Inhaltsübersicht
I. Begriff
II. Venture
Capital als Eigenkapital
III. Phasen
der Venture Capital-Finanzierung
IV. Venture
Capital in Deutschland und in den USA
V. Marktversagen
durch Informationsasymmetrien
VI. Venture
Capital-Finanzierung im Modell
VII. Fazit
I. Begriff
Unter Venture Capital versteht man Wagnis- bzw. Risikokapital
(Schween, 1996),
welches primär jungen, innovativen Unternehmen bereitgestellt wird. Zu den
institutionellen Venture Capital-Gebern zählen private und öffentliche Venture
Capital-Gesellschaften sowie Corporate Venture Capital-Gesellschaften der
Industrie. Business
Angels und sonstige private Investoren werden dem informellen Sektor
zugerechnet (Nittka,
/Stickel, 1999).
Venture Capital wird nicht allein durch das mit ihm
verbundene hohe Risiko charakterisiert. Würde man lediglich auf das hohe Risiko
des investierten Kapitals abstellen, so müßte man ungeeigneterweise z.B. auch
offene Terminkontrakte dem Venture Capital zurechnen. Zumeist wird unter der
institutionellen Venture Capital-Finanzierung deshalb ausschließlich die
Finanzierung von jungen, relativ kleinen und innovativen Technologieunternehmen
(Kapitalnehmer) durch Venture Capital-Gesellschaften (Kapitalgeber) mit
Eigenkapital verstanden, wobei teilweise das Kapital auch durch verwandte Titel
wie z.B. Genussscheine
bereitgestellt wird.
Bei der Venture Capital-Finanzierung sind die Schicksale des
finanzierten Unternehmens und der Venture Capital-Gesellschaft besonders eng
miteinander verbunden. Im allgemeinen sind die kapitalnehmenden Unternehmen
wenig diversifiziert. Ihre Zukunft ist von einem in seiner Ertragskraft noch
relativ unsicheren Projekt und der Qualität des Managements abhängig. Die
Bedeutung eines erfolgreichen Managements nehmen die Venture
Capital-Gesellschaften in der Regel zum Anlaß, sich bei der Kapitalvergabe
umfangreiche Kontrollrechte einräumen
zu lassen. Diese können soweit gehen, dass den Venture Capital-Gesellschaften
unter bestimmten Bedingungen Mitbestimmungsrechte und Managementfunktionen
eingeräumt werden müssen (Bell, 1999;
Göppl, 1993).
Die Mitwirkung der Venture Capital-Gesellschaften bei der
Unternehmensführung kann für beide Vertragsparteien von Nutzen sein, denn
häufig verfügen Kapitalgeber über ein sehr spezielles Know-how, das weit über
Finanzierungsfragen hinausgeht und z.B. Absatzmärkte betreffen kann. Insofern
können sie den von ihnen finanzierten Unternehmen wertvolle
Beratungsdienstleistungen erbringen, die sie sich je nach Vertragsgestaltung
getrennt honorieren lassen. Problematisch wird es jedoch, wenn die
Beratungsleistung von der Venture Capital-Gesellschaft zu Interessenskonflikten
führt oder zu überhöhten Honoraren erfolgt.
II. Venture Capital als
Eigenkapital
Die Wagnisfinanzierung sollte wegen der hohen Ausfallrisiken
über voll haftendes Eigenkapital
vorgenommmen werden. Das Unabhängigkeitsbedürfnis einiger Unternehmer sowie
steuerliche Überlegungen haben aber zur Folge, dass riskante Unternehmen oder
Projekte teilweise über mezzanines
Kapital finanziert werden. Grundsätzlich sollte die Venture
Capital-Gesellschaft dem Unternehmen keine festen Zins- und
Rückzahlungsverpflichtungen auferlegen. Die Finanzierung ist dann nicht
risikoäquivalent, und die Gefahr für eine Insolvenz
oder einen Konkurs wächst (Gerke, 1972).
