Inhaltsübersicht
I. Gegenstand
der Führung
II. Zentralistische
Führungssysteme
III. Teilsysteme
der Führung
IV. Führungssysteme
und Controlling
V. Entwicklungslinien
von Führungs(gesamt)systemen
I. Gegenstand der Führung
Führung kann in allgemeinster Form als zielorientierte
Verhaltensbeeinflussung verstanden werden (vgl. ähnlich Wild, J.
1974; Steinle, C.
1978). Im Anschluss an Hahn (Hahn, D.
1996) wird diese Verhaltensbeeinflussung als ein Prozess der Willensbildung
und Willensdurchsetzung gesehen. Planung, Steuerung und Kontrolle sind dabei
die Führungstätigkeiten, die die Richtung des Verhaltens festlegen sollen.
Diese Richtung selbst – das Führungsziel – ist inhaltlich dadurch vorbestimmt,
dass sich die Unternehmung immer komplexeren und dynamischeren Märkten und
sonstigen Umsystemen (Volkswirtschaft, Gesellschaft, Umwelt usw.)
gegenübersieht, in denen sie ihr erfolgreiches Überleben sicherstellen muss. Es
besteht die permanente Notwendigkeit einer Harmonisation
zwischen der Unternehmung und den Anforderungen/Erwartungen der Umsysteme.
Diese externe Harmonisation
herzustellen, wird als eine zentrale Aufgabe jeder Führungstätigkeit angesehen.
Daneben existiert aber immer auch ein internes
Harmonisationsproblem, das seine Ursache in der Arbeitsteilung hat. Da nämlich
die Unternehmungsziele arbeitsteilig durch eine Vielzahl von Aufgabenträgern
und Unternehmensbereichen verfolgt werden, muss durch Integration (ex ante)
oder Koordination
(ex post) einem Auseinanderdriften der Aktivitäten/Systeme entgegengesteuert
werden. Dies sei als die interne Harmonisationsaufgabe der Führung bezeichnet
(vgl. analog Bleicher,
K./Meyer, E. 1976).
Mit dem Begriff der externen und internen Harmonisation ist
die Führungsaufgabe von den Basiszielen, von der Grundausrichtung her
definiert; alle Sach-, Formal- und Sozialziele der Unternehmung sind lediglich
konkretisierte Ausprägungen dieser Basisziele. Hierzu einige Beispiele:
-
Die Sachziele (Kundenzufriedenheit, Produktqualitäten,
Produktmengen, Liefertermine usw.) leiten sich unmittelbar vor allem aus den
Anforderungen/Erwartungen der Absatzmärkte, mittelbar aber auch aus den
Formalzielen (Sachprojekte „ müssen sich rechnen “ ) ab.
-
Die Formalziele (Gewinn, Rentabilität, Shareholder
Value usw.) leiten sich speziell aus den Anforderungen/Erwartungen der
Kapitalmärkte (bzw. Kapitalgeber) ab.
-
Die Sozialziele leiten sich, sofern sie auf die
Mitarbeiter gerichtet sind (Mitarbeiterzufriedenheit, Humanisierung der
Arbeitswelt usw.), aus den Anforderungen/Erwartungen der Personalmärkte, in
anderen Fällen (Umweltschutz, Mäzenatentum usw.) aus den
Anforderungen/Erwartungen von Staat und Gesellschaft ab.
All diese Ziele werden sodann im Rahmen der internen
Harmonisation auf die einzelnen Unternehmensbereiche und Aufgabenträger
heruntergebrochen.
Lange in ihrer Bedeutung unterschätzt wurde die
Führungstätigkeit der Steuerung. Sie bezeichnet – in Anlehnung an Hahn (Hahn, D.
1996, S. 46 f.) – die Tätigkeit der Durchführungsveranlassung durch eine
Führungskraft. Unterstellt wird ein abgeschlossener Planungs- bzw.
Entscheidungsprozess, d.h. das Vorliegen einer nur noch von einem Dritten in
die Realität umzusetzenden Handlungsalternative. Diese
Durchführungsveranlassung kann alternativ als direkte persönliche oder als
indirekte unpersönliche ( „ strukturelle “ ) Steuerung erfolgen (siehe Abb. 1).
