Inhaltsübersicht
I. Unternehmensführung
als Disziplin
II. Institutionelle
Managementlehre
III. Funktionale
Managementlehre
IV. Neue
Logik des Managementprozesses
V. Schluss
I. Unternehmensführung als
Disziplin
Die Lehre von der Unternehmensführung hat in der
deutschsprachigen Betriebswirtschaftslehre lange Zeit nicht den Stellenwert
gehabt, der ihr heute zuerkannt wird und der ihr im angloamerikanischen Raum
von Anfang an zukam. Unternehmensführung ist das Teilgebiet der
Betriebswirtschaftslehre, das sich mit Steuerungsfragen und -funktionen
beschäftigt. In den letzten Jahren bürgert es sich immer mehr ein, das Gebiet
nicht mehr als Unternehmensführung, sondern als Management zu bezeichnen. Die
Idee, Steuerungsfragen aus dem Kontext betrieblicher Problemstellungen
isolierend herauszugreifen und zu einem eigenständigen wissenschaftlichen
Teilgebiet zu verdichten, wurde im deutschsprachigen Raum wohl auch deshalb
lange Zeit nicht so recht aufgegriffen, weil dort traditionell eine
ganzheitliche Betrachtung von Betrieben ausgewählter Branchen im Vordergrund
stand: Handelsbetriebslehre, Industriebetriebslehre, Bankbetriebslehre,
Versicherungsbetriebslehre usw. Die im anglo-amerikanischen Raum bevorzugte Differenzierung
nach betrieblichen Funktionen wurde erst später auch hier zur dominierenden
Leitlinie. Heute stellt sich die Unternehmensführungs- bzw. Managementlehre als
fest verankertes Forschungs- und Lehrgebiet in allen betriebswirtschaftlichen
Ausbildungsgängen dar.
Die theoretischen Bemühungen um eine
Unternehmensführungswissenschaft waren von Anfang an durch zwei
unterschiedliche Perspektiven gekennzeichnet, und zwar einerseits die
institutionelle und andererseits die funktional-prozessuale Perspektive (Fischer,
Guido 1966; Steinmann,
Horst 1981).
Mit „ Unternehmensführung
als Institution “ wird, generell gesprochen, die Gesamtheit der Instanzen
oder eben der konkrete Personenkreis fokussiert, der arbeitsteilig in Unternehmen
– oder allgemeiner in Organisationen – mit Führungsaufgaben betraut ist.
Der funktional-prozessuale
Ansatz der Unternehmensführung stellt dagegen ganz allgemein auf alle die
Handlungen ab, die zur erfolgreichen Steuerung eines Betriebes erforderlich
sind, und zwar unabhängig davon, auf welcher Führungsebene sie anfallen.
II. Institutionelle
Managementlehre
Das Spektrum der institutionell ausgerichteten
Managementforschung ist breit gesteckt. Es reicht von strukturellen
Betrachtungen der speziellen Personengruppe (dem Management, den Unternehmern
usw.) über Fragen der Rolle von Management und Unternehmern in der Gesellschaft
bis zu Problemen der Unternehmensordnung oder spezieller der Corporate
Governance.
Der erstgenannte Forschungsbereich interessiert sich für
Herkunft, Erziehung, Einstellungen, Rekrutierungsmechanismen von Eliten,
spezielle Arbeitsmärkte und/oder Wandel in der Gruppe des Managements (Pross, Helge
1965; Albach, Horst
1988; Staehle,
Wolfgang H. 1999). Ausgangspunkt dieser Studien ist ein primär
demographisches Interesse, das seit den 1970er Jahren auch kritisch überlagert
wurde durch Fragen nach Herrschaftssicherung und sozialer Durchlässigkeit. Seit
einiger Zeit erlebt diese Art der Forschung eine starke Renaissance unter dem
Stichwort: Entrepreneurship
und Fragen nach den Persönlichkeitsmerkmalen und Fähigkeitsprofilen von
Entrepreneurs (u.a. Müller,
Alfred/Glauner, Wolfgang 1999). Zu diesem Forschungskreis sind auch
Studien zu zählen, die nach Macht und Einfluss von Unternehmen und
Führungspersönlichkeiten in der modernen Gesellschaft fragen und eine
institutionelle oder ethische Bindung dieser Macht fordern (Mason, Edward
S. 1958; Steinmann,
Horst 1969; Kaufmann,
Allen/Zacharias, Lawrence/Karson, Marvin 1995).
