Inhaltsübersicht
I. Gesamtwirtschaftliche
Aspekte
II. Einzelwirtschaftliche
Aspekte
III. Marketingstrategische
Bedeutung
IV. Marktsättigung
in Diffusionsmodellen
I. Gesamtwirtschaftliche
Aspekte
Die Vermutung einer Marktsättigung
(MS) wird für unterschiedliche wirtschaftliche Aggregationsebenen geäußert,
ist aber dennoch schwer nachzuweisen. Am umfassendsten wäre das Aggregat, wenn
die Weltwirtschaft gemeint wäre, wofür bisher keine spezifischen Belege zu
erbringen sind. Deshalb wird der MS allenfalls in Volkswirtschaften, hier
vorzugsweise solcher entwickelter Länder, Beachtung geschenkt. Für eine
Volkswirtschaft als Aggregat wird aus marxistischer Sicht MS als Ergebnis
kapitalistischer Produktionsweise zumindest für Teilperioden unterstellt, wodurch
sog. Überproduktionsrisiken ausgelöst werden (z.B. Akademie der
Wissenschaften der UdSSR, 1964). Diese gehen im Wesentlichen auf die
Annahme schwindender Kaufkraft, ausgelöst durch »Ausbeutung« der Arbeiter,
zurück. Ähnliche Vorstellungen werden als volkswirtschaftliche
Stagnationstheorien vorgetragen, teils durch spezifisch Annahmen über die
Konsum- und Investitionsfunktionen begründet, teils durch die Annahme der
Erschöpfung der Investitionsgelegenheiten, eines periodisch auftretenden
Mangels an Innovationen (Hinder, W.
1986) oder einer absoluten Begrenzung der menschlichen Bedürfnisse. Trotz einer
langen Beschäftigung mit dem Phänomen der MS ist es umstritten. »In itself
stagnationism is practically as old as economic thought. In any prolonged
period of economic malaise
economists, falling in like other people with the humors of their time, proffer
theories that pretend to show that depression has come to stay« (Schumpeter,
J. A. 1966, S. 1172). Die Vorstellungen zur MS werden vor allem
wegen der Vernachlässigung von Innovationen und ihrer ökonomischen Wirkungen,
insbesondere auch auf die Mobilisierung latenter Bedürfnisse, kritisiert. Schumpeter sieht die Innovationen
insbesondere durch staatliches Handeln bedroht (Schumpeter,
J. A. 1966). Die volkswirtschaftliche Aggregationsebene soll aber
nicht weiter betrachtet, sondern der Blick auf einzelne Märkte gerichtet
werden.
Sie erlangen hier als Absatzmärkte von Unternehmen Bedeutung.
Ihre Identifikation setzt die Abgrenzung von Märkten voraus. Hier wird von der
Vorstellung ausgegangen, dass diese aufgrund von behavioristischen Daten,
Kaufabsichten, Wahrnehmungen oder Präferenzen gelingt, selbst wenn einzuräumen
ist, dass vollständige Willkürfreiheit dabei letztlich nicht zu erreichen ist (Day, G.
S./Shocker, A. D./Srivastava, R. K. 1979). Im Ergebnis soll kein
Markt allein durch ein einzelnes Produkt gebildet werden. Vielmehr werden
Produktarten betrachtet, die alternativ bestimmte Bedürfnisse befriedigen
können. Dafür sind pragmatisch einsetzbare Abgrenzungskriterien gefunden
worden, die sich unterschiedlicher Verfahren der multivariaten Datenanalyse
bedienen.
Sollte tatsächlich auf einem in diesem Sinne abgegrenzten Markt
keine Aufnahmebereitschaft für ein zusätzliches Angebot mehr bestehen, so wird
innerhalb einer Volkswirtschaft von partieller Sättigung gesprochen. Der Anteil
partiell gesättigter Märkte definiert in diesem Sinne relative Sättigung (Helmstädter,
E. 1984). Schon diese Vorstellung stellt hohe Ansprüche, weil sie
einen optimalen Einsatz absatzpolitischer Instrumente unter Berücksichtigung
möglicher Wettbewerbsreaktionen bei einer gegebenen Einkommensverteilung
voraussetzt. Darin ist wiederum eine eher statische Gleichgewichtsvorstellung
impliziert.
