Inhaltsübersicht
I. Managementphilosophie
als Grundlage für Managementhandeln
II. Managementtrends
I. Managementphilosophie
als Grundlage für Managementhandeln
1. Begriff und Grundlagen
Managementphilosophie ist „ die Gesamtheit der (auch
unbewussten) Einstellungen, (Vor-)Urteile und Wertorientierungen des
Managements über managementrelevante Realitätsausschnitte; sie bildet die normative
Grundlage für Managementhandeln “ (Staehle,
Wolfgang/Sydow, Jörg 1992, Sp. 1288). Eine Managementphilosophie
hilft, im Unternehmenskontext philosophische Fragen zu klären: Sie definiert erstens, was als Wahrheit erachtet wird,
legt zweitens fest, welche Fragen zu
stellen und welche auszublenden sind und beschreibt drittens das Wertesystem, das dem Handeln als Wegweiser zugrunde
liegt (Stover, Carl
F. 1958).
Verwandte Begriffe sind Managementkonzept, -leitlinien und
-politik und Führungsphilosophie. Gemeinsames Kennzeichen ist, dass inhaltliche
Vorgaben zur Planung,
Führung und Organisation
von Unternehmen bereitgestellt werden. Bei hoher Übereinstimmung von
Managementphilosophie im Management wird auch von Unternehmensphilosophie –
oder alternativ – von dominanter Logik gesprochen (Prahalad,
Coimbatore K./Bettis, Richard A. 1986).
Die Managementphilosophie umfasst individuelle und geteilte
Einstellungen sowie kognitive Karten. Letztere können auch als
„ Referenzrahmen “ , „ mentale Modelle “ oder „ Alltagstheorien “ bezeichnet werden.
Der Referenzrahmen einer Managementphilosophie beinhaltet Ist- und
Soll-Vorstellungen als Technik-, Organisations- und Menschenbilder (Staehle,
Wolfgang/Sydow, Jörg 1992). Implizit verwendeten ( „ theories in use “ ) stehen explizit geäußerte Alltagstheorien ( „ espoused
theories “ ) wie Missions- und Visions-Statements, Kodizes für Corporate
Governance und Führungsgrundsätze gegenüber (Argyris,
Chris/Schön, Donald A. 1978). In Ergänzung zur
Unternehmungsstrategie enthalten sie überdauernde sowie weniger klar fassbare
Ziele bzw. Werte-Statements (Collins,
James C./Porras, Jerry L. 1994). Dabei hat eine Managementphilosophie
den teilweise widersprüchlichen
Forderungen wichtiger unternehmensinterner und -externer Anspruchsgruppen zu
genügen (Barnard,
Chester I. 1938).
Getragen wird eine
Managementphilosophie prinzipiell von allen Personen im Unternehmen, d.h.
sowohl vom Management (Organisationsteilnehmern, die in einer Unternehmung mit
Weisungsbefugnissen ausgestattet sind) als auch vom Nicht-Management. Geprägt und inhaltlich festgelegt wird
eine Managementphilosophie in erster Linie durch die obersten Führungsebenen
mit normativer Kompetenz: Eigentümer, Top
Management (Vorstand) und – je nach Ausgestaltung der Corporate
Governance (Unternehmensverfassung) – Aufsichtsrat
werden auch als dominante Koalition bezeichnet (Prahalad,
Coimbatore K./Bettis, Richard A. 1986). Normative Kompetenz
beinhaltet „ sensemaking “ als Sinnsuche ( „ irrational, meaning looking man “ , vgl.
