Inhaltsübersicht
I. Definitorische
Grundlage
II. Kultur-
und organisationstheoretische Basis
III. Empirische
Befunde
IV. Organisatorische
Spezifika von Kulturbetrieben
I. Definitorische
Grundlage
Der Terminus Kulturbetrieb hat im realen Sprachgebrauch zwei
Bedeutungsebenen: makroinstitutionell bezeichnet er das gesamte kulturelle
Teilsystem einer Gesellschaft, mikroinstitutionell eine konkrete Organisation
im Rahmen des Kultursektors. Aufgrund intensiver funktionaler Dependenzen
zwischen Makro- und Mikroperspektive versteht sich die Wissenschaftsdisziplin
der Kulturbetriebslehre als analytisch zuständig für beide Betrachtungsweisen
(siehe im Detail Hasitschka,
Werner 1992, S. 81 ff.). Makroinstitutionelle Forschungsinteressen
beziehen sich z.B. auf aggregierte kulturstatistische Analysen
(Kulturfinanzierungsstrukturen, Wertschöpfungsanteile, Beschäftigungseffekte,
sog. Umwegrentabilitäten), Untersuchungen kultureller Rezeptionsmuster,
kulturpolitische Studien, Kausalitäten zwischen kulturellen und ökonomischen
Variablen, Entwicklungen von Kulturmärkten, kulturwissenschaftliche Theorien
etc.
Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich ausschließlich
mit der kulturbetrieblichen Mikroebene. Aufgrund der empirischen und
theoretischen Komplexität und Heterogenität des Kultursektors erscheint eine
kurze nominaldefinitorische Reflexion unumgänglich. Die Begriffe Kultur und Betrieb entstammen unterschiedlichen sozialen Teilsystemen mit
unterschiedlichen Funktionen (Sinnkonstruktion, Güterallokation), Codes
(Symbole, Geld), Organisationen (Kunst, Wirtschaftsunternehmen) etc. Dies
erfordert, neben der interdisziplinären Ausrichtung der Kulturbetriebslehre,
eine hinlänglich offene und heuristisch anschlussfähige Festlegung des
Betriebsbegriffs. Insofern wird von einer rein technischen bzw. juristischen
bzw. ökonomischen Einengung abgesehen und für einen soziologischen Ansatz
plädiert (vgl. Raffée, Hans
1974, S. 27):
Betrieb sei somit
definiert als zielorientiertes, institutionelles Sozialsystem, als Organisation
im Sinne von Organisat (Türk, Klaus
1992, Sp. 1634).
Angesichts einer mehr als 2000-jährigen Tradition und Genese
des Kulturbegriffs, verbunden mit einer enormen quantitativen und qualitativen
Komplexität einschlägiger Begriffsarbeit, verwundert die mancherorts geäußerte
Meinung nicht, dieser Begriff entzöge sich überhaupt jedwedem Bemühen, ihn zu
konkretisieren. Diese (gelegentlich als Provokation verstandene) Resignation
befriedigt wissenschaftlich nicht. Die Problematik einer nahezu unübersehbaren
Vielfalt an Begriffsangeboten bedingt eine Transparenz der Auswahlbegründung
definitorischer Merkmale. Vordringlich bedeutsam erscheinen in diesem
Zusammenhang die Kriterien der Erfassung grundsätzlicher (abstrakter) Muster
unterschiedlicher Kulturkonzeptionen, der Berücksichtigung wesentlicher
begriffsgeschichtlicher Traditionen, der interdisziplinären Anschlussfähigkeit
sowie der Einbeziehung internationaler Konventionen der realen
Begriffsverwendung, z.B. der UNESCO-Definition (vgl. hierzu im Detail Hasitschka,
Werner 1997, S. 13 ff.). Einen Überblick über die zahlreichen
Begriffsalternativen kann man überhaupt nur mehr über Typologien oder
gemeinsame Merkmalsdimensionen gewinnen (vgl. Reckwitz,
Andreas 2000, S. 64 ff.; Kettner,
Matthias 2004, S. 225 ff.).
