Inhaltsübersicht
I. Entwicklung
der betriebswirtschaftlichen Flexibilitätsforschung
II. Aufgaben
einer Flexibilitätstheorie
I. Entwicklung der
betriebswirtschaftlichen Flexibilitätsforschung
Untersuchungen über die Flexibilität lassen sich bis in die
1920er-Jahre zurückverfolgen (vgl. Schmidt,
Fritz 1926). Auslöser für die intensivere Beschäftigung mit der
Flexibilität war die Weltwirtschaftskrise. Die mangelhafte Anpassung vieler
Betriebe an die plötzlich deutlich geringere Nachfrage rückte die Flexibilität
in den Mittelpunkt des Interesses. Diese Aktualität des Flexibilitätsphänomens
für die betriebswirtschaftliche Forschung ist bis heute erhalten geblieben.
Ursächlich für das andauernde Interesse der
Betriebswirtschaftslehre an der Flexibilität ist seit den 1940er-Jahren jedoch
immer weniger die Frage der Anpassung an gesamtwirtschaftliche Konjunkturschwankungen
als vielmehr die allgemeinere Frage der Bewältigung
von Ungewissheit in der Unternehmensführung. Vor allem durch die
Untersuchung von Hart, Albert Gailord über den Zusammenhang zwischen dem
Informationsstand von Entscheidungsträgern und der Güte ihrer Entscheidungen
traten Fragen der Ungewissheitsbewältigung in den Mittelpunkt. Unsichere
Erwartungen als Folge unvollkommener Information über zukünftige Entwicklungen
führten zu der Frage, wie Handlungsspielräume zur Erfolgssicherung bei
unerwarteten zukünftigen Entwicklungen aufgebaut werden können. Innerhalb der
betriebswirtschaftlichen Flexibilitätsforschung wurden dabei ganz
unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt (vgl. Abb. 1).
Im Rahmen der planungs-
und entscheidungstheoretischen Ansätze wurden einerseits formale
Entscheidungsmodelle zur Ableitung normativer Aussagen für Entscheidungen unter
Unsicherheit entwickelt. Durch die Untersuchung der Zielflexibilität trägt
dieser Forschungszweig auch den Auswirkungen veränderter Motivationsstrukturen
der Entscheidungsträger Rechnung. Andererseits wurde mit der flexiblen Planung
eine spezifische Methodik entworfen, die es erlaubt, zukünftige
Umweltveränderungen durch die Aufstellung flexibler Handlungsprogramme zu
berücksichtigen. Zu diesem Bereich ist schließlich auch die Entwicklung der
doppelt flexiblen Plankostenrechnung zu rechnen. Ferner wurde die
Flexibilisierung des Planungssystems selbst Gegenstand entsprechender
Untersuchungen.
Abb. 1: Entwicklung der betriebswirtschaftlichen
Flexibilitätsforschung (in Anlehnung an Meffert,
Heribert 1968 und Burmann,
Christoph 2002)
Im Zentrum der organisationstheoretischen
Flexibilitätsforschung steht die Anpassungsfähigkeit organisatorischer
Strukturen und Abläufe. Ausgehend von der Beobachtung einer mit zunehmendem
Unternehmensalter wachsenden Erstarrungstendenz hierarchischer
Organisationsstrukturen werden hier Ansätze zur Flexibilisierung
organisatorischer Strukturen und Prozesse entwickelt. Dabei wird auch die
notwendige Balance zwischen Flexibilität und Stabilität eines Unternehmens
problematisiert. Letzteres wird ab Mitte der 1980er-Jahre im Rahmen der
Komplexitätstheorie weiterführend erforscht. Insbesondere durch die
computergestützte Simulation sehr komplexer und zugleich höchst flexibler
sozialer Systeme konnten dabei wichtige Erkenntnisse gewonnen werden (vgl. Kauffman,
Stuart Alan 1993; Arthur,
Brian/Durlauf, Steven Neil/Lane, David 1997; Prietula,
Michael/Carley, Kathleen/Gasser, Les 1998). Darüber hinaus wurden in
der organisationstheoretischen Flexibilitätsforschung schon früh
Anpassungswiderstände auf der Ebene des Individuums analysiert und Methoden zur
Verbesserung der Veränderungs- und Handlungsbereitschaft von Mitarbeitern
entwickelt. Im Rahmen dieses Forschungszweiges wurde die
betriebswirtschaftliche Flexibilitätsforschung später um Erkenntnisse aus dem
Bereich des organisationalen Lernens erweitert (vgl. z.B. Bernard,
Heike 2000).