Prinzipiell steht das von Venture Capital-Gesellschaften
investierte Eigenkapital den Unternehmen mit unbegrenzter Laufzeit zur
Verfügung. Dennoch verfolgen die Venture Capital-Gesellschaften befristete
Beteiligungsabsichten. Ihr Interesse ist darauf ausgerichtet, nach einer
möglichst kurzen Beteiligungszeit von beispielsweise 3 bis 5 Jahren, ihre
Beteiligung gewinnbringend am Kapitalmarkt
zu platzieren oder an einen Einzelerwerber zu veräußern.
Angesichts der hohen Risiken, die die Venture
Capital-Gesellschaften bei der Wagnisfinanzierung
eingehen, führen viele ihrer Engagements zu Totalausfällen. Um durch einzelne
Ausfälle nicht in ihrer Existenz gefährdet zu werden, legen sich die Venture
Capital-Gesellschaften ein diversifiziertes Portefeuille aus vielen verschiedenen
Wagnisfinanzierungen zu. Die besonders erfolgreichen Beteiligungen in diesem
Portefeuille sollen die Gesellschaft in die Lage versetzen, unvermeidbare
Ausfälle auszugleichen. Mit steigendem Diversifikationsgrad sinkt das Risiko
für die Venture Capital-Gesellschaft, solange durch die Vielfalt der
Engagements die Qualität ihrer Expertise in der Unternehmensbewertung
nicht zu sehr leidet.
Die wesentlichen Fehler in der Startphase der deutschen
Venture Capital-Gesellschaften waren mangelnde Diversifikation der
Portefeuilles, Ertragsbeschränkungen und befristete Finanzierungsformen, die
dem finanzierten Unternehmen zu vorab festgelegten Konditionen Rückkaufrechte
einräumten (Gerke, W.
1985). Alle drei Faktoren erhöhten die Anfälligkeit der Venture
Capital-Gesellschaften bei Totalausfällen einzelner Engagements. Mit der
nachhaltigen Belebung der Venture Capital-Finanzierung verfügten die meisten
Venture Capital-Gesellschaften Anfang 2000 über wesentlich breiter
diversifizierte Portefeuilles. Dennoch konnte diese Streuung die negativen
Auswirkungen des Kursverfalls am Neuen
Markt in diesem Jahr nur teilweise abfedern. Insbesondere kleine Venture
Capital-Gesellschaften, die in Internet-Firmen investierten, mussten in 2000
empfindliche Verluste hinnehmen. Trotz vorübergehender Schwierigkeiten beim
„ Exit “ über den Kapitalmarkt steht innovativen Jungunternehmen heute ein
breites Angebot an Venture Capital-Firmen zur Verfügung.
III. Phasen der Venture
Capital-Finanzierung
Die Venture Capital-Bereitstellung kann in unterschiedlichen
Reifephasen eines Projektes oder eines Unternehmens einsetzen (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 1998; Klemm, 1988).
In den 1980er- und 1990er-Jahren finanzierten die Venture
Capital-Gesellschaften nur in sehr beschränktem Umfang Forschungsinvestitionen
und Produktentwicklungen (Gerke, W.
1998). In der so genannten Seed-up-Phase (Gründungsphase)
waren die Unternehmer zumeist auf Eigenmittel, staatliche Förderprogramme und
einige spezialisierte Venture Capitalisten angewiesen (Bovaird, C.
1990). Im Zuge des High-Tech-Booms verzeichnete dieser Bereich eine deutliche
Belebung, jedoch ist nach dem Abklingen der einstigen Euphorie ein merklicher
Rückgang zu verzeichnen. 2005 betrug der Anteil der Investitionen in die
Gründungsphase mit 200 Mio. Euro nur noch 2,03% der Bruttoinvestitionen des
Venture Capital Gesamtmarktes während es im Jahre 1999 noch 156 Mio. Euro
(11,2%) waren (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2000, 2005a).