Der zweite Kreis institutioneller Forschungsstudien rankt
sich um Fragen der Unternehmensordnung, später ergänzt um Problemstellungen der
sog. Corporate Governance sowie der Unternehmensethik. Studien zur
Unternehmensordnung zentrieren sich im Wesentlichen um zwei Fragen (Steinmann,
Horst 1969):
-
Welche Interessengruppen sollen die
Unternehmenspolitik bestimmen?
-
Wie ist die Führungsorganisation auszugestalten, damit
die Unternehmensinteressen zur dauerhaften Richtschnur des betrieblichen Handelns
werden?
Die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion um die erste
Frage ist immer wieder neu aufgeflammt (Gerum, Elmar
2000). Den interessenmonistischen Verfassungsentwürfen der liberalen
Wirtschaftstheorie, die ausgerichtet auf das erwerbswirtschaftliche Prinzip
eine Einheit von Kapitalrisiko, Verfügungsmacht und Gewinn postulieren, stehen
interessenpluralistische Entwürfe in reformerischer Absicht gegenüber (Steinmann,
Horst 1969; Ulrich, Peter
1977). Um diese – auch politisch brisanten – Fragestellungen ranken sich
zahlreiche Anschlussthemen, die hier nur kurz aufgelistet werden sollen:
Stakeholder Ansatz (Freeman, R.
Edward 1984; Post, James
E./Sachs, Sybille/Preston, Lee E. 2002), Shareholder Value als
reformuliertes Unternehmensziel, oder Mitbestimmung (Osterloh,
Margit 1993; Gerum, Elmar
2004).
Die Beantwortung der zweiten Grundfrage, also der interessengerechten
institutionellen Ausgestaltung der
obersten Unternehmensorgane, war in nach dem liberalen Grundprinzip geordneten
Unternehmen so lange kein größeres Problem, wie sie von den Eigentümern
geleitet wurden, die Träger des Unternehmensinteresses und die Leitung der
Geschäfte also eine personelle Einheit bildeten. Zu einem organisatorischen
Problem wurde die zweite Grundfrage erst dort, wo Eigentum und Geschäftsleitung
auseinander fielen, also in der Aktiengesellschaft. Um (breit) gestreuten
Anteilsbesitz zu ermöglichen, dennoch aber das Basisprinzip der Einheit von
Eigentum und Verfügungsgewalt zu wahren, ersann der Gesetzgeber die
Kapitalgesellschaft, insb. die Aktiengesellschaft.
Im Vordergrund der betriebswirtschaftlichen Diskussion der
zweiten Frage der Unternehmensordnung steht die geeignete Organisationsform der
Leitungsspitze sowie diejenigen Entscheidungen, die auf dieser Führungsebene zu
fällen sind. Bei der Frage der Organisationsform gilt das vornehmliche
Interesse den Alternativen: Trennungsmodell (Trennung von Vorstand und
Aufsichtsrat) oder Vereinigungsmodell (amerikanisches Boardmodell), sowie die
Frage nach der Vorziehenswürdigkeit des Direktorial- oder des
Kollegialprinzips.
Ordnungssoll und Wirklichkeit stehen im Zentrum der Studien
zur Trennung von Eigentum und Verfügungsgewalt, die seit den 1930er-Jahren auf
eine faktische verselbständigte Managerherrschaft verweisen (Berle, Adolf
A./Means, Gardiner C. 1968; Beyer, Jürgen
1998; Schreyögg,
Georg 1999). Die faktischen wahrgenommen Aufgaben und die
Funktionstüchtigkeit des Aufsichtsrats bilden einen daran direkt anschließenden
Diskussionsschwerpunkt (Schreyögg,
Georg/Papenheim-Tockhorn,
Heike 1995; Theisen,
Manuel 2001). Ferner gilt – ebenfalls daran anschließend – das
Interesse den Möglichkeiten, Kleinaktionäre zu aktivieren oder der
Kontrollausübung durch Pensionsfonds, um die liberale Einheit von Eigentum und
Verfügungsgewalt wieder herzustellen (Jensen,
Michael C. 1989; Baums,
Theodor/Fraune, Chistian 1995).
