Inhaltsübersicht
I. Lerneffekte
in der industriellen Fertigung und die Erfahrungskurve
II. Die
Erfahrungskurve als Modell für Lern- und Erfahrungseffekte
III. Empirische
Ergebnisse und Anwendungen der Erfahrungskurve
I. Lerneffekte in der
industriellen Fertigung und die Erfahrungskurve
1. Lern-
und Erfahrungskurve
Die wiederholte Durchführung eines beherrschbaren
(Herstellungs-) Prozesses birgt die Chance, den für seine Anwendung notwendigen
Ressourcenverbrauch aufgrund der gewonnenen Erfahrungen zu senken. Insbesondere
wird man bei prozessbedingten manuellen Tätigkeiten erwarten, dass sich
Übungsgewinne einstellen (learning by doing, Argote,
L./Epple, D. 1990). Die wohl erste empirische Bestätigung für
diese Aussage im Rahmen der industriellen Fertigung findet sich bei Wright (Wright, T.P.
1936). Er kann für den Flugzeugbau empirisch zeigen, dass die
durchschnittlichen direkten Arbeitskosten pro Flugzeug (Lohnstückkosten) gemäß
einer Potenzfunktion in der Anzahl hergestellter Maschinen fallen (vgl. auch
den Zusammenhang zwischen Herstellungsdauern und Produktionsmenge im
Flugzeugbau bei Rohrbach, A.
1927, S. 65). Eine solche Beziehung zwischen dem z.B. als
Bearbeitungsdauer oder als Kostengröße gemessenen Arbeitsaufwand und einem Maß
für die Lernerfahrung (z.B. Länge des Produktionszyklus, Anzahl Wiederholungen
einer Tätigkeit) wird in der deutschsprachigen Literatur Lernkurve genannt (Mochty, L.
1996).
Wright stellt über den auf Übungsgewinnen beruhenden
Lerneffekt hinaus fest, dass eine wachsende Fertigungserfahrung auf die
durchschnittlichen gesamten
Stückkosten eine analoge Wirkung hat. Die Erfahrungskurve gibt in ihrer
einfachsten Fassung den Zusammenhang zwischen einem Maß für die Erfahrung, z.B.
der kumulierten Fertigungsmenge eines Produktes, und einer geeignet gewählten,
über die Lohnstückkosten hinausgehenden Kostengröße wieder. In der
englischsprachigen Literatur werden die Begriffe experience curve und learning
curve sowie u.a. progress curve allerdings oft synonym verwendet (anders Dutton,
J.M./Thomas, A. 1984; Horngren,
C.T./Foster, G./Datar, S.M. 2000, S. 344). Für die
Erfahrungskurve wird als Verlaufsform i. Allg. ebenfalls eine Potenzfunktion
angenommen.
2. Ursachen
des Erfahrungskurveneffekts
Als Ursachen für den fallenden Verlauf der Stückkosten
identifiziert bereits Wright neben den Übungsgewinnen u.a.
konstruktionsbedingte Änderungen des Herstellungsverfahrens (Verwendung anderer
Materialien und Teile, zunehmende Automatisierung, Substitution komplexer, einen
hohen Ausbildungsstand voraussetzender Tätigkeiten durch einfache
Arbeitsvorgänge usw.), die Standardisierung des Produkts, die
Rüstkostendegression sowie Lernkurveneffekte bei den Zulieferern, die
bezugspreissenkend wirken. Neben das unmittelbare learning by doing der am Fertigungsvorgang beteiligten
Arbeitskräfte treten also durch die gewonnene Herstellungserfahrung des
Unternehmens angestoßene Adaptionen z.B. im technischen oder planerischen
Bereich, die Hirschmann als mittelbares Lernen der Organisation interpretiert (Hirschmann,
W.B 1964). Die Literatur systematisiert die Ursachen für den
Erfahrungskurveneffekt, also die mit zunehmender Fertigungserfahrung fallenden
Stückkosten, gerne wie folgt (Lange, B.
1984; Wacker, P.-A.
1980, S. 58 ff.):
-
Lernkurveneffekt: Aufgrund von Lernprozessen der
objektbezogenen und der dispositiven Arbeit (Lernen der Organisation) sinken
die Lohnstückkosten bei steigendem kumuliertem Produktionsvolumen.
-
Technischer Fortschritt: Innovationen in der
Verfahrenstechnik mit tendenziell kapitalintensiverer Fertigungsweise und
Produktinnovationen, die einen höheren Standardisierungsgrad nach sich ziehen,
führen i. Allg. zu niedrigeren variablen Kosten pro Stück.
