Inhaltsübersicht
I. Begriffliche
Differenzierungen
II. Theoretische
Perspektiven
III. Die
Bedeutung von Vertrauen für die Organisationslehre
I. Begriffliche
Differenzierungen
Der in der Betriebswirtschaftslehre verwendete
Vertrauensbegriff lässt sich insgesamt als relativ facettenreich
charakterisieren. Innerhalb der managementtheoretischen Vertrauensdiskussion,
die seit Mitte der 1990er-Jahre eingesetzt und zu einer explosionsartigen
Zunahme von Veröffentlichungen zu dieser Thematik geführt hat, wird deshalb
immer häufiger eine kohärentere Begriffsverwendung von Vertrauen
angemahnt (Bigley,
Greogory/Pearce, Jone 1998; McEvily,
Bill/Perrone, Vincenzo/Zaheer, Akbar 2003).
In der neueren Debatte lässt sich dennoch ein grundsätzlicher
Konsens dahingehend konstatieren, dass Vertrauen als Beziehungsphänomen
zwischen spezifischen Organisationen oder Personen konzipiert wird. Von daher
setzt Vertrauen Interaktion und damit handlungsfähige Subjekte voraus.
Interaktionsfähigkeit haben typischerweise Personen, sie wird aber auch
Organisationen (verstanden im institutionellen Sinne) zugeschrieben. Hat man
Personen als Interaktionspartner vor Augen, werden die Begriffe persönliches,
zwischenmenschliches oder interpersonales Vertrauen gewählt. Handelt es sich
hingegen um Organisationen, wird von inter-organisationalem Vertrauen, zum Teil
auch etwas missverständlich von Systemvertrauen (das im Sinne von Zuversicht
verwendet wird) gesprochen.
Versucht man die unterschiedlichen Begriffskonnotationen
weiter zu präzisieren, so ist eine Unterscheidung zwischen
Vertrauensbereitschaft, Vertrauenswürdigkeit und Vertrauen hilfreich.
Vertrauensbereitschaft beschreibt die Einstellungsebene. Dabei kann es sich um
eine spezifische Einstellung gegenüber einer konkreten Person handeln oder um
eine generalisierte Vertrauensbereitschaft, die relativ unabhängig von
spezifischen Vorerfahrungen allein aufgrund des gegebenen sozialen Kontextes
(Gruppe, Organisation) vorhanden ist. Vertrauenswürdigkeit hingegen zielt auf
die Einschätzung einer anderen Person oder Gruppe. Vertrauen beschreibt dann
eine besondere Beziehungsqualität, die von den Interaktionspartnern als solche
beobachtet wird.
Des Weiteren ist es sinnvoll, zwischen Zuversicht und
Vertrauen zu differenzieren. Mit der Referenz „ Zuversicht “ wird lediglich eine
Erwartung beschrieben, dass ein bestimmter Zustand zukünftig eintritt. Dies
entspricht weitgehend dem „ Vertrauen “ in abstrakte Systeme, auf das insb. die
soziologische Diskussion fokussiert (Luhmann,
Niklas 1989; Giddens,
Anthony 1990). Zuversicht ist von ubiquitärer Natur, so dass ohne
dieses (etwa in die Akzeptanz von Geld als Zahlungsmittel) die Teilhabe an der
modernen Gesellschaft nicht möglich wäre. Vertrauen dagegen ist spezifisch
angelegt und wird in der betriebswirtschaftlichen Literatur häufig als eine
positive Erwartungshaltung beschrieben, die sich entweder auf die Kompetenz
( „ competence trust “ ) oder die Handlungsintention ( „ goodwill trust “ ) des
Interaktionspartners bezieht (Eberl,
Peter/Kabst, Rüdiger 2001; Das, T.
