in die Endprodukte eingehen und dabei Form- oder
Substanzänderungen unterzogen werden, lassen sich Zulieferprodukte in den
Endprodukten immer noch als spezifische Vorprodukte identifizieren. Bei der
Entsorgung sowie beim Recycling und
Downcycling der Endprodukte müssen für manche Vorprodukte (z.B.
Kunststoffteile, Elektronikteile) besondere Vorkehrungen getroffen werden.
Im Folgenden werden lediglich die Endprodukthersteller als Abnehmer
betrachtet. Damit wird der Gegenstandsbereich der Z-A-Beziehungen etwas
verkürzt, denn in vielen Branchen haben auch die Zulieferer der
Endprodukthersteller ihrerseits wiederum vorgeschaltete Zulieferer, von denen
sie Teile und Baugruppen beziehen.
Bei den Zulieferern
handelt es sich in erster Linie um industrielle Unternehmungen, z.T. jedoch
auch um Unternehmungen mit handwerklicher Produktion, deren Sachziel in der
Produktion von Vorprodukten, die ausschließlich oder doch zum überwiegenden
Teil für Endprodukthersteller und
nicht für Endproduktverwender
bestimmt sind, besteht. Sie beliefern die Endproduktverwender direkt oder
indirekt über Handel und Werkstätten nur insoweit, als die von ihnen hergestellten
Zulieferprodukte auch als Ersatz- und
Zubehörteile Verwendung finden.
Von den Zulieferern zu unterscheiden sind Vorlieferanten, Unterlieferanten und Lieferanten von Betriebsmitteln. Auch zu
diesen unterhalten die Endprodukthersteller Geschäftsbeziehungen, die hier
jedoch nicht weiter thematisiert werden sollen. Die Übergänge zwischen den
genannten vier Typen von Lieferanten sind fließend.
Vorlieferanten versorgen die Endprodukthersteller mit Roh-,
Halb- und Hilfsstoffen, die nicht unmittelbar in die Endmontage einfließen,
sondern vorher noch weiter be- oder verarbeitet werden müssen. Unterlieferanten
erweitern die Vorfertigungskapazitäten ihrer Abnehmer (Endprodukthersteller und
Zulieferer) und stellen für diese damit eine flexibel einsetzbare Kapazitätsreserve
dar. Im Rahmen einer lediglich quantitativen Arbeitsteilung stellen sie nach genau einzuhaltenden konstruktiven
und fertigungstechnischen Vorgaben die gleichen Produkte wie ihre Abnehmer her
und sind insofern für diese als verlängerte
Werkbank tätig. Die Lieferanten von Betriebsmitteln
(Ausrüstungslieferanten) versorgen Endprodukthersteller, aber auch Zulieferer
mit den von diesen für die Leistungserstellung zu nutzenden Maschinen und
Anlagen und den zugehörigen Dienstleistungen.
Z-A-Beziehungen sind durch eine auf eine gewisse Dauer
ausgerichtete vertikale Kooperation
zwischen den Partnern gekennzeichnet. Sie gehen über reine Marktbeziehungen
hinaus. In der Elektrotechnischen Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau, in
der Fahrzeugindustrie sowie in der Feinmechanischen und Optischen Industrie
werden sie in den letzten Jahren immer häufiger als bisher kaum genutztes
strategisches Potenzial erkannt. Die Gestaltung der Z-A-Beziehungen tritt daher
in den Mittelpunkt von neuen Sourcing-Konzepten.
Für die Hersteller von Endprodukten sind gut funktionierende
Geschäftsbeziehungen mit sorgfältig ausgewählten Zulieferern eine notwendige
Voraussetzung für eine langfristige Bezugsquellensicherung. Die Zusammenarbeit
mit hochqualifizierten Zulieferern kann darüber hinaus auch zu einem kontinuierlichen Zufluss von Produkt- und
Prozess-Know-how führen und damit für die Endprodukthersteller zu einer Quelle von Produkt- und
Verfahrensinnovationen und -verbesserungen werden. Für die Zulieferer ist
eine enge Zusammenarbeit mit den in ihren Marktsegmenten führenden
Endproduktherstellern unmittelbar absatzwirksam. Darüber hinaus erhalten sie
hieraus wichtige Impulse für die Initiierung von Produkt- und Prozessinnovationen
und Einblicke in die Markttrends auf den Endproduktmärkten. Auf diese Weise
fließen ihnen die Informationen zu, die sie für eine adäquate strategische
Positionierung in der Wertschöpfungskette
vom Rohstofflieferanten bis zum Endprodukthersteller benötigen.
