Inhaltsübersicht
I. Begriff
des Markttests
II. Bedeutung
des Markttests
III. Testmarkt
IV. Store-Test
V. Mini-Testmarkt
VI. Elektronischer
Testmarkt
VII. Simulierter
Testmarkt
VIII. Vergleich
und Ausblick
I. Begriff des
Markttests
Als Markttests bezeichnet man generell Tests bzw. Experimente, die durchgeführt werden, um
Informationen über die Reaktion des Marktes auf Marketing-Maßnahmen zu
gewinnen. Sie dienen dazu, die Wirkung eines Einsatzes der betreffenden
Maßnahme auf dem nationalen Markt zu prognostizieren und/oder um zuvor
eventuelle Schwächen im Marketing-Programm zu eliminieren.
Der Begriff Markttests
wird dabei unterschiedlich abgegrenzt:
-
Als Markttest i.w.S. bezeichnet man allgemein alle Tests im realen Markt (Feldtest) im Gegensatz zu Labor- bzw.
Studiotests. Hierzu gehören dann neben verschiedenen Tests für neue Produkte
auch bestimmte Formen von Werbemitteltests (z.B. der Day-after-Recall-Test
zur Überprüfung von TV-Spots), Werbedrucktests, Kampagnentests, Promotion-
oder Preistests.
-
I.e.S. wird der Begriff Markttest weitgehend synonym
mit dem Begriff Testmarkt bzw. Testmarktforschung verwendete. Diese wird
primär zum Testen von neuen Produkten inklusive weiterer Elemente des Marketing-Mix
vor deren nationaler Markteinführung eingesetzt.
Hier soll der Begriff im letzteren Sinn verstanden werden.
Nachfolgend werden alternative Formen des Testmarktes sowie Methoden der
Testmarktforschung beschrieben. Dabei soll auch auf den Simulierten Testmarkt
(auch Testmarktsimulation oder
»Labor-Testmarkt«) eingegangen werden, wenngleich es sich hierbei nicht um
einen Markttest entsprechend obiger Definition handelt. Sie hat sich aber in
jüngerer Zeit als eine wichtige Alternative zum Testmarkt entwickelt.
Der Testmarkt bildet das letzte Glied in der Kette von Tests,
die im Rahmen der Einführung von neuen Produkten zum Einsatz kommen und die mit
dem Konzepttest beginnt (vgl. Abb. 1).
Im Konzepttest wird die spezifizierte Idee für ein neues Produkt durch
Befragung von potenziellen Konsumenten überprüft, um Auskunft über deren
Akzeptanz und mögliche weitere Ausgestaltung zu erhalten. Im Produkttest wird
dann das fertige (marktreife) Produkt getestet. Insbesondere wird hier die
subjektive Qualität (Beurteilung) des fertigen Produktes bei einer
repräsentativen Auswahl von Konsumenten aus der Zielgruppe überprüft, was in
Form eines Studiotests oder Home-use-Tests erfolgen kann. Hiervon zu
unterscheiden sind technische Qualitätstests des Herstellers oder Warentests
von unabhängigen Institutionen, die die objektive Qualität betreffen. Meist
vorgeschaltet werden Partialtests einzelner Produktkomponenten (z.B.
Markenname, Verpackung, Geschmack, Handhabung) durchgeführt. Daraus lassen sich
wichtige Informationen über die Chancen des neuen Produktes sowie eventuelle
Schwächen gewinnen. Diese aber sind nicht geeignet, um daraus quantitative
Prognosen des zu erwartenden Marktanteils- oder Absatzvolumens abzuleiten.
Hierzu bedarf es eines umfassenden Tests der gesamten Marketingkonzeption im
Rahmen eines Testmarktverfahrens.
Abb. 1: Konsumentenbasierte Tests bei der Einführung neuer
Produkte
II. Bedeutung des
Markttests
Die Relevanz von Markttests bzw. Testmarktverfahren im Rahmen
der Neuprodukteinführung ergibt sich insbesondere aus folgenden Tatbeständen:
-
der großen und wachsenden Zahl neuer Produkte,
-
den hohen Kosten, die mit der Einführung neuer
Produkte verbunden sind,
-
der hohen Misserfolgs- oder Floprate neuer Produkte.
In der alten BRD stieg die Zahl der jährlichen Produkteinführungen zwischen 1977 und 1983
allein im Lebensmitteleinzelhandel von 1.034 auf 1.621 (Brockhoff, K.
1993), in den USA zwischen 1980 und 1984 sogar von 1.268 auf 1.988 (Freeman, L.
1985). In Europa wurden 1991 rund 15.000 neue Produkte eingeführt.