Peters,
Tom/Waterman, Robert H. 1982) und Sinnvermittlung ( „ figurehead “ ,
vgl. Mintzberg,
Henry 1980; Weick, Karl
E. 1995).
2. Stand der Diskussion
In der Frühphase der Beschäftigung mit Managementphilosophie
postulierten Autoren ihre persönlichen Glaubenssätze als „ Philosophie “ , wie
eine Unternehmung zu steuern sei, wie sich deren Mitglieder zu verhalten haben
und welche Ideale anzustreben seien (Sheldon,
Oliver 1923; Barnard,
Chester I. 1938, vgl. als Übersicht Litzinger,
William D./Schaefer, Thomas E. 1966). Ethisch-moralische
Implikationen wurden diskutiert und allgemein gültige Normen moralisch guten
Managements gesucht (z.B. Selekman,
Benjamin 1959). Der normative Charakter ( „ normatives Management “ , Ulrich, Hans
1981) wird noch heute als zentral angesehen (Kirkeby, Ole
F. 2000).
Managementphilosophie als Metapher ( „ Management ist
Philosophie “ ) weist im wissenschaftlichen Diskurs auf die Bedeutung der
Philosophie zur Klärung von Fragen des Managements hin. Als ein Frühwerk einer
Anwendung von Utilitarismus und Stoizismus gelten Leys\' Überlegungen (Leys, Wayne
A. R. 1952). Aktuelle Beiträge im wissenschaftlichen Diskurs
behandeln ontologische Positionen wie Realismus und Konstruktivismus (z.B. Mir,
Raza/Watson, Andrew 2000) oder philosophische Grunddisziplinen wie
Moralphilosophie (z.B. Singer, Alan
E. 1994), Epistemologie und Logik (z.B. Bronn, Carl
1998).
In der Praxis nimmt die Zahl philosophisch betitelter
Tatbestände im Unternehmen wie Planungs-, Marketing-, E-Commerce- und
Organisationsphilosophie zu. Gewisse Unternehmensphänomene überschreiten eine
Art „ Philosophieschwelle “ : Zur Kennzeichnung ihrer Komplexität werden sie mit
dem Label „ Philosophie “ versehen. Die unerkannt inhaltslose Verwendung dieses
Labels (\'tote Metapher\') ersetzt hier fehlendes theoretisches Fundament.
3. Bedeutung für das Managementverhalten
Managementphilosophie erfüllt für das Management zwei
Funktionen: Erstens die Komplexitätsreduktions- und Interpretationsfunktion und
zweitens die Legitimationsfunktion.
Die Komplexitätsreduktions-
und Interpretationsfunktion ermöglicht dem Management, selbst in
unsicheren, mehrdeutigen und komplexen Entscheidungssituationen handlungsfähig
zu bleiben und Unternehmen zu steuern. Dazu wird die komplexe
Managementrealität erstens konstruiert
( „ enacted “ ) (Weick, Karl
E. 1979). Zweitens ist wegen der beschränkten
Informationsverarbeitungskapazität des Managements eine Selektion der als relevant erachteten Managementrealität notwendig.
Managementphilosophien üben hinsichtlich der externen und internen Kontextfaktoren
diese Filter-, Bewertungs- und Auswahlfunktion aus. Das Management betrachtet
und beurteilt Probleme im Unternehmen primär nach Maßgabe seiner durch den
Referenzrahmen gefilterten Wahrnehmung und leitet daraus Entscheidungen sowie
Handlungsfolgen ab.
Die Legitimationsfunktion ermöglicht dem Management,
Handlungsfolgen gegenüber Handlungsbetroffenen zu legitimieren (Alvesson,
Mats 1987). Die Legitimierung entsteht durch die in der
Managementphilosophie gerechtfertigten bestehenden Machtstrukturen und -rollen
(Staehle,
Wolfgang/Sydow, Jörg 1992). Die Managementphilosophie erleichtert
die Sozialisation für Managerrollen
und Managerverhalten und verringert somit
Entscheidungsunsicherheiten.
II. Managementtrends
1. Begriff und Grundlagen
Managementkonzepte liefern strukturierende Präskriptionen zur
Gestaltung von Unternehmen(steilen) und Vorgehensweisen zur Problemlösung.