II. Einzelwirtschaftliche
Aspekte
MS äußert sich darin, dass alle Anbieter auf einem Markt
gemeinsam einer spürbar begrenzten und auf längere Sicht hin nicht ausdehnbaren
Nachfrage gegenüberstehen. Das bedeutet nicht zugleich, dass jeder einzelne
Anbieter in gleicher Weise beschränkt wäre, wohl aber, dass Marktanteilsgewinne
nur in Form eines Nullsummenspiels möglich sind. Ist auch dies (und damit das
Wirken der Wettbewerber) berücksichtigt, so kann MS unter der oben genannten
Bedingung der Optimierung des absatzwirtschaftlichen Instrumentariums in einer
gegebenen Umweltsituation erreicht sein. Das einzelne Unternehmen kann die
Umweltbedingungen (z.B. in der Form von Einkommen, Konsumneigung usw.) kaum
entscheidend beeinflussen. Deshalb ist es wichtig zu fragen, welche
absatzwirtschaftlichen Instrumente in den Optimierungskalkül einbezogen werden.
Diese Frage wird in III. wieder aufgenommen.
Diese beschriebene Situation der MS ist auf sehr verschiedene
Weise pragmatisch spezifiziert worden; z.B. dadurch, dass eine mittlere Phase
in einem Produktarten-Lebenszyklus erreicht ist, das Wachstum des
Marktpotenzials (s.u.) einen kleinen positiven Betrag nicht überschreitet
(also: kleiner ist als ein positiv definiertes Anspruchsniveau) bzw. null oder
negativ ist (Bauer, H. H.
1988), die gesamte Nachfragemenge eines Marktes weniger wächst als es einem
vorgegebenen Bruchteil des Wachstums des Bruttosozialprodukts – oder einer
anderen unternehmensübergreifenden Bezugsgröße – entspricht (Hamermesh, R.
G./Silk, S. B. 1979) oder Nachfrage bei Gebrauchsgütern
ausschließlich als Ersatznachfrage erfolgt (Simon, H.
1993). Letzteres kann sich als eine zu sehr einschränkende Definition erweisen.
In der Vielfalt der pragmatischen Abgrenzungen zeigt sich eine der
Schwierigkeiten einer rationalen Behandlung der Situation.
Die Messung von Marktsättigung impliziert den Vergleich
zweier Größen, nämlich des Marktpotenzials und des Marktvolumens (Köhler, R.
1992). Letzteres wird als tatsächliche Absatzmenge aller Anbieter im Markt
angesehen. Ersteres ist eine nicht geringere Schätzgröße, die im Folgenden
näher zu bestimmen ist. Von Meffert
wird sie als Untergrenze einer als Marktkapazität bezeichneten Größe aufgefasst,
bei deren Abschätzung von wirtschaftlichen, rechtlichen oder anderen
Beschränkungen der Bedarfsträger abgesehen wird (Meffert, H.
1983; ähnlich: Hüttner, M.
1989; vgl. auch die Begriffe »potenzieller«, »zugänglicher« und »qualifiziert
zugänglicher Markt« bei Kotler,
P./Bliemel, F. W. 1992). Die darin implizit angesprochene
Berechnungsbasis für das Marktvolumen ist sehr weit gefasst; sie birgt vor
allem wegen der Berücksichtigung der auch durch Unternehmen zu gestaltenden
wirtschaftlichen Beschränkungen (z.B. durch ihre Preispolitik) die Gefahr in sich, dass bei entsprechender
Interpretation jede Marktsituation als eine solche der MS erscheint.
Köhler benutzt den
Begriff der Kapazität, um zu einer
Definition des Marktpotenzials als
Kapazitätsgröße zu gelangen (Köhler, R.