Typische Anwendungsfälle im ersten Fall sind mündliche Anweisungen für einen
spezifischen Einzelfall, im zweiten Fall generelle Anweisungen in Gestalt
schriftlicher Dauerregelungen. Generelle Dauerregelungen schaffen eine Struktur
in der Unternehmung, die das Verhalten aller Aufgabenträger steuert; ihre
Gesamtheit bildet das Führungssystem der Unternehmung (vgl. Link, J.
2004; ähnlich bereits Wild, J.
1974).
Abb. 1: Persönliche versus strukturelle Führung (vgl. Link, J.
2004, S. 17)
Strukturelle und persönliche Führung sollten grundsätzlich
weniger als Alternative, sondern als sich ergänzende Führungsformen verstanden
werden. So spricht beispielsweise das „ Kostenargument “ (Regelungskosten je
Anwendungsfall) eher für die strukturelle Führung, das „ Flexibilitätsargument “
eher für die persönliche Führung. So können zwar durch strukturelle Führung
besonders hohe Leistungsstandards realisiert werden; auf der anderen Seite
verbieten sich hohe Strukturierungsgrade z.B. im Bereich innovativer Prozesse.
Einerseits ist die Akzeptanz struktureller Führung durch die ihr innewohnende
Objektivität unter Umständen hoch; andererseits wird dabei in vielen Fällen das
persönliche Element vermisst. Und schließlich findet zwar auf der einen Seite
durch strukturelle Führung eine Entlastung der Führungskräfte statt; auf der
anderen Seite besteht aber auf Dauer die Gefahr einer Überlastung der Geführten
durch Bürokratisierung (siehe im einzelnen Link, J.
2004, S. 20 ff.).
Dem Bereich der Führung bzw. der Führungssysteme steht
zwangslogisch der Bereich der Ausführung bzw. der Ausführungssysteme gegenüber.
Hier werden – ausgelöst durch Steuerung (s.o.) – Pläne in Realität umgesetzt.
Dies geschieht durch Aktionen der Beschaffung, Speicherung, Verarbeitung und
Weiterleitung an Objekten wie Realgütern, Nominalgütern und Informationen.
Allerdings werden hier i.d.R. trotz Führung durchaus noch Entscheidungsspielräume
für die Akteure bestehen (s. Abb. 2).
II. Zentralistische
Führungssysteme
Führungssysteme schaffen durch generelle Regelungen einen
unterschiedlich engen Rahmen, in dem sich Einzelfallregelungen abspielen
(sinngemäß bereits Kosiol, E.
1962, S. 28). Sieht man Selbstbestimmung
des Verhaltens als Residualgröße der Außenbestimmung
des Verhaltens, so kann sowohl durch generelle wie auch fallweise Regelungen –
bzw. strukturelle und persönliche Führung – der Selbstbestimmungsspielraum
eingeengt werden. Generelle Regelungen binden aber – so sie im Einzelfall nicht
aufgehoben bzw. „ überspielt “ werden – für zukünftige Situationen nicht nur die
Geführten, sondern auch die Führenden. Fallweise Entscheidungen können daher im
Grundsatz nur noch den Spielraum nutzen, den generelle Entscheidungen gelassen
haben. Abb. 2 verdeutlicht daher nicht nur die Einengung des Aktionsspielraumes
von Selbstentscheidungen durch persönliche (Fall a) oder strukturelle Führung
(Fall b), sondern auch die Einengung, die persönliche Führung durch
strukturelle Führung erfährt (Fall c – siehe hierzu auch Kosiol, E.
1962, S. 28; Ulrich, H.
1969, S. 194).
Abb. 2: Ebenen der Fremd- und Selbstentscheidung (vgl. Link, J.
2004, S. 18)
Für den Grad der Zentralisation von Entscheidungen ist die
Frage ausschlaggebend, auf jeweils welchen betrieblichen Hierarchieebenen
generelle und fallweise Regelungen getroffen und dann im Folgenden als
Verengung des Aktionsspielraumes erlebt werden. Diesbezüglich lassen sich
zentralistische Führungssysteme durch folgende Merkmale kennzeichnen:
-
Hoher
Programmierungsgrad: Es besteht ein hoher Anteil genereller, für die Gesamtunternehmung auf oberster Ebene
getroffener Regelungen (im Bereich der Planung, Kontrolle, Information,
Personalführung usw.), der zu Lasten der dann noch möglichen fallweisen
Regelungen (persönliche Führung und Selbstentscheidung – s. Abb. 2)
geht.
