Inhaltsübersicht
I. Einführung
II. Die
Konzeptionen von Wertkette und Geschäftssystem
III. Entwicklung
und Darstellung der Wertkette
IV. Verbindungslinien
zu anderen Konzepten
I. Einführung
Ausgehend vom Problemfeld der Ressourcenanalyse (von A. T.
Kearny, A.T./) wurde Anfang der 1980er-Jahre damit begonnen, das Konzept der
Wertschöpfungsketten sowie die Analyse des Geschäftssystems nach McKinsey,
(vgl. Timmermann,
A. 1982, S. 4 ff.) zu entwickeln. Als Vorläufer der Wertkette
gilt die Ressourcenanalyse, die im engen Konnex mit den so genannten
Wertschöpfungsketten und der Analyse des Geschäftssystems steht. Die
Wertschöpfungskette, eingesetzt als methodisches Instrument der strategischen
Ressourcenanalyse, stellt dar, welche Ressourcen zur Entwicklung, Erzeugung und
Vermarktung eines Produktes beansprucht werden. So geht man davon aus, dass die
Grundgedanken dieser Konzeption bereits etliche Jahre in Beraterkreisen
diskutiert wurden (Vgl. Buaron, R.
1981, S. 24 ff.) bevor Michael Porter das Konzept der „ value chain “
(Wertkette) umfassend in seinem Buch „ Competitive Advantage “ dargelegt hat.
Porter stellt das Konzept der Wertkette über die Rolle der Ressourcen-Analyse
hinausgehend als ein integratives Rahmenwerk im strategischen Management dar (Porter, M.E.
1986).
II. Die Konzeptionen von
Wertkette und Geschäftssystem
Die Analyse des Geschäftssystems trachtet die Aktivitäten
nicht nur auf die Kostenseite zu beschränken, sondern diese auch auf den
Bereich der Leistungen mitauszudehnen. Diese umfasst somit die
grobstrukturierte Abfolge der Schritte, mit denen ein Unternehmen in einem
Geschäftsbereich seine Güter und Dienstleistungen produziert und an den Kunden
bringt. Die Grundüberlegung, eine Aufsplittung der betrieblichen
Leistungserstellung zu betreiben, ist ein altes Anliegen der
Betriebswirtschaftslehre. So wurde meist zwischen Funktionsbereichen,
Entscheidungstypen oder Abrechnungseinheiten unterschieden, diese Aufgliederung
jedoch zum Gegenstand strategischer Prozesse bzw. Entscheidungen zu machen, ist
relativ neu (vgl. Kogut, B.
1985, S. 15 f.).
1. Die
Zusammenführung von Geschäftssystem und Wertkette
Neben einer produktbezogenen Bestandsaufnahme der Ressourcen
eines Unternehmens sollen die Bedeutung der einzelnen Ressourcen auch für den
jeweiligen Wertschöpfungsprozess identifiziert werden. Gerade der Vergleich der
Wertschöpfungsketten der einzelnen Wettbewerber lässt erkennen, dass oft
(vermeintlich idente) Konkurrenten eine völlig unterschiedliche Kostenstruktur
aufweisen, die auf einen unterschiedlichen Ressourceneinsatz zurückzuführen
ist. Die Erstellung der Wertschöpfungskette sowie die Erfassung der einzelnen
Daten ist eine relativ aufwändige Angelegenheit, zumal bereits im eigenen
Bereich die Ermittlung von stimmigen Vollkosten bzw. eine exakte Berechnung der
Vorleistungen auf Schwierigkeiten stößt. Weiters muss festgehalten werden, dass
der Versuch einer ausschließlich kostenorientierten Betrachtung zu einer
verzerrten Perspektive führen würde, da letztlich das
Preis-Leistungs-Verhältnis (der Produktnutzen) für den Abnehmer entscheidend
ist (vgl. Kreilkamp, E.
1987, S. 191f). In jeder Stufe hat ein Unternehmen zahlreiche
Möglichkeiten, das jeweilige Segment des Geschäftssystems zu gestalten, wobei
diese oft voneinander abhängen. Um nachhaltige Wettbewerbsvorteile eruieren zu
können, stellte McKinsey in einer bereits 1980 erschienenen Staff-Publikation
(Vgl. Bales, C.
et al. 1981) zum Geschäftssystem folgende Fragen:
-
Wie vollführen wir diese Funktion jetzt?
-
Wie arbeiten die Wettbewerber?
-
Welche Aspekte sind bei ihnen besser gelöst, welche
bei uns?