Die finanzierungstheoretische
Flexibilitätsforschung beschäftigt sich einerseits mit dem aus Volumen und
Struktur von Finanzierungsmitteln entstehenden Flexibilitätspotenzial, denn
„ die Anpassungsfähigkeit im leistungswirtschaftlichen Bereich einer
Unternehmung hängt in entscheidendem Maße auch von der Verfügbarkeit von
Geldkapital ab “ (Meffert,
Heribert 1968, S. 266). Andererseits wurde schon früh unter den
Begriffen der kapital- bzw. finanzwirtschaftlichen Elastizität untersucht,
inwieweit ein Unternehmen seine Kapitalausstattung an unterschiedliche
Entwicklungen anpassen kann. Dabei erfolgt im Wesentlichen eine Übertragung
entscheidungstheoretischer Erkenntnisse. Dies trifft auch auf die ebenfalls in
diesen Forschungszweig einzuordnenden investitionstheoretischen
Entscheidungskalküle zu, die sich mit den Flexibilitätswirkungen der
Kapitalintensität und Kapitalbindungsdauer von Investitionsprojekten
beschäftigen.
Ein eigenständiges und theoretisch fundiertes
Flexibilitätskalkül liegt in diesem Forschungsfeld erst seit der Formulierung
der Optionspreistheorie und ihrer Übertragung auf reale Investitionsobjekte im
Rahmen der Realoptionstheorie Ende der 1970er-Jahre vor. In der
Realoptionstheorie wird der Aufbau eines Handlungsspielraums für unsichere
zukünftige Entwicklungen als Kauf einer Option interpretiert.
Handlungsspielräume im Zusammenhang mit einem Investitions- oder
Desinvestitionsprojekt (z.B. Verschiebung oder Erweiterung einer Investition in
ein neues Produktionswerk) werden durch einen Vergleich mit handelbaren
Finanzoptionen, die über einen ähnlichen Zahlungsstrom wie das reale
Investitionsprojekt verfügen, bewertet. Die Relevanz der Realoptionstheorie als
Flexibilitätskalkül hängt direkt von den Eigenschaften des zu bewertenden
Investitionsobjektes und der sich hieraus ergebenden tatsächlichen
Übereinstimmung der Zahlungsströme zwischen Investitionsobjekt und Finanzoption
ab (vgl. Tomaszewski,
Claude 2000).
Die produktions- und
kostentheoretische Flexibilitätsforschung beschäftigt sich mit den
Reaktionsmöglichkeiten und den kostenmäßigen Konsequenzen der Anpassung des
Produktionsbereiches an schwankende Beschäftigungsgrade. Dabei wird ein im
Wesentlichen unveränderter Betriebsmittelbestand unterstellt, weshalb Jacob,
Herbert/ die innerhalb dieses Forschungszweiges untersuchten Entscheidungs- und
Handlungsspielräume unter dem Begriff der Bestandsflexibilität zusammenfasst.