II. Gestaltung der
Beziehungen
Unter dem Druck des internationalen Wettbewerbs wandeln sich
die Wertschöpfungsstrukturen in zahlreichen Industrien. Für die einzelne
Unternehmung stellt sich die Frage nach der optimalen Leistungstiefe. Eine
komplette Eigenfertigung der Vorprodukte durch die Endprodukthersteller (vertikale Integration) verschenkt
Spezialisierungsvorteile, macht starr, bindet Kapital, induziert hohe Komplexität von Produktions-Systemen und
erweist sich in vielen Fällen als nicht wirtschaftlich; eine reine Marktlösung,
die zu einem Fremdbezug, basierend auf kurzfristigen Kaufverträgen mit
Zulieferern, führt, beinhaltet die Gefahr, dass sich die Vertragspartner
voneinander abschotten, und bietet ihnen zu wenig Möglichkeiten, gemeinsam an
technischen und logistischen Problemlösungen zu arbeiten. Vor diesem
Hintergrund verfolgen die Endprodukthersteller in großen Teilen der Fertigungs-
und Montageindustrien kombinierte
Auslagerungs- und Verbundstrategien (Richter, W.
1992), die den intermediären Bereich zwischen Eigenfertigung und Fremdbezug
ausfüllen. Sie bemühen sich zu diesem Zweck um den Aufbau von kooperativen Beziehungen zu sorgfältig ausgewählten
Zulieferern, die weit über die klassischen Kunden-Lieferanten-Beziehungen auf
der Basis von Kaufverträgen hinausgehen und die Kooperationsfelder ausweiten
sowie zahlreiche Schnittstellen
zwischen den Endproduktherstellern
und ihren Zulieferern begründen.
Im Kern geht es bei der Gestaltung der Z-A-Beziehungen um die Schaffung eines auf Verträgen,
Vereinbarungen und vor allem Vertrauen beruhenden Verbundsystems, das
gemeinsame Problemlösungen der Endprodukthersteller und ihrer Zulieferer
fördert. Ein solches Verbundsystem hat den Charakter einer Interorganisation und ist durch einen intensiven Austausch von Sachgütern und Informationen zwischen den
Kooperationspartnern gekennzeichnet.
An ein Verbundsystem aus Endproduktherstellern und
Zulieferern ist eine Reihe von Anforderungen
zu stellen:
1.
Es sollte den Partnern eine Konzentration auf ihre Kernkompetenzen, in denen sie ihre
spezifischen strategischen Wettbewerbsvorteile haben, gestatten.
2.
Es sollte als Ganzes in der Lage sein, die Anforderungen
der Endproduktmärkte in qualitativer, quantitativer und zeitlicher Hinsicht
besser zu erfüllen, als dies bei einer Eigenfertigung der Vorprodukte durch
die Endprodukthersteller der Fall wäre.
3.
Es sollte im Vergleich zur Eigenfertigung der Vorprodukte
durch die Endprodukthersteller insgesamt wirtschaftlicher sein und eine
höhere Flexibilität bei Änderungen im marktlichen Umfeld aufweisen.
4.
Es sollte durch gemeinsame Produkt- und
Verfahrensentwicklungen für beide Partner vorteilhafte Innovationen
generieren.
Einem Verbundsystem aus Endproduktherstellern und Zulieferern
ist im Gegensatz zu vertikal integrierten Unternehmungen eine gewisse Labilität
immanent. Es kann nur dann Bestand haben, wenn die Zusammenarbeit allen
Beteiligten erkennbare Vorteile bietet und wenn vor allem die Zulieferer
genügend Anreize für eine langfristige Zusammenarbeit mit den
Endproduktherstellern erhalten. Die seit Ende der 1980er-Jahre vor allem in der
Automobilindustrie geäußerten Klagen der Zulieferer (vgl. Hamer, E.