Studien (z.B. Booz, Allen
& Hamilton Inc., 1968; Booz, Allen
& Hamilton Inc., 1982) haben deutlich gemacht, dass neue
Produkte zwar maßgeblich für Wachstum und Gewinn von Unternehmen sind,
andererseits aber die damit verbundenen Kosten und das Risiko außerordentlich
hoch sind. Nur wenige Neuproduktprojekte gelangen bis zur Marktreife, und die
Mehrzahl derjenigen Projekte, die schließlich in den Markt gelangt, scheitert
auch dort. Eine Studie aus den USA (Miller, C.
1993) nennt folgende Zahlen: Nur 8% aller Neuproduktprojekte erreicht
Marktreife, von denen wiederum 83% im Markt scheitern, sodass letztlich von 100
Projekten nur eines erfolgreich ist (zur Übersicht über Studien zu Flop-Raten
neuer Produkte und deren Ursachen Crawford, C.
M. 1977; Urban, G.
L./Hauser, J. R. 1980). Die häufigsten Ursachen sind zu geringer
Neuigkeitsgrad der Produktkonzeption (kein hinreichender Produktvorteil),
Qualitätsmängel, schlechte Marketingplanung (falsche Positionierung,
Preisstellung, Werbekonzeption) und zunehmend auch ungenügende Distribution.
Der Nutzen eines Markttests ist umso größer, je höher die
erforderlichen Einführungskosten des neuen Produktes sein werden. Das hier
bestehende Risiko zu mindern, ist seine primäre Aufgabe. Andererseits ist die
Durchführung eines kostspieligen Markttests nicht oder wenig sinnvoll, wenn
bereits erhebliche Investitionen für die Entwicklung des neuen Produktes getätigt
wurden (z.B. bei einem Auto oder pharmazeutischen Produkt) und die mit der
Markteinführung verbundenen Aufwendungen vergleichsweise gering sind.
Das klassische Verfahren zum Testen von neuen Produkten
inklusive des begleitenden Marketing-Mix
bildet der Regionale Testmarkt (RTM). Dessen zunehmende Probleme, bedingt
insbesondere durch die Konzentration im Handel, die Überregionalität der Medien
und die Verkürzung der Produktlebenszyklen, schränken seine Bedeutung jedoch
immer mehr ein. Stattdessen haben neuere Verfahren, wie insbesondere der
Elektronische Testmarkt (ETM) oder der Simulierte Testmarkt (STM), zunehmende Verwendung
erlangt.
III. Testmarkt
Als Testmarkt bezeichnet man die probeweise Einführung eines
neuen Produktes in einem lokal oder regional abgegrenzten Teilmarkt (ebenfalls
als Testmarkt wird das Gebiet bezeichnet, in dem der Test durchgeführt wird).
Er bildet das klassische Verfahren für Tests von neuen Produkten. Zur
Unterscheidung von neueren Testmarktverfahren spricht man daher auch von
»klassischem Testmarkt«
Der Testmarkt ermöglicht einen Test der gesamten
Marketingkonzeption, die neben dem neuen Produkt auch die übrigen Elemente des Marketing-Mix umfasst. Primär dient er
der Prognose des Markterfolges auf dem Gesamtmarkt und somit der Entscheidung,
ob das Testprodukt national eingeführt oder wieder zurückgezogen werden soll.
Zusätzlich soll der Testmarkt auch diagnostische Informationen liefern, die zur
Beseitigung eventueller Schwachstellen in der Marketingkonzeption vor Beginn
der nationalen Einführung dienen können (Cadbury, N.
D. 1975; Urban, G.
L./Hauser, J. R. 1990; Brockhoff, K.
1993).
Nach der geografischen Erstreckung unterscheidet man zwischen
dem regionalen und dem lokalen Testmarkt. Der Regionale Testmarkt erstreckt sich gewöhnlich über ein Bundesland
(z.B. Hessen, Saarland). Der Lokale
Testmarkt dagegen erstreckt sich oft auf eine Stadt (bevorzugt z.B. der
Stadtländer Berlin und Bremen oder auch Kiel) oder auch auf mehrere Städte. Die
lokalen Testmärkte werden oft von Zeitungsverlagen angeboten, die auch
Printwerbung in den Testorten zu günstigen Konditionen ermöglichen.
Das Testmarkt-Gebiet sollte nach Möglichkeit folgende
Kriterien erfüllen:
-
Repräsentanz
hinsichtlich Bevölkerungs- und Bedarfsstruktur, Handelsstruktur und
Konkurrenzsituation,
-
Isolierbarkeit
hinsichtlich Distribution, Werbestreuung und Einkauf der Konsumenten,
-
Messbarkeit
des Kaufverhaltens (z.B. mittels Verbraucher- oder Handelspanel) und
möglicher Einflussfaktoren.