K./Teng, Bing-Sheng 2001). Während Ersteres das Vertrauen in
„ technisch “ kompetente Rollenausübung beschreibt, zielt die zweite Form des
Vertrauens auf die moralische Verpflichtung und Verantwortung des
Interaktionspartners, eigene Interessen im Zweifel zurückzustellen. „ Competence
trust “ stellt auf Leistungsrisiken ( „ performance risks “ ) ab, wohingegen sich
„ goodwill trust “ auf Beziehungsrisiken ( „ relational risks “ ) bezieht (Das, T.
K./Teng, Bing-Sheng 2001).
Vertrauen im Sinne von „ goodwill trust “ wird in der neueren
organisationstheoretischen Vertrauensdiskussion verstärkt zugrunde gelegt (Mayer,
Roger/Davis, James/Schoormann, David 1995, Rousseau,
Denise 1998; McEvily,
Bill/Perrone, Vincenzo/Zaheer, Akbar 2003). Im Falle des „ goodwill
trust “ verlassen sich die Interaktionspartner auf eine nicht-opportunistische
Handlungsintention beim Gegenüber (Nooteboom,
Anthony 2002). Sie unterstellen damit, dass beim jeweils anderen
Interaktionspartner keine Opportunismusneigung im Kontext der spezifischen
Interaktionsbeziehung vorhanden ist. Die Handlungsintention ist für den
Vertrauensfall deshalb von Relevanz, weil Vertrauen insbesondere in Situationen
zum Tragen kommt, die durch ein besonderes Maß an Unsicherheit (Williamson,
Oliver 1993) oder allgemeiner Kontingenz (Giddens,
Anthony 1990) gekennzeichnet sind, sodass die Handlungen der
Interaktionspartner ein gewisses Risiko beinhalten. Als konstitutiv für
Vertrauensbeziehungen werden nämlich riskante Vorleistungen (Luhmann,
Niklas 1989) oder einseitige Ressourcentransfers (Coleman,
James 1991) betrachtet. Ein solches Engagement geht mit der Erwartung
an den Interaktionspartner einher, die Vorleistung nicht in opportunistischer
Weise auszunutzen. Vor diesem Hintergrund ist es irreführend, wie Williamson
treffend argumentiert, eine sichere Erwartung, die auf der Androhung von
Sanktionen ( „ deterrence-based trust “ ) oder sonstigen Sicherheiten basiert, als
Vertrauen zu charakterisieren.
II. Theoretische
Perspektiven
Die unterschiedlichen theoretischen Perspektiven des
Vertrauens unterscheiden sich v.a. in ihrem Erklärungsbeitrag hinsichtlich der
Entstehung von Vertrauensbeziehungen. Grundsätzlich lassen sich drei Richtungen
herauskristallisieren: 1. kalkulatorische, 2. persönlichkeitstheoretische und
3. interaktionistische Ansätze.
1. Kalkulatorische Ansätze
Die Verfechter eines kalkülbasierten Vertrauens gehen davon
aus, dass Vertrauen auf einer rationalen Individualentscheidung beruht.
Vertrauensentscheidungen sind dabei grundsätzlich dadurch charakterisiert, dass
die möglichen Verluste des Entscheidungsträgers (Vertrauensgebers) höher sind
als die Gewinne. In dieser Konstellation gibt die vorab zuverlässig
eingeschätzte und mit möglichen Verlusten und Gewinnen verrechnete
Vertrauenswürdigkeit des Interaktionspartners und damit die Handlungsintention
den Ausschlag für die Vertrauensentscheidung. Der grundlegendste Ansatz in der
kalkulatorischen Perspektive wird von Coleman im Rahmen seiner Sozialtheorie
vorgelegt. Die Entstehung von Vertrauen wird von ihm als „ Entscheidung unter
Risiko “ behandelt. Formallogisch lässt sich das Kalkül nach Coleman wie folgt
darstellen: Vertrauen wird immer dann gewährt, wenn
oder umgeformt
gegeben ist (Coleman,
James 1991, S. 126).