1988; Fieten, R.
1991) deuten darauf hin, dass dies nicht in allen Branchen der Fall ist.
Die konstitutiven
Entscheidungen bei der Gestaltung eines Verbundsystems beziehen sich im
Einzelnen auf:
1.
die Breite und
Tiefe der Felder, in denen eine Zusammenarbeit
stattfindet;
2.
die Spielregeln
der Zusammenarbeit inklusive der einzusetzenden Koordinationsformen;
3.
das Klima der
Zusammenarbeit und die Lösung der
typischen Spannungsverhältnisse von Kooperation und Wettbewerb, von
Autonomie und Abhängigkeit sowie von Vertrauen und Kontrolle (Sydow,
J./Windeler, A. 1995).
Diese konstitutiven Entscheidungen werden in Verträge und
Vereinbarungen umgesetzt; sie fixieren damit den Rahmen für den Vollzug der
logistischen Prozesse, der Informationsprozesse und der kommerziellen
Abwicklungsprozesse, die zwischen den Endproduktherstellern und den Zulieferern
stattfinden und die letztlich die Zusammenarbeit der Partner operativ wirksam machen.
Die logistischen Prozesse beziehen
sich auf die Bereitstellung von Zulieferprodukten und Dienstleistungen durch
die Zulieferer für die Abnehmer und u.U. die Beistellung von Roh-, Halb-
und/oder Hilfsstoffen durch die Abnehmer für die Zulieferer. Die Informationsprozesse beinhalten den
wechselseitigen Austausch von Informationen über Produkte, Produktionsprozesse,
Kosten, Bedarfe, verfügbare Kapazitäten und Lieferzeiten. Sie steuern letztlich
die logistischen Prozesse und bedürfen einer Unterstützung durch moderne Informations- und Kommunikationssysteme,
z.B. zwecks Electronic Data Interchange. Der kommerzielle Abwicklungsprozess umfasst Aktivitäten wie u.a.
Auftragsbearbeitung, Rechnungsstellung und -prüfung, Zahlungsanweisungen und
Reklamationsbearbeitung.
Auf die Gestaltung von Verbundsystemen wirkt eine Reihe von Einflussfaktoren ein wie etwa das Produkt- und Leistungsprogramm der Partner,
ihre Kernkompetenzen, die von ihnen
eingesetzten Produktionstechniken und
-verfahren, die Entfernung ihrer Produktionsstandorte,
ihr Entwicklungsstand im Bereich der Informations-
und Kommunikationstechnologie sowie ihre Fertigungsorganisation. Darüber hinaus sind Faktoren wie etwa die Marktstellung der Zulieferer als
Anbieter, die Marktstellung der
Endprodukthersteller als Nachfrager, Machtverhältnisse
und Abhängigkeiten zwischen den
Partnern von erheblicher Bedeutung.
Die hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit genannten
Einflussfaktoren der Z-A-Beziehungen unterliegen im Zeitablauf dem Wandel;
dementsprechend verändern sich in großen Teilen der Fertigungs- und
Montageindustrien zzt. gravierend die Zusammenarbeit und in Verbindung hiermit
die traditionellen Grenzen zwischen den Endproduktherstellern und ihren Zulieferern.
Grundsätzlich können derartige Veränderungen sowohl von den
Endproduktherstellern als auch von den Zulieferern initiiert werden. In der
Praxis sind es zumeist die (mächtigeren) Endprodukthersteller, die über kombinierte Auslagerungs- und Verbundstrategien
zu neuen Formen der Zusammenarbeit mit ausgewählten Zulieferern gelangen und
hierbei das Ziel verfolgen, ihre Transaktionskosten zu reduzieren.
III. Evolution der
Beziehungen
1. Theoretische Ansätze
Theoretische Ansätze zur Analyse von Z-A-Beziehungen sind in
den letzten Jahren vor allem in der angloamerikanischen Literatur vorgelegt
worden (zum Überblick vgl. Lamming, R.