-
Rationalisierung: Die bislang genannten Ursachen
führen i.d.R. nicht automatisch zu einem kostensenkenden
Erfahrungskurveneffekt. Zur Wirkung gelangen sie erst durch gezielte
betriebliche Maßnahmen, zu denen speziell auch FuE-Aktivitäten im Produkt-
und Verfahrensbereich zu zählen sind (Prozess- und Produktinnovationen; vgl. Alberts, W.
1989 und Sinclair,
G./Klepper, S./Cohen, W. 2000).
-
Größeneffekte: Wachsende kumulierte Herstellungsmengen
können, z.B. über zunehmende Seriengrößen bei gleichbleibendem Rüstaufwand
pro Serie oder eine höhere Auslastung gegebener
Kapazitäten, zu einer Fixkostendegression führen. Lerneffekte bei den
Zulieferern und bestellmengenabhängige Bezugspreisminderungen tragen zu
günstigeren Einkaufsbedingungen bei.
Einen Überblick über Arbeiten, welche die Bedeutung dieser
ineinander greifenden Ursachen für den Erfahrungskurveneffekt empirisch
untersuchen, geben Dutton/Thomas (Dutton,
J.M./Thomas, A. 1984).
II. Die Erfahrungskurve als
Modell für Lern- und Erfahrungseffekte
1. Grundmodell
und Verlaufsvarianten
Lern- und Erfahrungskurven werden in der Literatur auf
gleiche Weise modelliert. Beispielsweise findet Wright als Zusammenhang
zwischen den (durchschnittlichen) Stückkosten k(×) und der kumulierten Ausbringung x bei Stückkosten in Höhe von k0 für die erste Produkteinheit (z.B. aus der
Nullserie) die Erfahrungskurve
Die Parameter – b,
die Elastizität der Stückkosten in Bezug auf die kumulierte Herstellungsmenge (Lange, B.
1984), und k0 sind dabei
aus den jeweiligen Daten empirisch zu bestimmen. So ermittelt Wright aus seinen
Flugzeugbau-Daten für b den Wert
0,322 und nennt die auf diese Weise spezifizierte Funktion k(×) eine 80 %-Kurve.
Diese Bezeichnung resultiert daraus, dass sich durch eine Erhöhung der
kumulierten Ausbringung auf ihr n-faches
die Stückkosten auf das n-b-fache
des Ausgangswertes reduzieren.
Die Stärke des Kostenrückgangs λ wird Lernrate genannt.
Für Verdopplungen von beliebigen Mengen x
ergibt sich gemäß der von Wright gefundenen Erfahrungskurve eine Senkung der
Stückkosten um den Faktor λ = 2-0,322 =
0,8, also eine Lernrate von 80% (Verdopplungsgesetz, Wright, T.P.
1936, S. 124 f.).
Eine alternative Darstellung der Erfahrungskurve (1) ergibt
sich, wenn man, beginnend mit der ersten hergestellten Produkteinheit, nur die
jeweils verdoppelte Ausbringung betrachtet, sich also auf den Zusammenhang
zwischen den Stückkosten und xm = 2m, m
= 0, 1, 2,..., beschränkt. Für diese Ausbringungsmengen lässt sich (1) wegen λ = 2-b in
umformen. Beobachtet man in zwei verschiedenen Zeitpunkten
die kumulierten Herstellungsmengen xm und xn, 0 < xm < xn , gilt
wobei der Exponent die Anzahl notwendiger Verdopplungen von xm angibt, um schließlich die Ausbringung xn zu erhalten. (4) ist auch für
Ausbringungsmengen richtig, die keine ganzzahligen Potenzen von zwei sind. In
diesem Fall ist der Exponent der Lernrate u.U. keine natürliche Zahl.
Im Zuge der empirischen Auseinandersetzung mit Lernkurven
wurde eine Reihe von Varianten zu der in der logarithmischen Darstellung
linearen Verlaufsform (1) vorgeschlagen (Yelle, L.E.
1979; Wacker, P.-A.