1992). Es setzt sich danach aus drei Komponenten multiplikativ zusammen,
nämlich aus (1) der – gegebenenfalls in Marktsegmente aufzuteilenden – Anzahl der
Bedarfsträger, (2) der durchschnittlich maximal möglichen Kaufmenge pro
Bedarfsträger und Kaufvorgang sowie (3) der Anzahl der durchschnittlich
höchstens zu erwartenden Käufe eines Bedarfsträgers während eines
Referenzzeitraums (ähnlich: Meffert, H.
1988). Bauer definiert in ähnlichem
Sinne Marktvolumen, wobei der hier an
dritter Stelle genannte Faktor weiter aufgespalten wird durch Berücksichtigung
der Bedingungen für die Ersatznachfrage, des Wertes je Einheit, kaufhemmender
situativer Aspekte und eines Maßes der den bei MS häufig zu beobachtenden
Preisverfall bestimmenden Wettbewerbsintensität (Bauer, H. H.
1988). Kritisch ist hierbei der an zweiter Stelle genannte Faktor aus zwei
Gründen. Erstens führt der Bezug auf die Kaufmenge zu einem in Mengen- statt in
Wertdimension ausgedrückten Begriff der Kapazität. Dies ist unzweckmäßig, wenn
bei gleich bleibender Kaufmenge deren Wert gesteigert und damit die wertmäßige
Marktkapazität erweitert wird. Man erkennt hier, dass es darauf ankommt,
zwischen einem mengen- und einem wertorientierten Konzept der MS zu
unterscheiden, wobei für wirtschaftliche Betrachtungen ein Wertkonzept
vorzuziehen ist. Dafür spricht, dass Unternehmen Renditen erwirtschaften und
Liquidität aufrechterhalten müssen, wobei diese Größen wertmäßig bestimmt sind.
Zweitens bleibt zunächst noch unklar, wie das angesprochene Maximum der
Kaufmenge operational definiert werden kann,
Durch die Grenznutzentheorie wird die zu berücksichtigende
Menge individuell so bestimmt, dass bei ihr der Grenznutzen auf null sinkt (Gossen, H. H.
1889). Nimmt man an, I seien die optimal eingesetzten absatzpolitischen
Instrumente mit Ausnahme der Preispolitik p, und Z seien alle den Markt
beeinflussenden Umweltfaktoren, so würde durch die Grenznutzentheorie die die
Marktsättigung bestimmende Absatzmenge x durch die Beziehung
(1) x = f(p=k\' | I(Z), Z),
bestimmt, wenn die durch die Grenzkosten k\' bestimmte Nutzeneinbuße des Erwerbspreises dem
Nutzen des letzten erworbenen Gutes entspricht. Als Spezialfall wird
gelegentlich mit k\' = 0 argumentiert, der so genannten Sättigungsmenge, die als
endlich angenommen wird.
Da die durch (1) bestimmte Menge für jedes Individuum einen
anderen Wert annehmen kann, können statistisch ermittelte Versorgungsgrade von
Haushalten mit langlebigen Gebrauchsgütern auch dann nicht als Indiz für
individuelle Sättigung angenommen werden, wenn dabei Werte von 100% auftreten
(vgl. dazu Tab. 1). Versorgungsgrade
größer oder kleiner als 100% können mit der Bedingung kompatible sein. Selbst
sinkende Versorgungsgrade (z.B. für die Ausstattung der Haushalte mit
Plattenspielern) können durch steigende Versorgungsgrade mit Substituten (z.B.
CD-Player) mehr als kompensiert werden, um die Entwicklungen im Jahrzehnt
zwischen 1981 und 1991 zu betrachten. Hierin zeigt sich, dass die Frage der Marktabgrenzung
zu beachten ist.
Tab. 1: Ausstattung privater Haushalte des Haushaltstyps 3(*)
mit ausgewählten langlebigen Gebrauchsgütern 1981 und 1991 (Statistisches
Bundesamt, 1982, S. 452; Statistisches
Bundesamt, 1992, S. 562)
Man kann bei der Nutzung des Gossen\'schen Konzepts davon sprechen, dass daraus eine absolute
Marktsättigung resultiert (Brockhoff, K.
1974; Brockhoff, K.