1993). Sie basieren zumeist auf Ansätzen der Industrieökonomik
(Williamson,
O. E. 1975, Williamson,
O. E. 1986), aber auch auf (inter)organisationstheoretischen
Arbeiten (z.B. Van de Ven,
A. H./Emmitt, D. C./Koenig, R. jr. 1975). In der deutschsprachigen
Literatur finden sich neben begrifflich-systematisierenden Darstellungen
empirische Studien über die Veränderungen der Z-A-Beziehungen sowie Einzelfallbeschreibungen,
die sich vor allem mit der Automobilindustrie befassen (z.B. Doleschal, R.
1991; Eicke, H.
v./Femerling, C. 1991; Fieten, R.
1991; Schmidt,
A./Richter, W. 1991; Wildemann, H.
1993).
Ein relativ umfassender konzeptioneller Bezugsrahmen, der
auch als Grundlage für die Gewinnung von Hinweisen für die Gestaltung der
Zusammenarbeit zwischen Endproduktherstellern und Zulieferern genutzt werden
kann, wurde von der Industrial Marketing
and Purchasing Group entwickelt (Hakansson, H.
1982; Lamming, R.
1993). Es handelt sich hierbei um ein Interaktionsmodell,
das industrieökonomische und interorganisationstheoretische Ansätze
in geschickter Weise miteinander verbindet. Dieses Modell befasst sich insb.
mit den Faktoren, die auf die Interaktionen zwischen Zulieferern und Abnehmern
Einfluss nehmen. Es eignet sich, um die sich wandelnden Z-A-Beziehungen in
ihrer Evolution zu beschreiben und hierfür Erklärungsansätze zu bieten.
2. Veränderung der Z-A-Beziehungen
Das Interaktionsmodell
zur Analyse der Z-A-Beziehungen hat sich insb. bei der empirischen
Feldforschung in der Automobilindustrie bewährt. Der Wandel der Z-A-Beziehungen
ist in dieser Industrie besonders gravierend. Entwicklungen, die sich in dieser
Industrie vollziehen, bleiben nicht ohne Signalwirkung für andere Branchen.
Bei stark vergröbernder Betrachtung lassen sich idealtypisch
eine traditionelle und eine
vielleicht nicht völlig neue, aber zumindest neuartige Konzeption der Z-A-Beziehungen unterscheiden. Die
Unterschiede zwischen beiden Konzeptionen betreffen vor allem die Spielregeln und das Klima der Zusammenarbeit, aber auch die Aufteilung der Leistungsumfänge zwischen den Herstellern und ihren
Zulieferern.
Die traditionelle
Konzeption basiert auf den klassischen
Kunden-Lieferanten-Beziehungen zwischen Geschäftspartnern und ist durch ein
relativ geringes Maß an Kooperation zwischen den Partnern gekennzeichnet. Die
heute propagierte neuartige Konzeption
der Z-A-Beziehungen orientiert sich demgegenüber an Prinzipien des Lean
Management und füllt den intermediären Bereich der Kooperation zwischen den
beiden Extremen »reine Marktbeziehung«
und »Eigenfertigung« (vertikale
Integration der vorgelagerten Wertschöpfungsstufe) aus. Sie lässt sich daher
als innovationsorientierte
Wertschöpfungspartnerschaft zwischen den Endproduktherstellern und einer
allerdings begrenzten Anzahl von sorgfältig ausgewählten Zulieferern, die
sowohl Zulieferprodukte als auch Entwicklungsleistungen einbringen, charakterisieren.
Darüber hinaus unterhalten die Hersteller klassische Marktbeziehungen zu den
Zulieferern von Standard- und Normteilen.
Bei der traditionellen
Konzeption werden die Zulieferer erst nach Vorliegen eines von den
Abnehmern entwickelten und gut definierten Produktkonzeptes auf der Basis eines
Angebotsvergleiches ausgewählt. Entscheidendes Auswahlkriterium ist der Preis.