-
Hoher
Standardisierungsgrad: Die generellen Regelungen lassen den einzelnen
Bereichen wenig oder keinen Spielraum für eine individuelle Ausgestaltung
oder Nutzung ihrer Planungs-, Kontroll-, Informationssysteme usw.
-
Geringe
Delegation: Die Kompetenzen im Bereich der persönlichen Führung werden nur soweit nach unten delegiert, wie
dies wegen der begrenzten Verarbeitungskapazität der Instanzen unvermeidbar
ist. Dies schließt u.a. das Überwiegen einer Top-Down-Planung ein.
-
Geringe
horizontale Arbeitsteilung: Die Instanzen geben auch ungern
Kompetenzen an Spezialfunktionen wie Controlling oder Personalwesen ab; dies
wirkt sich in einem entsprechend geringeren Ausbau und Einfluss dieser
Bereiche aus.
-
Hohe Integration
der Planung : Der Verzicht auf vertikale oder horizontale Delegation von
Planungsaufgaben ermöglicht einen hohen Grad der Planungsintegration, wie er
insbesondere mittels integrierter Planungsmodelle (z.B. Simultanplanung)
angestrebt wird.
-
Hohe
Kontrollintensität: Je höher die intendierte zentrale Fremdbestimmung
des Verhaltens ist, umso größer ist auch das Bedürfnis nach zentraler
Kontrolle des Beeinflussungserfolges.
III. Teilsysteme der Führung
Unter einem Organisationssystem soll die Gesamtheit der
generellen Regelungen zur Aufgabenverteilung und Aufgabenerledigung verstanden
werden; seinen formalen Niederschlag findet es vor allem in Organigrammen,
Stellenbeschreibungen, Arbeitsplänen und Ablaufdiagrammen.
Das Planungs- und Kontrollsystem
umfasst alle generellen Regelungen hinsichtlich der Aufgabenverteilung und
-erfüllung im Bereich der Planung und Kontrolle. Es geht in seinem
Detaillierungsgrad hinsichtlich der Planungs- und Kontrollaufgaben weit über
die Regelungen des Organisationssystems hinaus. Insbesondere im Planrahmen, in
den Planrichtlinien und im Planungskalender findet sich eine Fülle von
zusätzlichen Festlegungen zu den Planungs- und Kontrollprozessen in der
Unternehmung. Auch das Zielsystem,
das große Bedeutung für den Planungsprozess sowohl auf der Input- wie auf der
Outputseite haben kann, soll mit zum Planungs- und Kontrollsystem gerechnet
werden; in diesem Zusammenhang sei auch auf die prägende Rolle bestimmter Kennzahlen
und Kennzahlensysteme für Planungs- und Kontrollsysteme verwiesen.
Das Informationssystem der Unternehmung umfasst alle
generellen Regelungen hinsichtlich der Aufgabenverteilung und -erfüllung im
Bereich der Informationsbereitstellung. Es definiert im Einzelnen die
Informationsquellen, die Erhebungsmethode, den Erhebungsrhythmus, die
Informationsspeicherung, die Informationsverarbeitung sowie die Übermittlung
von Informationen. Seinen formalen Niederschlag findet es z.B. in den
betrieblichen Richtlinien zur Kostenerfassung und Kostenverrechnung sowie zur
Marktforschung und -beobachtung, aber auch in großem Umfang in
Datenflussplänen.
Gegenstand des Controlling sind Einsatz und Verbesserung von
Planungs-, Kontroll- und Informationssystemen zur Erhöhung der
Führungseffizienz sowie die Integration dieser Systeme untereinander und mit
anderen Führungssystemen (Näheres s.u. Abschn. IV.).
Die Personalführungssysteme
betreffen die sozio-emotionale Dimension der Führung; sie umfassen folgende
zwei Untersysteme (vgl. Wild, J.
1974, S. 32 f.):
-
das Anreizsystem, das die Mitarbeiter eines
Unternehmens zu einem persönlichen Einsatz im Sinne der Unternehmensziele
bewegen soll,
-
das Personalentwicklungssystem, das die humanen
Potenziale im Unternehmen zum Nutzen der Mitarbeiter wie des Unternehmens
weiterentwickeln soll.
Das Wertesystem schließlich umfasst die Gesamtheit von
grundsätzlichen Wertvorstellungen und Normen der Unternehmensführung in Bezug
auf die Unternehmung, ihre Stakeholder und ihre Umsysteme. Mit der besonderen
Rolle des Wertesystems in heutigen (Gesamt-)Führungssystemen wird sich noch
einmal der letzte Abschnitt beschäftigen.