Dabei bezeichnet (p) die Gewinnchance, also die
Wahrscheinlichkeit, dass der Treuhänder (Vertrauensnehmer) sich
vertrauenswürdig verhält, und entsprechend (1-p) die Verlustchance. Der
mögliche Verlust (L) beschreibt den Schaden, wenn sich der Treuhänder als nicht
vertrauenswürdig erweisen sollte. Der mögliche Gewinn (G) entsteht, wenn er
vertrauenswürdig ist. Um das Kalkül einfach zu halten, wird allerdings ein
entscheidender Punkt, nämlich der Einfluss der Handlungen des Vertrauensgebers
auf die Vertrauensbereitschaft des Treuhänders von Coleman nicht
berücksichtigt.
Aufbauend auf Überlegungen von Coleman wird insb. in der
deutschen Betriebswirtschaftslehre im Rahmen der Neuen Institutionenökonomie
versucht, Vertrauensbeziehungen als Prinzipal-Agenten-Beziehung zu begreifen (Sjurts, Insa
1998; Ripperger,
Tanja 1998). Die hier zugrunde gelegte einfache Berechenbarkeit von
Vertrauen wird allerdings u.a. von Williamson vehement kritisiert (Williamson,
Oliver 1993). Darüber hinaus impliziert Vertrauen ein zur
Opportunismusannahme der Neuen Institutionenökonomie gegenläufiges
Menschenbild.
Prinzipiell der kalkulatorischen Richtung zuzurechnen sind
auch spieltheoretische Modellierungen. Allerdings rückt die stärker
verhaltenswissenschaftlich orientierte Spieltheorie weit weniger das konkrete
Kalkül, sondern vielmehr das soziale Dilemma und damit die Struktur des
Vertrauensproblems in den Vordergrund (Güth,
Werner/Kliemt, Hartmut 1993; Deutsch,
Morton 1958). Zudem wird das Vertrauensproblem nicht aus der
Perspektive eines singulären Entscheidungsträgers betrachtet, sondern es werden
interdependente Entscheidungen zugrunde gelegt. Damit kann der
Beziehungscharakter von Vertrauen potenziell eingefangen werden. Bei der
Modellierung des Vertrauensspiels wird i.d.R. von sequenzieller Interdependenz
ausgegangen. Abb. 1 zeigt die Grundlogik eines auf sequenzieller Interdependenz
beruhenden Vertrauensspiels in der sog. extensiven Form.
Abb. 1: Das Vertrauensspiel (nach Kreps, David
1990, S. 100)
Die Modellierung entspricht einer typischen „ moral
hazard “ -Situation: Spieler A muss für
die Transaktion in Vorleistung treten und Spieler B kann die Situation zu seinen Gunsten ausnutzen. Die
Standardlösung wäre eine vertraglich geregelte ex ante Absicherung von A (z.B. der Einsatz von Pfändern). Die
außervertragliche, auf Vertrauen basierende Lösung hängt nach Kreps mit
Reputationseffekten zusammen. Sind mehrere Spieler A vorhanden, die als potenzielle Transaktionspartner von Spieler B in Frage kommen, verändert sich die
Situation für Spieler B. Er muss
darauf achten, dass seine Reputation entsprechend hoch ist, um an zukünftigen
Transaktionen teilnehmen zu können. Je mehr potenzielle Spieler B zur Verfügung stehen, desto besser
muss aufgrund der Konkurrenzsituation die Reputation des einzelnen Spielers B sein. Es entwickelt sich sozusagen ein
Kampf um Reputation, da bei entsprechender Reputation Transaktionskosten
eingespart werden können. Daher liegt es auch im Interesse von B, dass seine Handlung in Bezug auf die
Rechtfertigung von Vertrauen von Spieler A
beobachtbar (kontrollierbar) ist oder entsprechende Indikatoren auf das eigene
Engagement hindeuten.