1986). Da die Ermittlung der Nutzenfunktion auf eine Periode bezogen ist,
schließt das Konzept die identische Wiederholung der Situation in einer
Folgeperiode nicht aus.
Die bisher dargestellten Verhältnisse können völlig verändert
werden, wenn man von der implizit angenommenen Gegebenheit der Produkte
absieht, also in modernerer Terminologie Innovationsstrategien berücksichtigt.
Die theoretische Grundüberlegung hierfür geht ebenfalls auf klassische Ansätze
zurück: »Die Möglichkeit, die Summe des Lebensgenusses zu vergrößern, wird
unter den noch vorhandenen Umständen dem Menschen jedes Mal dann gegeben, wenn
es gelingt, einen neuen Genuss, sei dieser auch an und für sich noch so klein,
zu entdecken, oder irgendeinen bereits bekannten durch die Ausbildung seiner
selbst, oder durch Einwirkung auf die Außenwelt zu steigern« (Gossen, H. H.
1989, S. 21). Sieht man Produkte als Bündel wahrgenommener Produkteigenschaften
an (Brockhoff, K.
1993), so kann man durch die Veränderung der Wahrnehmung oder durch die
Veränderung der objektiven Eigenschaften einen »neuen Genuss« schaffen. Dafür
können grundsätzlich alle absatzpolitischen Instrumente eingesetzte werden. Im
Hinblick auf die Produktpolitik
wird dies in Tab. 1 beispielhaft
durch den Übergang von Schreibmaschinen auf PC oder von Plattenspielern auf
CD-Player sichtbar; die Anschaffung von Mountain Bikes zur Befriedigung neuer Bedürfnisse aber wird, da als spezielle
Kategorie nicht ausgewiesen, nicht unmittelbar sichtbar. Der Hinweis auf den
»neuen Genuss« darf nicht so verstanden werden, dass die Überlegungen
ausschließlich für Konsumgüter gelten. Vielmehr sind sie entsprechend auch auf
Investitionsgütermärkte zu übertragen, insbesondere wenn die neuen Produkte zur
Produktivitätssteigerung bei ihren Verwendern beitragen.
Die durchschnittlich maximal mögliche Kaufmenge pro
Bedarfsträger und Kaufvorgang wird damit von der Produktpolitik der Unternehmen
abhängig.
Allerdings wird bei dieser Betrachtung noch eine weitere
Unterstellung gemacht. Die Veränderung der Grenznutzen durch die Schaffung
eines »neuen Genusses« setzt voraus, dass entweder die Bedürfnisse unlimitiert
sind oder ein Bedürfnis nach Abwechslung existiert. Die Erfahrung lässt dies
tatsächlich vermuten, zumal in letzter Zeit auf verschiedenen Märkten ein
früher nur latentes Bedürfnis nach Abwechslung manifest geworden ist. Als
Beispiele sei auf Sportmoden, Armbanduhren oder Modelleisenbahnen verwiesen.
III. Marketingstrategische
Bedeutung
Es wird von der These ausgegangen, dass sich das strategische Management in der Wahl
seiner Mittel an vorgegebene Marktbedingungen weitgehend anzupassen hat. Deshalb
liegt auch der Gedanke nahe, dass es bei MS ganz bestimmte, in Abhängigkeit von
der Situation des Marktwachstums verschiedene Mittel einzusetzen hat,
insbesondere weil es sättigungsspezifische Wirkungsgrenzen einzelner
Marketinginstrumente geben kann (Hinder, W.
1986).
Wird also MS als gegeben akzeptiert, so sind typische
unternehmerische Reaktionsweisen auf diese Situation Marktbehauptung, Kooperation
und Rückzug (Picot, A.
1984; Meffert, H.
1988). Marktbehauptung (später differenziert nach
Marktanteilswachstumsstrategie und Marktanteilserhaltungsstrategie: Meffert, H.
1992) kann durch Kostenführerschaft und Angebotsdifferenzierung sowohl für
einen gesamten Markt als auch für Marktnischen angestrebt werden. In diesen
Fällen können Vorteile einerseits durch Kostensenkung (Picot, A.