-
Könnte dieser Bereich auch ganz anders bearbeitet
werden?
-
Wie würden diese Möglichkeiten unsere
Wettbewerbsposition beeinflussen?
-
Wenn wir einen Bereich verändern, wie wird das übrige
Geschäftssystem betroffen?
Demnach ist das Geschäftssystem ein kompetentes
Instrumentarium, um die jeweilige Wettbewerbsstruktur analysieren zu können
bzw. Wettbewerbsvorteile zu verstehen, die letztlich nur im höheren Wert für
den Kunden oder in den Kostenvorteilen liegen können.
Abb. 1: Geschäftssystem-Analyse auf der Basis von
Wertschöpfungsketten (Kreilkamp, E.
1987, S. 197)
Durch die in Abb. 1 dargestellte Zusammenführung von
Wertschöpfungsketten und Geschäftssystem kann sowohl eine strukturierte
Auswirkung auf Kosten und Leistungen veranschaulicht werden, als auch eine
Einbeziehung der Mitbewerber erfolgen. In diesem Modell wird – basierend auf
dem Endverbraucherpreis – der Anteil jeder Stufe des Geschäftssystems (Vgl. Buaron, C.
1981, S. 33 f.) an der Gesamtwertschöpfung dargestellt und somit auch
deren Bedeutung im Wettbewerb. Ressourcenseitig kann somit so vorgegangen
werden, dass in erster Linie jene Kostenkomponenten untersucht werden, die den
größten Anteil an der Gesamtwertschöpfung haben, wobei dies meist im Vergleich
mit der Branchenstruktur erfolgt. Leistungsseitig sollte für jede
Wertschöpfungsstufe deren Bedeutung für die gesamte Produktleistung ermittelt
werden, da nicht jede Wertschöpfungsstufe gleichwertig zu behandeln ist. Um die
Leistungen in Teilbereiche zerlegen zu können, ist es notwendig, die
Bedürfnisse der Kunden (auch deren subjektive Präferenzen) näher zu kennen.
Weiters ist zu beachten, dass Leistungen nur dann im Wettbewerb sinnvoll sind,
wenn diese durch den Kunden auch realisiert werden.
2. Die
Porter\'sche Wertkette als geschlossene Konzeption
Die von Porter „ value-chain “ (vgl. Porter, M.E.
1986, S. 63 ff.) benannte Wertschöpfungskette bzw. Wertkette wird über
das Konzept des Geschäftssystems hinausgehend als ein zentrales Gestaltungsinstrument
zur „ Erlangung und Aufrechterhaltung von Wettbewerbsvorteilen “ gesehen, da nach
Porter die Wettbewerbsvorteile aus dem Wert, den ein Unternehmen für seine
Kunden schaffen kann, resultieren (Wert gilt hier als jener Betrag, den ein Abnehmer
zu zahlen bereit ist). Die Wertkette ist somit eine weiterentwickelte
Konzeption mit Wurzeln in den oben genannten Ansätzen, jedoch stellt der
Porter\'sche Ansatz den Wert für den Kunden in seiner weitest gefassten
Auslegung in den Mittelpunkt. Er gliedert die Aktivitäten und Prozesse der
unternehmerischen Leistungserstellung in jene relevanten Wertaktivitäten, die
Quellen für Kosten und Differenzierungsvorteile im Wettbewerb bedeuten können.
Die Wertkette ist nach Porter, / ein breiter Strom von Tätigkeiten, die in ein
Wertsystem eingebettet sind. Demnach haben Lieferanten Wertketten, welche die
für die Wertkette des Unternehmens gekauften Inputs (Werte) generieren. Diese
Darstellungsform, Branchen, Märkte bzw. auch Aktivitäten einer einzelnen Unternehmung
in einzelnen Wertketten darzustellen bzw. von diesen Wertketten wieder
Subketten herunterzubrechen, ermöglicht es, die Zusammenhänge der einzelnen
Wertaktivitäten in einer operablen, aber dennoch den Gesamtzusammenhang im Auge
behaltenden Form aufzubereiten. Wertaktivitäten sind nach Porter, M.E. physisch
und technologisch unterscheidbare Aktivitäten, die jene Bausteine bilden, aus
denen das Unternehmen für seine Kunden wertvolle Produkte generiert. Die
Gewinnspanne ist der Unterschied zwischen Gesamtwert und der Summe der Inputs.
Die Integration von Aktivitäten spielt eine Schlüsselrolle, da diese
Verflechtungen Auswirkungen auf die eigene Wertkette haben.