Die anthropologische Charakteristik und damit kulturelle
Fundierung des Menschen als animal symbolicum (Cassirer,
Ernst 1990, S. 51) betont die (im Vergleich zur Tierwelt) verzögerte
Reiz-Reaktion bedingt durch Symbolisierungsleistungen (Denken, Bewerten von
Handlungsalternativen). „ Die knappste Definition von Kultur lautet daher
\'Kultur ist Wertung\' “ (Weber, Max zitiert bei Baecker, Dirk
2000, S. 104).
Kultur sei somit
definiert als Summe geteilter Werte und Normen (Mentefakte), die symbolisch
über Artefakte (menschliche Praktiken, Handlungen und Produkte) kommuniziert
werden.
Kulturbetrieb sei
nun präzisiert als zielorientiertes, institutionelles Sozialsystem, das als
dominantes Leistungsziel Werte und Normen thematisiert.
Organisationen verfügen über Leistungs- bzw. Sachziele
(Angebote, Produkte, Leistungsprogramme) und Formalziele (Kriterien der
Erfolgsbeurteilung wie z.B. Bildungsauftrag, Gewinn, Wirtschaftlichkeit; vgl. Grochla,
Erwin 1972, S. 38 ff.). Hier wird also das dominante
Leistungsangebot als entscheidend für die Zuordnung als Kulturbetrieb
argumentiert. Realtypisch können unterschiedlichste Formalziele vorliegen, d.h.
bei Kulturbetrieben handelt es sich um private wie öffentliche, um erwerbs- wie
bedarfswirtschaftliche Organisationen.
Kultur, als anthropologischer Charakterisierungsansatz des
Menschen, umfasst die ideelle (Werte- und Normen-)Dimension eines
Sozialsystems. Aufgrund der Immaterialität muss Kultur über Artefakte
symbolisch kommuniziert werden. Kultur ist in allen menschlichen Artefakten
inkorporiert, meist jedoch lediglich latent bzw. implizit (z.B. in sozialen
Praktiken, d.h. Routinen bzw. Habitualisierungen; vgl. Zembylas,
Tasos 2004, S. 305 ff.). Explizit gemacht (thematisiert) werden kann
die latente ideelle Basis durch reflektierte Handlungen bzw.
(institutionalisiert) durch Organisationen (= Kulturbetriebe; vgl. Hasitschka,
Werner/Tschmuck, Peter/Zembylas, Tasos 2005; Tschmuck,
Peter 2003, S. 15 ff.). Kulturbetriebe sind somit spezialisiert auf
die Präsentation, Diskussion, Kritik und Stabilisierung von Werten und Normen,
funktional auf die soziale Bedeutungs- und Sinnkonstruktion.
II. Kultur- und
organisationstheoretische Basis
Die Kulturbetriebslehre als Interdisziplin zwischen den
Teilsystemen Organisation/Ökonomie und Kultur versucht schon durch die Wahl der
theoretischen Basis eine Integration bzw. Interdependenz der beiden Sphären
abzubilden (vgl. im Detail Hasitschka,
Werner 1997, S. 13 ff.). Zweckmäßig erscheint diesbezüglich eine
eklektische Verknüpfung von Handlungs-, Praxis-, Wert- und Symboltheorie.