Managementtrends sind Managementkonzepte, die zu einem Zeitpunkt den
öffentlichen Management-Diskurs prägen (Teichert,
Thorsten/Talaulicar, Till 2002). Sie sind als Summe kollektiven
Verhaltens durch bestimmte zeitliche Muster aufeinander folgender Wachstums-
und Verfallskurven der Aktualität geprägt (Abrahamson,
Eric 1996; Kieser,
Alfred 1996). Aufgrund ihres glockenförmigen Verbreitungsmusters
sowie ihrer oft zyklischen Abfolge werden Managementtrends auch – mitunter
despektierlich – als Moden tituliert (z.B. Management by
Objectives; Outsourcing
und Insourcing; Prozessorganisation;
Qualitätsmanagement). Die Metapher „ Management ist Mode “ wird herangezogen, um
die fehlende Substituierung bzw. das „ Oberflächliche “ der Mode zu thematisieren
(Simmel, Georg
1957). Zu unterscheiden sind jedoch Präsentationsebene und inhaltlicher Kern
von Managementkonzepten.
Die Präsentationsebene ist durch Schlagwort und Argumentation
geprägt. Die Funktion des Schlagworts ( „ buzzword “ ) kann von der Erzeugung von
Aufmerksamkeit, Abbau von Kommunikationsbarrieren bis zum Schaffen einer
„ Kontrollillusion “ reichen (Kieser,
Alfred 2001). Besondere Eignung kommt Metaphern wie
„ Zeltorganisation “ zu, die Assoziationsketten auslösen. Der Argumentations- und
Erzählstil ist durch Beispiele, Abbildungen, Personifizierungen und Dramaturgie
geprägt. Unschärfe in der Argumentation wird als Vorteil angesehen, da diese
anregt, eine fehlende Fundierung nicht offensichtlich und die Notwendigkeit der
Beratung unterstrichen wird (Huczynski,
Andrzej A. 1993).
Als inhaltlicher Kern von Managementkonzepten wird deren
visionärer, handlungsleitender Gehalt identifiziert (Swanson,
Burton E./Ramiller, Neil C. 1997). Eine Modellreduktion auf wenige
Einflussgrößen (Beispiel: Erfahrungskurve) hilft, unstrukturierte Probleme und
Lösungsansätze in standardisierte Formen zu überführen. Diese „ commodification “
kommt dem Anwenderbedürfnis nach allgemein gültigen Paketlösungen nach und
fördert die oft wenig reflektierte, branchenübergreifende Diffusion (Abrahamson,
Eric 1991). Prominente Beispiele sind japanische Organisationstechniken,
die losgelöst vom kulturellen Kontext auf westliche Unternehmen überführt
wurden.
2. Stand der Diskussion
In der betriebswirtschaftlichen Reflexion erfahren
Managementtrends verstärkt in den 1990er-Jahren eine Thematisierung.
Ausgangspunkt bildeten Beobachtungen, nach denen normativ-rationale
Diffusionsmodelle nur unzureichend die Verbreitung von innovativen
Managementkonzepten erklären (Abrahamson,
Eric 1991; Abrahamson,
Eric 1996). Es gilt zu klären, weshalb sich solche Innovationen auch
bei mangelnder objektiver Vorteilhaftigkeit bei einem großen Anwenderkreis
verbreiten.
Angebotsorientierte Erklärungsmodelle betonen den Einfluss
Externer bei der Trenddiffusion. Anbieter nutzen Informationsasymmetrien bezüglich
Konzepteffekten sowie Umsetzungserfordernissen für sich und verursachen einen
„ suchtförmigen “ Bedarf an Beratungsprojekten (Kieser,
Alfred 2001). Besondere Aufmerksamkeit erfahren \'Management-Gurus\' –
seien dies Hochschullehrer, Berater oder Manager. Thematisiert wurden deren
Qualitäten (Clark,
Timothy/Salaman, Graeme 1998) sowie zu erfüllende Rhetorik-Elemente
(Furusten,
Staffan 1999). Hervorgehoben werden Emotionalisierungen durch
Schüren kollektiver Angst und Hoffnung auf sofortige, umfassende
Managementlösungen (Berglund,
Johan/Werr, Andreas 2000).