Nach dem Testaufbau
lässt sich zwischen dem projektiven Testmarkt und dem experimentellen Testmarkt
unterscheiden. Der projektive Testmarkt dient zur Überprüfung einer
Marketingkonzeption, deren Ergebnis sodann auf den Gesamtmarkt projiziert
(hochgerechnet) wird. Als Erfolgskriterium dienen das Absatzvolumen oder der Marktanteil
(wert- oder mengenmäßig) im Testgebiet. Die erforderlichen Daten werden der
Absatzstatistik des Herstellers oder besser einem Handels- oder Haushaltspanel
entnommen.
Die Dauer sollte wenigstens, je nach Kauffrequenz in der
betreffenden Warengruppe, 10 bis 16 Monate betragen. Die Reliabilität eines
Testmarktes kann mit abnehmender Dauer sehr schnell sinken. Die (externe)
Validität eines projektiven Testmarktes hängt weniger von der Größe des
Testgebietes als dessen Repräsentanz hinsichtlich Bevölkerungs-, Handels- und
Medienstruktur ab.
Ähnlichkeit mit dem projektiven Testmarkt besitzt die
stufenweise Markteinführung (Regional
Rollout). Da dabei jedoch die Regionen meist nicht unter dem Gesichtspunkt
der Repräsentanz ausgewählt werden, ist eine projektive Eignung selten gegeben
(Wind, Y. J.
1982).
Liegen Haushaltspaneldaten vor, so sind mithilfe spezieller
Prognoseverfahren frühzeitige Prognosen sowie die Gewinnung zusätzlicher
diagnostischer Informationen möglich (z.B. Hammann,
P./Erichson, B. 1994; Brockhoff, K.
1993; Narasimhan,
C./Sen, S. K. 1983). Diese Verfahren bzw. Modelle nutzen die
Möglichkeit einer Unterscheidung zwischen Erst- und Wiederkäufern, was jedoch
nur bei Vorliegen von Individualdaten möglich ist. Bekannte Modelle sind die
von Fourt,
/Woodlock, 1960, Parfitt,
/Collins, 1969 und Eskin, 1973
oder das Modell NEWS/Market (Pringle, L.
G./Wilson, R. D./Brody, E. I. 1982). Die praktische Anwendung dieser
Modelle scheitert aber meist, zumindest außerhalb der USA, an zu geringen
Fallzahlen im Testmarkt. Besser geeignet sind sie daher für frühzeitige
Prognosen der Absatzentwicklung nach der nationalen Markteinführung.
Bei einem experimentellen Testmarkt werden die Wirkungen
alternativer Marketingkonzeptionen, z.B. bezüglich Preis, Werbung oder
Verkaufsförderung, getestet. Andere Marketing-Mix-Elemente, wie z.B. Verpackung,
Werbemittel oder das Produkt selbst, sollten bereits vor Durchführung eines
Testmarktes hinreichend getestet worden sein. Die Variation der experimentellen
Variablen kann über Teilgebiete erfolgen (z.B. um die Wirkung von
Probenverteilungen oder Werbemedien zu testen) oder über ausgewählte Geschäfte
im Testgebiet (z.B. wenn alternative Preise oder Verkaufsförderungsmaßnahmen am
Kaufort getestet werden sollen). Bezüglich Testaufbau und -analyse kann auf die
allgemeinen Methoden zur Durchführung von Experimenten (Experimental Design)
zurückgegriffen werden. Zur Auswahl vergleichbarer Testgebiete oder
Testgeschäfte lässt sich mit Vorteil die Clusteranalyse
anwenden.
Hinsichtlich seiner Realitätsnähe kann der Testmarkt,
insbesondere der regionale Testmarkt, prinzipiell von keinem anderen
Testverfahren (für neue Produkte) übertroffen werden. Er bildet das einzige
Verfahren, in welchem die Gesamtheit aller Marketingvariablen simultan getestet
werden kann. Allerdings ist seine praktische Anwendung mit zunehmenden
Schwierigkeiten verbunden. Gründe hierfür sind:
-
Die Konzentration
im Handel, dessen Mitwirkung erforderlich ist, und der knappe Regalplatz machen es zunehmend
schwierig, im Testmarkt eine hinreichende Distribution zu erzielen. Besonders
überregionale Handelsunternehmen sind aufgrund der Zentralisation ihres
Bestellwesens häufig nicht oder nur gegen Vergütung bereit, ein neues Produkt
regional zu listen.
-
Die Überregionalität
der Medien, insbesondere auch die Dominanz des Fernsehens für die
Bekanntmachung neuer Produkte, machen eine Werbestreuung im Testmarkt, wie
sie für den nationalen Markt geplant ist, oft unmöglich.
Durch diese Faktoren wird die Validität des Testmarktes und
damit seine Aussagekraft heute meist stark eingeschränkt. Weiterhin kann die
Validität durch Störmaßnahmen der Konkurrenz (z.B. Preisnachlässe,
Sonderkonditionen, verstärkte Werbung) vermindert werden.