Handlungen als bewertetes, zielorientiertes Verhalten
unterstreichen die menschliche Reflexionsfähigkeit, d.h. die Verzögerung des
Reiz-Reaktions-Mechanismus durch die explizite Bewertung von Alternativen
(Handlungsplänen bzw. -zielen als angestrebte Güterwerte). Der Bewertungsvorgang
setzt logisch und empirisch grundlegende Bewertungskriterien (=
Orientierungswerte) voraus. Diese stellen somit unsere basale
Verhaltensbegründung dar: „ Gründe sind Kulturleistungen par excellence “ (Kettner,
Matthias 2004, S. 229). Pragmatisch bzw. praxistheoretisch gewendet,
bleibt es jedoch häufig im Rahmen sozialer Praktiken (Handlungsroutinen,
Habitualisierungen) lediglich bei einer latenten bzw. impliziten
Berücksichtigung von Werten/Normen bzw. Regeln: „ Die gängigen Praktiken sind
immer auch schon durch Gründe ausgelegt. “ (Kettner,
Matthias 2004, S. 228). Menschliches Verhalten lässt sich somit
durch unterschiedliche Grade der Explizitheit von Werten/Normen bzw.
Begründungen charakterisieren: „ Praktisches Leben ist eine kontinuierliche
Mischung von Routine und Reflexion ? “ (Hörning, Karl
2004, S. 145). Aufgrund der Immaterialität von Werten/Mentefakten müssen sie
(gemäß Symbol- und Zeichentheorie) über Artefakte (Handlungen, Handlungsfolgen)
vergegenständlicht werden. Symbole korrelieren für einen Interpreten Sinnliches
(Signifikanten, Artefakte) mit Sinn (Bedeutung, Signifikate, Mentefakte). Sinn
sei dabei festgelegt als Differenz zwischen Güterwert (einer Handlung) und
Orientierungswert (idealer Maßstab) oder mit Luhmann,
Niklas 1987, S. 100: Sinn als „ Differenz von Aktualität und
Möglichkeit “ .
Begreift man Organisation (funktional) als Regelsystem für
zielorientierte Prozesse und Strukturen, so folgt aus der Zielorientiertheit
von Handlungen ( „ ? ziellose Handlungen sind ? eine contradictio in adjecto. “ Greve, Werner
2004, S. 238) die Unausweichlichkeit einer organisatorisch/ökonomischen
Perspektive jedweder Handlung bzw. Praktik. Wichtig erscheint diesbezüglich die
reale Wechselwirkung: Kultur (symbolisiert über Handlungen) bedingt immer auch
Organisation/Ökonomie, Organisation/Ökonomie (einer Handlung) bedarf immer auch
einer expliziten/impliziten Wertebasis (Kultur).
Kulturbetriebe thematisieren explizit Werte und Normen als
dominantes Leistungsziel. Insofern muss eine (weiter unten folgende)
Herausarbeitung der Spezifika von Kulturbetrieben werttheoretisch ansetzen.
Andere Merkmale der Typenbildung verbleiben lediglich situativ/kasuistisch wie
z.B. Dienstleistungsbetriebe, Öffentliche Betriebe, Nonprofit-Organisationen
etc.
Wert sei definiert als Orientierungswert, d.h. als idealer
Maßstab zur Beurteilung von Güterwerten (= subjekt-, objektabhängige Bewertung
von Handlungsalternativen bzw.-folgen) (vgl. Oldemeyer,
Ernst 1980, S. 702).
Werte kennzeichnen Handlungsalternativen als gut, Normen als sozial richtig (verbunden mit
Sanktionsmöglichkeiten). Werte und Normen sind implizit in sozialen Praktiken
inkorporiert (Tacit Knowledge) bzw. werden in Handlungen und
Organisationen/Kulturbetrieben expliziert bzw. reflexiv, wobei Formalisierung,
Generalisierung und Abstraktion als Modi der Bedeutungskonstruktion aus
situativem Wissen in Frage kommen (vgl. Renn, Joachim
2004, S. 240).