Gutenberg, Erich/ differenziert diesbezüglich weitergehend in zeitliche,
intensitätsmäßige und quantitative Anpassung. Wesentlicher Maßstab zur
Beurteilung der Unternehmensflexibilität ist dabei der Verlauf der
Stückkostenfunktion bei unterschiedlichen Beschäftigungsgraden und einem
gegebenen Produktionsprogramm. Diese Überlegungen lassen sich auf die
Beobachtungen Stigler, George/s zu Stückkostennachteilen flexiblerer
Produktionsmaschinen zurückführen. Qualitative Veränderungen des Produktionsprogramms
werden in diesen kurzfristigen
Flexibilitäts- bzw. Kostenanalysen nicht untersucht. Riebel, Paul verbindet
diese auf den Produktionsbereich ausgerichteten Flexibilitätskalküle Gutenbergs
später mit dem Absatzbereich. Bei seiner deskriptiven Analyse der
leistungswirtschaftlichen Flexibilität stehen die sachlichen Interdependenzen
zwischen dem Produktions- und Absatzbereich im Mittelpunkt, wohingegen die
Ungewissheitsbewältigung weitgehend ausgeblendet wird.
Die absatztheoretische
Flexibilitätsforschung basiert weitgehend auf den Erkenntnissen der
mikroökonomischen Preistheorie und repräsentiert damit ein verkürztes
Flexibilitätsverständnis. Sie untersucht lediglich, inwieweit und unter welchen
Markt- und Wettbewerbsbedingungen eine Anpassung an eine grundsätzlich
unsichere und damit im Zeitablauf schwankende Nachfrage mittels
preispolitischer Instrumente möglich ist und damit ein Durchschlagen der
Nachfrageschwankungen auf den Beschäftigungsgrad verhindert werden kann. Das
mit Blick auf die Flexibilität zentrale Defizit in der klassischen Preistheorie
ist die Ausklammerung von Unsicherheit und Risiko durch entsprechende
Prämissen. Dieses Defizit wird zwar in späteren Publikationen zur Preisbildung
bei Unsicherheit behoben, letztlich erfolgt dabei aber nur eine Übertragung
entscheidungstheoretischer Erkenntnisse. Lediglich Hauschildt und Leker lösen
sich von der Preistheorie (vgl. Hauschildt,
Jürgen/Leker, Jens 1990). Sie erarbeiten produktpolitische
Maßnahmen, mit denen sich die Handlungsflexibilität für die Nachfrager nach dem
Kauf innovativer Computer-Hard- und Software erhöhen, deren Unsicherheit reduzieren
und damit der Absatz steigern lässt.
II. Aufgaben einer
Flexibilitätstheorie
Trotz der Vielzahl betriebswirtschaftlicher Forschungsansätze
zur Flexibilität findet sich in der Literatur bislang keine umfassende
betriebswirtschaftliche Flexibilitätstheorie (vgl. z.B. Janssen,
Holger 1997). Nach Kaluza muss eine Flexibilitätstheorie drei
Aufgaben erfüllen (vgl. Kaluza, Bernd
1993). Zunächst sollte sie im Rahmen einer Existenzanalyse die verschiedenen
Flexibilitätsarten beschreiben, systematisieren und Ansätze zu ihrer Messung
entwickeln. In der anschließenden Bedingungsanalyse hat sie zu erklären, unter
welchen Bedingungen bestimmte Arten der Unternehmensflexibilität entstehen und
welche Gestaltungsmöglichkeiten ein Flexibilitätsmanagement besitzt.
Schließlich sollte eine Flexibilitätstheorie der Frage nachgehen, welche
Wirkungen die Flexibilität auf den Unternehmenserfolg hat.
1. Existenzanalyse
Als Folge der Vielzahl an Forschungsansätzen in der
betriebswirtschaftlichen Flexibilitätsforschung findet sich in der Literatur
eine kaum noch überschaubare Vielfalt an Flexibilitätsarten und -definitionen.