Infolge der schwer wiegenden Nachteile, mit denen die
Durchführung eines Testmarktes verbunden ist, ist dessen Einsatz stark
zurückgegangen. Gleichwohl fehlt es nicht an Wiederbelebungsversuchen. Zu
nennen sind das System Telestar (Television
Supported Test Area Rhein-Neckar) von Nielsen, in welchem die Einbeziehung von Fernsehwerbung im
Testmarkt angestrebt wird, indem über das regionale Fenster von RTL Werbespots
ausgesendet werden können. Ähnliche Aktivitäten laufen auch im Saarland
(»Testmarkt Saar«) und in Berlin (»Neuer Deutscher Testmarkt Berlin«). Die hier
beteiligten Zeitungsverlage übernehmen dabei die Schaltung der Print-Werbung,
Funk- und Fernsehwerbung erfolgen in den Regionalprogrammen, und
Abverkaufszahlen können über die Panels von GfK und Nielsen erlangt werden. Insgesamt aber lässt sich sagen, dass
alternative Verfahren, wie insbesondere ETM und STM, den klassischen Testmarkt
heute weitgehend verdrängt haben.
IV. Store-Test
Beim Store-Test
wird in ausgewählten Testgeschäften die Wirksamkeit von Marketingmaßnahmen
geprüft, die sich hinsichtlich dieser Testgeschäfte differenzieren lassen.
Hierzu gehören z.B. alternative Produktverpackungen, Preise, Regalgestaltungen
oder Maßnahmen der Verkaufsförderung
am PoS für ein bestimmtes Produkt. Infolge guter Kontrollierbarkeit der
Bedingungen in den Testgeschäften eignet sich der Store-Test besonders zur
Durchführung von Experimenten. A.C.
Nielsen bietet z.B. Store-Tests unter dem Namen »Nielsen Kontrollierter Markttest« an.
Die Durchführung eines Store-Tests erfolgt gewöhnlich in
10 – 20 Testgeschäften, die meist einem Handelspanel angeschlossen sind. Die
Verkaufsmengen von Testprodukt und Konkurrenzprodukten werden in kurzen
Zeitabständen durch Bestandskontrolle oder mittels Scanning erhoben.
Hinsichtlich Testaufbau und -auswertung kann auf die allgemeinen Methoden zur
Durchführung von Experimenten zurückgegriffen werden. Die Erfassung der
Verkaufsmengen kann durch Befragungen von Konsumenten im Geschäft ergänzt
werden.
V. Mini-Testmarkt
Der Mini-Testmarkt,
auch Mikro-Testmarkt, stellt eine
Weiterentwicklung des Store-Tests dar. Es handelt sich hier um einen
Store-Test, der durch ein angeschlossenes Haushaltspanel ergänzt wird und somit
auch Individualdaten zu liefern vermag.
Ein in Deutschland von der GfK-Testmarktforschung angebotener
Mini-Testmarkt ist das GfK-ERIM-Panel, dessen Konzeption Anfang der
1970er-Jahre von dem französischen Institut Emploi Rationel de l\'Informatique
en Marketing S.A. (ERIM) entwickelt wurde. Es umfasst vier räumlich verteilte
Verbrauchermärkte (in Berlin, Hamburg, Nürnberg und Waiblingen) mit jeweils 600
angeschlossenen Panelhaushalten aus der Stammkundschaft des betreffenden
Geschäfts (store based household panel). Diese insgesamt 2.400 Testhaushalte
sollen eine repräsentative Stichprobe aller Haushalte in West-Deutschland
bilden (GfK, 1994).
Die Einkäufe dieser Haushalte werden durch PoS-Scanning mit ID-Karte erfasst,
d.h. die Haushalte sind mit scannerlesbaren Identifikationskarten ausgestattet,
die sie beim Einkauf an der Kasse vorlegen. Auf diese Weise lassen sich die
Einkaufsdaten dem betreffenden Haushalt zuordnen, und es lässt sich so über die
Zeit verfolgen, welche Artikel wann und zu welchem Preis gekauft wurden. Alle
Panelhaushalte erhalten außerdem kostenlos eine Programmzeitschrift (HÖRZU), in
die sich Werbeanzeigen für ein Testprodukt einmontieren lassen.
Vorteilhaft gegenüber einem einfachen Store-Test ist, dass
auch Individualdaten erfasst werden. Dadurch ergeben sich verbesserte
prognostische und diagnostische Auswertungsmöglichkeiten. Über Anzeigen in der
HÖRZU lassen sich die Testhaushalte auf ein neues Produkt aufmerksam machen.