2. Persönlichkeitsorientierte Ansätze
Den Kontrapunkt zu den vorgestellten kalkülbasierten Ansätzen
stellen die in der psychologischen Literatur vorherrschenden persönlichkeitstheoretischen
Vertrauensmodelle dar, da sie von der Emotionsbasiertheit des Vertrauens
ausgehen. Die unterstellte These ist, dass die in der Persönlichkeitsstruktur
verankerte emotionale Vertrauensbereitschaft die zentrale Rolle für die
Auftrittswahrscheinlichkeit vertrauensvollen Verhaltens spielt. Prominent ist
dabei insb. die Annahme der Entstehung eines Ur-Vertrauens im frühesten
Kindesalter, wie sie von Erikson aus entwicklungspsychologischer Sicht
begründet wird (Erikson, Erik
1968). Die Grundlagen für vertrauensvolles Verhalten werden demnach bereits in
der ersten Entwicklungsphase zu einer eigenen Persönlichkeit bzw. Identität
gelegt. Eriksons Werk hat die psychologische Vertrauensforschung bis heute
entscheidend beeinflusst.
Als zweiter Meilenstein innerhalb der
persönlichkeitsorientierten Vertrauensforschung können die Arbeiten von Rotter
gewertet werden (z.B. Rotter,
Julian 1967). Er konzeptualisiert die Vertrauensbereitschaft als
generalisierte Erwartung einer Person, die aufgrund sozialer Lernprozesse
erworben wurde. Rotter bemüht sich dabei wesentlich um eine Operationalisierung
der Vertrauensbereitschaft. Dazu entwickelt er einen entsprechen Fragebogen,
die „ Interpersonal Trust Scale “ . Obwohl es bereits vor Rotter ähnlich angelegte
empirische Studien zum Vertrauen anhand von Persönlichkeitstests mit Hilfe von
Fragebogen gab, hat gerade er die empirisch angelegte psychologische
Persönlichkeitsforschung zum Vertrauen vorangetrieben. Seine Vertrauensskala dient
bis heute als wesentliche Grundlage für entsprechende empirische Untersuchungen
zur Vertrauensbereitschaft einer Person.
Die persönlichkeitspsychologische Herangehensweise an das
Vertrauensphänomen kann die Diskussion entscheidend bereichern. Allen Vorstellungen,
die davon ausgehen, dass Vertrauen bei Bedarf relativ leicht hergestellt oder
kalkuliert eingesetzt werden kann, werden eindeutige Grenzen gesetzt. Im Kern
besagen die persönlichkeitstheoretischen Vertrauenstheorien nämlich, dass die
jeweilige individuelle Vertrauensbereitschaft als generalisierte, von der
spezifischen Situation unabhängige Disposition die entscheidende Rolle für das
Zustandekommen einer konkreten Vertrauensbeziehung spielt. Es ist also in
erster Linie nicht nur die Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Partners,
sondern die eigene emotionale Bereitschaft, sich generell auf
Vertrauensbeziehungen einzulassen.
3. Interaktionistische Ansätze
Quer zu den beiden ersten Ansätzen liegt die
interaktionistische Erklärung der Vertrauensentstehung. Die
Vertrauensentstehung wird nicht in erster Linie an die Dispositionen oder das
Kalkül der beteiligten Person gekoppelt, sondern an die spezifische
Interaktionsdynamik. Vertrauen wird konsequent als Beziehungsphänomen behandelt
und sagt etwas über den sozialen Zusammenhalt der Interaktionspartner aus.
Einen zentralen Erklärungsbeitrag bietet dabei die neuere
Attributionstheorie (Eberl, Peter
2003, S. 185 ff.). Durch den Rückgriff auf Attributionsprozesse wird zunächst
ganz allgemein auf den Umstand fokussiert, dass sich die Interaktionspartner
alltagsweltlich als naive Psychologen betätigen, und von daher beobachtete
Verhaltensweisen im Hinblick auf mögliche Ursachen hinterfragt werden (Heider, Fritz
1958). Die neuere attributionstheoretische Forschung geht davon aus, dass neben
den traditionellen zwei Faktoren „ Personen “ und „ Umwelt “ ein dritter
Kausalfaktor nämlich „ Beziehungsqualität “ eine zentrale Rolle spielt (Kelley,
Harold et al. 1983). Vertrauen lässt sich vor diesem Hintergrund als
Attribution in Bezug auf die Beziehungsqualität bezeichnen, die aufgrund
entsprechender Indizien vorgenommen wird.