1980, S. 22 ff.). Die Wrightsche Erfahrungskurve ist durch eine konstante
Lernrate gekennzeichnet. U. U. wird es bei der Einführung eines neuen
Produktionsprozesses jedoch möglich sein, Lerneffekte von ähnlichen
Fertigungsverfahren oder Produkten zu übertragen. Die Standford-B-Kurve berücksichtigt diesen Aspekt durch eine in der
Anfangsphase abgesenkte Kostenreduktion (logarithmisch-konkaver Verlauf). Mit
zunehmender Fertigungserfahrung sinkende Lernraten modelliert die logarithmisch-konvexe Lernkurve. Weitere
Verlaufsformen sind u.a. das Plateau-Modell
(die Lernrate ist ab einer bestimmten Fertigungserfahrung gleich null) und die logarithmisch-S-förmige Kurve mit einem
zunächst konkaven, dann linearen und schließlich konvexen Verlauf (Kombination
der beschriebenen Effekte).
2. Durchschnittskurve,
Einheitskurve und Kostendefinition
Die Erfahrungskurve (1) wird in der Literatur in Form der
Durchschnitts- oder der Einheitskurve verwendet (Schneider, D.
1965; Horngren,
C.T./Foster, G./Datar, S.M. 2000, S. 344). Bei gleicher
Definition des Maßes für die Fertigungserfahrung (z.B. die kumulierte
Ausbringung) ist bei der Durchschnittskurve
(kD(×)) die abhängige Größe wie oben
als durchschnittliche Stückkosten zu interpretieren, während sie bei der Einheitskurve (kE(×))
den Stückkosten der letzten Produkteinheit entspricht (Marginalkosten). In
welcher Form (1) die Erfahrungseffekte besser beschreibt, hängt von der
jeweiligen betrieblichen Situation ab und kann daher nicht allgemein
entschieden werden. Bei der Anwendung oder dem Vergleich von empirischen
Studien sind aber die Unterschiede zwischen den beiden Konzepten zu beachten.
So sind die Gesamtkosten für x nach
der Durchschnittskurve gleich dem Produkt xkD(x), für die Einheitskurve ergeben sie
sich aus der Kumulation über die einzelnen Ausbringungsniveaus. Misst man die
Ausbringung etwa als kontinuierliche Größe, lauten die Gesamtkosten in diesem
Fall
Entsprechend sind die durchschnittlichen Stückkosten nach der
Einheitskurve gleich kD(x)/(1-b). Die Interpretation von (1) als Durchschnittskurve unterstellt
damit bei gleichen Parameterwerten eine stärkere Reduktion der Stückkosten der
jeweils letzten hergestellten Einheit als die Einheitskurve (vgl. das Beispiel
bei Horngren,
C.T./Foster, G./Datar, S.M. 2000, S. 345 f.).
Wright benutzt unterschiedliche inhaltliche Fassungen der
Kostengröße in (1) (Wright, T.P.
1936). Um den Lernkurveneffekt zu zeigen, interpretiert er k(×.) als durchschnittliche
Lohnstückkosten (kD(×.)).
Kostenartspezifische Erfahrungskurven leitet er ferner für die Materialkosten
(inkl. Abfall und Ausschuss) sowie für den (manufacturing)
overhead (inkl. Material- und
Fertigungsgemeinkosten) her. Wright verwendet seine Beobachtungen aber auch, um
mit Hilfe eines Vergleichs mit den Erfahrungskurveneffekten im Automobilbau die
Preisentwicklung und die Marktchancen von Flugzeugen zu prognostizieren. In
diesem Zusammenhang nutzt er eine Erfahrungskurve für die Summe dieser
Kostenarten. Damit deutet sich schon ein guter Teil des Rahmens an, innerhalb
dessen die nachfolgende Literatur nach geeigneten Definitionen der Kostengröße
in (1) sucht. Die wachsende Fertigungserfahrung etwa wirkt i. Allg. mit
unterschiedlicher Intensität auf die verschiedenen Kostenarten ein, die
kostenartspezifischen Erfahrungskurven weisen daher i.d.R. eine
unterschiedliche Lernrate auf (Wright, T.P.
1936; Day,
G.S./Montgomery, D.B. 1983; Lange, B.
1984). Umfasst k(×.) die Summe
einzelner Kostenarten, ist wegen des langen Betrachtungszeitraumes die
Berücksichtigung von Gemeinkostenanteilen und kurzfristig fixen Kosten üblich.
Allerdings verschärft sich im Zusammenhang mit Erfahrungskurveneffekten die
Zurechnungsproblematik solcher Kosten, wenn sich Zuschlagsbasen und
Verrechnungsgrößen wegen der kostenartspezifischen Kostenreduktionen verändern
(Day,
G.S./Montgomery, D.B. 1983; Lange, B.
1984).