Zur Forcierung des Wettbewerbs zwischen den Zulieferern unterhalten die
Hersteller Geschäftsbeziehungen zu mehreren Zulieferern pro Teil, die u.U.
sogar gegeneinander ausgespielt werden. Mit diesen werden lediglich kurz- bis
mittelfristige Lieferverträge abgeschlossen, um im Falle eines preislich
günstigeren Angebotes einen Lieferantenwechsel vornehmen zu können. Es finden
nach bestimmten Ritualen ablaufende jährliche Preisrunden statt (vgl. Jetter, O.
1992). Bei Änderungen einer Konstruktion
durch die Hersteller wird über eine Anpassung der Preise der Zulieferprodukte
nach oben verhandelt. Die Hersteller rufen die benötigten Zulieferprodukte ab
und nehmen die ex-post-Qualitätsprüfung im Wege von Wareneingangskontrollen
vor. Die Zulieferer gewähren ihren Abnehmern keinen Einblick in ihre Kalkulation und sind weithin autonom
hinsichtlich ihrer Produktionsplanung. Insgesamt ist die Intensität des
Informationsaustausches zwischen den Partnern relativ gering. Die Grenzen
zwischen den Abnehmern und ihren Zulieferern sind klar definiert. Das Klima der
Zusammenarbeit ist eher durch gegenseitiges Misstrauen denn durch Vertrauen
gekennzeichnet.
Im Gegensatz dazu ist die neuartige
Konzeption der Z-A-Beziehungen (vgl. Clark, K.
B./Fujimoto, T. 1991; Womack, J.
P./Jones, D. T./Roos, D. 1990) durch andere Spielregeln der
Zusammenarbeit und vor allem durch ein auf kontinuierliche
Verbesserung ausgerichtetes, leistungsorientiertes Klima der Kooperation
gekennzeichnet. Die Auswahl der Zulieferer findet bereits in der Konzeptphase
nach dem Kriterium der Entwicklungskompetenz statt. Die Hersteller schließen
für einen längeren Zeitraum, d.h. für den Modellzyklus, Verträge nur mit einem
oder mit zwei Zulieferern pro Zulieferprodukt ab (single/double sourcing). Es
wird von den Zulieferern erwartet, dass sie in Eigenverantwortung neue
technische Problemlösungen für ihre Abnehmer erarbeiten (Black-Box- oder
Grey-Box-Entwicklung). Durch gemeinsame Anstrengungen versuchen die beiden
Partner, ausgehend von den definierten Zielkosten des Endproduktes auch auf die
Zulieferprodukte heruntergebrochene Zielkosten und eine kontinuierliche
Kostenreduzierung zu erreichen. Dies impliziert, dass die Kostenstrukturen
transparent gemacht werden. Im Hinblick auf eine Abstimmung der logischen
Prozesse, aber auch der Entwicklungsprozesse findet ein intensiver
Informationsaustausch statt. Information substituiert Bestände und macht im
Idealfall für beide Partner eine Just in
Time-Produktion möglich. Die Grenzen zwischen den Unternehmungen
verwischen sich; es bilden sich zahlreiche interorganisatorische
Verbindungsstellen heraus. Die Zusammenarbeit vollzieht sich idealerweise in
einem Klima des Vertrauens.
Ein weiterer gravierender Unterschied zwischen den beiden
o.g. Konzeptionen besteht in der Komplexität der Beschaffungsaufgabe. In der traditionellen Konfiguration haben die
Endprodukthersteller nur wenige Zulieferer mit Entwicklungs- und Modulkompetenz.
Die Hersteller koordinieren die Zulieferungen von zahlreichen Komponenten-,
Baugruppen- und Teileherstellern und müssen auf der Beschaffungsseite eine
beachtlichte Komplexität bewältigen (Abb.
1).