IV. Führungssysteme und
Controlling
Controlling beschäftigt sich mit den vorgenannten
Führungs(teil)systemen auf zweifache Weise. Zum einen sind auch einzelne Teilsysteme bereits Objekt der
Controllingtätigkeit, wofür im Folgenden je ein besonders wichtiges Beispiel inkl.
einiger Entwicklungslinien angesprochen werden soll.
-
Planungssysteme werden u.a. sehr nachhaltig geprägt
durch die zu ihnen gehörigen Koordinationsmechanismen.
Küpper (Küpper,
H.-U. 1997, S. 289 ff.) unterscheidet in diesem Zusammenhang
zentralistische Führungssysteme, Budgetierungs-, Ziel- und
Lenkungspreissysteme. Kennzeichnend für diese Abfolge sind eine zunehmende
Delegation von Planungskompetenzen und der Übergang sowohl zu kooperativen
Formen der Personalführung als auch zu mehr marktähnlichen Lösungen.
-
Fortschrittliche Kontrollsysteme zeichnen sich u.a.
dadurch aus, dass sie für Abweichungen zwischen Soll- und Istwerten
tiefergehende und differenzierte Erklärungsansätze für Abweichungsursachen
und -folgen liefern. Dies kann über die Kostenstellenanalyse hinaus auch alle
sonstigen Bezugsobjekte und bei Produkten oder Kunden beispielsweise auch
präzise Gewinneinflüsse einer bestimmten Produkt- oder Kundenstruktur
einschließen (vgl. Link,
J./Gerth, N./Voßbeck, E. 2000, S. 235 ff.). In der
betrieblichen Praxis liegen nach neuesten empirischen Erhebungen überwiegend
Systeme der Abweichungsanalyse vor, die methodisch von vornherein obsolet
sind (vgl. Geskes, S.
2000).
-
Die größten Änderungen im Controlling haben sich im
Bereich der Informationssysteme vollzogen. Immer mehr wird im Controlling die
Bedeutung der verschiedenen Arten von Früherkennungssystemen erkannt. Nur
wenn eine Unternehmensführung Signale über die zukünftige Entwicklung so
frühzeitig erhält, dass noch gegengesteuert werden kann, erfüllt ein
Controllingsystem wirklich seinen Zweck. Derartige Signale können in der
Regel weniger aus dem Rechnungswesen, sondern in erster Linie aus den
Umsystemen der Unternehmung aufgefangen werden. Diesem Zweck dienen
insbesondere die neuen kundenorientierten Informationssysteme des
Marketing-Controlling (vgl. Link,
J./Gerth, N./Voßbeck, E. 2000, S. 49 ff.).
Controlling hat aber auch eine Meta-Planungsaufgabe
hinsichtlich der Schaffung eines integrierten (Gesamt-)Führungssystems. So
existieren z.B. vielfältige Wechselbeziehungen zwischen dem Anreizsystem und
folgenden Führungs(teil)systemen:
Informations- und
Kontrollsystem: Wenn der Führungsstil „ Management by Objectives “
praktiziert und am Periodenende der Zielerreichungsgrad bezüglich der
Objectives bewertet werden soll, so werden für eine solche Bewertung
verschiedene Informationen auch über schwierig zu messende Zielgrößen wie
Kundenzufriedenheit, Qualität, Schnelligkeit, Innovation, Werbeerfolg usw. benötigt.
Es müssen aber auch die zahlreichen grundsätzlichen Verhaltenswirkungen von
Informationen berücksichtigt werden; ob, wie, wann, wieviel und welche
Informationen Mitarbeitern bereitgestellt werden, kann erhebliche Unterschiede
im Verhalten bewirken. Auch müssen Anreize zur Verhinderung von
Informationsmanipulation und zur raschen sowie vollständigen
Informationserfassung, -weiterleitung und -auswertung gegeben werden (vgl. Küpper, H.-U.
1997, S. 194 ff.).