Abb. 2: Die generische Wertkette von Porter
(Porter, M.E.
1986, S. 62)
In der generischen Wertkette nach Porter, M.E. (vgl. Abb. 2)
existieren zwei Typen von Wertaktivitäten: „ Primäre Aktivitäten “ , in dieser
Abbildung im unteren Teil dargestellt (Glieder der Kette), diese beziehen sich
auf die unmittelbare Versorgung des Marktes mit Produkten und Dienstleistungen
wie z.B. Eingangslogistik bzw. Materialwirtschaft, physische Operationen der
Herstellung eines Produktes, Marketing bzw. Vertrieb, Distribution bzw.
Ausgangslogistik und Kundendienst bzw. Service.
Die zweite Kategorie von Aktivitäten sind die so genannten
„ unterstützenden Aktivitäten “ , die für die Versorgung des Unternehmens mit zur
Produktion notwendigen Gütern, Technologien, Humanressourcen und der
Unternehmensinfrastruktur Sorge tragen. Die in der Abbildung gestrichelt
dargestellten Linien sollen verdeutlichen, dass sich die unterstützenden
Aktivitäten der Beschaffung, Technologieentwicklung und Personalwirtschaft
sowohl auf einzelne primäre Aktivitäten als auch auf die gesamte
Wertschöpfungskette beziehen können. Die Unternehmensinfrastruktur hat
grundsätzlich keine Verbindung zu den primären Aktivitäten, sondern sollte die
gesamte Kette unterstützen. Wertaktivitäten sind demnach die einzelnen
Bausteine von Wettbewerbsvorteilen, zumal ein Vergleich der eigenen Wertkette
mit jenen der Konkurrenten einzelne Wettbewerbsvorteile klar verdeutlicht.
Deshalb fordert Porter auch die Analyse der Wertkette statt der Wertschöpfung
(vgl. Sommerlatte,
T. 1987, S. 158 f.) als den richtigen Weg, um
Wettbewerbsvorteile aufzuspüren.
III. Entwicklung und
Darstellung der Wertkette
Bei der Ermittlung der Wertaktivitäten soll eine Trennung in
technologisch und strategisch unterscheidbare Aktivitäten erfolgen, wobei
Wertaktivitäten und Kostengliederung in den seltensten Fällen übereinstimmen.
Diese Kategorien können je nach Bedarf weiter vertieft bzw. fast gänzlich
vernachlässigt werden. Die unterstützenden Aktivitäten werden nach obiger
Abbildung in vier Kategorien unterteilt, wobei jede dieser Kategorien wieder
analog in eine Reihe einzelner Wertaktivitäten zerlegbar ist, die unter
Umständen branchenspezifisch zu behandeln sind. Grundsätzlich ließen sich die
Wertketten im Extremfall bis auf den einzelnen Arbeitsschritt aufsplitten.
Dieses Ansinnen dürfte jedoch nicht zweckdienlich sein, da jeweils situativ
entschieden werden muss, inwieweit diese Aufgliederung vorangetrieben werden
sollte.
Eine systematische Analyse der Wertkette auf
Differenzierungs- bzw. auf Kostenvorteilspotenziale (vgl. Porter, M.E.
1986, S. 26 ff.) lässt maßgebliche Quellen für weiterführende Strategien
zur Erlangung von Wettbewerbsvorteilen erkennen. Die Aufspaltung in Richtung
der Aktivitäten könnte beispielsweise auch differenzierter in Richtung Nutzen
erfolgen.
Für die Strategie der Kostenführerschaft rückt die
Kostenanalyse innerhalb der einzelnen Wertaktivitäten in den Mittelpunkt, d.h.
es geht hier darum, im Vergleich zu den Konkurrenten relativ bessere
Kostenpositionen zu erlangen. Die Differenzierungsstrategie fokussiert primär
einzelne Leistungsmerkmale, um sich dadurch von den Wettbewerbern unterscheiden
zu können. Eine Trennlinie dieser Positionen, kann nur schwer gezogen werden,
zumal häufig innerhalb einer Branche unterschiedliche Strategien anzutreffen
sind. Die Ermittlung der Kostenvorteile beinhaltet drei Fragestellungen (Vgl. Bales, C.
et al. 1981, S. 12 f.):
-
Wie ist es um den gegenwärtigen Kostenvor- oder
-nachteil im Vergleich zu den Mitbewerbern bestellt?