Abb. 1: Traditionelle Konfiguration der Z-A-Beziehungen
Diese Lösung induziert für die Hersteller trotz detaillierter
Verträge und Qualitätssicherungsvereinbarungen hohe Transaktionskosten, die in
hohen Logistikkosten, aber auch in einem erheblichen Aufwand für Qualitätsaudits
und -zertifizierung begründet sind. In der neuartigen Konfiguration arbeiten die Endprodukthersteller mit
wesentlich weniger direkten Zulieferern (Modul- und in Zukunft
Systemlieferanten) zusammen. Diese koordinieren wiederum gewissermaßen wie
Generalunternehmer ihre Teile- und Komponentenlieferanten. Eine solche Lösung
wird im industriellen Großanlagenbau
bereits seit vielen Jahren praktiziert (Fieten, R.
1981). Sie führt dazu, dass sich insgesamt eine Zuliefererpyramide herausbildet (Abb. 2).
Abb. 2: Neuartige Konfiguration der Z-A-Beziehungen
Der Übergang von den klassischen, traditionellen
Kunden-Lieferanten-Beziehungen zu der neuen Konzeption der innovationsorientierten Wertschöpfungspartnerschaft vollzieht
sich nicht abrupt und auch nicht problemlos. Nach den von Lamming (Lamming, R.
1993) in der Automobilindustrie durchgeführten empirischen Recherchen gibt es Zwischenstufen des Übergangs.
Während die klassischen, traditionellen
Kunden-Lieferanten-Beziehungen charakteristisch für die Zeit der fordistischen Produktion in einem Umfeld
wachsender Märkte waren, verwandelten sich diese in Nordamerika ebenso wie
zeitversetzt in Westeuropa zu konfliktreichen und spannungsgeladenen
Beziehungen, als beträchtliche Markteinbrüche zu verzeichnen waren und eine
zunehmende Bedrohung der amerikanischen und europäischen Automobilindustrie
durch die internationale Konkurrenz offensichtlich wurde. Durch Druck auf die
Zulieferer und Ausspielen ihrer Nachfragemacht wollten die Automobilhersteller
ihre eigenen Strukturprobleme, die eigentlich in der mangelnden Eignung der
fordistischen Produktion für volatile und sich rasch verändernde Märkte ihre
Begründung hatten, lösen. Dies gelang nur z.T., zumal viele Zulieferer aus dem
Markt ausscheiden mussten und sich bei den verbleibenden Zulieferern erhebliche
Widerstände gegen die verschärften, als unbillig empfundenen
Beschaffungspraktiken der Hersteller herausbildeten. In Anbetracht dessen, aber
auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Hersteller und Zulieferer sich mehr
und mehr von der fordistischen
Massenproduktion lösen, entspannen sich ihre Beziehungen, und die
Automobilhersteller und ihre Zulieferer bemühen sich um eine Bewältigung der
aufgelaufenen Konflikte. Damit vollzieht sich allmählich der Übergang zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, die
in Japan offenbar immer noch mit Erfolg praktiziert wird (Hemmert, M.
1993).
Der Prozess des Übergangs ist noch nicht beendet; gleichwohl
zeichnet sich ab, dass die in Japan möglichen Z-A-Beziehungen außerhalb Japans
in ihrer Reinform auch von den japanischen Transplants in Nordamerika und in
Europa nicht realisiert werden können. Bei kritischer Betrachtung sind es
lediglich einzelne Elemente des »japanischen
Modells«, die außerhalb Japans angewandt werden. Bei einer Globalen
Produktion greift dieses Modell zu kurz. Sein entscheidender Mangel besteht
darin, dass es nicht auf einer Zusammenarbeit
von gleichberechtigten Partnern basiert; vielmehr kommt den Herstellern die
entscheidende Rolle der »Seniorpartner«
zu, die die Zulieferer in der Versorgungskette quasi wie »Juniorpartner« führen und koordinieren, hierbei jedoch auf die
explizite Ausübung ihrer Nachfragemacht
verzichten. Es kann in diesem Modell nicht gelingen, das gesamte
Innovationspotenzial einer effektiven Zusammenarbeit zwischen den Herstellern
und ihren Zulieferern zu erschließen. Hinzu kommt, dass die Transaktionskosten
in diesem Modell zwar geringer sind als im klassischen Modell der
Marktbeziehungen; dennoch sind sie immer noch zu hoch, da es erheblicher
Anstrengungen seitens der Hersteller bedarf, um die Auslagerung der
Leistungsumfänge auf die Zulieferer abzusichern. Vor diesem Hintergrund
erscheint es sinnvoll, die o.g. Konzeption einer weiterentwickelten innovationsorientierten
Wertschöpfungspartnerschaft nur mit den (welt)besten Zulieferern, die
dann in der Tat gleichberechtigte Partner in einer strategischen Allianz sind, zu realisieren.