Haben die Venture Capital-Gesellschaften die Möglichkeit,
eine bereits abgeschlossene Produktentwicklung zu begutachten, so sind sie bei
positivem Ergebnis bereit, sich im Bereich der Produktionsvorbereitung an einem
riskanten Projekt zu beteiligen (Start-Up-Financing). In der Regel benötigen
junge, innovative Unternehmen bei der Produktionsaufnahme und Markteinführung
besonders hohe Kapitalbeträge. In dieser Phase sind Venture
Capital-Gesellschaften häufig die einzigen Finanziers, die den Unternehmen den
Markteintritt ermöglichen (Gerke, W.
1983). 2004 wurden rund 332 Mio. Euro bzw. 30,7% der Venture Capital
Bruttoinvestitionen in Unternehmen dieser Wachstumsphase investiert (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005a).
Etwas leichter fällt die Finanzierung von Unternehmen, die
sich in der Expansionsphase befinden, da sich in dieser Situation bereits mehr
über ihre Entwicklungspotenziale und Geschäftsaussichten sagen lässt. Da
innovative Unternehmen bei besonders schnellem Wachstum häufig nicht in der
Lage sind, ihre Eigenkapitalquote zu verbessern, betätigen sich Venture
Capital-Gesellschaften auch in dieser Phase der Produktions- und
Absatzausweitung (Expansion-Stage-Financing
oder Expansionsfinanzierung). Die Einhaltung einer bestimmten
Mindesteigenkapitalquote ist oft erforderlich, da Lieferanten und/oder
Abnehmer, die in längerfristiger Geschäftsbeziehung zu jungen Unternehmen
stehen, eine solche als Bonitätssignal fordern. Das Expansion-Stage-Financing
bildet mit knapp 612 Mio. Euro bzw. 56,7% der Bruttoinvestitionen den
Schwerpunkt der Venture Capital-Investitionstätigkeit (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005a).
Zumeist beginnt mit der Wachstumsphase auch eine
Konsolidierungsphase, in der die Finanzierungsrisiken sinken und die Venture
Capital-Gesellschaften allmählich in der Lage sind, ihr Desinvestment zu
planen. In dieser Phase übernehmen sie die Funktion einer
Überbrückungsfinanzierung (Bridge-Financing), bis sich andere Finanziers wie
Kreditinstitute oder neue Aktionäre z.B. im Rahmen einer Börsenemission an den
Unternehmen beteiligen. (Hierl, 1986).
Im Zuge des Erlöschens des Neuen Marktes hat jedoch auch hier die
Investitionstätigkeit nachgelassen, 2004 betrugen die Bruttoinvestitionen mit
8,75 Mio. Euro nur noch 0,8% des Gesamtmarktes (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005a).
Weitere Phasen der Venture Capital-Finanzierung bilden die
Turnaround-Finanzierungen und Replacement-Capital. Bei Ersteren handelt es sich
um Mittel, die Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, nachdem sie
existenzgefährdende Schwierigkeiten überwunden haben. Replacement-Capital wird
eingesetzt, um die Anteile von Eignern zu übernehmen, die ihr finanzielles
Engagement in dem Unternehmen beenden möchten. In 2004 beliefen sich die
Turnaround-Finanzierungen auf 12,7 Mio. Euro bzw. 1,2% der Gesamtinvestitionen.
Auf Replacement-Capital entfielen 2,5 Mio. Euro (8,6%).
