Inhaltsübersicht
I. Einführung
II. Entscheidungsanomalien
III. Psychologische
Aspekte der Anlageentscheidung
IV. Psychologische
Effekte der Kursbildung
V. Fazit
I. Einführung
Dem Entschluss eines Anlegers, Wertpapiere zu kaufen oder zu
verkaufen, geht ein Entscheidungsprozess voraus, in dem Informationen
beschafft, wahrgenommen und zu bereits bestehenden Informationen in Bezug
gesetzt werden. Dieser Prozess der Informationsverarbeitung stellt eine
klassische Disziplin psychologischer Forschung dar und bildet die Verbindung
zwischen Kapitalmarkttheorie und Psychologie.
In der modernen Kapitalmarkttheorie wird vereinfachend
unterstellt, dass Entscheidungen von rationalen Investoren in einheitlicher
Weise getroffen werden. Annahmegemäß besitzt der „ homo oeconomicus “ sämtliche
entscheidungsrelevanten Informationen und ist in der Lage, diese zu
verarbeiten, ohne sich von Stimmungen, Stress oder anderen nach dieser Theorie
„ irrelevanten “ Faktoren beeinflussen zu lassen. Die Anlageentscheidung wird
erst dann wieder überdacht, wenn neue Informationen eintreffen und der homo
oeconomicus seine Erwartungen anpasst. Die Anleger an der Börse werden von der
ökonomischen Theorie also als gefühllose Maschinen dargestellt, die
unbeeindruckt von anderen Faktoren Anlageentscheidungen treffen und ihren
Erwartungsnutzen maximieren. Sie handeln als „ Anlegerandroiden “ (Gerke, 1997).
Ergebnisse psychologischer Forschung zeigen jedoch, dass das
tatsächliche Entscheidungsverhalten den Annahmen der Kapitalmarkttheorie häufig
widerspricht. Dies wird darauf zurückgeführt, dass der menschliche Entscheider
lediglich eingeschränkte kognitive Verarbeitungskapazität zur Verfügung hat,
und infolgedessen vom rationalen Verhalten abweicht, also nur in begrenztem
Umfang rational handelt (bounded rationality, Simon, H.
1955). Die resultierenden „ irrationalen “ Verhaltensweisen werden als
„ Anomalien “ bezeichnet. Erst in jüngerer Zeit werden von ökonomischer Seite
Versuche unternommen, nachgewiesene Verhaltensanomalien in die
Kapitalmarkttheorie zu integrieren. Diese neuen verhaltenswissenschaftlichen
Ansätze der Finanzierungstheorie werden unter den Begriff „ Behavioral Finance “
gefasst.
Nachfolgend werden zunächst einige nachgewiesene
Verhaltensanomalien aufgeführt, die für den Anleger an der Börse relevant sind.
Danach werden Ansätze aus der Psychologie vorgestellt, die zum einen als
Erklärung für die individuellen Irrationalitäten des Anlegers, zum anderen für
Börsenstimmungen herangezogen werden können. Abschließend wird der Frage
nachgegangen, ob sich die psychologischen Faktoren auf aggregierter Marktebene
systematisch niederschlagen und Möglichkeiten zum Erzielen von Überrenditen
bieten.
II. Entscheidungsanomalien
Anleger verhalten sich rational im Sinne der Neumann/Morgenstern-Nutzentheorie, wenn sie ihren erwarteten Nutzen
maximieren. Damit sich die Präferenzen eines Anlegers konsistent in einer
Risikonutzenfunktion abbilden lassen, müssen verschiedene Anforderungen an das
Präferenzsystem gestellt werden. Experimentell können diese Axiome getestet
werden, indem Probanden verschiedene Lotterien vorgelegt werden, deren relative
Vorteilhaftigkeit bewertet werden soll. Durch Variation der Lotterien wird
überprüft, ob das beobachtete Teilnehmerverhalten den Axiomen der Theorie
widerspricht. Bereits in diesen sehr einfachen Wahlentscheidungen werden Verhaltensweisen
beobachtet, die nicht mit den getroffenen Annahmen der klassischen
Nutzentheorie übereinstimmen und als „ Irrationalitäten “ bezeichnet werden
müssen.
Die wohl bekanntesten Entscheidungsanomalien stellen das Allais- und das Ellsberg-Paradoxon dar. Hiernach liegt die Verletzung der
Erwartungsnutzentheorie zum einen in der Überbewertung sicherer Ergebnisse
gegenüber unsicheren. Zum anderen wird Unsicherheit über Wahrscheinlichkeiten (Ambiguität) tendenziell gemieden. Ein
Überblick über weitere nachgewiesene Widersprüche zur Erwartungsnutzentheorie
ist bspw. bei Bienert (Bienert, H.