1984) und andererseits durch neue oder veränderte Produkte erreicht werden. In
jedem Falle müssen spezifische Wettbewerbsvorteile aufgebaut und kommuniziert
werden, um Angriffe auf die eigene Marktposition abwehren zu können. Dabei geht
es nicht nur um die unmittelbar produktionstechnischen oder
marketingtechnischen Bedingungen für solche Strategien, vielmehr sind organisatorische
Aspekte und solche der Mitarbeiterführung ebenfalls zu berücksichtigen. (Bauer, H. H.
1988). Die Auswahl der strategischen Instrumente hat außerdem Marktbedingungen
zu berücksichtigen, die z.B. die finanzielle Stärke der Wettbewerber umfassen
oder ihre Möglichkeiten zu anhaltenden Dumping-Strategien.
Kooperationsstrategien zielen auf eine »Verminderung der Wettbewerbsintensität
und die Ausnutzung von Synergiepotenzialen ab« (Meffert, H.
1988, S. 94), sind aber in Anbetracht der Gesetze zum Schutze des Wettbewerbs
nicht beliebig wählbar. Bei der Wahl von Rückzugsstrategien dürfen deren Kosten
nicht übersehen werden. Sie werden auch als »Austrittsbarrieren« dargestellt,
die sowohl vom eigenen Unternehmen (z.B. in der Form bestehender Service- oder
Ersatzteilverpflichtungen), von Wettbewerbern (z.B. durch Übernahme von
Personal) als auch von Staat oder Gewerkschaften (z.B. durch Forderungen nach
innerbetrieblichem Ausgleich Verlust bringender durch ertragreiche
Produktgruppen) beeinflusst werden können. Im Übrigen wird partiell durch
Kooperationen, in jedem Falle aber durch Rückzugsstrategien nicht das
Marktpotenzial (oder die Marktkapazität) verändert, sondern durch Reduktion des
Absatzvolumens zur Angleichung von Marktvolumen und Marktpotenzial beigetragen.
Als weiterer Einfluss auf die Wahl einer Normstrategie für
stagnierende Märkte ist die »Attraktivität
der Branche« ins Spiel gebracht worden (Harrigan, K.
R. 1980). Diese Attraktivität wird durch die Nachfragebedingungen
(im Sinne des Wachstums der Gesamtnachfrage, ihrer Unsicherheit und ihrer
Segmentierung), die – bereits erwähnte – Höhe der Austrittsbarrieren und durch
Wettbewerbsdeterminanten (im Sinne der Ressourcenstärke der Wettbewerber und
ihrer Ziele) gekennzeichnet (Harrigan, K.
R./Porter, M. E. 1983; Bauer, H. H.
1988). Durch Kombination von Branchenattraktivität und relativer
Wettbewerbsstärke eines Anbieters wird eine Matrix aufgespannt, in der
plausibel verschiedene Marktaustrittsstrategien
(»Abernten« ohne weitere Investitionen oder schneller Verkauf der Interessen), Marktbehauptungsstrategien (Führerschaft
durch Beeinflussung der Unsicherheit für die Wettbewerber oder ihrer
Austrittsbarrieren) und selektive
Strategien (durch die Nutzung der Nachfrage in Nischen) eingeordnet werden.
Empirische Belege zur Wirksamkeit von Strategien in
stagnierenden Märkten hat Hinder im
Vergleich dargestellt (Hinder, W.
1986).
Es ist aber auch gezeigt worden, dass MS bei geeigneter,
bedürfnisorientierter Definition von Märkten kein hinzunehmendes Schicksal ist,
vielmehr Marktpotenziale durch unternehmerische Absatzstrategien ausgeweitet
werden können. Damit entgeht man der Situation des Nullsummenspiels, was auch
dann für den gesamten Markt von Bedeutung sein kann, wenn diese Situation nur
durch einen Anbieter beseitigt wird. Die dafür notwendige Beeinflussung der Marktpotenziale kann an jedem der genannten drei
Elemente des Kapazitätsbegriffs ansetzen: Veränderung des
Kapazitätsquerschnitts durch Beeinflussung der Verwenderzahl, Veränderung der
Intensitätskomponente durch Beeinflussung der Kaufmengen, Veränderung der
Kauffrequenzen (Köhler, R.