Gutenberg (Gutenberg,
Erich 1962) hat früh die Frage der Entscheidungshierarchie zu einem
Diskussionsschwerpunkt der institutionellen Forschung gemacht. Er ordnet der
obersten Führungsgruppe die sog. echten Führungsentscheidungen zu, d.h. Entscheidungen
mit existentieller Bedeutung für den Bestand und die Zukunft des Unternehmens,
die aufgrund ihrer weitreichenden Konsequenzen nicht delegiert werden dürfen
(vgl. auch v.Werder, Axel
v. 1997). Als echte Führungsentscheidung in diesem Sinne gilt z.B.
die Festlegung der Unternehmenspolitik, die Koordinierung der großen
Teilbereiche oder die Besetzung der Führungsstellen. Es hat sich im Fortlauf
der wissenschaftlichen Auseinandersetzung allerdings gezeigt, dass die dahinter
liegende Vorstellung hierarchisch und prozedural klar abtrennbarer
Entscheidungsverläufe nicht haltbar ist. Empirische Entscheidungsstudien zeigen
weit verzweigte, „ ordnungswidrige “ Entscheidungsverläufe, die nicht selten zu
Ergebnissen führen, die so ursprünglich niemand angestrebt hat (Witte,
Eberhard 1968; Burgelman,
Robert A. 2002).
III. Funktionale
Managementlehre
Versteht man Management im funktionalen Sinne, so sind alle
Handlungen Gegenstand, die der Steuerung
und Sicherstellung des organisatorischen
Leistungsprozesses dienen. Im Zentrum des Interesses steht ein Bündel von
Aufgaben, die erfüllt werden müssen, damit ein Unternehmen seine Ziele
erreichen und seinen Bestand sichern kann. In der Managementlehre ist man schon
früh daran gegangen, das Konglomerat aus faktisch anfallenden und/oder für die
Erhaltung des Systembestandes erforderlichen Aufgaben systematisierend zu
ordnen, mit dem Ziel, die Vielfalt der Einzelaufgaben zu sinnfälligen
Aufgabenklassen – später: Managementfunktionen – zu verdichten.
Am meisten Akzeptanz hat dabei zweifellos der – fast schon
klassisch zu nennende – Fünferkanon gefunden, wie ihn Koontz und O\'Donnell (Koontz,
Harold/O\'Donnell, Cyril 1955) nach vielen Vorläuferstudien
schließlich herausgeschält haben:
-
Planung (planning),
-
Organisation (organizing),
-
Personaleinsatz (staffing),
-
Führung (directing),
-
Kontrolle (controlling).
Für gewöhnlich werden diese Funktionen nicht als einfache
Liste verschiedener Einzelaufgaben begriffen, sondern vielmehr im Sinne einer
logischen Abfolge zueinander in Beziehung gesetzt, sodass die Vorstellung eines
Prozesses entsteht: der Managementprozess (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Der klassische Managementprozess (Quelle: In
Anlehnung an Mackenzie, R.
Alec 1969)
Den Ausgangspunkt bildet die Planung,
d.h. das systematische Durchdenken der Handlungsfelder, die Festlegung des
gewollten Zustandes und die Auswahl der zu seiner Erreichung geeigneten
Maßnahmen. Die Planung entwirft eine gewollte Ordnung, sowohl für das gesamte
System wie auch für die einzelnen Teile.
Der planerischen Willensbildung
folgt die Willensdurchsetzung mit den
drei Funktionen Organisation, Personaleinsatz und Führung. Ihnen fällt der
Logik entsprechend die Aufgabe zu, das Geplante Wirklichkeit werden zu lassen.
Die letzte Phase des klassischen Managementprozesses ist
schließlich die Kontrolle.
Sie stellt in diesem Konzept insofern logisch den letzten Schritt dar, als sie
die im Zuge der Durchführungsmaßnahmen schließlich erreichten Ergebnisse
registrieren und mit den Plandaten vergleichen soll. Der Soll/Ist-Vergleich
einschließlich der Informationen über Ursachen bei allfälligen Abweichungen
bildet zugleich den Ausgangspunkt für die Neuplanung und die nächste neu
beginnenden Managementprozessepisode. Angestrebt wird über die Zeit hinweg eine
spiralförmige Fortentwicklung des Managementprozesses.