Insgesamt aber sind damit die Möglichkeiten einer werblichen Unterstützung des
Testproduktes sehr begrenzt (z.B. keine Fernsehwerbung). Auch können die vier
Verbrauchermärkte kaum Anspruch auf Repräsentanz erheben. Die Eignung für Tests
von neuen Produkten ist somit eingeschränkt. Bessere Eignung besteht dagegen
zum Testen einzelner Elemente des Marketing-Mix,
wie Preisänderungen, Verpackungsgestaltungen oder Verkaufsförderungsmaßnahmen.
VI. Elektronischer
Testmarkt
Der ETM bildet eine Weiterentwicklung des Mini-Testmarkts.
Formal handelt es sich hier um einen lokalen Testmarkt, bei dem die
Testgestaltung und Datenerfassung durch eine Kombination aus Haushalts- und
Handelspanel erfolgt. Die Haushalte sind mit scannerlesbaren
Identifikationskarten ausgestattet, und die Erfassung ihrer Einkäufe erfolgt
durch PoS-Scanning. Dadurch wird es nach dem Zusammenführen der Daten aus den
Testgeschäften ermöglicht, die Einkäufe eines Haushalts komplett, d.h. über die
Zeit und über verschiedene Einkaufsstätten, aufzuzeichnen. Im Gegensatz dazu
erfasst der Mini-Testmarkt nur die Einkäufe von Haushalten in jeweils einem
einzelnen Geschäft.
Ein Beispiel für ein derartiges System ist GfK-BehaviorScan
in Haßloch bei Ludwigshafen, das dort 1985 installiert wurde. Es werden hier
durch PoS-Scanning mit ID-Karte die Einkäufe von 3000 Haushalten in sechs von
neuen dort vorhandenen Geschäften erfasst und damit eine Abdeckung von 90 – 95%
LEH-Umsatz im Testort erreicht.
Die Kombination aus Haushalts- und Handelspanel, die noch
durch Erfassung von Mediadaten ergänzt wird (z.B. Erfassung von
Fernsehverhalten durch TV-Meter), ermöglicht umfassende Informationen über
Kaufverhalten aus einer Quelle (Single-Source-Ansatz).
So vermag z.B. auch ein konventionelles Haushaltspanel keine Information
darüber zu liefern, welche Konkurrenzsituation beim Einkauf eines Produktes
bestand, d.h. welche Konkurrenzprodukte zum Zeitpunkt des Einkaufs im Geschäft
angeboten wurden, welche Preise diese hatten oder welche
Verkaufsförderungsmaßnahmen stattfanden.
Eine weitere Einrichtung von GfK-Behavior-Scan, die dieses zu
einem Paradebeispiel für »High-Tech-Marktforschung« macht, bildet Targetable TV. 2.000 oder 3.000
Panelhaushalte sind mit Kabelanschluss und der so genannten GfK-Box am
Fernsehgerät ausgestattet. Damit ist es möglich, Werbespots aus einem
institutseigenen Fernsehstudio gezielt an einzelne Haushalte zu senden. Für
Testzwecke wird mittels dieser Technologie ein regulärer Werbespot durch einen
Testspot gleicher Länge überblendet, was für den Zuschauer nicht bemerkbar ist.
Aus den Einkaufsdaten der Haushalte ist sodann ersichtlich, ob und wie sich das
Einkaufsverhalten der Haushalte, die den Testspot empfangen haben, von dem der
übrigen Haushalte unterscheidet. Infolge der individuellen Ansteuerung der
Testhaushalte lassen sich strukturgleiche Testgruppen bilden, zwischen denen
die Werbung
hinsichtlich Art und/oder Einschaltfrequenz variiert werden kann. Die Auswahl
und Ansteuerung der Haushalte übernimmt dabei ein Computer. Es ergeben sich
damit einzigartige Möglichkeiten zum Testen von Werbemaßnahmen, aber auch zum
Testen von neuen Produkten unter Berücksichtigung weiterer Marketing-Variablen
(Litzenroth,
H. 1986; Litzenroth,
H. 1991; Stoffels, J.
1989; Hehl, K./Wildner,
R. 1990).
Ein zweites BehaviorScan wird von der GfK zurzeit in
Frankreich aufgebaut. In Deutschland wird ein ähnliches System von A.C. Nielsen unter dem Namen Telerim angeboten. Es umfasst die
Testorte Bad Kreuznach und Buxtehude mit jeweils 1.000 Panelhaushalten.
Die Firma IRI
(Chicago), die das Konzept für BehaviorScan entwickelt hat, führt in den USA 10
derartige Testmärkte. Weitere elektronische Testmärkte werden dort von SAMI/Burke (AdTel) und A.C. Nielsen (ERIM) angeboten.