Werte stellen sich als eminent komplexe Güter dar, bedingt
u.a. durch ihre (häufige) Latenz, jedoch Zentralität sowohl individuell wie
sozial. Als Handlungsbasis definieren sie Identitäten, entsprechend erweisen
sich Konflikte um Werte als mit hohem ego-involvement und daher
Konfliktintensität ausgezeichnet. Die Immaterialität von Werten bedarf der
durchgängigen Symbolisierung. Der entsprechende kognitive, ethische oder
ästhetische Zeichenprozess setzt ein hohes Maß an Dekodierungsfähigkeit und -bereitschaft
beim Rezipienten voraus. Die Thematisierung von Werten kann lediglich als
Reflexionsangebot realisiert werden, das grundsätzlich offen bleibt und dessen
(kommunikativer) Erfolg wesentlich von Wahrnehmungs-, Interpretations- und
Akzeptanzleistungen seitens der Nutzer abhängen (vgl. die Genese der Werte als
„ ? Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz ? “ , Joas, Hans
1999, S. 227).
Werte entstehen durch (und basieren) Kommunikation. Von der
frühkindlichen Sozialisation an entwickeln und stabilisieren sich Normen und
Werte im Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Individuen. Werte erscheinen hier
als deutlich grundsätzlicher und dauerhafter als z.B. situative, flexible
Präferenzen. Durch die genetische und kommunikative Sozialität können
(geteilte) Werte als gesellschaftliches Koordinationsmedium (neben z.B. Macht,
Geld) dienen (vgl. dazu auch die Ansätze einer Analyse der
Organisationskultur). Die kommunikative Grundlage von Wertbildungsprozessen
macht es notwendig, den gesamten kommunikativen Kontext des symbolischen
Werteangebots zu untersuchen (Sender, Medium, Rezipient, Umfeld). Die argumentierte
Sozialität von Werten und die damit verbundene soziale Koordinationsfunktion
haben zur Konsequenz, dass zumindest die ideellen Mentefakte ein kollektives
Gut darstellen, d.h. es können und sollen keine privaten Eigentumsrechte an
diesen Gütern definiert werden.
Kultur (bzw. Orientierungswerte) vermittelt individuellen und
sozialen Sinn (= semantische Bedeutung eines Zeichens und pragmatische
Bedeutung von Handlungsalternativen). Diese grundsätzliche
Orientierungsleistung dient der Konstruktion von Identität
(kontinuitätssichernde Selbstthematisierung und -charakterisierung, aber auch
Abgrenzung/Distinktion), Motivation (emotional/kognitive Handlungsorientierung)
und Integration (legitime Handlungskoordination).
III. Empirische Befunde
Der Cultural Turn im Bereich der Theoriekonstruktion
verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen (vgl. etwa im Überblick Jaeger,
Friedrich/Straub, Jürgen 2004, S. 467 ff.; Reckwitz,
Andreas 2000, S. 15 ff.) findet seinen Niederschlag auch in
empirischen Arbeiten.
Die vielfach rezipierte kulturökonomische Initialzündung von
Baumol, William/Bowen, William (zitiert bei Frey, Bruno
1990, S. 69 ff.) belegt das grundsätzliche ökonomische Dilemma vieler
Kulturbetriebe, nämlich die Schwierigkeit, durch Produktivitätsfortschritte die
steigenden Personalkosten egalisieren zu können, und argumentiert konsequenterweise
für die Notwendigkeit staatlicher Kulturfinanzierung.
Interessante kulturalistische Zusammenhänge zwischen Kultur
und Ökonomie bzw. Politik finden sich bei Harrison,
Lawrence/Huntington, Samuel 2002 sowie bei Tanner, Jakob
2004, S. 195 ff.
Eine kulturalistische Soziologie der Gesellschaft liefert Schulze, Gerhard
1993. Gestützt durch umfangreiche empirische Erhebungen diagnostiziert der
Autor eine Hinwendung individueller wie sozialer Verhaltensweisen in Richtung
einer subjektiven alltagsästhetischen Erlebnisorientierung
mit entsprechend kulturell definierter Milieustruktur (Stilmuster), die mit den
Variablen Alter und Bildung korrespondiert. Persönlicher Stil bzw.