Eine Übertragung der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes flexibilis (biegsam, anpassungsfähig,
geschmeidig) auf Unternehmen ist problematisch, weil sich diese Wortbedeutung
an einer Eigenschaft physischer Objekte orientiert, die nach einer „ Verbiegung “
immer wieder problemlos in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen sind,
und damit implizit von einem statischen Gleichgewicht ausgeht. Die Flexibilität
einzelner Aggregate in der Produktions- und Kostentheorie entspricht diesem
Flexibilitätsverständnis recht gut. Demgegenüber ist die Flexibilität eines
ganzen Unternehmens als sozialem System im Sinne eines dynamischen
Gleichgewichtes zu verstehen (vgl. Burmann,
Christoph 2002). Die Bedeutung des Flexibilitätsbegriffes bei
Unternehmen entspricht damit eher der langfristigen Anpassungsfähigkeit organischer Systeme im Sinne einer Evolution.
Anpassungsfähigkeit wird dabei als dauerhafte Zielerreichung interpretiert.
Flexibel ist ein Unternehmen somit nur dann, wenn es unter Sicherung eines
Mindestzielerreichungsgrades (vgl. Behrbohm,
Peter 1985) zur Anpassung an neue interne und externe
Situationsbedingungen fähig ist. Anpassungsfähigkeit wird somit als „ Existenz
von Freiheitsgraden, d.h. von Handlungsspielräumen bei der zielgeleiteten
Entscheidungsfindung und -realisation “ (Behrbohm,
Peter 1985, S. 183) definiert.
Der in den frühen Publikationen der betriebswirtschaftlichen
Flexibilitätsforschung vorherrschende Elastizitätsbegriff
kennzeichnete neben dieser Anpassungsfähigkeit zusätzlich auch „ eine Maßzahl,
die durch das Verhältnis der relativen Veränderungen funktional verknüpfter
ökonomischer Variablen definiert wird “ (Pack, Ludwig
1974, Sp. 1251). In der jüngeren Flexibilitätsforschung hat es sich jedoch
durchgesetzt, den Elastizitätsbegriff ausschließlich als Maßzahl im
letztgenannten Sinne zu verwenden und immer dann, wenn Anpassungsfähigkeit
gemeint ist, den Flexibilitätsbegriff zu verwenden (vgl. Kaluza, Bernd
1993).
Die nachfolgende Klassifikation von Flexibilitätsarten (vgl.
Abb. 2) greift in Teilen auf eine Systematisierung von Kaluza zurück (vgl. Kaluza, Bernd
1993). Er unterscheidet bezüglich des Objektes
nach Ziel- und Mittelflexibilität. Die Zielflexibilität kann sich auf die
Flexibilität zur Aufnahme neuer Ziele in das Zielsystem des Unternehmens (z.B.
ethische Grundsätze), der Veränderung des Zielsystems (z.B. Änderung der
Zielgewichtung) und die Veränderung des als angemessen beurteilten
Zielerreichungsgrades beziehen. Die Mittelflexibilität kennzeichnet die
Flexibilität bei der Auswahl von Mitteln zur Erreichung der gesetzten Ziele.
Sie kann in reale und dispositive Mittelflexibilität unterteilt werden. Die
reale Mittelflexibilität ist auf der physischen Ebene angesiedelt und bezieht
sich auf die klassischen Produktionsfaktoren Arbeitsleistung, Betriebsmittel
und Werkstoffe. Die dispositive Mittelflexibilität beschreibt die
Anpassungsfähigkeit des Unternehmens im Bereich der Planung und Entscheidung,
Organisation und Kontrolle.
Abb. 2: Systematisierung von Flexibilitätsarten
Bezüglich der Zeitdimension
der Flexibilität kann mit Jacob zwischen Bestands- und
Entwicklungsflexibilität unterschieden werden (vgl. Jacob,
Herbert 1989). Die Bestandsflexibilität charakterisiert die
kurzfristige Anpassungsfähigkeit unter Nutzung der vorhandenen
Mittelausstattung des Unternehmens. Auf der Grundlage der als konstant
unterstellten Kapazitäten eines Unternehmens und eines gegebenen Produktions-
und Leistungsprogramms wird untersucht, inwieweit die Unternehmung in der Lage
ist, sich kurzfristig an Schwankungen des Beschäftigungsgrades anzupassen. Die
Mittelflexibilität nach Kaluza bezieht sich stets auf die bestehende, als
konstant unterstellte Mittelausstattung des Unternehmens und damit auf die
Bestandsflexibilität.