1992).
Die Beeinflussung der Verwenderzahl kann z.B. durch
Erschließung neuer Verwendungen für ein gegebenes Produkt möglich sein, sei
dies in funktionsorientierter Hinsicht (z.B. Erschließung neuer Therapiegebiete
für ein gegebenes Präparat) oder in regionaler Hinsicht (z.B. Erschließung von
Exportmärkten). Die Beeinflussung der Kaufmengen und Kauffrequenzen kann
dadurch erfolgen, dass durch neue Produktvarianten neue Nutzenerlebnisse
ermöglicht werden. Dafür eignen sich auf Konsumgütermärkten z.B. Strategien des
Erlebnismarketing (Weinberg, P.
1992), während auf Investitionsgütermärkten z.B. Sicherheitserhöhung für den
Anlageneinsatz mit einer Verkürzung ihrer Lebensdauer einhergehen kann. In
jedem dieser Fälle sprechen solche Strategien nicht alle potenziellen Kunden in
gleichem Maße an. Es ist also auf die Segmentierung der Märkte zu achten (für
Investitionsgüter z.B. Droege, W.P.
J./Backhaus, K./Wieber, R. 1993).
IV. Marktsättigung in
Diffusionsmodellen
Die marketingstrategische Erkenntnis der Beeinflussbarkeit
des Marktpotenzials findet ihren Niederschlag auch in verschiedenen Marketing-Modellen, vor allem solchen,
die die langfristige Marketing-Planung unterstützen sollen. Hier ist vor allem
an Diffusionsmodelle zu erinnern.
Viele Diffusionsmodelle gehen grundsätzlich von gegebenem Marktpotenzial (oder
gegebener Marktkapazität) aus, das auch im Zeitablauf als unveränderlich
angenommen wird. Das wird damit begründet, dass diese Modelle als Planungshilfe
für eine Produktgeneration langlebiger Gebrauchsgüter bei auf kurze Sicht
beschränktem Planungshorizont zu verstehen sind (Schmalen, H.
1979). Gleiche Überlegungen gelten für Absatzmodelle, die im Rahmen von
Testmärkten oder Testmarktsimulatoren verwendet werden. Modellüberblicke
zeigen, dass zwar schon früh eine beachtliche Anzahl von Modellen mit variablem
Marktpotenzial vorgelegt wurde (Brockhoff, K.
1974). Allerdings wird darin meist ein exogenes Bevölkerungswachstum oder eine
einkommensabhängige Veränderung des Marktpotenzials angenommen, d.h. die
Marktpotenziale werden nicht unmittelbar von den Anbietern beeinflusst.
Soweit die Anbieter selbst unmittelbar das Marktpotenzial
beeinflussen können, müssen deren Marketing-Variablen berücksichtigt werden.
Modelle dieses Typs sind selten; die Marketing-Variablen sind dann auf den
Preis (bzw. auf relative Preise) oder die Werbung beschränkt (Böcker,
F./Gierl, H. 1988; Mahajan,
V./Muller, E./Bass, F. M. 1990). Insbesondere die Produktpolitik
ist in diesem Rahmen noch weitgehend ausgespart, obwohl auch Diffusionsmodelle
für Folgen von substitutiven Produkten vorliegen (Norton, J.
A./Bass, F. M. 1987) bzw. für die Erschließung neuer Märkte durch
das gleiche Produkt (Sartorius, B.
1983). Diese Modelle gehen aber wieder von unveränderlichen Marktpotenzialen
aus. Die Vernachlässigung der Produktpolitik
in Diffusionsmodellen ist insofern erstaunlich, als z.B. nur die Rückzugsstrategie
darauf festgelegt ist, die Produkte unverändert zu lassen. Ökonometrische
Erklärungsmodelle deuten darauf hin, dass MS im Sinne des Erreichens einer
Phase der Absatzstagnation tatsächlich Angebotsveränderungen durch Einführung
neuer oder variierter Produkte auslöst (Putsis jr.,
W. P. 1989).
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