Der ETM ermöglicht durch die Einbeziehung von TV-Werbung den
Test kompletter Marketing-Konzeptionen, aber natürlich auch einzelner Elemente
des Marketing-Mix. Bezüglich der Realitätsnähe ist er mit dem klassischen
Testmarkt vergleichbar. Er ermöglicht aber eine bessere Kontrolle der
Testsituation, ist schneller und billiger als ein regionaler Testmarkt und
liefert detailliertere Informationen.
Nachteilig ist die begrenzte Verfügbarkeit des ETM. Es kann
in einem Testmarkt je Warengruppe nur ein Kunde akzeptiert werden, damit sich
die Testmaßnahmen nicht stören. Dieser belegt dann meist die Warengruppe
langfristig und blockiert sie so für Konkurrenten. Ein anderes Problem ist,
dass die Stichproben von Haushalten und Geschäften kaum repräsentativ für den
nationalen Markt sein dürften, was die Möglichkeit der Hochrechnung
beeinträchtigt.
VII. Simulierter
Testmarkt
Ein gänzlich anderer Weg zum Testen von neuen Produkten wird
beim STM eingeschlagen. Die Prognose des zu erwartenden Marktanteils sowie die
Gewinnung weiterer diagnostischer Informationen erfolgen hier auf Basis von
Daten, die in einem Teststudio erhoben werden, sowie mittels geeigneter
Methoden und Modelle.
Das Erhebungsverfahren des STM bildet eine Kombination aus
Studio- und Home-Use-Test. Hierzu wird ein temporäres Teststudio (z.B. in einem
Hotel oder Restaurant) in einer Gegend eingerichtet, in der sich eine
repräsentative Stichprobe aus der Zielgruppe des Testproduktes gewinnen lässt.
Bei Bedarf können auch Teststudios simultan an mehreren Orten laufen. Zur
Vermeidung von Übertestung sollten ohnehin zahlreiche Fazilitäten zur Verfügung
stehen, zwischen denen gewechselt werden kann.
In der Umgebung des Teststudios werden im Normalfall 300 – 400
Personen aus der Zielgruppe des Testproduktes angeworben und einzeln ins Teststudio
geladen. Dort wird für jede Testperson quasi der Adoptionsprozess des neuen
Produktes (Wahrnehmung? Erstkauf? Einstellungsbildung? Wiederkauf) simuliert.
Stellvertretend für verschiedene Testmarktsimulatoren wird nachfolgend der
Ablauf von TESI, dem Testmarktsimulator
der GfK beschrieben, der seit Anfang der 1980er-Jahre eingesetzt und mit
inzwischen mehr als 400 Anwendungen zu den verbreitetsten Systemen zählt. In
groben Zügen gestaltet sich der Durchlauf einer Testperson wie folgt (Erichson, B.
1981).
VIII. Erster Studio-Test
-
Hauptinterview:
Erfragung von Markenbekanntheit, Markenverwendung, Kaufverhalten, Präferenz-
und Einstellungsdaten für Marken der Produktklasse, in die das neue Produkt
eingeführt werden soll, sowie sozio-demografischen Merkmalen der Testperson.
Dabei wird auch das sog. Relevant Set
der Testperson ermittelt, d.h. derjenigen Menge von Marken aus der
Produktklasse, die für sie bei einer Kaufentscheidung von Relevanz sind. Nur
für diese Marken werden Präferenz- und Einstellungsdaten erhoben.
-
Werbesimulation:
Mittels Video wird jeder Testperson ein Werbeblock vorgeführt, in den neben Werbung
für die wichtigsten Konkurrenzprodukte auch ein Werbespot für das neue
Produkt einmontiert ist. Zwecks Vermeidung von Stellungseffekten wird die
Reihenfolge der Spots variiert.
-
Kaufsimulation:
In einem Mini-Markt (im Studio) erhalten die Testpersonen anschließend
Gelegenheit, in der Produktklasse einzukaufen. Neben den etablierten
Produkten wird hier auch das neue Produkt angeboten. Jeder Testperson wurde
bereits beim Empfang im Studio ein Geldbetrag ausgehändigt, der den Preis des
teuersten Produktes übersteigt. Damit ist die erforderliche Kaufkraft
sichergestellt.
Nach dem Kauf wird die Testperson gefragt, welches Produkt
sie gewählt hätte, wenn die zuvor gewählte Marke nicht vorhanden gewesen wäre.
Dies wird so oft wiederholt, wie die Person Marken in ihrem Relevant Set hat.
Hierdurch wird u.a. die unterschiedliche Markentreue der Konsumenten
berücksichtigt.
IX. Home-Use-Test
Testpersonen, die das Testprodukt nicht gekauft haben,
erhalten es als Geschenk, während alle anderen die an zweiter Stelle gewählte
Marke als Geschenk erhalten. Die Testpersonen wissen nicht, dass ein neues
Produkt getestet wird, geschweige denn, welches das Testprodukt ist. Sie
verwenden die erhaltenen Produkte zu Hause über einen Zeitraum von ein bis
mehreren Wochen, der abhängig ist von der Verbrauchsdauer bzw. Kauffrequenz in
der Produktklasse.