Die massiven Kursverluste ab 2000 und die anschließende
Beendigung des Neuen Marktes 2003 haben die Beteiligungsaktivitäten der Venture
Capital-Gesellschaften erheblich beeinflusst, da seitdem einer der wichtigsten
Exit-Kanäle, der IPO-Markt, zum Erliegen gekommen ist. Am Neuen Markt waren
seinerzeit 139 der 327 Unternehmen, die dort erstnotierten, durch Venture
Capital-Gesellschaften vorfinanziert worden (Zentrum für
Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), 2003). In den Jahren 2002
bis 2004 sind hingegen lediglich 10 Börsenneulinge zu verzeichnen gewesen (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005b). Infolge
dessen hat sich auch das Volumen an Venture Capital in Deutschland erheblich
verändert. 1999 beliefen sich die Gesamtinvestitionen auf rund 11 Mrd. DM, 2004
jedoch nur noch auf ca. 1,08 Mrd. Euro (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005a).
Die neu geschaffenen Freiverkehrssegmente an der Münchner
Börse (M:access) und an der Frankfurter Börse (Entry Standard) verbessern die
Möglichkeiten der Venture Capital-Gesellschaften zum Exit. Während die
Transparenzauflagen am Neuen Markt sehr umfrangreich waren, begnügt sich die
Frankfurter Börse im Entry Standard mit geringen Anforderungen. So kann bei
Beschränkung der Erstzeichneranzahl auf einen Börsenprospekt verzichtet werden,
was unter Anlegerschutzbestimmungen zu kritisieren ist. Der Gang an die Börse
erfordert auch die Bereitschaft zur Offenlegung von Unternehmensdaten.
IV. Venture Capital in
Deutschland und in den USA
Gefördert durch den „ Small Business Investment Act “ von 1958
hat die Wagnisfinanzierung in den USA große gesamtwirtschaftliche Bedeutung
erlangt und nachhaltig Innovationen durch kleine Unternehmen gefördert. Venture
Capital-Gesellschaften erhielten als Small Business Investment Companies Steuererleichterungen
und zinssubventionierte Kredite. Insbesondere große institutionelle Anleger
beteiligen sich in den USA an der Venture Capital-Aufbringung. Hierzu zählen
vor allem Pensionsfonds (Berger, A.
N./Udell, G. F. 1998; Smith, 1992).
In Deutschland hat die Venture Capital-Finanzierung lange
Zeit eine deutlich geringere Bedeutung eingenommen als in den USA (Albach,
H./Hundsdiek, D./Kokalj, L. 1986) Teilweise standen die deutschen
Unternehmer der Aufnahme zusätzlicher Gesellschafter ablehnender gegenüber als
amerikanische Unternehmer. Außerdem wurde die Venture Capital-Finanzierung bis
in die 1990er-Jahre von den deutschen Universalbanken dominiert, die aufgrund
von Interessenskonflikten zwischen Bankfilialen, die befürchteten, gute Kunden
zu verlieren, und Venture Capital-Gesellschaften die Geschäfte nicht mit der
gleichen Intensität betrieben wie in den USA (Gerke, W.
1996).
Mit der Einrichtung des Neuen Marktes, der sehr gute
Voraussetzungen für ein Desinvestment bot, kam deutlich Belebung in den
deutschen Venture Capital-Markt. Wesentlich beigetragen hat auch die Einsicht
vieler Gründer, das angestrebte Wachstum nur mittels ausreichenden
Eigenkapitals finanzieren zu können. Angezogen von hohen jährlichen Renditen,
entstanden zahlreiche private und industrielle Venture Capital-Gesellschaften.
Investitionssummen von über 10 Mio. Euro waren bei Internet-Start-ups keine
Seltenheit (Frommann, 1999).