Die Entwicklungsflexibilität beschreibt die langfristige
Fähigkeit zur Anpassung an unvorhergesehene, in der Zukunft liegende
Veränderungen der internen und externen Unternehmenssituation. Dabei wird auf
der ersten Stufe von einem gegebenen, dauerhaft unveränderlichen Produktions-
und Leistungsprogramm ausgegangen. Es wird untersucht, wie schnell und mit
welchen Kosten der Bestand an Produktionsfaktoren quantitativ an größere, dauerhafte
Nachfragerückgänge oder -steigerungen angepasst werden kann.
Bestimmungsfaktoren dieser primär für den Produktionsbereich untersuchten
Entwicklungsflexibilität I sind die Art der eingegangenen Bindungen, Zeitbedarf
und Kosten der Auflösung bestehender Bindungen sowie die Weiterverwendbarkeit
vorhandener Produktionsmittel (vgl. Jacob,
Herbert 1989). Je nach Zielsetzung des Unternehmens wird nach einer
Produktionsmittelausstattung gesucht, welche die negativen Wirkungen eines
Nachfragerückganges vermindert (Risikoreduktion) oder die schnelle und
umfassende Nutzung eines starken Nachfrageanstiegs ermöglicht. Im Gegensatz zur
Bestandsflexibilität wird somit von variablen Kapazitäten des Unternehmens
ausgegangenen. Auf der zweiten Stufe wird die Prämisse der Unveränderlichkeit
des Produktions- und Leistungsprogramms aufgegeben. Diese
Entwicklungsflexibilität II wird auch als strategische Flexibilität bezeichnet
(vgl. Jacob,
Herbert 1989; Burmann,
Christoph 2002). Beide Entwicklungsflexibilitäten stellen ergänzend
zu Kaluza, Bernd einen dritten Objektbereich der Unternehmensflexibilität dar
(vgl. Abb. 2).
Hinsichtlich der Grundeinstellung
des Managements wird zwischen Built-in-Flexibilität und
Handlungsflexibilität unterschieden (vgl. Meffert,
Heribert 1985). Die Built-in-Flexibilität kann als eine defensive
Risikovorsorge durch entsprechende Gestaltung des Geschäftsfeldportfolios und
der Unternehmensstruktur verstanden werden. Hierdurch sollen z.B.
Beschäftigungsrisiken in verschiedenen Geschäftsfeldern kompensiert werden. Die
Handlungsflexibilität beschreibt demgegenüber das offensive Reaktionsvermögen
zur Ausschöpfung und Bewältigung neuer Chancen und Risiken aus einer veränderten
internen oder externen Unternehmenssituation. Die Handlungsflexibilität
wiederum kann sich auf den Handlungsspielraum, die Handlungsgeschwindigkeit und
die Handlungsbereitschaft beziehen.