Marktbedingte Faktorpreisvariationen können einen
erfahrungsbedingten Rückgang der Stückkosten verzerren. Day und Montgomery
schlagen daher vor, die Kosten extern bezogener Materialien nicht
einzubeziehen, falls sie einen bedeutenden Anteil an allen betrachteten Kosten
ausmachen und starken Preisschwankungen ausgesetzt sind (vgl. auch Henderson,
D.B. 1974; Sinclair,
G./Klepper, S./Cohen, W. 2000). Andererseits führen wachsende
Ausbringungsmengen auch bei den Zulieferern zu Erfahrungskurveneffekten, die
berücksichtigt werden sollten, wenn die Preisentwicklung eines Produktes im
Rahmen der strategischen Unternehmensplanung analysiert wird. Ähnlich wie die
erwähnten Preisschwankungen überlagert auch eine nachhaltige Geldentwertung
u.U. den Erfahrungskurveneffekt; Überlegungen zur Deflationierung der
betroffenen Daten finden sich z.B. bei Day/Montgomery und Lange (Day,
G.S./Montgomery, D.B. 1983; Lange, B.
1984). Wird die Erfahrungskurve wiederum im Kostenmanagement eingesetzt,
um gezielt Kostensenkungsmaßnahmen durchzuführen, sollten nur die vom
Unternehmen kontrollierbaren Kosten in die Definition von k(·) Eingang finden (Day,
G.S./Montgomery, D.B. 1983). Insgesamt zeigt sich, dass die
adäquate Fassung des Kostenbegriffs von der intendierten Anwendung der
Erfahrungskurve abhängig ist.
III. Empirische Ergebnisse
und Anwendungen der Erfahrungskurve
1. Empirischer
Befund
Wright nachfolgend ist eine große Zahl von empirischen
Untersuchungen zum Erfahrungskurveneffekt veröffentlicht worden (Wright, T.S.
1936, vgl. die Übersichtsartikel Yelle, L.S.
1979; Dutton,
J.M./Thomas, A. 1984 sowie Argote,
L./Epple, D. 1990). Ein großer Teil dieser Arbeiten
beschäftigt sich damit, die Parameter von Erfahrungskurven vom Typ (1) zu
schätzen. So untersucht Alchian schon relativ früh mittels regressionsanalytischer
Methoden typen- und fertigungsstättenspezifische Einheitskurven für
verschiedene Flugzeugtypen unterschiedlicher Hersteller. (Alchian, A.
1963). Erfahrungskurven wurden daneben im Schiffbau, im Automobilbau, für
die Papierherstellung, die Herstellung elektronischer Bauteile, die chemische
Industrie, im Dienstleistungsbereich usw. gefunden. Allerdings zeigt Alchian
auch, dass die typen- und fertigungsstättenspezifischen Lernraten sich deutlich
voneinander unterscheiden. Ferner führt nach seinen Ergebnissen die Verwendung
einer Industrielernkurve, die alle verfügbaren Daten für die verschiedenen
Produkttypen und Fabriken repräsentiert, gegenüber den spezifischen Lernkurven
zu erheblichen Verzerrungen der Kostenprognosen. Alchians Befund ist in der
Erfahrungskurvenliteratur vielfach bestätigt worden. Lernraten variieren mit
der Branche, mit dem Unternehmen, innerhalb eines Unternehmens für ein Produkt
mit der Fertigungsstätte und dem Fertigungsverfahren usw. (Yelle, L.E.
1979; Sinclair,
G./Klepper, S./Cohen, W. 2000). Eine Auswertung von mehr als 100
empirischen Studien durch Dutton/Thomas zeigt eine Streuung der gefundenen
Lernraten im Wesentlichen in einem Intervall von 55% bis 96% mit einem
Modalwert bei einer Lernrate von 80% (Dutton,
J.M./Thomas, A. 1984). Insbesondere der Umstand, dass
innerhalb eines Unternehmens bei dem gleichen Produkt in unterschiedlichen
Fertigungsstätten variierende Lernraten auftreten (z.B. Argote,
L.D./Epple, D. 1990) legt die Vermutung nahe, dass die
monokausale Erklärung der Kostenreduktion durch die kumulierte Ausbringung oder
ein gleichwertiges Maß für die Fertigungserfahrung in (1) zu kurz greift.
In der empirisch orientierten Literatur ist daher eine
Tendenz festzustellen, die kumulierte Ausbringung durch andere Erklärungsgrößen
zu ergänzen. Bezüglich der Lernkurveneffekte sind der Automatisierungsgrad
sowie der Planungsaufwand vor Beginn der Fertigung (Yelle, L.E.