1996), Eichenberger (Eichenberger,
R. 1992), Unser (Unser, M.
1999) und Weber (Weber, M.
1991) zu finden.
Neben den Verstößen gegen die Axiome der
Erwartungsnutzentheorie wurden in der experimentellen Forschung auch
Verhaltensweisen nachgewiesen, die zeigen, dass Informationen bei
Entscheidungen unter Unsicherheit systematisch falsch verarbeitet werden. Der
menschliche Entscheider wendet vor allem in komplexen Situationen
Vereinfachungsregeln an. Diese sog. Heuristiken
ermöglichen ihm ein schnelles Entscheiden. In Anlehnung an Tversky/Kahneman (Tversky,
A./Kahneman, D. 1974) werden drei typische Verhaltensweisen
vorgestellt, die Auswirkungen auf Entscheidungen an der Börse besitzen.
Eine Art „ Aberglaube “ wird beim Roulette beobachtet und als
„ gambler\'s fallacy “ bezeichnet: Nach fünfmal rot in Folge glauben Spieler, dass
schwarz als nächste Ziehung wahrscheinlicher ist als rot. Im Rahmen einer Repräsentativ-Heuristik werden
Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten eines Ergebnisses anhand dessen Repräsentativität
für eine Grundgesamtheit gebildet. Die Wahrscheinlichkeit, dass z.B. eine
Zahlenfolge aus einer bestimmten Grundgesamtheit gezogen wurde, wird danach
beurteilt, wie repräsentativ das Ergebnis für die Grundgesamtheit ist.
Umgekehrt kann nachgewiesen werden, dass nicht vorhandene kausale Zusammenhänge
zwischen früheren Ereignissen und Zufallsprozessen impliziert werden. Die
Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis, das eine bereits vorhandene Stichprobe
„ repräsentativer “ macht, wird höher eingeschätzt. Auch in Experimenten, in
denen den Anlegern bekannt ist, dass sich die Aktienkurse ähnlich dem Wurf
einer Münze zufällig verändern, also keinerlei Regelmäßigkeiten zu erwarten
sind, entwickeln Investoren diesen Aberglauben. Sie verkaufen die Aktien, mit
denen sie Geld gewonnen haben, und kaufen die, die im Kurs gefallen sind (Maital,
S./Filer, R./Simon, J. 1986; Weber,
M./Camerer, C. 1992).
Eine weitere Faustregel wird als Verfügbarkeits-Heuristik bezeichnet. Kahneman/Tversky (Kahneman,
D./Tversky, A. 1973) beobachten, dass die Wahrscheinlichkeit für den
Eintritt eines Ereignisses umso höher eingeschätzt wird, je verfügbarer hierfür
sprechende Informationen sind. Je konkreter, auffälliger oder aktueller eine
Information, desto besser ist sie verfügbar und desto stärker wird sie bei der
Beurteilung einer Situation gewichtet. Am Aktienmarkt macht sich diese
Urteilsvereinfachung durch Überreaktionen auf neue Nachrichten bemerkbar. De Bondt/Thaler (De Bondt, W.
F. M./Thaler, R. 1985) stellen fest, dass dramatische und
unerwartete Neuigkeiten zu stark gewichtet werden.
Systematische Verzerrungen bei Schätzung von komplexen
Sachverhalten können auf einer weiteren Heuristik beruhen, die als Verankerung und Anpassung bezeichnet
wird (Tversky,
A./Kahneman, D. 1974). Bei komplizierteren Rechenaufgaben zeigt
sich, dass das geschätzte Ergebnis von dem Anfangswert (Anker) beeinflusst
wird. Dass von außen vorgegebene, irrelevante Faktoren auf die
Anlageentscheidung einwirken, erklärt auch der Framing-Effekt: Bei unterschiedlicher Darstellung derselben
Entscheidungssituation werden unterschiedliche Entscheidungen getroffen (Tversky,
A./Kahneman, D. 1981).
Eine Reihe anderer Anomalien lässt sich auf die Verwendung
von Urteilsheuristiken zurückführen. Experimente von Knetsch/Sinden (Knetsch, J.
L./Sinden, J. A. 1984) zeigen, dass einer Sache, die man besitzt,
ein höherer Wert beigemessen wird, als man für dieselbe bereit wäre zu zahlen (Endowment-Effect). Anleger an der Börse
unterliegen auch dem Dispositionseffekt (Shefrin, H.