(Kultur-)Verhalten kann dabei zeichentheoretisch drei Bedeutungsebenen
ausdrücken: Genuss, Distinktion (soziale Abgrenzung) und Lebensphilosophie (Werte).
Die Abhängigkeit des Kulturverhaltens vom Alter und vom Bildungsgrad (d.h. auch
von der Rezeptionsfähigkeit) lässt sich durchgängig bestätigen (vgl. Hasitschka,
Werner 1995, Sp. 1325 f.; Hasitschka,
Werner 1977). Zahlreiche Studien zum Einfluss von Kognitionen
(Bedeutungswerten) auf die Motivation liefern Kreitler, Hans/Kreitler,
Shulamith (zitiert bei Seibt,
Johanna 2005, S. 211 ff.). Überblicke über kulturpsychologische
Evidenzen bieten Straub,
Jürgen 2004, S. 568 ff.; Trommsdorff,
Gisela/Friedlmeier, Wolfgang 2004, S. 358 ff. und unter der
Perspektive des KulturmarketingHasitschka,
Werner 1995, Sp. 1325 f.
IV. Organisatorische Spezifika
von Kulturbetrieben
1. Umfeld
An immateriellen Orientierungswerten können und sollen
(bedingt durch die sozialintegrative Leistung der Kultur) keine Eigentumsrechte
definiert werden. Sie stellen somit kollektive Güter dar. Diese Charakteristik,
verbunden mit der zentralen Verhaltensrelevanz von Werten, impliziert in der
Regel ein hohes öffentliches bzw. politisches Interesse an kulturbetrieblichen
Angeboten (vgl. etwa die Erfordernis qualifizierter parlamentarischer
Mehrheitsbeschlüsse im Rahmen der Bildungspolitik, verfassungsrechtliche
Freiheitsgarantien für Wissenschaft und Kunst, Schulpflicht als Zwang zur
kulturellen Sozialisation, intensive Diskussionen über künstlerische oder
religiöse Manifestationen bzw. über entsprechende Subventionen etc.). Aufgrund
dieser hohen öffentlichen Relevanz (verbunden mit dem ökonomischen Dilemma) von
Kulturbetrieben resultiert historisch ein starkes staatliches Engagement (z.B.
Trägerschaft von Kulturbetrieben, Kulturfinanzierung bzw. Kulturpolitik).
Kulturbetriebe begegnen also einer enormen Bandbreite unterschiedlichster
Interessentengruppen. Die typische Abhängigkeit von öffentlicher Finanzierung
bedeutet in Phasen volkswirtschaftlicher Budgetsanierungen ein hohes Risiko für
die kulturbetriebliche Leistungserstellung. Budgetäre Kürzungen führen zu
erhöhter bzw. prioritärer Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeitszielen bzw.
Marktorientierung bis hin zur privatwirtschaftlichen Transformation. Die
Komplexität der Kulturpolitik (Werte können z.B. nicht verordnet werden) sowie
deren Zersplittertheit (unterschiedliche Ressorts auf Gemeinde-, Länder- und
Bundesebene) versehen das kulturbetriebliche Umfeld mit zusätzlicher
Instabilität.
Die individuelle und soziale Erlebnisorientierung (siehe
Abschnitt III) im Rahmen einer Erlebnisgesellschaft bzw. Freizeitgesellschaft
verstärkt die Konkurrenzsituation für viele Kulturbetriebe beträchtlich. Das
gewinnorientierte Anbieten von Erlebnissen, charakterisiert durch Schematismus,
Imageprofilierung und Suggestion von Neuartigkeit (vgl. Schulze,
Gerhard 1993, S. 439 ff.), verläuft, ebenso wie die Nachfrage,
weitgehend hedonistisch. Komplexere Kultursymbole müssen sich bezüglich der
Widmung von Aufmerksamkeit, Zeit und Budget gegenüber einfacher zu
rezipierenden Marktprodukten durchsetzen.