Wertesystem: Ein
Unternehmen sollte Anreize für Verhaltensweisen geben, die den obersten Werten
dieses Unternehmens entsprechen. Wenn also beispielsweise einer der zentralen
Werte der Unternehmung der Shareholder Value ist, so liegt es nahe, die
Erreichung einer solchen grundsätzlichen Zielgröße durch monetäre oder
nicht-monetäre Sanktionen im Rahmen des Anreizsystems zu fördern. Soweit
(zusätzlich) andere Stakeholder-Gruppen im Blickpunkt stehen, sollten auch hier
beispielsweise Anreize zur Erzielung von mehr „ Kundenzufriedenheit “ , mehr „ Mitarbeiterzufriedenheit “ oder – die
Gesellschaft als Ganzes betreffend – mehr Umweltorientierung gegeben werden.
Planungs- und Kontrollsystem:
Eine zunehmende Detaillierung oder Anspruchserhöhung im Planungs- und
Kontrollsystem kann ab einem gewissen Grad kontraproduktive Effekte für die
Wirksamkeit des Anreizsystems zeitigen (siehe Weber, J.
1999, S. 310 ff.).
Für die Zuständigkeitsregelung
bei der Schaffung eines integrierten (Gesamt-)Führungssystems gibt es
unterschiedliche Ansätze; entsprechende Zuständigkeiten werden z.B. gesehen für
-
den Organisator:
er wird dann gesehen als „ Systemspezialist für Integriertes Management “ (Bleicher,
K. 1991, S. 918 f.).
-
den Controller:
„ Durch den Ausbau und die Verselbständigung der Führungsteilsysteme werden
die Notwendigkeit und die Bedeutung der Koordination im
Führungssystem immer offensichtlicher ? Wenn Controlling mehr als eine neue
Bezeichnung für bekannte Aspekte oder Bereiche der Führung sein soll, liegt
diese Problemstellung in der Koordination des Führungssystems “ (Küpper,
H.-U. 1997, S. 15 f.)
-
die Personalführung i.S.v. Human Resource Management
(HRM): „ Strategieorientiertes HRM umfasst nicht nur die Auswahl und
Entwicklung der Personen, sondern auch die Gestaltung der Organisation und
der Unternehmungskultur nach Maßgabe der Unternehmungspolitik und der
Strategien der Unternehmung “ (Hinterhuber,
H.H./Handlbauer, G. 1995, S. 358).
Allerdings kann eine grundsätzliche Möglichkeit auch darin
gesehen werden, spezifische Gestaltungsbeiträge im Rahmen der Integration aller
Führungssysteme von allen
vorgenannten Bereichen zu erwarten.
V. Entwicklungslinien von
Führungs(gesamt)systemen
Bei der integrativen Gestaltung des Gesamt-Führungssystems
der Unternehmung wird zunehmend dem Wertesystem eine zentrale Rolle zukommen –
im Außenverhältnis wie im Innenverhältnis:
Im Außenverhältnis
liegt die zentrale Bedeutung für die Vertrauenswürdigkeit bzw. Attraktivität der Unternehmung auf der
Hand. Das Wertesystem entscheidet wesentlich mit, ob die Unternehmung aus der
Sicht der Stakeholder als interessanter Partner zu betrachten ist; Kunden,
Kapitalgeber und Mitarbeiter bspw. werden ihr Interesse an der Unternehmung
weitgehend davon abhängig machen, was im Wertesystem über die beabsichtigten
Beziehungen zu diesen Stakeholder-Gruppen zum Ausdruck gebracht wird. Insofern
übernimmt das Wertesystem die entscheidende Kopplungsfunktion
zwischen Umsystemen und der Unternehmung (vgl. Kieser,
A./Kubicek, H. 1992, S. 417 f.).
Im Innenverhältnis
kann ein Wertesystem Wirkungen ausüben, die mit den Stichworten
Entbürokratisierung, Revitalisierung, Empowerment und Innovationsförderung
umschrieben werden können. Unter den Bedingungen einer zunehmenden Variabilität
und Komplexität der Umsysteme geht es um die Möglichkeiten, etwaige
Erstarrungen in bürokratischen Strukturen und Verhaltensweisen zu beseitigen,
wie sie besonders häufig (aber nicht ausschließlich) in größeren Unternehmen
anzutreffen sind. Dies soll durch einen Abbau der Routinisierung,
Formalisierung, Arbeitsteilung und generellen Regelungsdichte geschehen. Dabei
kann ein starkes und überzeugend von oben nach unten vorgelebtes Wertesystem
mögliche dysfunktionale Wirkungen einer solchen Deregulation verhindern.