Hinsichtlich der Wirkungsrichtung
kann zwischen externer und interner Flexibilität differenziert werden (vgl. Ansoff, Harry
Igor 1966; Ansoff, Harry
Igor 1976). Externe Flexibilität kennzeichnet die gezielte
Einflussnahme des Unternehmens auf seine Umwelt. Dies kann z.B. durch die Ausübung
von Macht oder die Markteinführung von Produktinnovationen geschehen. So kann
ein Großunternehmen bei einem unerwarteten Nachfragerückgang seine Lieferanten
zu außerplanmäßigen Preisnachlässen zwingen oder gegenüber dem Staat mit dem
Hinweis auf drohende Arbeitsplatzverluste Subventionen einfordern. Durch beide
machtpolitischen Maßnahmen vergrößert sich der Handlungsspielraum des
Unternehmens. Die interne Flexibilität kennzeichnet die Veränderung
unternehmensinterner Struktur- und Prozessvariablen, ohne dass damit direkt
eine Einflussnahme auf die Umwelt angestrebt wird. So können bei rückläufigem
Preisniveau interne Rationalisierungsmaßnahmen durchgeführt werden, welche die
ursprüngliche Ertragssituation wieder herstellen und damit Handlungspotenziale
zur Entwicklung neuer Produktgenerationen sichern helfen. Weiterführend kann
zwischen der internen Flexibilität des gesamten Unternehmens und derjenigen
einzelner Funktionsbereiche unterschieden werden. Letztlich gehen mit vielen
Flexibilitätsarten interne und externe Wirkungen einher (vgl. Abb. 2).
2. Bedingungsanalyse
Im Rahmen einer Flexibilitätstheorie untersucht die
Bedingungsanalyse die Frage, unter welchen Bedingungen bestimmte Arten der
Unternehmensflexibilität entstehen und welche Gestaltungsmöglichkeiten ein
Flexibilitätsmanagement besitzt. In diesem Bereich zeigten sich lange Zeit die
geringsten Fortschritte bei der Entwicklung einer Flexibilitätstheorie. Dies
war vor allem eine Folge der Dominanz funktionsbereichsspezifischer
Forschungsansätze (vgl. Meffert,
Heribert 1968). Insbesondere die Konzentration auf den
Produktionsbereich und hier vor allem die Bestandsflexibilität hat bislang
einer intensiveren Beschäftigung mit einer allgemeinen Flexibilitätstheorie im
Wege gestanden.
Eine Integration in Richtung auf eine Flexibilitätstheorie
ist nur auf einer Metaebene Erfolg
versprechend. Hierfür erscheint die Ressourcen- und Kompetenztheorie der
Unternehmung besonders geeignet, denn obwohl Konsens darüber besteht, dass
Unternehmensflexibilität als Anpassungsfähigkeit zu verstehen ist und es sich
bei Unternehmen um Personenkollektive mit vielfältigen Interaktionsprozessen
handelt, gibt es bislang keinen Ansatz, der Anpassungsfähigkeit durch die Form
dieser Interaktionsprozesse erklärt. Neuere ressourcentheoretische Beiträge
setzen genau hier an (vgl. z.B. Freiling,
Jörg 2004). Sie versuchen, die Art des Zusammenwirkens durch die
Wissensverarbeitung im Unternehmen zu erklären (vgl. z.B. Burmann,
Christoph 2002 für einen Literaturüberblick). Auch die
Komplexitätstheorie bezieht sich zur Erklärung der Flexibilität sozialer
Systeme auf eine Metaebene. Dabei werden emergente Fähigkeiten, die aus den
Interaktionen eines Kollektivs entstehen, näher analysiert (vgl. z.B. Gell-Mann,
Murray 1994). Bei diesem Vorgehen werden interessante Parallelen zur
Ressourcen- und Kompetenztheorie deutlich (vgl. Burmann,
Christoph 2005). Die zweite Teilaufgabe einer Bedingungsanalyse ist
das Aufzeigen von Spielräumen eines Flexibilitätsmanagements. Fasst man die
Literaturmeinungen zusammen, dann liegt die wesentliche Aufgabe eines
Flexibilitätsmanagements in der zielgerichteten Gestaltung und Nutzung von
Flexibilitätspotenzialen (vgl. z.B. Thielen, Carl
Adolf Ludwig 1993; Janssen,
Holger 1997). Hillmer stellt hierzu fest: „ Aus dem Vermögen zur
Anpassung folgt nicht notwendigerweise der tatsächliche Vollzug von
Anpassungen. Die Bandbreite reicht hier vom Anpassungsverzicht trotz
vorhandener Flexibilität bis zum Anpassungszwang. “ (Hillmer, Hans
Jürgen 1987) Weiterführend kann zwischen strategischem und
operativem Flexibilitätsmanagement unterschieden werden. Während Letzteres
wohl-strukturierte Entscheidungssituationen betrifft, z.B. das Management der
Bestandsflexibilität, widmet sich das strategische Flexibilitätsmanagement der
Gestaltung und Nutzung von Flexibilitätspotenzialen in schlecht-strukturierten
Entscheidungssituationen mit Unsicherheit (vgl. Janssen,
Holger 1997).