Eine weitere wichtige Umfeldvariable stellt die
Medienentwicklung dar. Der mediale Kontext kultureller Symbolproduktion von
Grafik über Elektronik bis zur Digitalität prägt wesentlich die Bandbreite und
formale Qualität kultureller Artefakte (vgl. hierzu Smudits,
Alfred 2002; Schmidt,
Siegfried 2000).
2. Zentrale kulturbetriebliche Spezifika
Die wohl gravierendste Besonderheit von Kulturbetrieben
ergibt sich aus der hohen Komplexität des Zielsystems mit entsprechenden
Konsequenzen für Planungs-, Organisations- und Kontrollentscheidungen.
Kulturbetriebe thematisieren als dominantes Leistungsziel Werte und Normen,
d.h. sie „ produzieren “ Sinn (= Bedeutungen). Formalziele (Beurteilungskriterien
für Entscheidungen) können erwerbswirtschaftlich (gewinnorientiert) oder
bedarfsorientiert vorliegen. Relativ unproblematisch erscheint das Zielsystem
für gewinnorientierte Kulturbetriebe (z.B. Galerien, private
Weiterbildungsanbieter, Tonträgerindustrie, private Medien): Das oberste
Beurteilungskriterium (= Formalziel Gewinn) dominiert das Leistungsangebot an
Kultur. Zielkonflikte zwischen Formalziel und Kulturleistungen (z.B. stärkere
Abnehmerorientierung durch Marktnähe von Arte- und Mentefakten) müssen situativ
entschieden werden.
Im Nonprofit-Bereich kann nur die Sinnkonstruktion mittels
Kultur als oberstes Formalziel herangezogen werden. Die immaterielle
Kommunikation von Werten (symbolische Interaktion) wird dabei begleitet von
einer Tausch-Interaktion (Artefakte gegen Ressourcen wie Geld, Zeit,
Aufmerksamkeit; vgl. im Detail Hasitschka,
Werner 1997, S. 29 ff.). Die direkt (handlungskausal) zurechenbaren
Ziele bzw. Erfolge eines Kulturbetriebs können nun interaktionsanalytisch als
Stufenmodell präsentiert werden:
Formalziel: Sinnkonstruktion (Identität, Motivation,
Integration; siehe Abschnitt II) bzw. kommunikative Vorbedingungen
(Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Interesse, Verständnis).
Ersatzindikatoren:
-
Kognitive/ethische/ästhetische Symbolqualität (E1)
Sektorale Typologie bzw. Spezialisierung von Kulturbetrieben durch
vorherrschenden Symbolmodus: kognitiv (Wissenschaft, Bildung, Medien),
ethisch (Religion, Recht), ästhetisch (Kunstsparten) mit entsprechend
kommunikativer Spezialisierung bezüglich Senderintention (objektiv,
normativ/evaluativ, expressiv), Interaktionsstil (explizierend, implizierend,
demonstrierend), Artefaktform (Modelle, Imperative, ikonische Zeichen),
Rezeption (wissens-reflexiv, normen-reflexiv, sensual-reflexiv),
Erkenntnisleistung (Wissen um, Evaluierung und Wahrnehmung von Werten),
Rationalitätstypus (Wahrheit, Richtigkeit, Ikonizität d.h. Grad der
Entsprechung von Form/Inhalt).
-
Immaterielle Gegenleistung (Inanspruchnahme,
quantitative Rezeption) z.B. Besuchsfrequenzen, Quoten, Auslastung,
Schüleranzahl (E2)
-
Materielle Gegenleistung z.B. Eigendeckungsgrad durch
Einnahmen, öffentliche Kulturfinanzierung, Wirtschaftlichkeit (E3)
-
Leistungsangebot (quantitativer Output) z.B. Anzahl
Veranstaltungen, Produktionen, Publikationen, Absolventen (E4)
-
Input (Ressourcen als Produktionsbedingungen) (E5).