M./Statman, M. 1985). Experimentell wurde nachgewiesen, dass Aktien
im Gewinn systematisch zu früh verkauft werden, während Verluste ausgesessen
werden (Gerke,
W./Bienert, H. 1993; Weber,
M./Camerer, C. 1998). Vor diesem Effekt soll die vereinfachende
Börsenregel schützen: Gewinne laufen lassen und Verluste beschränken. Dass
Börsenverluste tendenziell nicht realisiert werden, kann darauf zurückgeführt
werden, dass der Mensch für unterschiedliche Sachverhalte jeweils getrennte
„ mentale Konten “ (mental accounts)
„ verbucht “ . Der Effekt resultiert aus dem menschlichen Streben, den Abschluss
von Verlustkonten zu vermeiden (Tversky,
A./Kahneman, D. 1981).
Die aufgeführten experimentellen Ergebnisse zeigen deutlich,
dass das tatsächliche menschliche Anlageverhalten nicht dem des von der Theorie
unterstellten homo oeconomicus entspricht. Es wurde deshalb versucht, einzelne
der genannten Irrationalitäten in eine deskriptive Erwartungsnutzentheorie zu
integrieren (für einen Überblick Frey, B.
S./Eichenberger, R. 1989; Unser, M.
1999). Den bekanntesten Ansatz stellt die Prospect Theory von Kahneman/Tversky (Kahneman,
D./Tversky, A. 1979) dar.
III. Psychologische Aspekte
der Anlageentscheidung
Neben den nachgewiesenen Entscheidungsanomalien sprechen
weitere Erkenntnisse der psychologischen Forschung gegen die Annahme des von
der Theorie unterstellten, rationalen Aktienkäufers. Im Folgenden werden einige
„ menschliche “ Einflussfaktoren auf das Entscheidungsverhalten von Anlegern
aufgezeigt, die als psychologische Erklärung für die oben aufgeführten
Anomalien herangezogen werden können, die aber auch Erklärungsansätze für
mögliche Effekte auf Marktebene (Bubbles, Crashes) darstellen.
Informationsverarbeitung setzt voraus, dass Informationen
gesucht und wahrgenommen werden. Entgegen den theoretischen Annahmen geschieht
die menschliche Informationsverarbeitung jedoch weder vollständig noch völlig
rational. Die Informationsbasis beim Treffen von Anlageentscheidung ist
unvollständig, da Informationssuche mit Kosten verbunden ist. Der Anleger
bricht die Informationssuche ab, wenn er glaubt, ausreichend informiert zu
sein. Bei Entscheidungen unter Zeitdruck – wie an der Börse – ist dieser Punkt
relativ schnell erreicht. Zudem werden nicht alle vorliegenden Informationen
richtig und homogen weiterverarbeitet. Die Interpretation der Information
verläuft individuell verschieden und ist von der vorherrschenden Stimmung, den
bereits vorhandenen Informationen, den aktuellen Erwartungen sowie den früheren
subjektiven Erfahrungen beeinflusst (einen Überblick geben die in Maas/Weibler
(Maas,
P./Weibler, J. 1990) enthaltenen Beiträge).
Gesetzmäßigkeiten aus der Gestaltpsychologie (Katz, D.
1969; Maas,
P./Weibler, J. 1990) zufolge, werden die Informationen bevorzugt zur
Kenntnis genommen und verarbeitet, die zum bereits bestehenden Bild bzw. zu den
bestehenden Erwartungen eines Individuums passen (Prinzip der Ähnlichkeit). Fehlende Informationen werden selbständig
ergänzt, um eine Situation schlüssig beurteilen zu können (Prinzip der Vollständigkeit). Dass vorliegende Informationen, die
dem momentanen Bild widersprechen, eher unterdrückt werden, erklärt die Theorie
der kognitiven Dissonanz (Festinger, L.
1957; Frey,
D./Gaska, A. 1993). Zugrunde liegt hier das Bedürfnis des Menschen
nach einem Gleichgewicht im kognitiven System. Um Widersprüche zu bestehenden
Erwartungen zu vermeiden, werden dissonante Informationen entweder ignoriert
oder uminterpretiert. Eine weitere Möglichkeit, kognitive Spannungen zu
vermeiden, besteht in der gezielten Suche nach weiteren Informationen, die
bestehende Erwartung bestätigen (Schwarz,
N./Bohner, G. 1990).