3. Wirkungsanalyse
Bei der Analyse flexibilitätsinduzierter Wirkungen offenbart
sich das Dilemma des gesamten Flexibilitätsmanagements. Dieses Dilemma kommt in dem Trade-off zwischen
zusätzlichen Kosten durch flexibilitätssteigernde Maßnahmen einerseits und dem
Unternehmensziel der Kostenwirtschaftlichkeit andererseits zum Ausdruck (vgl. Meffert,
Heribert 1985). Z.B. verursacht die Vorhaltung ungenutzter
Produktionskapazität Leerkosten, ermöglicht es andererseits jedoch, an einer
unerwarteten Nachfragebelebung durch zusätzliche Umsätze zu partizipieren. Um
die Vorteilhaftigkeit von Flexibilitätspotenzialen beurteilen zu können, sind
Kosten und Nutzen der Flexibilität zu bestimmen. Zur Erfassung von
Flexibilitätskosten, insbesondere für den Produktionsbereich, liegen in der
Literatur zahlreiche Beiträge vor (vgl. z.B. Meffert,
Heribert 1969; Kaluza, Bernd
1989; Ettlie,
John/Penner-Hahn, Joan 1994; Corsten,
Hans/Gössinger, Ralf 2006). Die Kostenerfassung ist dabei von der
Art der zu bewertenden Flexibilität abhängig.
Flexibilität ist ebenso wie Liquidität kein Selbstzweck. Die
Bewertung des Flexibilitätsnutzens hat sich vielmehr an der Verbesserung des
Zielerreichungsgrades des Unternehmens zu orientieren (vgl. Kaluza, Bernd
1993; Suarez, Freddy/Cusumano,
Michael/Fine, Charles 1991) und dabei die Risikopräferenzen der
Entscheidungsträger zu berücksichtigen. Als grundsätzliches
Problem erweist sich an dieser Stelle, dass über die Wirkung vieler Formen
der Unternehmensflexibilität, insbesondere der strategischen Flexibilität und
der Handlungsflexibilität, bislang kaum empirische Untersuchungen vorliegen (zu
einer Ausnahme vgl. Burmann,
Christoph 2002).
Literatur:
Ansoff, Harry Igor :
Management-Strategie, München 1966
Ansoff, Harry Igor : Managing
Surprise and Discontinuity. Strategic Response to Weak Signals, in: Zeitschrift
für betriebswirtschaftliche Forschung, Jg. 28, 1976, S. 129 – 152
Arthur, Brian/Durlauf, Steven
Neil/Lane, David : The Economy as an Evolving Complex System II, Reading
(Mass.) 1997
Behrbohm, Peter : Flexibilität in der
industriellen Produktion, Frankfurt a.M. 1985
Bernard, Heike : Unternehmensflexibilität.