Das Wertesystem kann insbesondere ein höheres Maß an
Selbstentscheidung gemäß Abb. 2 ermöglichen, wie es sowohl die geänderten
Kontextbedingungen als auch das heutige Verständnis von Mitarbeiterführung
nahelegen. Dieses Empowerment (vgl. Boyett,
J.H./Conn, H.P. 1992, S. 109 ff.) kann die Rolle von Führung
bis hin zur inversen Führungspyramide verändern (vgl. Stiwenius, O.
1985, S. 27) und erhebliche Wirkungen auch auf die Innovationsfähigkeit
haben: Flachere Hierarchien, Kompetenzverlagerungen weg von der
Unternehmungsspitze hin zur Basis sowie Ermutigung und Anreize für
selbstständiges innovatives Denken und Handeln sollen Promotorenmentalität
entstehen lassen.
Korrespondierend sollte bei Führungssystemen im Sinne hoch
programmierter und formalisierter Planungs-, Kontroll- und Informationssysteme
in Zukunft weniger die direktive,
sondern mehr die unterstützende
Funktion gesehen werden. Derartige Führungssysteme sollten also vor allem die
Funktion haben, dem Mitarbeiter bei Bedarf Informationen/Methoden/Systeme an
die Hand zu geben, mit denen er in einer konkreten Situation einen höheren Grad
der Aufgabenerfüllung realisieren kann. Führungssysteme verlieren insoweit den
Charakter eines Zwangskorsetts, in das sich der Mitarbeiter einfügen muss; sie
bilden vielmehr in ihrer Gesamtheit eine Infrastruktur, auf die der Mitarbeiter
im Rahmen seiner Problemlösungsprozesse zurückgreifen kann (vgl. Link, J.
2004, S. 53 ff.). Damit stehen die Unternehmen – ähnlich wie die
Volkswirtschaften – untereinander in einem Wettbewerb
um die Entwicklung der günstigsten Infrastruktur.
Literatur:
Bleicher, Knut :
Organisation: Strategien – Strukturen – Kulturen, Wiesbaden, 2. A., 1991
Bleicher, Knut/Meyer,
Erik : Führung in der Unternehmung: Formen und Modelle, Reinbek bei Hamburg
1976
Boyett, Joseph H./Conn, Henry P. : Workplace
2000: The Revolution Reshaping American Business, New York 1992
Geskes, Stefan :
Methoden der deckungsbeitragsorientierten Abweichungsanalyse, Frankfurt/Main et
al. 2000
Hahn, Dietger : PuK,
Controllingkonzepte: Planung und Kontrolle, Planungs- und Kontrollsysteme,
Planungs- und Kontrollrechnung, Wiesbaden, 5. A., 1996
Hinterhuber, Hans
H./Handlbauer, Gernot : Strategieorientiertes Human Resource Management in
turbulenten Zeiten, in: Führungskräfte und Führungserfolg, hrsg. v. Krystek,
Ulrich/Link, Jörg, Wiesbaden 1995, S. 353 – 380
Kieser, Alfred/Kubicek,
Herbert : Organisation, Berlin et al., 3. A., 1992
Kosiol, Erich :
Organisation der Unternehmung, Wiesbaden 1962
Küpper, Hans-Ulrich :
Controlling: Konzeption, Aufgaben und Instrumente, Stuttgart, 2. A., 1997
Link, Jörg :
Führungssysteme, München, 2. A., 2004
Link, Jörg/Gerth,
Norbert/Voßbeck, Eckart : Marketing-Controlling, München 2000
Schwaninger, Markus :
Managementsysteme, Frankfurt/Main et al. 1994
Steinle, Claus :
Führung: Grundlagen, Prozesse und Modelle der Führung in der Unternehmung,
Stuttgart et al. 1978
Stiwenius, Olle : Planning for a Rapidely
Changing Environment in SAS, in: Long Range Planning, H. 2/1985, S. 22 – 29
Ulrich, Hans :
Betrachtungen zum Organisationsgrad von Unternehmungen, in:
Betriebswirtschaftliche Forschung in internationaler Sicht, hrsg. v. Kloidt,
H., Berlin 1969, S. 193 – 205
Weber, Jürgen :
Einführung in das Controlling, Stuttgart et al., 8. A., 1999
Wild, Jürgen :
Grundlagen der Unternehmensplanung, Reinbek bei Hamburg et al. 1974
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