So geht die Attribution „ Vertrauen “ einher mit der
Attribution einer emotional bedingten intrinsischen Beziehungsmotivation; die
Beziehung sorgt als solche für emotionale Zufriedenheit. Handlungen des
Interaktionspartners, bei denen eine Tauschabsicht unterstellt wird, führen
hingegen zu Attributionen einer instrumentellen und nicht vertrauensbasierten
Beziehungsqualität. Vor diesem Hintergrund ist es irreführend, davon
auszugehen, dass andere Beziehungsformen entweder einen notwendigen Vorläufer
von Vertrauen darstellen oder die Qualität von Vertrauensbeziehungen sich
anhand eines Stufenmodells entwickelt (Rempel,
John/Holmes, John/Zanna, Mark 1985).
III. Die Bedeutung von
Vertrauen für die Organisationslehre
Aus der Kritik am Bürokratiemodell hat sich im Zuge des
Human-Ressourcen-Ansatzes erstmalig die Frage nach der Vertrauensbasiertheit
von Managementinstrumenten insb. von Organisationsstrukturen gestellt. Nur wer
den Mitarbeitern Vertrauen entgegenbringt, so lässt sich McGregor, einer der
frühen Hauptvertreter des Human-Ressourcen-Ansatzes auslegen, kann auf
entsprechende Kontrollmaßnahmen verzichten und wird durch erhöhtes Engagement
belohnt (McGregor,
Douglas 1960). In der neueren Diskussion wird Vertrauen als
Substitut für hierarchische Kontrolle
verhandelt, so wird Vertrauen neben Preis und hierarchischer Anweisung als
dritter möglicher Koordinationsmechanismus beschrieben (Ring,
Peter/Van de Ven, Andrew 1992; Bradach,
Jeffrey/Eccles, Robert 1989). In Bezug auf soziale Kontrolle wird
hingegen eher von einem supplementären Verhältnis ausgegangen (Das, T.
K./Teng, Bing-Sheng 1998).
Die Gegenüberstellung von Vertrauen und Kontrolle findet in
der Diskussion um neue Organisations- bzw. Kooperationsformen, die häufig mit
dem Netzwerkbegriff belegt werden, ihren Ausdruck. So wird für
inter-organisationale Netzwerke nicht mehr einfach der Hybridcharakter zwischen
Markt und Hierarchie, sondern vielmehr die eigenständige spezifische Form
betont, die dadurch gekennzeichnet ist, dass das besondere Spannungsfeld
zwischen Autonomie und Abhängigkeit der Netzwerkmitglieder durch Vertrauen
bewerkstelligt wird (Powell,
Walter 1990; Sydow, Jörg
1998). Auch für organisationsinterne Netzwerkstrukturen wird dem Vertrauen
zwischen Netzwerkeinheiten oder Organisationsmitgliedern eine zentrale
Bedeutung zugewiesen (z.B. Creed,
Douglas/Miles, Raymond 1996). In eine ähnliche Richtung weist das
von Ouchi zu Beginn der 1980er Jahre mit starken Querbezügen zur
Unternehmenskulturdebatte in die Diskussion eingebrachte Konzept der
vertrauensbasierten Clan-Organisation (Ouchi,
William 1980). Darüber hinaus wird Vertrauen auch im Zusammenhang
mit persönlichen Netzwerken diskutiert. Diese werden häufig unter dem
Schlagwort „ social capital “ verhandelt, mit der Unterstellung, dass soziale
Beziehung einen Wert, also Kapital, und damit einen organisationalen Vorteil
darstellen können (Nahapiet,
Janine/Ghoshal, Sumantra 1998).
