Inhaltsübersicht
I. Grundbegriffe
und Systematisierung des Hedging
II. Arten
und Motive des Hedging
III. Hedging
als Teil des Risikomanagements
I. Grundbegriffe und
Systematisierung des Hedging
1. Grundbegriffe des Hedging
Im Sprachgebrauch des Risikomanagements versteht man unter
Hedging die Risikoreduktion oder vollständige Risikoeliminierung einer offenen
Position (Grundgeschäft), z.B. einer Kassaposition in Wertpapieren. Das Risiko
wird dabei als Höhe des Verlustes aufgrund von Preisänderungen aufgefasst (Steiner,
M./Meyer, F. 1993). Das Collins Dictionary erklärt das Verb hedge
als: „ to protect against loss through future price fluctuations as by investing
in futures “ .
Weiter gefasst lassen sich nach Ederington drei Zielsetzungen des Hedging unterscheiden (Ederington, L
.H. 1979):
1.
Hedging zur Risikoreduktion/Risikoeliminierung (Working, H.
1953),
2.
Hedging zum Erzielen von Basisgewinnen,
3.
Portfolio Hedging (Johnson,
L.L. 1960; Stein, J.
L. 1961).
Die gewünschte Risikoreduzierung
bzw. Risikoeliminierung könnte am einfachsten dadurch erfolgen, dass die
betroffene Position zum aktuellen Marktpreis P verkauft und der Erlös risikolos investiert wird. Beim Hedging
geht man jedoch davon aus, dass das Grundgeschäft aufrechterhalten bleiben soll
und durch ein geeignetes Gegengeschäft F
(Sicherungsgeschäft) eine negative
Preisentwicklung der Gesamtposition aus beiden Geschäften vermieden oder
verringert werden soll.
Hedging zum Erzielen
von Basisgewinnen wird hingegen durchgeführt, wenn der Hedger damit
rechnet, dass sich die Basis B als
Differenz aus Terminkurs F und
Kassapreis P des zu hedgenden
Instruments ändert. Dies ist möglich, wenn die Größen F und P nicht vollständig
korreliert sind.
In Anlehnung an die Portfolio
Selection spricht man von Portfolio
Hedging, wenn das Risiko eines Portfolios durch optimale Kombination von
Kassa- und Terminpositionen minimiert werden soll. Dabei wird unterstellt, dass
die Marktteilnehmer für ihre Hedgingentscheidungen die erwartete Rendite und
das erwartete Risiko in Form der Varianz bzw. Standardabweichung der Renditen
verwenden. Eine risikominimale Kombination von Kassa- und Terminposition ist
als optimale Hedge Ratio h* gegeben, wenn das gewählte Verhältnis
von zu verkaufenden Terminkontrakten zu Kassainstrumenten die Varianz der
Portfoliorendite minimiert. Die Hedge Ratio h
wird entweder analytisch oder über lineare Einfachregression aus den
historischen Renditen des Kassa- und Termininstruments bestimmt (Ederington, L
.H. 1979). In diesem Fall entspricht die risikominimale Hedge Ratio
dem negativen Regressionskoeffizienten, d.h. h* = – β. Das negative Vorzeichen gibt an, dass eine
gegenläufige Position eingegangen wird.
2. Systematisierung des Hedging
a) Cash Hedge und Anticipatory Hedge
Das Grundgeschäft ist üblicherweise eine Kassaposition,
während als Gegengeschäft ein Termingeschäft (Forwardkontrakt) oder ein
Optionskontrakt angenommen wird. Dieser Fall wird als Cash Hedge bezeichnet.
Allerdings können durch Hedging auch Risiken reduziert werden, indem
Terminkontrakte als temporärer Ersatz für später ohnehin fällige Verträge
abgeschlossen werden (Spremann, K.