Streng genommen gilt nur die Sinnkonstruktion als
kulturbetriebliches Formalziel. E1 bis E5 stellen lediglich Ersatzindikatoren
der Zielbildung bzw. der Erfolgsmessung dar, charakterisiert durch zunehmend
einfachere Messbarkeit, geringere Validität (Entsprechung zwischen Formalziel
und Messindikator), geringeren Einfluss der Rezipienten und größeren
Erfolgsbeitrag des Kulturbetriebs. Formalziel und Ersatzindikator E1 verweisen
auf die bedeutende Abhängigkeit einer erfolgreichen Kommunikation vom
Rezipientenverhalten (Impact). E2 bis E4 folgen der Tausch-Interaktion
(Gegenleistung, Leistung).
Neben den direkten Zielen einer erfolgreichen Interaktion
zwischen Kulturanbietern und -nutzern existieren auch indirekte Effekte, d.h.
kausal nur mehr partiell dem Kulturbetrieb zurechenbare Leistungen, z.B.
berufliche oder ökonomische Erfolge der Abnehmer kultureller Angebote,
Umwegrentabilitäten etc.
Das oben argumentierte Zielsystem demonstriert seine
Komplexität durch die Vielzahl an Zielen bzw. Zielbeziehungen und durch die
zeitliche Veränderbarkeit (Dynamik) der Zielbildungsprozesse bedingt durch die
Teilnahme unterschiedlichster Interessentengruppen am Entscheidungsprozess.
Insbesondere Zielkonflikte (z.B. zwischen kultureller Symbolqualität und
Wirtschaftlichkeit) und schleichende Transformationen von Kulturbetrieben (z.B.
de facto dominiert Ziel der Einnahmenerhöhung) lassen sich beobachten. Als
weiteres Spezifikum gilt, dass wesentliche Ziele von Kulturbetrieben (z.B.
künstlerische Qualität) messtheoretisch nicht simpel bis naiv über quantitative
Erfolgsindikatoren abbildbar sind. Die notwendige Operationalisierung von
Zielen und Erfolgskontrollen muss stattdessen mittels Vereinbarung über
bestimmte Verfahren erfolgen (z.B. Qualitätsdiskussion, Werteforschung,
Demoskopie, Peer Review, Schiedsverfahren, Bargaining), die sich jedoch
kontrollökonomisch rechtfertigen lassen sollten (Kosten-Nutzen-Relation der Kontrollintensität).
Weitere kulturbetriebliche Spezifika betreffen den
Produktionsprozess kognitiver, ethischer bzw. ästhetischer Symbole. Dieser
setzt hochqualitatives und -spezialisiertes Wissen und entsprechend autonome
Freiräume als Bedingungen kreativer Handlungen voraus. Daraus ergeben sich in
der Regel ein geringes Routinisierungs- bzw. Standardisierungspotenzial,
dezentrale Projekt- bzw. Matrixorganisationen, flache Hierarchien und geringere
Formalisierungsgrade der Planung (u.a. aufgrund der Problematik von Prognosen
kommunikativer Erfolge).
Kulturbetriebe weisen charakteristisch eine äußerst hohe
quantitative Personalintensität (verbunden mit entsprechend hoher
Fixkostenstruktur) auf. Kreative und spezialisierte Symbolisierungsprozesse
führen qualitativ zu einer Expertenkultur mit bestimmten
Persönlichkeitseigenschaften (Bildungsgrad, hohes ego-involvement, intrinsische
Motivation, Neugier, Autonomie, Energie- und Konfliktpotential) und geeigneten
organisatorischen Konsequenzen wie z.B. partizipative Führung, Vermeidung
motivationshemmender Kontrollverfahren, hohe Bedeutung informeller
Kommunikation und analoger Organisationskultur sowie Zulassen eigenständiger
Symbolproduktion ohne unmittelbare Kundenorientierung im Rahmen eines sich
vorwiegend auf den Service-Bereich konzentrierenden spezifischen
Kulturmarketing (vgl. Hasitschka,
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