1979), das Vergessen von Erfahrungen durch das Unternehmen
(organizational forgetting), der Personalwechsel und der Wissenstransfer zu
nennen (Argote,
L./Epple, D. 1990; Argote,
L./Beckmann, S.L./Epple, D. 1990; Darr,
E.D./Argote, L./Epple, D. 1995). Eine besondere Rolle spielen in
diesem Zusammenhang Einflussgrößen, die als betriebliche Umsetzung des
technischen Fortschritts zu interpretieren sind. So stellt Liebermann (Lieberman,
M.B. 1984) in seiner regressionsanalytischen Studie für die
chemische Industrie fest, dass neben dem kumulierten Output das Volumen der
Neuinvestitionen (vgl. auch Sheshinski,
E. 1967) und die FuE-Aufwendungen einen wichtigen Beitrag zur
Erklärung des Erfahrungskurveneffekts liefern. Adler/Clark weisen u.a. die
Bedeutung konstruktiver Veränderungen der Produkte nach (Adler,
P.S./Clark, K.B. 1991). In eine ähnliche Richtung deutet die
sehr gründliche Arbeit von Sinclair et al. (Sinclair,
G./Klepper, S./Cohen, W. 2000). Für ein Unternehmen der
kapitalintensiven chemischen Industrie gelingt es ihnen zu zeigen, dass die
ermittelten Erfahrungskurveneffekte auf die Durchführung von FuE-Projekten
zurückzuführen waren. Die Projekte änderten die Fertigungsverfahren, griffen
dabei aber nicht auf Fertigungserfahrungen zurück. Der Anreiz für die
Unternehmensführung, bestimmte Produkte für die FuE-Projekte auszuwählen, war
die kumulierte Ausbringung, die dem Management als Indikator für das künftige
Absatzvolumen diente. Die in den Erfahrungskurven erfasste Korrelation zwischen
den Stückkosten und der kumulierten Ausbringung war also nur scheinbar kausal
auf den Zuwachs an Fertigungserfahrung zurückzuführen.
2. Anwendungsgebiete
der Erfahrungskurve
Lernkurveneffekte beeinflussten zunächst die Prognose von
Kosten und Fertigungszeiten für die Kriegsproduktion von Flugzeugen und
Schiffen durch die U.S.-Regierung. Verwandte Anwendungen finden sich in
Kostenrechnung und -management. Zu nennen sind die Berücksichtigung der
Erfahrungskurve in der Kostenplanung,
der Abweichungsanalyse, der Break-Even-Analyse
(Yelle, L.E.
1979; Coenenberg,
A.G. 1999, S. 209 f.) oder im Target
Costing (Betz, S.
1995). Stark popularisiert wurde das Konzept in den 70er-Jahren des
letzten Jahrhunderts durch die Boston Consulting Group (Henderson,
B.D. 1974; Yelle, L.E.
1979), die aus Industriepreiskurven (die Rolle der abhängigen Variablen
in (1) übernimmt der durchschnittliche Preis in einer Branche) Empfehlungen für
die strategische Unternehmenspolitik ableitete. Insbesondere ist das Streben
nach einem dominanten Marktanteil zu nennen, der wegen der im Vergleich zu den
Konkurrenten großen Ausbringungsmenge durch den Erfahrungskurveneffekt zu
niedrigen Stückkosten und hoher Profitabilität führt (Hedley, B.
1976, Portfoliomodelle).
Vor dem Hintergrund des oben referierten empirischen Befunds ist die
Aussagekraft von Industiepreiskurven allerdings kritisch einzuschätzen. Ferner
erscheint die Kausalität zwischen dem Wachsen der Ausbringung und dem Sinken
der Stückkosten, die z.B. der zitierten Strategieempfehlung zugrunde liegt,
fragwürdig (Alberts, W.W.
1989). Verstärkt werden diese Zweifel durch die empirisch nachweisbare
Bedeutung des spillover-Lernens von
konkurrierenden Unternehmen (Jarmin, R.S.
1994). Allgemein wäre ein Einsatz von Erfahrungskurven eines Unternehmens
in der strategischen Planung insbesondere vor dem Beginn der Fertigung des
betrachteten Produkts nützlich. Der empirische Befund zeigt aber den produkt-
und fertigungsstättenspezifischen Charakter der Erfahrungskurve, sodass die
Schätzung ihrer Parameter nur aus der schon angelaufenen Fertigung stammen kann
(Schneider, D.
1965; Zangwill,
W.J./Kantor, P.B. 2000).
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