In diesem Modell fällt der Planung das Primat unter den Funktionen zu ( „ primacy of planning “ ). Alle
anderen Managementfunktionen haben nachgeordneten Charakter, weil sie ihre
Ausrichtung aus der Planung erfahren, aus diesem Grunde wird dieser Typ des
Managementprozesses als plandeterminiert
bezeichnet.
Kritik: Fragt man
nach den Leitmaximen, die den gedanklichen Hintergrund für den plandeterminierten
Managementprozess abgeben, so fällt die enge Anlehnung an das klassische
Rationalaxiom auf, das zwischen Willensbildung und Willensumsetzung
unterscheidet. Handeln wird hiernach immer als Willensumsetzung begriffen, der
als entscheidende Phase die Willensbildung vorausgeht. Die strikte Befolgung
der linearen Phasenabfolge im Managementprozess soll höchste Effektivität
sicherstellen. Das Zentrum liegt folgerichtig – ähnlich wie in der Theorie der
rationalen Wahl – in der planerischen Vorbereitung optimaler (Wahl-)Handlungen.
Das betriebliche Leistungsgeschehen soll dementsprechend in eine in sich konsistente Planungsordnung gebracht
werden, die – nach rationalen Prinzipien konstruiert – wie aus einem Guss erscheint und es erlaubt, alles unter Kontrolle
zu behalten. Ziel der Unternehmensführung soll es also sein, ein quasi
monolithisches Handlungsgefüge zu schaffen, in dem, transparent und in vollem
Umfang erwartbar, ein an der Spitze gebildeter Plan über die verschiedenen
Ebenen und Stellen reibungslos zur Ausführung gebracht wird. Die Dimensionen
dieser Steuerungstheorie lauten somit: Linearität,
Konsistenz und Transitivität. Sieht man es dynamisch,
so drängt die plandeterminierte Unternehmensführung darauf, Unordnung durch
Ordnung zu ersetzen.
Es ist nicht weiter verwunderlich, dass eine
Managementtheorie, die auf solchen Annahmen aufbaut, in Schwierigkeiten gerät.
Unübersehbar haben deshalb Wissenschaft ebenso wie Managementpraxis damit
begonnen, alternative Führungsansätze zu entwickeln. Interessant genug ist es
zu beobachten, dass in dieser Entwicklung die Handlungspraxis der Reflexion
vorausgeeilt ist.
IV. Neue Logik des
Managementprozesses
Der klassische Managementprozess und die dahinter liegende
Steuerungsphilosophie gehen unausgesprochen von der Annahme einer klar
durchdringbaren, erwartbaren inneren und äußeren Steuerungswelt aus. Diese
Annahmen sind nicht (mehr) realistisch, die externe
Umwelt eines Unternehmens ist weder eindeutig verstehbar noch in irgendeiner
Weise sicher prognostizierbar. Auch ist die Idee einer klar abgegrenzten,
sauber geordneten und von der Spitze sicher beherrschbaren internen Handlungswelt obsolet. Umwelt und System sind komplex, d.h. nur in Teilen beschreibbar
und damit zwangsläufig unberechenbar, jedenfalls zu einem gewissen Grade.
Überraschungen sind jederzeit möglich; Unsicherheit muss daher als konstitutives Merkmal jedes
Managementprozesses gesehen werden (Malik,
Fredmund F. 2003; Schreyögg,
Georg 1991; Brown, Shona
L./Eisenhardt, Kathleen M. 1998).
Was bedeutet dies konkret für die Steuerungslogik von
Unternehmen?
(1) Am offenkundigsten und markantesten verliert die
Stabilität als regulative Idee ihre Brauchbarkeit. Die Vorstellung, dass große
Organisationen im Wesentlichen mit einer geplanten Ordnung und
organisatorischer Erwartbarkeit gesteuert werden können, überzeugt nicht mehr.