-
Welche potenziellen Kostenvor- und -nachteile
existieren im Vergleich zu den Mitbewerbern?
-
Wenn die Unternehmung einen Kostenvorteil hat, wie
lange kann er aufrechterhalten werden?
Das Geschäftssystem beinhaltet alle Hauptprozesse und
Stellgrößen, die mit dem Produkt bzw. der Leistung in Zusammenhang stehen. Die
Kostenanalyse läuft in folgenden Schritten ab (vgl. Porter, M.E.
1986, S. 96 ff.):
-
Stufenweise werden die Inputs bzw. die Kosten in den
einzelnen Stationen des Produktes erhoben.
-
Aufzeigen von Optionen, die einzelnen Stufen des
Geschäftssystems auszugestalten.
-
Bewertung der Wirkung jeder einzelnen Option auf den
gesamten Kundennutzen.
-
Reihung der jeweils möglichen Kostenpositionen im
Geschäftssystem.
-
Vergleich verschiedener Geschäftssystem-Alternativen
mit gegenwärtigen und potenziellen Mitbewerbern.
Für die Grundstrategie der Differenzierung stehen
Einzigartigkeit bzw. Unverwechselbarkeit im Zentrum der Betrachtung. Hiefür
werden von Porter folgende Schritte genannt (vgl. Porter, M.E.
1986, S. 165 ff.):
-
Ermitteln etwaiger idealer Käufer.
-
Ermitteln der Abnehmerwertkette und mögliche
Einflussgrößen des Unternehmens.
-
Festlegen einer Rangfolge der Kaufkriterien des
Abnehmers.
-
Bestehende und potenzielle Quellen der Einmaligkeit in
der Wertkette eines Unternehmens verwerten.
-
Die Kosten vorhandener und potenzieller
Differenzierungsquellen ermitteln.
-
Die Zusammenstellung von Wertaktivitäten wählen,
welche – an den Differenzierungsquellen gemessen – die für die Abnehmer
wertvollste Differenzierung schafft.
Da das Porter\'sche Instrumentarium ein in sich abgestimmter
und logisch geschlossener Ansatz ist, kann der Wertkettenansatz zu weit
umfangreicheren Problemfeldern als lediglich zur Diagnose von
Wettbewerbsvorteilen herangezogen werden. So kann beispielsweise die Wertkette
auch für die Gestaltung der Organisationsstruktur eine wichtige Rolle spielen.
Im Rahmen der Organisationsstruktur werden die einzelnen Wertaktivitäten in
organisatorische Einheiten wie z.B. Fertigung oder Marketing subsumiert, jedoch
muss diese Einteilung vorsichtig erfolgen, da einerseits aus
ablauforganisatorischer Sicht oder aus der Perspektive des Rechnungswesens,
andererseits aus Wettbewerbs- bzw. strategischen Überlegungen vielfach andere
Kriterien maßgeblich sind. Porter, M.E. schlägt vor, dass ein Unternehmen die
Strukturierung seiner Einheiten besser auf die Quellen seiner
Wettbewerbsvorteile abstimmen könnte, wenn die Organisationsstruktur an der
Wertkette abgestimmt werden würde. In weiterer Folge soll die
Operationalisierung der Wertschöpfungsstufen angesprochen werden.
Abb. 3: Die Bewertung der Wertschöpfungsstufen (Esser,
W.-M./Ringelstetter, M. 1991, S. 523)
In Abb. 3 wird ein qualitatives oder ein quantitatives
Vorgehen zur Bewertung der Stufen als Möglichkeit aufgezeigt. Entsprechend ist
ein quantitativer Ansatz auf den relativen Anteil der einzelnen Wertaktivitäten
am gesamten Ressourcenbedarf respektive an den Kosten des Unternehmens
ausgelegt. Um diese Daten in entsprechender Form aus dem Rechnungswesen
gewinnen zu können, ist ein erheblicher Aufwand erforderlich. In jenen Fällen,
in denen eine strategisch orientierte Strukturierung des betrieblichen
Leistungsprozesses in Wertaktivitäten nicht ausreichend in Abstimmung mit der Organisationsstruktur
und dem Rechnungswesens erfolgt, klettert der Aufwand für eine richtige
Datenaufbereitung in problematische Höhen (Esser,
W.-M./Ringelstetter, M. 1991, S. 515 ff.). Im Zeitalter
relationaler Datenbanken sollte das Design moderner
Management-Informationssysteme auf dieses Spektrum der Informationsaufbereitung
jedoch nicht verzichten (Hergert,
M./Morris, D. 1989, S. 175 ff.).