IV. Aktuelle
Entwicklungen der Beziehungen in Deutschland
Die Zulieferindustrie hat in Deutschland eine lange Tradition
und ist durch eine Reihe besonderer Merkmale
gekennzeichnet:
1.
Die deutsche Zulieferindustrie ist vorwiegend mittelständisch
strukturiert.
2.
Speziell in der Automobilindustrie, z.T. auch in der
Elektroindustrie, steht eine große Zahl mittelständischer Zulieferer einer
geringen Zahl von Großabnehmern, die mit relativ großer Nachfragemacht
ausgestattet sind, gegenüber.
3.
Zulieferer und Abnehmer in Deutschland sind i.d.R.
rechtlich unabhängig voneinander.
4.
Üblicherweise bestehen keine Kapitalverflechtungen
zwischen den Herstellern und ihren Zulieferern.
5.
Die deutsche Zulieferindustrie verfügt über eine hohe technische
Problemlösungskompetenz aufgrund ihres ausgeprägten produkt- und
verfahrenstechnischen Know-hows.
Die Beziehungen zwischen den Zulieferern und ihren Abnehmern
befinden sich im Übergang von
traditionellen Marktbeziehungen zu innovationsorientierten
Wertschöpfungspartnerschaften. Der Übergang erweist sich in Deutschland
jedoch als schwierig und langwierig, zumal es auch den Herstellern nicht abrupt
gelingt, ihre internen Strukturen und ihre überkommenen Denkmuster zu
verändern. Vor diesem Hintergrund sind die Z-A-Beziehungen seit Jahren
konfliktbeladen. Neue Beschaffungs- und Logistikstrategien der Abnehmer, vor
allem in der Automobilindustrie, aber auch die lange Zeit vernachlässigte
Internationalisierung der Abnehmer stellen gewachsene und in der Vergangenheit
durchaus bewährte Muster der Z-A-Beziehungen infrage. Darüber hinaus besteht
latent die Gefahr, dass Großabnehmer ihre Marktmacht ausnutzen, um den
Wettbewerbsdruck, dem sie selbst auf der Absatzseite ausgesetzt sind, einseitig
auf die Zulieferer abzuwälzen.
Vor diesem Hintergrund haben sich u.a. das Bundeskartellamt,
der Verband der Automobilindustrie und der Arbeitskreis »Zulieferfragen« des
BDI dieses Themas angenommen. Der BDI hat Ende 1994 fünf Leitsätze für Zulieferbeziehungen formuliert. Im Einzelnen handelt
es sich um Fairnessregeln für die Lösung der sensiblen Fragen Preispolitik,
gemeinsame Kostensteuerung, Besitz- und Dispositionsrechte an Fertigungsmitteln
(Werkzeuge, Formen, Muster, Modelle, Profile, Prüfeinrichtungen), Qualitätssicherungsvereinbarungen
sowie Logistik
zwischen Zulieferern und Abnehmern (BDI, 1994).
Es ist nunmehr Sache der Akteure in der Industrie, diese Regeln in die tägliche
Praxis umzusetzen.