Analyse und Bewertung in der betrieblichen Praxis, Wiesbaden 2000
Burmann, Christoph : Strategische
Flexibilität und Strategiewechsel als Determinanten des Unternehmenswertes,
Wiesbaden 2002
Burmann, Christoph : Dynamik (und
Management) von und Reaktion auf Ad-hoc-Krisen. Eine Analyse aus Sicht der
Komplexitätstheorie, in: Management von Ad-hoc-Krisen. Grundlagen, Strategien,
Erfolgsfaktoren, hrsg. v. Burmann, Christoph/Freiling, Jörg/Hülsmann, Michael,
Wiesbaden 2005, S. 115 – 140
Corsten, Hans/Gössinger, Ralf :
Output-Flexibilität in der Dienstleistungsproduktion, in: Zeitschrift für
Betriebswirtschaft, Jg. 76, H. 1/2006, S. 29 – 53
Ettlie, John/Penner-Hahn, Joan :
Flexibility Ratios and Manufacturing Strategy, in: Marketing Science, Jg. 40,
1994, S. 1444 – 1454
Freiling, Jörg : Competence-Based
View der Unternehmung, in: Die Unternehmung: Schweizerische Zeitschrift für
betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 58, 2004, S. 5 – 25
Gell-Mann, Murray : Complex Adaptive
Systems, in: Complexity. Metaphors, Models, and Reality, hrsg. v. Cowan,
George/Pines, David/Meltzer, David Elliott, Reading (Mass.) 1994, S. 17 – 45
Hauschildt, Jürgen/Leker, Jens :
Flexibilisierung als Strategie von Anbietern und Nachfragern innovativer Güter,
in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, Jg. 42, H. 11/1990, S.
963 – 975
Hillmer, Hans Jürgen : Planung der
Unternehmensflexibilität. Eine allgemeine theoretische Konzeption und deren
Anwendung zur Bewältigung strategischer Flexibilitätsprobleme, Frankfurt a.M.
1987
Jacob, Herbert : Flexibilität und
ihre Bedeutung für die Betriebspolitik, in: Integration und Flexibilität. Eine
Herausforderung für die allgemeine Betriebswirtschaftslehre, hrsg. v. Adam,
Dietrich et al., Wiesbaden 1989, S. 15 – 60
Janssen, Holger :
Flexibilitätsmanagement. Theoretische Fundierung und Gestaltungsmöglichkeiten
in strategischer Perspektive, Stuttgart 1997
Kaluza, Bernd : Erzeugniswechsel als
unternehmenspolitische Aufgabe. Integrative Lösungen aus
betriebswirtschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Sicht, Berlin 1989
Kaluza, Bernd : Betriebliche
Flexibilität, in: Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, hrsg. v. Wittmann,
Waldemar/Werner, Kern/Richard, Köhler et al., 5. A., Stuttgart 1993, Sp.
1173 – 1184
Kauffman, Stuart Alan : The Origins
of Order. Self-Organization and Selection in Evolution, New York 1993
Meffert, Heribert : Die Flexibilität
in betriebswirtschaftlichen Entscheidungen, München 1968
Meffert, Heribert : Zum Problem der
betriebswirtschaftlichen Flexibilität, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft,
Jg. 39, 1969, S. 779 – 800
Meffert, Heribert : Größere
Unternehmensflexibilität als Unternehmenskonzept, in: Zeitschrift für
betriebswirtschaftliche Forschung, Jg. 37, 1985, S. 121 – 137
Pack, Ludwig : Elastizität, in:
Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, hrsg. v. Grochla, Erwin/Wittmann,
Waldemar, 4. A., Stuttgart 1974, Sp. 1251 – 1259
Prietula, Michael/Carley,
Kathleen/Gasser, Les : Simulating Organizations. Computational Models of
Institutions and Groups, Menso Park 1998
Schmidt, Fritz : Die Anpassung der
Betriebe an die Wirtschaftslage, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Jg. 3,
1926, S. 85 – 106
Suarez, Freddy/Cusumano,
Michael/Fine, Charles : Flexibility and Performance. A Literature Critique and
Strategic Framework, Massachusetts Institute of Technology, Sloan School,
Working Paper 3298 – 91, Boston 1991
Thielen, Carl Adolf Ludwig :
Management der Flexibilität, St. Gallen 1993
Tomaszewski, Claude : Bewertung
strategischer Flexibilität beim Unternehmenserwerb. Der Wertbeitrag von
Realoptionen, Frankfurt a.M. 2000
|