Zu offenkundig ist die Handlungssituation von Unternehmen durch permanente
Veränderungen gekennzeichnet (D\'Aveni,
Richard A. 1994; Schreyögg,
Georg/Noss, Christian 2000). Dementsprechend sind auch die Zweifel
groß geworden, ob man eine Unternehmung durch eine feste
Input/Output-Beziehung, also eine Produktionsfunktion, treffend
charakterisieren kann. Heinz von Foerster (v. Foerster,
Heinz von 1984) hat schon früh darauf hingewiesen, dass die großen
Organisationen keine „ trivialen Maschinen “ , d.h. keine deterministischen
Systeme sind. Die Elemente der Systeme sind nicht starr aufeinander bezogen
dergestalt, dass ein Input in einer festgeschriebenen Bahn zu einem einfach zu
prognostizierenden Output führen würde. Es ist vielmehr so, dass die Elemente
eines Systems fortwährend interagieren und dadurch permanent neue
Anschlussmöglichkeiten untereinander aufbauen. Diese Eigendynamik der Systeme,
die ja in vielfacher Hinsicht sehr wünschenswert ist – man denke nur an solche
Aufgaben wie Innovativität und Flexibilität – , lässt jedoch das Planungs- und
Ordnungsideal des klassischen Managementprozesses in den Hintergrund treten.
Die zunehmende Loslösung aus traditionellen Rollenerwartungen und die im Zuge
eines Wertewandels gewachsene Skepsis gegenüber generellen Regeln und strenger
Planbestimmung steigert die Zahl der Handlungsoptionen. Sonderwege,
Überraschungen, Eigensinnigkeiten usw. sind die ungeordneten Folgen.
(2) Die zweite
allgemeine Entwicklungslinie verweist darauf, dass das Ziel der Klarheit nicht
nur nicht mehr herzustellen, sondern der Versuch, sie herzustellen, sogar
irreleitend ist. Schon vor Jahren zeigten die englischen
Organisationstheoretiker Burns und Stalker (Burns,
Tom/Stalker, George M. 1961), dass erfolgreiche flexible Unternehmen
z.B. präzise Stellenbeschreibungen oder exakte Kompetenzabgrenzungen bewusst
vermieden. Hauschildt (Hauschildt,
Jürgen 1981) frappierte die Fachwelt, als er aus seinen empirischen
Studien heraus forderte, bei Zielen nicht länger nach Klarheit, sondern nach
dem Grad optimaler Unklarheit zu
suchen.
(3) Die dritte Entwicklungslinie wendet sich hauptsächlich
gegen das Kausalprinzip als methodischem Leitprinzip der plandeterministischen
Unternehmensführungslehre. Dem entgegengestellt wird das Prinzip der
Kontingenz, also die fundamentale Einsicht, dass im Grunde alles auch anders
möglich ist (Luhmann,
Niklas 1992). Das Ende der Sicherheit bedeutet in erster Linie,
Praktiken für die erfolgreiche Handhabung von Unsicherheit zu finden.
Vorgehende Erörterungen könnten so verstanden werden, dass
eine Neuausrichtung der Managementlehre entlang der skizzierten
Entwicklungslinien einen vollständigen Wechsel in die Gegenpolaritäten als
Leitmaxime zur notwendigen Folge habe. Eine solche Schlussfolgerung wäre
indessen voreilig und kurzsichtig. Die Gegenpolaritäten alleine ergeben keine
sinnvolle Basis für eine neue Steuerungslehre. Totale Unordnung führt letzten
Endes zur Systemauflösung, totale Flexibilität erlaubt keine Effizienz und in
vollständiger Ambiguität ist kein Handeln möglich. Jeder Lösungsansatz hat
deshalb von dem Prinzip der Einheitlichkeit ( „ wie aus einem Guss “ ) Abschied zu
nehmen und stattdessen anzuerkennen, dass jedes Management komplexer Systeme
vor nicht endgültig lösbaren Zielkonflikten steht. Mit anderen Worten Antinomien
und Dilemmata sind unumgänglich, der Umgang mit ihnen und nicht ihre
Beseitigung bildet den Ausgangspunkt der neuen Lösung.
Konkret bedeutet dies für das Steuerungshandeln, dass das
Management eine immer wieder neu zu findende Balance herstellen muss zwischen
-
Aktion und Reaktion,
-
Ordnung und Unordnung,
-
Kalkül und Spontaneität,
-
Sicherheit und Autonomie.