V. Strukturwandel
als Chance für Zulieferer
Im Zuge der Reorganisation
historisch gewachsener industrieller Wertschöpfungsstrukturen ist seit einigen
Jahren ein grundlegender Wandel der Z-A-Beziehungen nicht nur in der
Automobilindustrie, sondern auch in anderen Industrien zu beobachten. Generell
nehmen die Anforderungen an die Zulieferer in erheblichem Maße zu. Hieraus
resultiert ein Ausleseprozess, der
noch keineswegs abgeschlossen ist und zu einem Strukturwandel in der
Zulieferindustrie führt. Für einen Teil der Zulieferer geht es um einen
rechtzeitigen und geordneten Marktaustritt und eine Hinwendung zu anderen
Abnehmerkreisen. Für wiederum andere geht es um die Anlehnung an stärkere
Partner oder zumindest den Einstieg in strategische Allianzen mit anderen
Zulieferern. Andere sind stark genug, um sich in einer attraktiven Marktnische
oder sogar als System- oder Modullieferanten positionieren zu können.
Literatur:
BDI, : Leitsätze für
Zulieferbeziehungen. BDI-Drucksache Nr. 289, Köln 1994
Clark, K. B./Fujimoto, T. :
Product Development Performance, Boston 1991
Doleschal, R. : Daten und Trends
der bundesdeutschen Automobil-Zulieferindustrie, in: Zulieferer im Netz
zwischen Abhängigkeit und Partnerschaft, hrsg. v. Mendius, H.
G./Wendeling-Schröder, U., Köln 1991, S. 35 – 60
Eicke, H. v./Femerling, C. :
Modular Sourcing, München 1991
Fieten, R. : Beschaffungsplanung
im industriellen Großanlagengeschäft, in: Organisation, Planung,
Informationssysteme, hrsg. v. Frese, E./Schmitz, P./Szyperski, N., Stuttgart
1981, S. 137 – 159
Fieten, R. : Erfolgsstrategien für
Zulieferer, Wiesbaden 1991
Geck, H. M./Petry, G. :
Nachfragemacht gegenüber Zulieferern, Köln et al. 1983
Hakansson, H. : International
Marketing and Purchasing of Industrial Goods: An Interaction Approach,
Chichester 1992
Hamer, E. : Zuliefererdiskriminierung,
Minden 1988
Hemmert, M. : Vertikale
Kooperation zwischen japanischen Industrieunternehmen, Wiesbaden 1993
Jetter, O. : Einkaufsmanagement,
2. A., Landsberg a.L. 1992
Kaufmann, L. : Planung von
Abnehmer-Zulieferer-Kooperationen, Gießen 1993
Kern, W. : Produkte,
Problemlösungen als, in: HWProd, hrsg. v. Kern, W., Stuttgart 1979, Sp.
1433 – 1441
Kern, W. : Qualitätssicherung als
eine Voraussetzung zwischenbetrieblicher produktionssynchroner Anlieferung, in:
DBW, 1989, S. 287 – 298
Kern, W. : Industrielle
Produktionswirtschaft, 5. A., Stuttgart 1992
Koehler, J. :
Betriebswirtschaftliche Probleme der kleinen und mittleren Zu- und
Unterlieferer, Freiburg 1965
Lamming, R. : Beyond Partnership,
New York et al. 1993
Petzoldt, I. : Die Zulieferindustrie,
Berlin 1968
Richter, W. : Die kombinierte
Auslagerungs- und Verbundstrategie im industriellen Zulieferwesen, Köln 1992
Schmidt, A./Richter, W. : Die
Auswirkungen des EG-Binnenmarktes auf mittelständische Zulieferunternehmen in
der Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1991
Sydow, J./Windeler, A. : Über
Netzwerke, virtuelle Integration und Interorganisationsbeziehungen, in:
Management interorganisationaler Beziehungen, hrsg. v. Sydow, J./Windeler, A.,
Opladen 1994, S. 1 – 48
Vand de Ven, A. H./Emmitt, C.
D./Koenig, R. jr. : Frameworks for Interorganisational Analysis, in:
Interorganisational Theory, hrsg. v. Negandhi, A. R., Kent/Ohio 1975, S. 19 – 38
Wildemann, H. : Die deutsche
Zulieferindustrie im europäischen Markt, München 1993
Williamson, O. E. : Markets and
Hierarchies, New York 1975
Williamson, O. E. : Economic
Organization: Firms, Markets and Policy Control, Brighton 1986
Womack, J. P./Jones, D. T./Roos,
D. : The Machine that Changed the World, New York et al. 1990
|