In diesem Boom wurden zunehmend auch Unternehmen an die Börse gebracht, die
unerprobte und unausgereifte Geschäftsmodelle aufwiesen. Begleitet durch Fälle
von Kursmanipulationen und Bilanzskandalen, führte dies schließlich zu massiven
Kurseinbrüchen und der letztendlichen Schließung des Neuen Marktes im Jahre
2003. Seitdem hat sich der Venture Capital-Markt in Deutschland erheblich
verändert. Die Venture Capital-Gesellschaften durchlebten eine
Konsolidierungsphase. Gleichzeitig sank das Mittelneuaufkommen für Venture
Capital-Finanzierungen. Gemessen am Mittelaufkommen, bildet den Schwerpunkt des
Private Equity-Marktes nun der Buy-out-Markt (Management Buy Outs, Management
Buy Ins, und Leveraged Buy Outs) (Bundesverband
deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK), 2005a). Die neu
gebildeten Marktsegmente „ Entry Standard “ , und „ M:access “ werden nur bei einer
ähnlich zum AIM (Alternative Investment Market) in London gestalteten
steuerlichen Förderung dessen Neuemissionsbilanz erreichen.
V. Marktversagen durch
Informationsasymmetrien
Eines der Hauptprobleme der Venture Capital-Finanzierung
liegt in der Informationsasymmetrie zwischen kapitalsuchendem Unternehmer und
potenziellem Finanzier (Gerke, W.
1998; Hartmann-Wendels,
1987; Chan, 1983).
Die Unternehmen sind noch nicht lange am Markt und ihre Produkte befinden sich
teilweise noch in der Entwicklungsphase. Die Venture Capital-Gesellschaft
verfügt folglich nur über wenig historische Unternehmensdaten, die ihr als
Anhaltspunkte für die Qualität des Managements und der Produkte dienen könnten.
Sie wird damit vor Informationsrisiken gestellt, die auch die Finanzierung
objektiv (d.h. bei Kenntnis aller Informationen) hochrentabler Projekte
nachhaltig erschweren bzw. scheitern lassen können.
Die Verringerung bzw.
Aufhebung der asymmetrischen Informationsverteilung kann als besonderer
Vorteil von Venture Capital-Gesellschaften in Relation zu anderen potenziellen
Kapitalgebern gesehen werden. Die Spezialisierung auf Informationsbeschaffung
und -auswertung spielt hier die Schlüsselrolle. Venture Capital-Gesellschaften
verfügen darüber hinaus über Routine in der Managementbeurteilung und in der
Vertragsgestaltung. Durch umfangreiche Kontrollrechte
haben sie zudem die besten Chancen, Agency-Probleme zu verringern.
Trotz aller Professionalität bei der Unternehmensanalyse und Vertragsgestaltung
verbleibt bei den Venture Capital-Gesellschaften ein durch Diversifikation und
Rating nur begrenzt abbaubares Informationsrisiko. Dieses Risiko unterscheidet
die Venture Capital-Finanzierung nachhaltig von der Finanzierung eines seit
mehreren Jahren börsennotierten Großunternehmens und belastet sowohl die
kapitalsuchenden Unternehmer wie die Venture Capital-Gesellschaften.
VI. Venture
Capital-Finanzierung im Modell
Wie sich die Informationsasymmetrien sowie Agency-Beziehungen
zwischen Unternehmer und Venture Capital-Gesellschaft auf die Unternehmensbewertung
im Rahmen der Investitionsentscheidung auswirken, soll im Folgenden anhand
eines Modells skizziert werden. Analysiert werden die Investitionen in ein
junges innovatives Unternehmen IV, welches Wagniskapital nachfragt, und in eine
alternative Investition IA, die z.B. ein börsennotiertes Unternehmen darstellt.