X. Zweiter Studio-Test
-
Nachinterview:
Die Präferenz- und Einstellungsmessungen werden in gleicher Weise wie im
ersten Studio unter Einschluss des Testproduktes wiederholt. Außerdem werden
ganz am Ende des Tests offene Fragen zu Verwendungserfahrungen sowie Likes
& Dislikes gestellt.
-
Kaufsimulation:
Die Wiederholung der Kaufsimulation ermöglicht die Beobachtung von
Käuferwanderungen. Hieraus lassen sich alternative prognostische
Informationen sowie, in Verbindung mit den obigen Präferenz- und
Einstellungsdaten, zusätzliche diagnostische Informationen gewinnen.
Die so gewonnenen Daten werden mittels eines
computergestützten Analyseverfahrens,
welches zahlreiche Methoden und Modelle integriert, verarbeitet, um zu
Prognosen zu gelangen, wie sich der Markt durch die Einführung des
Testproduktes verändert und wie sich das Testprodukt darin behauptet.
Insbesondere werden der Marktanteil
des Testproduktes sowie die Marktanteilsverluste der existierenden Marken, die
durch die Einführung des neuen Produktes bewirkt werden (Substitutionseffekte),
geschätzt. Damit lassen sich auch Kannibalisierungseffekte erkennen, falls der
Anbieter des Testproduktes bereits mit anderen Marken bzw. Produkten im Markt
vertreten ist. Das Bild wird durch diagnostische Informationen abgerundet,
mittels derer sich die prognostischen Ergebnisse erklären lassen und die
gegebenenfalls zur Verbesserung der Marketing-Konzeption genutzt werden können.
Hierzu gehören Stärken/Schwächen-Analysen, Positionierungsanalysen,
Präferenzanalysen, Segmentierungsanalysen sowie Likes & Dislikes.
Die Grundstruktur des Modells, das der Schätzung des
Marktanteils für das Testprodukt zugrunde liegt, entspricht dem bekannten
Modelle von Parfitt/Collins (Parfitt,
/Collins, 1968).
Varianten des Grundmodells wurden zum Testen von
Relaunch-Produkten und Line-Extensions, für völlig neuartige Produkte (die neue
Märkte begründen) oder für die simultane Einführung mehrerer neuer Produkte
entwickelt. Ergänzende Erhebungen und Analysen sind erforderlich, wenn
Auswirkungen von Preisänderungen geschätzt werden sollen (Erichson,
B./Börtzler, K. L. 1992).
In Europa werden außer TESI
(GfK) folgende Verfahren angeboten: QUARTZ
(Nielsen), MICROTEST (Research
International, in Deutschland IVE), BASES
(Burke International) und DESIGNOR
(Novaction). DESIGNOR ist identische mit dem in den USA führenden Verfahren ASSESSOR (Silk, A.
J./Urban, G. L. 1978), das sich dort inzwischen im Besitz der Firma
IRI befindet. Eingeleitet wurde die Entwicklung der Testmarktsimulation durch
den Laboratory Test Market von Daniel Yankelovich (New York) in den
1970er-Jahren, der wiederum auf dem Theatertest
von Horace Schwerin, einem
Werbemitteltest aus den 1950er-Jahren, basiert.
Die praktische Anwendung des STM erstreckt sich, wie auch die
der anderen Testmarktverfahren, primär auf Verbrauchsgüter des täglichen
Bedarfs. Getestet wird immer das fertige Produkt inklusive Packung, Preis und
Werbung im Umfeld aller konkurrierenden Marken. Nicht erfassen lassen sich Variationen
des Werbedrucks oder Verkaufsförderungsmaßnahmen am PoS. Natürlich kann auch
die Akzeptanz des Produktes beim Handel nicht getestet werden, wofür aber auch
die anderen Testmarktverfahren nicht oder wenig geeignet sind.
Der STM erlaubt auch Anwendungen, die ansonsten nicht möglich
oder wirtschaftlich kaum vertretbar wären. So kann ein Anbieter auch das neue
Produkt eines Konkurrenten testen, z.B. wenn dieses im Testmarkt erhältlich
ist, um so seine Gegenmaßnahmen besser planen zu können. Er kann auch
zahlreiche alternative Produkte testen oder die Auswirkungen einer Elimination
von Produkten untersuchen.
Durch zahlreiche Anwendungen ist das Vertrauen in die
prognostische Validität der Testmarktsimulation gefestigt worden Urban, G.