Den angebotsorientierten Erklärungsmodellen ist
entgegenzuhalten, dass Manager nicht nur passive Konsumenten sind, sondern aktiv
beim „ agenda-setting “ mitwirken. Nachfrageorientierte Erklärungsmodelle betonen
die Eigenständigkeit des Managements. Eine frühe Konzeptanwendung kann im Sinne
einer „ ride the herd “ -Strategie (Ghemawat,
Pankaj 2002, S. 74) als Signal des Machertums genutzt werden. Eine
spätere Konzeptanwendung ( „ hide in the herd “ ) kann dem risikoaversen Management
zur Verringerung seiner Verantwortung
dienen, weil die Zurechnungsmöglichkeit negativer Konsequenzen
( „ accountability “ ) abnimmt (Tetlock,
Philip E./Lerner, Jennifer S. 1999) und Fehlschläge auf prominente
Vertreter des Konzepts fremd attribuiert werden können.
3. Adaption und Verbreitung
Die Nachfrage nach Konzeptanwendungen ist geprägt durch
Unsicherheit und Informationsasymmetrie im Vorfeld sowie durch eingeschränkte
Möglichkeit zur ex-post Ergebnisbewertung. Beschränkte Rationalität
in Situationen hoher Unsicherheit fördert Beobachtungslernen und Herdendynamik
(Banerjee,
Abhijit 1992). Die auch der klassischen Diffusionsforschung (Rogers,
Everett M. 1995) zugrunde liegenden „ Bandwagon “ -Effekte kennzeichnen
Diffusionsprozesse, in denen der Adoptionsdruck mit der Zahl bisheriger
Adaptoren steigt. Auf Rationalität basierende Erklärungsmodelle führen diese
Eigendynamik auf positive Externalitäten zurück (Katz, Michael
L./Shapiro, Carl 1985). Neoinstitutionalistische Ansätze begründen
Konzeptanwendung in vorangeschrittenen Diffusionsphasen als konformes Verhalten
zu institutionellen Normen zum Zweck der Kommunikationswirkung gegenüber
organisationalen Stakeholdern. So können zunächst rationale Adoption, mit
zunehmender Legitimität hingegen undifferenzierte Anwendungen resultieren.
Exponiertheit und soziale Einbettung verstärken den institutionellen Druck zur
Konzeptanwendung (z.B. ISO-9000-Zertifizierung).
Herdenverhalten (Lux, Thomas
1995) erklärt die Verbreitung von Innovationen als Folge von
Ansteckungseffekten. Diese resultieren durch Kontakte zu früheren Adaptoren,
Wettbewerb strukturell äquivalenter Akteure, Druck durch mächtige
Austauschpartner und Konformitätsstreben zu populären oder normativen
Praktiken. Sie werden bei hohem Ausmaß andauernder sozialer Beziehungen (Coleman,
James S./Katz, Elihu/Menzel, Herbert 1966) und bei einseitig
positiver Berichterstattung über Erfolge (Conell,
Carol/Cohn, Samuel 1995) verstärkt. Entscheidungen über das
Fallenlassen beruhen hingegen stärker auf unmittelbaren eigenen Erfahrungen (Burns,
Lawton/Wholey, Douglas 1993). Diese gegensätzliche Dynamik in Früh-
und Spätphase der Konzeptverbreitung führt zu Wellen der Adoption und Aufgabe:
Anstelle stabiler isomorpher Gleichgewichte resultieren „ faddish cycles “ (Strang,
David/Macy, Michael W. 2001).
Bewähren sich Aspekte des inhaltlichen Kerns von
Managementtrends in Anwendungsprojekten, können sie als Bestandteil in
Managementphilosophien eingehen. Es ist zu beachten, dass der intellektuelle
Kern im Gegensatz zu physischen Produkten – und auch im Gegensatz zum
Schlagwort – bei seiner Übertragung und Verbreitung nicht unverändert bleibt.
Kommunikation, Adoption und Anwendung führen auch zu unbeabsichtigten
Interpretationen. Implementierungen werden mit bereits existierenden Praktiken
verknüpft und ergeben spezifische, vom inhaltlichen Kern abweichende,
Lösungsansätze. Der Begriff von „ Moden im Management “ negiert solche
Lerneffekte der praktischen Erprobung. Es ist angezeigt, die Verbreitung von
Managementkonzepten als evolutionären Wandel im Sinne kumulativer Lernprozesse
(Evolutionstheoretischer Ansatz) und nicht anhand idealisierter
linear-sequenzieller Diffusion zu verstehen.
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