Abb. 1: Informationsasymmetrie und Wagnisfinanzierung
Über das größere Börsenunternehmen IA sollen umfangreiche Informationen bekannt und
verarbeitet sein, sodass sich die objektive Rendite/Risikokombination μA,σA in Punkt A ergibt. Das innovative
Kleinunternehmen soll hingegen einen höheren Erwartungswert μV und ein höheres objektives Risiko σV besitzen. Weiterhin wird angenommen, dass sich
die beiden Investitionsmöglichkeiten gegenseitig ausschließen, sodass die
Venture Capital-Gesellschaft nur jeweils in eine der beiden Alternativen
investieren kann. Für eine Venture Capital-Gesellschaft ist es außerordentlich
schwierig, die objektive Rendite-/Risikoposition V des kleinen Unternehmens zu
ermitteln, wenn dieses noch sehr jung ist und sich mit einer neuen
technologischen Entwicklung beschäftigt. Das Risiko, die Erfolgschancen eines
neuen Technologieprojektes falsch zu bewerten, ist wesentlich höher als das
Risiko der Fehlbewertung eines etablierten Unternehmens. Hinzu kommt das
Risiko, die Managementfähigkeiten der Jungunternehmer zu überschätzen, sowie
die Gefahr, von den Kapitalnehmern übervorteilt zu werden. In dieser Situation
kann für das Venture Capital-Unternehmen und für private Anleger das subjektiv
empfundene Risiko σ ″V des
Unternehmens IV aufgrund von Informationsasymmetrien und
Agency-Problemen wesentlich höher ausfallen als das objektive Risiko σV (σV < σ ″V). Die Venture Capital-Gesellschaft
und auch andere potenzielle Kapitalgeber müssen angesichts ihres unvollkommenen
a priori Informationsstandes den Ertragsvorhersagen μV des jungen Unternehmens eine hohe Unsicherheit
beimessen, so dass sich als Ausgangspunkt die ungünstige subjektive
Rendite/Risikostruktur in Punkt V
″ ergibt.
Betrachtet man lediglich die beiden
Rendite-/Risikokombinationen A und V
″ und lässt Portefeuille-Diversifikationseffekte bzw. mögliche
Korrelationen zwischen A und V
″ außer acht (Gerke, W.
1993), so wird die Venture Capital-Gesellschaft eine Investition in das junge
Unternehmen nicht durchführen, da es ihr subjektiv einen niedrigeren erwarteten
Nutzen verschafft als die Alternativanlage A. Grafisch liegt der Punkt V ″ auf einer niedrigeren
Indifferenzkurve als der Punkt A.
Informationsasymmetrien lassen sich nun durch Aktivitäten zur Informationsbeschaffung und
-auswertung verringern (Kürsten, 1994).
Der durchschnittliche Kapitalgeber kann sich z.B. verhältnismäßig leicht über
ein börsennotiertes Unternehmen informieren, während er auf große
Schwierigkeiten stößt, die Erfolgschancen eines jungen, kleinen und wenig
bekannten Unternehmens einzuschätzen. Die Informationsbeschaffung und
-auswertung wird z.B. für private Anleger oder Banken, im Folgenden alternative
Investoren genannt, außerdem mit relativ hohen Kosten verbunden sein. Aus
diesem Grund steht die durch Verringerung der Informationsasymmetrie bewirkte
Risikoreduktion in einem ungünstigen Verhältnis zu den dafür notwendigen
Aufwendungen. Die Kurve VAK in Abb. 1 zeigt, wie
sich für den durchschnittlichen alternativen Kapitalgeber durch Maßnahmen der
Informationsbeschaffung und -auswertung der erwartete subjektive Wert von V
″ verändert. Die Senkung des subjektiven Risikos von σ ″V ist zumeist mit so hohen Kosten verbunden,
dass die Alternativanlage A allen erreichbaren Punkten auf der Kurve VAK vorgezogen wird. Dies verdeutlicht die
Indifferenzkurve u (Zur Vereinfachung der Darstellung wird für die alternativen
Kapitalgeber und die Venture Capital-Gesellschaft in Abb. 1 von gleichen
Risiko-Nutzen-Funktionen ausgegangen).