1986). Damit werden die Risiken aus zukünftig erforderlichen Kassageschäften
ebenfalls reduziert oder eliminiert; Beispiele sind etwa die Unsicherheit über
künftige Erzeugungsmengen oder Verkaufspreise, die Wechselkursschwankungen bei
Exportgeschäften oder Zinsschwankungen bei der Emission festverzinslicher
Titel. Man spricht in diesem Fall von einem Anticipatory Hedge.
b) Long Hedge und Short Hedge
In beiden vorgenannten Fällen kann danach unterschieden
werden, ob das Grundgeschäft eine Bestandsposition (long position) oder eine
Verpflichtung (short position) darstellt. Üblicherweise handelt es sich beim
Cash Hedge um die Absicherung einer Bestandsposition, der eine short position, also ein Verkauf von
Terminkontrakten gegenübergestellt werden muss. Man bezeichnet dies als einen Short Hedge. Ist das Grundgeschäft
jedoch eine Verpflichtung, z.B. zur Zahlung eines gegebenen Betrages in
Fremdwährung, so kann dieses durch einen Long
Hedge, z.B. den Kauf einer entsprechenden Anzahl (long position) von Forward-Kontrakten abgesichert werden.
c) Mikro Hedge und Makro Hedge
Ein Mikro Hedge liegt vor, wenn für jede Position aus
Grundgeschäften (z.B. Bestandspositionen eines Handelsbuches) eine gegenläufige
Hedge Position aufgebaut wird. Die Aufrechnung von bereits bestehenden long und
short Positionen in den Grundgeschäften unterbleibt hierbei. Beim Makro Hedge
werden zunächst die einander in Art und Laufzeit entsprechenden long und short
Positionen gegeneinander gestellt (netting)
und lediglich der jeweilige Überhang abgesichert.
d) Pure Hedge und Cross Hedge
Damit sich die Preisentwicklung des Grund- und
Absicherungsgeschäfts möglichst ausgleichen, ist eine hohe Korrelation beider
Geschäfte vorteilhaft. Das benötigte negative Vorzeichen der Korrelation kann
durch eine entsprechende Gestaltung der Absicherungsposition (long oder short)
erzeugt werden. Ein Pure Hedge ist gegeben, wenn das Grundgeschäft und das
Underlying des Termingeschäfts in der Art übereinstimmen (z.B. DAX-Portfolio
und DAX-Futures Kontrakt an der EUREX) oder Kassa- und Terminpositionen im Devisenhandel
und somit eine hohe Korrelation zwischen Kassapreis P und Forward-/Futurespreis F
vorliegt. Die Basis B = F – P
verläuft damit nahezu deterministisch, d.h. ein Basisrisiko existiert kaum.
Da häufig das Grundgeschäft nicht mit einem übereinstimmenden
Termingeschäft abgesichert werden kann (z.B. Portfolios in einer
Zusammensetzung, die nicht dem DAX entspricht), muss auf Gegengeschäfte
ausgewichen werden, die in wesentlichen Merkmalen abweichen, deren Preise sich
aber dennoch möglichst gleichlaufend entwickeln (Cross Hedge). Das Risiko einer
negativen Preisentwicklung P wird
somit durch ein nicht mehr geringes Basisrisiko
B = F – P eingetauscht. Bei positiver Korrelation zwischen F und P wird das Gesamtrisiko jedoch auf jeden Fall verringert.
e) Statischer Hedge und Dynamischer Hedge
Bezüglich des Zeitpunkts zu dem das Grundgeschäft abgesichert
werden soll, unterscheidet man danach, ob dieser Zeitpunkt fest gegeben ist
(Statischer Hedge, Starker Hedge),
oder ob während einer vorgegebenen Haltedauer eine Risikoabsicherung gegeben
sein soll (Dynamischer Hedge, Schwacher
Hedge). Im zuerst genannten Fall wird die Laufzeit des Gegengeschäfts
möglichst exakt an den gewünschten Absicherungszeitpunkt T angepasst. Beim theoretischen Fall des Dynamischen Hedges wird zu
jedem denkbaren Zeitpunkt während einer Haltedauer der Hedge risikooptimal
angepasst. Beim in der Praxis anzutreffenden Schwachen Hedge wird eine Reihe
kürzerer Hedges (z.B. täglich, wöchentlich) nacheinander gebildet.
II. Arten und Motive des
Hedging
1. Die klassische Ausgangssituation
Die Situation, in der ein Hedge als Risikoabsicherung
benötigt wird, sei nun wie folgt beschrieben: Zu einem gegebenen Zeitpunkt t sollen die Preisrisiken, die aus dem
Verkauf (der Beschaffung) einer Position zu einem künftigen Zeitpunkt T zum dann gültigen Marktpreis PT entstehen, verringert werden. Dabei scheidet
ein sofortiger Verkauf (ein Kauf) zum bekannten Marktpreis Pt aus. Vielmehr steht in t ein Terminkontrakt F
zur Verfügung, der auf dem Terminmarkt zum bekannten Preis k gehandelt wird und in T
zur Lieferung des jeweiligen Objekts (Underlying)
führt. Beim Pure Hedge wird bei Kauf
(Verkauf) einer bestimmten Anzahl des Kontraktes F das Underlying in einer definierten Menge geliefert (abgenommen),
sodass PT = FT gilt. Vor dem Zeitpunkt T (t < s < T) und beim Cross Hedge generell sind Terminkurs Fs und Kassapreis Ps lediglich korreliert.