Bei einer qualitativen Ausrichtung kann die Wertkette
weitgehend konkretisiert werden, indem Angaben dazu gemacht werden, worin im
Detail die Schwerpunkte bei den einzelnen Wertschöpfungsstufen bestehen bzw.
welche Wertaktivitäten im Unternehmen besondere Priorität genießen. Demzufolge
ist es natürlich auch notwendig, einen differenzierten analytischen Raster bei
der Definition der Wertschöpfungskette anzulegen. Dies bedingt im Regelfall ein
methodisch aufwendiges Vorgehen, um die einzelnen Wertaktivitäten den
jeweiligen Wertschöpfungsstufen zuzuordnen, d.h. die Analyse kann nicht mehr
auf der Ebene von Workshops durchgeführt werden, sondern benötigt eine
beispielsweise weitgehende Tiefenanalyse in kleineren Expertenteams. Die
Wertschöpfungskette ist auch bei der Formulierung neuer Strategien ein
umfassend anwendbarer Denkraster, da diese Konzeption sensibel für den
jeweiligen Informationsbedarf ist und gleichzeitig methodisch mit anderen
Konzepten der Strategieformulierung kombiniert werden kann.
IV. Verbindungslinien zu
anderen Konzepten
Der Prozess der strategischen Neugestaltung unterliegt sehr
oft dem Fehler, dass zu viele Wertschöpfungsstufen gleichzeitig durch das
Management verbessert werden wollen, jedoch die Ressourcen nicht ausreichend
vorhanden sind. Zur Verdeutlichung dieser Problematik wird häufig die
Erstellung einer „ strategischen Bewegungsbilanz “ empfohlen, die darauf abzielt,
in einer relativen Sichtweise die einzelnen Wertschöpfungsstufen hinsichtlich
der Veränderungen in Bezug auf eine 100%ige Ressourcenausstattung zu
betrachten.
Das Kernanliegen der Wertschöpfungskette ist letztlich der
Erfolg bei den Abnehmern, d.h. es muss eine Abstimmung der eigenen
Wertschöpfungskette mit den Kaufkriterien der Abnehmer angestrebt werden. Eine
Strukturierung durch eine „ Kaufkriterien-Wertschöpfungsketten-Matrix “ (vgl. Esser, W.-M./Ringelstetter,
M. 1991, S. 529) wird diesbezüglich sehr oft als ergänzender
Denkraster benützt.
Die Sichtweise, ein Unternehmen im Wettbewerb als ein Gebilde
oder eine Struktur von strategischen Geschäftseinheiten bzw
Wertschöpfungsstufen darzustellen, wirft in mancher Hinsicht Probleme auf, da
der Wettbewerb meist nicht durch Prozesse, sondern aufgrund von Fähigkeiten
entschieden wird. Deshalb wurde Ende der 1980er-Jahre mit den so genannten
„ Kernfähigkeiten “ (vgl. Hamel,
G./Prahalad, C.K. 1994) ein Ansatz entwickelt, der in vielen
Bereichen die Wertkette sinnvoll zu ergänzen vermag. Da Kernfähigkeiten aus
einer gewachsenen Unternehmensstruktur herausgefiltert und erst in weiterer
Folge durch den strategischen Managementprozess gesteuert werden, erscheint ein
Methoden-Mix mit der Wertkette als nahezu angezeigt. Somit können
Kernfähigkeiten eine integrierende Wirkung übernehmen und bei der Auffindung
neuer Geschäftsfelder und Produkte wesentlich mitwirken. Weiters werden durch
dieses geänderte Paradigma der strategischen Ausrichtung die
Funktionalstrategien stärker in den Vordergrund gestellt (vgl. Reiß,
M./Beck, C. 1995, S. 34 ff.). Die Wertkette zieht eine
Verbindungslinie zwischen geschäftsfeldbezogenen und funktionalen Strategien,
indem wie oben beschrieben ein prozessualer Raster angelegt wird (vgl. Gutschelhofer,
A. 1996, S. 372 ff.). Eine rein auf die Kernfähigkeiten und im
Wesentlichen auf die Unternehmensstrategie bezogene Strategiegestaltung kommt
nur schwer ohne Bindeglied zu den Geschäftsfeldstrategien aus.