In der professionellen Informationsbeschaffung und
-auswertung sowie in der ständigen Unternehmensbetreuung liegt die Stärke der
Venture Capital-Gesellschaften. Sie werden weniger leicht von dem Kapitalnehmer
über μV getäuscht und haben eine günstigere
Informationskostenfunktion als die alternativen Investoren. Auch bei ihnen wird
es aber einen Punkt geben, ab dem zusätzliche Aufwendungen für
Informationsbeschaffung und -verarbeitung nur noch eine geringe zusätzliche
Risikoreduktion erbringt, so dass sich weitere Bonitätsprüfungen nicht mehr
rentieren. Durch Aufwendung von Informationskosten kann die Venture
Capital-Gesellschaft, analog zu den alternativen Kapitalgebern, das subjektive
Risiko um einen bestimmten Erwartungswert verringern. Der Zusammenhang zwischen
Informationskosten und der erwarteten Reduzierung des subjektiven Risikos ist
durch die Kurve VVC dargestellt, die aufgrund der spezifischen
Vorteile der Venture Capital-Gesellschaft flacher verläuft als die Kurve VAK. Das
höchste Nutzenniveau u ″ erreicht die Venture Kapital-Gesellschaft im
Punkt V ′. Im dargestellten Fall wird die Wagnisfinanzierung durch die
Venture Capital-Gesellschaft durchgeführt.
Die Differenz zwischen μV und μ ′V stellt aus Sicht der Venture
Capital-Gesellschaft den optimalen Informationsbeschaffungs- und
-auswertungsaufwand für eine bestimmte erwartete Reduktion des subjektiven
Risikos dar. Damit ist noch nicht gesagt, dass diese Kosten voll von der
Venture Capital-Gesellschaft getragen werden. Es wäre auch denkbar, dass das
junge Unternehmen einen Teil der Kosten direkt übernimmt, denn ansonsten wird
die Venture Capital-Gesellschaft das finanzierte Unternehmen wahrscheinlich
über den Beteiligungspreis an den Kosten beteiligen. Teilweise lässt sich die
Informationsasymmetrie auch durch die Beteiligung Dritter bei der Begutachtung
von V verringern (vgl. hierzu den Ansatz von Gerke, W.
1993). Steht zu einem späteren Zeitpunkt eine Revision der
Finanzierungsentscheidung an, so sind die bis zu diesem Zeitpunkt angefallenen
Kosten nicht entscheidungsrelevant, d.h. sie stellen „ Sunk Costs “ dar. Bei
Revision verläuft der „ Entscheidungsprozess “ in der gleichen Weise ab, wie in
Abb. 1 dargestellt. Die Venture Capital-Gesellschaft muss nur eine neue
Erwartung über die dann vermutete Kurve VVC bilden. Denkbar ist dann sowohl die Fortführung
als auch die Liquidation des finanzierten Unternehmens.
VII. Fazit
Die Praxis der Venture Capital-Finanzierung und das hier
entwickelte Modell zeigen, dass Venture Capital-Gesellschaften aufgrund ihrer
professionellen Finanzintermediation
in der Lage sind, auch solchen innovativen Unternehmen Kapital zur Verfügung
stellen, die beim durchschnittlichen Anleger aufgrund von
Informationsasymmetrien und Agency-Problemen kein Kapital aufnehmen könnten.
Die institutionelle Wagnisfinanzierung leistet damit einen wichtigen
gesamtwirtschaftlichen Beitrag, denn sie finanziert gerade die Unternehmen, die
für den technischen Fortschritt und die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes
benötigt werden. Anhand des vorgestellten Modells lässt sich aber auch ablesen,
dass trotz der Finanzierungsdienste von Venture Capital-Gesellschaften nicht
emissionsfähige kleine Unternehmen gegenüber Großunternehmen auf den
Finanzmärkten Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen, die auf
Informationsasymmetrien und Agency-Beziehungen beruhen. Die Förderung
geeigneter Exit-Kanäle würde zu einer erneuten Belebung des Venture
Capital-Marktes in Deutschland führen. Hiervon würden sowohl
Unternehmensgründer durch die Erweiterung ihrer Finanzierungsquellen als auch
infolgedessen der Staat durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze profitieren.
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