L./Katz, G. M. 1983). In bestimmten Fällen aber kann die Validität
eingeschränkt sein. So ist in der Kaufsimulation die Preisempfindlichkeit z.T.
schwächer als in der Realität, während Prestige und/oder sozialer Druck sich
stärker auswirken. Generell ist die Validität umso höher, je bessert sich der
relevante Markt für das neue Produkt abgrenzen lässt und je höher die
Kauffrequenz in diesem Markt ist. Es existieren aber auch Ansätze, den
Anwendungsbereich der Testmarktsimulation auf langlebige Güter zu erweitern, so
z.B. auf Autos (Urban, G.
L./Hauser, J. R./Roberts, J. H. 1990; Urban, G.
L./Hulland, J. S./Weinberg, B. D. 1993).
Gegenüber allen anderen Testmarktverfahren besitzt der STM
erhebliche Vorteile hinsichtlich
Kosten und Schnelligkeit der Durchführung. Er ist auch das einzige Verfahren,
das eine Geheimhaltung des Testproduktes vor der Konkurrenz ermöglicht.
Überdies besitzt er ein größeres diagnostisches Potenzial als andere Verfahren.
Ein weiterer Vorteil, der mit der zunehmenden Internationalisierung des
Marketing an Bedeutung gewonnen hat, ist die nahezu unbegrenzte zeitliche und
räumliche Verfügbarkeit. Eine Testmarktsimulation kann ohne allzu große
Schwierigkeiten in jedem Land durchgeführt werden, da keine Abhängigkeit von
der dortigen Infrastruktur besteht. So erfolgt z.B. ein Großteil aller
Anwendungen von TESI im Auftrag deutscher Hersteller im Ausland. Ein aktuelles
Anwendungsfeld betrifft dabei die Überprüfung der Globalisierung von Markenstrategien
(Morwind, K.
1992).
XI. Vergleich und
Ausblick
Tab. 1 gibt einen
vergleichenden Überblick über die drei wichtigsten Testmarktverfahren für neue
Produkte, den Regionalen Testmarkt, den Elektronischen Testmarkt und den
Simulierten Testmarkt. Dabei werden noch einmal die gravierenden Probleme des
Regionalen Testmarkts deutlich. Seine Größe und Schwerfälligkeit drängen die
Assoziation zu einem Dinosaurier auf, der vom Aussterben bedroht ist. Kleinere
und raffiniertere Instrumente, die auf elektronischen Technologien und
wissenschaftlichen Methoden aufbauen, werden dagegen die Zukunft dominieren.
Eines aber wird sich nicht ändern: Die Reaktionen von Konsumenten werden immer
eine zentrale Rolle spielen.
Tab. 1: Vergleich von Testmarktverfahren
Literatur:
Nielsen GmbH, A.C. : Testmarketing –
Von der Produktidee bis zum Relaunch, Frankfurt a.M. 1993
Nielsen GmbH, A.C. : QUARTZ – Der
simulierte Testmarkt von Nielsen, Frankfurt a.M. 1994
Achenbaum, A. A. : Market Testing, in:
Handbook of Marketing Research, hrsg. v. Ferber, R., New York 1974, S.
4/31 – 4/54
Booz, Allen & Hamilton Inc., : Management
of New Products, Chicago/Ill. 1968
Booz, Allen & Hamilton Inc., : New
Products Management for the 1980\'s, New York 1982
Brockhoff, K. : Produktpolitik, 3. A.,
Stuttgart et al. 1993
Burke, : BASES – Ein valides
Absatzprognosesystem für innovative Produkte, Sortimentserweiterungen und
Neupositionierungen, o.O. 1989
Cadbury, N. D. : When, where, and how
to test market, in: HBR, 1975, May – June, S. 96 – 101
Crawford, C. M. : Marketing Research
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Erichson, B. : Ermittlung von
Kaufwahrscheinlichkeiten durch Logit-Analysen, in: Angewandte
Prognoseverfahren, hrsg. v. Schwarze, J., Herne et al. 1980, S. 165 – 188
Erichson, B. : TEST: Ein Test- und
Prognoseverfahren für neue Produkte, in: Marketing-ZFP, 1981, S. 201 – 207
Erichson, B. : TESI: Prediction and
Diagnosis for new Products, Seminar für Angewandte Betriebswirtschaftslehre,
Ruhr Universität, Bochum 1987
Erichson, B./Börtzeler, K. L. :
Laboratory Price Response Measurement in Testing New Products, ESOMAR Seminar
on New Technologies for Marketing Decisions, S. 29 – 48, Rotterdam 1992
Eskin, G. J. : Dynamic Forecasts of
New Product Demand Using a Depth of Repeat Model, in: JMR, 1973, S. 115 – 129
Fourt, L. A./Woodlock, J. W. : Early
Prediction of Market Success for New Grocery Products, in: JM, Nov. 1960, S.
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