Besonderes Augenmerk im modernen Kostenmanagement gilt der
Strukturierung der Prozessketten, zumal in diesem Bereich in der Literatur
häufig ein starkes Anlehnen an der traditionellen Struktur der Kostenrechnung
festzustellen ist. Weiters soll aufgezeigt werden, dass die vertretenen
Konzepte der strategischen Kostenrechnung nur in geringem Umfang eine
Verbindung zu Instrumenten der strategischen Planung herstellen und dies obwohl
mit der Wertkette ein geeignetes Instrumentarium zur Verfügung steht (vgl. Kaplan,
R.D./Cooper, R.S. 1997, S. 157 f.).
Die Verbindungslinie von strategischen Anwendungsgebieten und
operativen Problemfeldern haben die Konzepte der Unternehmensplanung nur schwer
lösen können, da im Regelfall eine Divergenz zwischen der Struktur der
strategischen Geschäftseinheiten und der Struktur der operativen
Abrechnungseinheiten wie z.B. der Kostenstellen besteht. Die strategisch
ausgerichtete Prozesskostenrechnung erhebt den Anspruch, im Sinne einer
strategischen Kostenrechnung, zu strategischen Fragestellungen beitragen zu
können. Dies kann aber nur durch eine Abstimmung der für die
Prozesskostenrechnung relevanten Prozessketten und in weiterer Folge der
Kostentreiber mit der strategisch bedeutsamen Wertkette erreicht werden, indem
die Wertkette den dominanten Strukturrahmen für die Gestaltung der
Prozesskostenrechnung abgibt. Somit wird die Struktur bereits von der
strategischen Perspektive ausgehend an den Funktionen, die den
wettbewerbsentscheidenden Wertschöpfungsstufen Rechnung zu tragen haben,
vorgegeben, an die in weiterer Folge die Prozesse anknüpfen. Darüber hinaus
kann die Wertkette entsprechende qualitative Elemente miteinbeziehen, da durch
dieses Instrumentarium ebenso mögliche Differenzierungspotenziale
diagnostiziert und daraus im Sinne einer Opportunitätskostenrechnung auch
Entscheidungen für ein strategisches Kostenmanagement generiert werden können.
Literatur:
Bales, Carter :
Competitive Cost Analysis, in: McKinsey Staff Paper, Jg. 1981, H. 1/1981, Bd.
1, S. 1 – 22
Buaron, Roberto :
New-Game-Strategies, in: McKinsey Quaterly, H. 1, 1981, S. 24 – 40
Esser,
Werner-Michael/Ringelstetter, Max : Die Rolle der Wertschöpfungskette in der
strategischen Planung, in: Beiträge zum Management strategischer Programme,
hrsg. v. Kirsch, Werner, München 1991, S. 511 – 538
Gutschelhofer, Alfred :
Die Ausrichtung der Funktionalstrategie-Personal an der Koevolution von
Wertkette und Kernfähigkeiten, in: Zeitschrift für Personalforschung, Jg. 10,
1996, Bd. 4, S. 372 – 383
Hamel, Gerry/Prahalad,
C.K. : Competing for the Future, Boston 1994
Hammer, Michael :
Prozessorientierung, in: Das Grosse Handbuch der strategischen Konzepte, hrsg.
v. Simon, Herman, Frankfurt et al., 2000, S. 321 – 336
Hergert, Michael/Morris,
Deigan : Accounting Data For Value Chain Analysis, in: Strategic Management
Journal, Jg. 10, H. 2/1989, S. 175 – 188
Heuskel, Dieter :
Wettbewerb jenseits von Industriegrenzen, Frankfurt, 1999
Kaplan, Robert/Cooper,
Robin : Cost & Effect, Harvard 1997
Kogut, Bruce : Designing
Global Strategies: Comparative and Competitive Value-Added Chains, in: Sloan
Management Review, Jg. 1985, H. 2/1985, Bd. 1, S. 15 – 27
Kreilkamp, Edgar :
Strategisches Management und Marketing, Berlin 1987
Porter, Michael :
Wettbewerbsvorteil, Frankfurt 1986
Reiß, Michael/Beck,
Carsten : Kernkompetenzen in virtuellen Netzwerken, in: Unternehmensführung im
Wandel, hrsg v. Corsten, Hans/Will, Thomas, Stuttgart 1995, S. 33 – 61
Sommerlatte, Tom :
Management des geordneten Wandels, Wiesbaden 1987
Timmermann, Armin : An
Haupterfolgsfaktoren orientierte Geschäftsfeldstrategien, AGPLAN-Handbuch zur
Unternehmensplanung, Berlin 1982, Kennzahl 4835
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