Betrachtet man die hier kurz skizzierte Diskussion aus der
Perspektive der Organisationsgestaltung, so ist zu präzisieren, dass Vertrauen
v.a. eine effiziente Lösung des Integrationsproblems verspricht, selbst aber
keinen eigenständigen Koordinationsmechanismus darstellt. Die
Koordinationsform, die man letztlich vor Augen hat, ist die spontane
Selbstabstimmung (Schreyögg,
Georg 2003, S. 174 f.). Das Neue an der Netzwerkidee ist aus
organisationstheoretischer Sicht, dass spontane Selbstabstimmung nicht bloß als
etwaige Dysfunktionalität der Hierarchie ausgleichender Mechanismus verstanden
wird, sondern als dominierende Abstimmungsform in den Mittelpunkt rückt. Das
Risiko ineffizienter Koordination ist bei dieser Abstimmungsform allerdings
besonders hoch, da die Gefahr besteht, dass notwendige übergreifende Koordinationsmaßnahmen
erst gar nicht ergriffen werden, die Akteure mit der Abstimmung überfordert
sind oder die Autonomie gezielt missbraucht wird. Für eine effiziente
Selbstabstimmung muss nämlich vorausgesetzt werden, dass die vorhandene
Autonomie konstruktiv und eigeninitiativ im Hinblick auf die kollektive
Zielerreichung eingesetzt wird. Insofern lässt sich eine Lösung des
Integrationsproblems über spontane Selbstabstimmung nur in Kombination mit
einer Lösung des Motivationsproblems erreichen. Wechselseitiges Vertrauen
verspricht eine Motivation im Hinblick auf die Erreichung gemeinsamer Ziele.
Insofern dürften spontane Selbstabstimmungsprozesse v.a. dann effizient sein,
wenn sie vertrauensbasiert sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich Vertrauen
als entscheidende Moderatorvariable für funktionale spontane
Selbstabstimmungsprozesse dar.
Die vermuteten positiven Motivationseffekte von Vertrauen
werden durch zahlreiche empirische Studien untermauert. In ihrer Meta-Analyse
von 45 empirischen Studien kommen Dirks und Ferrin zu dem Ergebnis, dass
Vertrauensbeziehungen v.a. zu höherer Arbeitszufriedenheit und stärkerem
Commitment gegenüber der Organisation führen und damit indirekt die
Koordinationseffizienz durch verbesserten Informationsaustausch und
kooperatives Verhalten steigern (Dirks,
Kurt/Ferrin, Donald 2001). Die verschiedenen Wirkungsanalysen zu
Vertrauen vermitteln unter dem Strich das ziemlich eindeutige Bild, dass
vorhandene Vertrauensbeziehungen die Qualität individueller und kollektiver
Leistungen verbessern. Vor diesem Hintergrund wird Vertrauen sogar als
strategischer Wettbewerbsvorteil betrachtet (Barney,
Jay/Hansen, Mark 1994). Kritisch anzumerken ist allerdings, dass
Vertrauen als unabhängige Variable jeweils vorausgesetzt werden muss, diese
aber nicht einfach als Ausgangsbedingung erzeugt werden kann. Insofern wäre bei
den Wirkungsanalysen zu Vertrauen differenziert zu überprüfen, anhand welcher
Indikatoren das Vorhandensein von Vertrauensbeziehungen unterstellt wird.
Dieser Punkt verweist auch auf das zentrale Problem aus
gestalterischer Sicht, denn der Erfolgsfaktor „ Vertrauen “ lässt sich nicht
einfach herstellen oder einsetzen. Vertrauensbeziehungen können nicht
institutionalisiert werden. Sie sind Ausfluss informeller Prozesse in
Organisationen. Bestenfalls lassen sich die Rahmenbedingungen in Richtung einer
erhöhten Vertrauensbereitschaft verbessern.
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