Es geht also darum, das Spannungsverhältnis zwischen den
Polen und nicht schlicht den Gegenpol als Maxime in die Steuerungstheorie einzubringen.
Unordnung ohne Ordnung ist nicht wegweisend, und Spontaneität erhält ihre
Bedeutung erst vor dem Hintergrund des geordneten Kalküls.
Dies bedeutet zugleich den Übergang von einer linearen
Handlungsrationalität, die sich an Einzelhandlung orientiert, zu einer
komplexeren und umfassenderen Systemrationalität. Alle der bereits
angesprochenen Steuerungsthemen setzen ein komplexeres Leitprinzip als das der
Einzelhandlung voraus, um überhaupt sinnvoll Gegenstand einer theoretischen
Rationalisierungsbemühung werden zu können.
Mit der Kritik an den Prämissen des plandeterministischen
Managementprozessansatzes und den neuen bi-polaren Prinzipien der
Steuerungsbalance wurde zugleich der Rahmen gezogen für eine
Neukonzeptionalisierung des Managementprozesses im engeren Sinne. Dabei kann es
zunächst einmal nicht um die Generierung neuer Managementtechniken und
-instrumente gehen, sondern um die Schaffung eines komplexeren und
problemoffeneren Bezugsrahmens.
Versucht man, aus der eben dargelegten Perspektive die
Implikationen für einen neu zu fassenden Managementprozess herauszuarbeiten, so
gilt es, die grundlegend veränderte Folie hervorzuheben, auf der die
Systemsteuerung thematisiert wird. Im Unterschied zum plandeterminierten
Steuerungsmodell, das bei fixen Plänen und Zielen seinen Ausgangspunkt findet,
konzipiert die alternative Perspektive Systemsteuerung bei komplexer und
wechselhafter, nur teilweise kontrollierter Umwelt.
Die Neu-Ausrichtung macht die Idee einer linearen Abfolge von
Managementfunktionen unter dem Primat der Planung zu einem problematischen,
tendenziell missleitenden Orientierungsmuster. Aus den dargelegten Gründen kann
der Planung nicht mehr das unbedingte Primat eingeräumt werden, sie steht als
Steuerungsinstrument vielmehr gleichberechtigt
neben den anderen Funktionen. Für die Steuerung eines Unternehmens stehen
grundsätzlich verschiedene
alternative Möglichkeiten offen. Die Managementfunktionen treten als Steuerungspotenziale mit eigener Logik,
d.h. mit eigenen Stärken und Schwächen, nebeneinander.
Ihr Einsatz und ihr Verhältnis zueinander lässt sich variieren nach Maßgabe der
aktuellen Erfordernisse. Der Einsatz von Führung konkurriert etwa mit dem
Einsatz von Organisation oder die Verwendung von Planung mit der Einrichtung
flexibler Organisationsstrukturen; Letzteren wird man v.a. dort den Vorrang
geben, wo die Planung infolge der Unsicherheit einer fortwährenden
Revisionsnotwendigkeit gegenübersteht.
Die Managementfunktionen Organisation, Personaleinsatz,
Führung und Kontrolle treten in der neuen Logik dementsprechend auch aus ihrer
bloßen Plandurchsetzungsfunktion heraus und stehen neben der Planung als prinzipiell eigenständige Steuerungspotenziale. Die Anschlussmöglichkeiten
unter den Funktionen sind nicht mehr in der Linearkette zu suchen, sondern
vielfältiger und in immer wieder neuen Varianten vorstellbar.
V. Schluss
Die hier nur in Umrissen aufgezeigte neue Sichtweise des
Managementprozesses hat gegenüber dem klassischen Managementprozess einen
großen Nachteil; sie ist nicht so klar und überschaubar darzustellen, die
Eleganz der linearen Funktionsabfolge geht verloren. Dieser Nachteil bildet
aber im Kern ihren entscheidenden Vorteil. Die Konzeption hat eine im Vergleich
zum plandeterministischen Managementprozess wesentlich größere Fassungskraft
für die Probleme der Systemsteuerung, ohne dabei zum konzeptionslosen
Sammelbecken von Praxisproblemen zu werden.
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