Sei nun q die Menge
der Ressource (z.B. Aktien, Devisen, Waren) des Grundgeschäfts und x das Volumen, in dem Terminkontrakte
als Gegengeschäft zum Zwecke des Hedging gezeichnet werden sollen (Spremann, K.
1991):
-
Für x = q spricht man von einem vollständigen
Hedge (Full Hedge, auch 1:1 Hedge).
-
Für 0 < x
< q spricht man von einem Normal Hedge.
-
Wenn zusätzlich zur bereits bestehenden long (short) Position im Grundgeschäft eine long (short) Position
auf dem Terminmarkt aufgebaut wird, d.h. x
< 0 gewählt wird, spricht man von einem Texas Hedge. Dieser Hedge dient nicht zur Risikoverringerung
sondern erhöht das bestehende Positionsrisiko.
-
Wenn die Absicherungsposition auf dem Terminmarkt das
Volumen des Grundgeschäfts übersteigt, d.h. x > q gewählt wird,
so bezeichnet man dies als Reversed
Hedge. Dabei wird das Preisrisiko der Position nicht nur verringert,
sondern zusätzlich zum Basisrisiko des Hedge ein gegenläufiges Preisrisiko
für das Volumen x – q erzeugt.
Das Gesamtvermögen des Hedgers nach Verkauf von x Terminkontrakten beträgt
Die Hedge Ratio ist h =
– x / q und sein aus heutiger Sicht risikobehaftetes Endvermögen ist
Beim Pure Hedge
gilt stets BT = FT – PT = 0. Der Wert der Vermögensposition ist für
beliebige Werte x außer für x = q
unsicher . Wählt der Hedger x = q und damit den 1:1 Hedge, so verbleibt
ihm der sichere Betrag VT(q) = qk.
Beim Cross Hedge behält er das Basisrisiko. Sein Endvermögen beträgt dann VT(q)
= q(k – BT).
2. Optimales Hedgen beim Pure Hedge
Welches Hedgingvolumen x
sollte der mit dem Preisrisiko konfrontierte Entscheider wählen? Sollte er über
den vollständigen Hedge das Preisrisiko in vollem Umfang eliminieren? Ein
extrem risikoaverser Entscheider wird dies auf jeden Fall tun, unabhängig
davon, wie der Erwartungswert des Endvermögens von der Entscheidungsvariablen x abhängt. Versucht er jedoch, seinen
aus dem Hedging erwachsenden Nutzen zu maximieren, so wird er x unter Anwendung des Erwartungswert-Varianz-Kriteriums
(Bamberg,
G./Spremann, K. 1981) als Lösung des Maximierungsproblems
bestimmen (Spremann, K.
1986), wobei
sind. Der Parameter a
> 0 entspricht der individuellen Risikoaversion. Die Parameter μ,
σ und σ2 sind der Erwartungswert, die
Standardabweichung und die Varianz des Kassapreises P.
Die Lösung x* ist das Maximum einer quadratischen Funktion in
x
Einen vollständigen Hedge wird der Entscheider nur noch
wählen, wenn Hedgen „ billig “ ist, d.h. der Terminkurs k dem erwarteten Preis μP entspricht, oder er unendlich risikoavers ist.
In allen anderen Fällen liegt das optimale Hedgingvolumen im Bereich des Normal
Hedge 0 < x < q.
3. Optimales Hedgen beim Cross Hedge
Nun seien der Terminpreis F
und der Kassapreis P lediglich
positiv korreliert. Für den Entscheider geht es nun darum, das Preisrisiko P im Volumen q zu behalten oder in einem gewissen Umfang durch den Verkauf von x Terminkontrakten F in das Basisrisiko einzutauschen. Man erhält das Maximierungsproblem
nunmehr mit
Die Parameter μ, σ und σ2 sind Erwartungswert, Standardabweichung und
Varianz des jeweiligen Subskripts. ρ ist der Korrelationskoeffizient
zwischen F und P. Lediglich für den Fall des Perfect Hedge mit einem Korrelationskoeffizienten
ρ = 1 ergibt sich die
Optimallösung als risikominimierender Hedge (variance minimizing hedge ratio). In
allen anderen Fällen ist
heißt
Spekulationswunsch. Die Differenz
μF – k im Zähler des Spekulationswunsches
heißt Spekulationsprämie. Der
risikominimierende Hedge entspricht umso mehr dem Full Hedge, je höher die
Korrelation zwischen Kassa- und Terminpreis ist, wenn die Varianzen beider
Größen übereinstimmen, was häufig ungefähr der Fall ist. Der Spekulationswunsch
steigt mit der Risikoprämie und fällt mit der Risikoaversion des Hedgers und
dem Risiko des Terminkontraktes.
Für eine ausführliche Diskussion weiterer Hedgingmodelle und
damit zusammenhängender Produktionsentscheidungen (optimale simultane Wahl von q und x) wird auf Spremann (Spremann, K.
1991) und Kürsten (Kürsten, W.
1997a; Kürsten, W.
1997b verwiesen.
III. Hedging als Teil des
Risikomanagements
Die Wahl von Hedgingstrategien ist neben der Risikomessung
ein wesentlicher Teil des Risikomanagements (Steiner,
M./Bruns, C. 2002). Neben dem Einsatz von Forward- und
Futureskontrakten spielt das Hedging mit Optionen eine bedeutende Rolle. Hier
unterscheidet man ebenfalls die statische Strategie als Absicherung durch Kauf
von Verkaufsoptionen (long put) und
dynamische Strategien (long put und short call) zum Delta Hedging im Rahmen der Portfolio
Insurance.
Die in der Praxis verwendeten Strategien bauen auf Annahmen
wie die korrekte Bewertung von Optionen und die Vollständigkeit der Märkte auf.
Außerdem wurden darüber hinaus Hedgingmodelle für unvollständige Märkte
entwickelt, z.B. zur Absicherung von Ansprüchen aus einer geschriebenen
Kaufoption (z.B. Superhedging).
Hedgingmodelle, die als Risikomaße
nicht die Varianz, sondern Shortfall-Maße oder den Value-at-Risk
verwenden, wurden ebenfalls vorgestellt; außerdem Modelle, die das
Absicherungsziel mit einer vorgegebenen Maximalwahrscheinlichkeit verfehlen (Quantile Hedging, siehe Föllmer,
H./Leukert, P. 1999).
Literatur:
Bamberg, G./Spremann, K. : Implications of
Constant Risk Aversion, in: ZOR 1981, S. 205 – 224
Ederington, L .H. : The Hedging
Performance of the New Futures Markets, in: JoF 1979, S. 157 – 170
Föllmer, H./Leukert, P. : Quantile
Hedging, in: Finance and Stochastics 1999, S. 251 – 273
Johnson, L.L. : The Theory of Hedging and
Speculation in Commodity Futures, in: REStud. 1960, S. 139 – 151
Kürsten, W. : Standardhedging,
Simultanhedging und Portefeuille-Theorie, in: WiSt 1997a, H. 3, S. 119 – 123
Kürsten, W. : Hedgingmodelle,
Unternehmensproduktion und antizipatorisch-simultanes Risikomanagement, in:
ZfbF 1997b, Sonderheft 38 „ Bewertung und Einsatz von Finanzderivaten “ , S.
127 – 154
Spremann, K. : Produktion, Hedging,
Spekulation – Zu den Funktionen von Futures-Märkten, in: ZfbF 1986, S. 443 – 464
Spremann, K. : Kann man mit Terminkontrakten
hedgen? in: ZfbF 1991, S. 295 – 312
Stein, J. L. : The Simultaneous
Determination of Spot and Futures Prices, in: AER 1961, S. 1012 – 1025
Steiner, M./Bruns, C. :
Wertpapiermanagement, 8. A., Stuttgart 2002
Steiner, M./Meyer, F. : Hedging mit Financial
Futures, in: Handbuch des Finanzmanagements, hrsg. v. Gebhardt, G./Gerke,
W./Steiner, M., München 1993, S. 575 – 586
Working, H. : Futures Trading and
Hedging, in: AER 1953, S. 314 – 343
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