Die genannten psychologischen Mechanismen erschweren die
Revision bestehender Meinungen. Je öfter die bestehende Erwartung in ähnlichen
Börsensituationen der Vergangenheit bestätigt wurde, je geringer die Anzahl
verfügbarer alternativer Erklärungen und je stärker die bestehende Erwartung
den Wünschen und Bedürfnissen des Anlegers entgegenkommt, desto mehr bzw. desto
bedeutendere Informationen sind notwendig, um eine Meinung zu revidieren (Frey,
D./Stahlberg, D. 1990). Während Informationen bevorzugt verarbeitet
werden, die eine bereits bestehende Erwartung des Anlegers stützen, werden
solche, die nicht ins vorherrschende Bild passen, tendenziell ausgeblendet.
Ein weiterer Aspekt, der die Handelsaktivität von Anlegern
beeinflusst, ist die wahrgenommene Kontrollmöglichkeit des Börsengeschehens.
Dem psychologischen Kontrollkonzept (White, R. W.
1959; Bungard,
W./Schultz-Gambard, J. 1990) liegt die menschliche Illusion
zugrunde, Ereignisse die ihn selbst betreffen, steuern (primäre Kontrolle) oder
zumindest erklären (sekundäre Kontrolle) zu können. Ist dies nicht der Fall,
führt die mangelnde Kontrolle zur Passivität. Obwohl echte
Kontrollmöglichkeiten an der Börse nur in geringem Umfang bestehen,
demonstriert ein Großteil des Handelsvolumen, dass Kontrolle auch dann
handlungswirksam wird, wenn sie lediglich als solche empfunden wird (illusionäre Kontrolle, Langer, E.
1975) oder wenn sie stellvertretend anderen Personen zugeschrieben wird, deren
Handeln man folgt (stellvertretende
Kontrolle). Die hohe Bedeutung von Finanzanalysten oder Börsengurus und
deren Einfluss auf die Kurse (Gerke,
/Oerke, 1998) – vor allem in Märkten mit fallenden Kursen – kann
durch die stellvertretende Kontrolle erklärt werden (Schachter, S.
et al. 1986).
Die genannten börsenpsychologischen Ansätze können Effekte
gleichgerichteten Verhaltens vieler Anleger erklären. In einem Trend steigender
Kurse kann es bspw. dazu kommen, dass Kursgewinne die wahrgenommene Kontrolle
erhöhen und zur Verfestigung von bestehenden Erwartungen führen. Aufgrund des
Anlageerfolges wird die eigene Prognosefähigkeit überschätzt (over confidence). Dies wiederum führt
dazu, dass schlechte Nachrichten anfangs ignoriert werden bzw. die
Kontrollillusion solange erhalten bleibt, bis eine gewichtige Information oder
Kursreaktion folgt. Dies kann in der Folge eine Stimmungsänderung bei den
Anlegern herbeiführen. Da der empfundene Kontrollverlust nach Kursrückschlägen
bei allen Anlegern in gleicher Weise auftritt, kann dies zu einem Rückzug vom
Börsenmarkt und Börsencrash führen.
IV. Psychologische Effekte der
Kursbildung
Ein Großteil der Ökonomen geht davon aus, dass individuelle
Entscheidungsanomalien keinen Einfluss auf der aggregierten Marktebene
besitzen. Damit sprechen sie sich gleichzeitig für eine Beibehaltung der
idealisierten Verhaltensannahmen der Theorie effizienter Kapitalmärkte aus. Sie
führen eine Reihe von Argumenten an, weshalb individuelle Paradoxa die
Kursbildung nicht verzerren (für eine ausführliche Diskussion vgl. Camerer, C.
1992, S. 240ff.; Eichenberger,
R. 1992, S. 54f.; Weber, M.
1989). Kein Einfluss lässt sich festmachen, wenn die Anomalien einzelner
Anleger entweder unabhängig voneinander sind und sich gegenseitig aufheben oder
wenn die Irrationalitäten von (wenigen) rationalen Börsenhändlern ausgenutzt
und dadurch eliminiert werden. Anomalien haben auch dann keine Wirkung auf die
Kursbildung, wenn Marktteilnehmer aus eigenen bzw. fremden Fehlern lernen und
die Anomalien nicht wiederholt auftreten oder wenn der Wettbewerb unter den
Anlegern dazu führt, dass irrationale Investoren systematisch Geld verlieren
und aus dem Markt ausscheiden. Allerdings überzeugt keines der angeführten
Argumente völlig (Bienert, H.
1996, S. 94) womit die Frage weiterhin offenbleibt, ob psychologische Anomalien
die Börsenkurse beeinflussen.
Um psychologische Effekte am Aktienmarkt zur Generierung von
Überrenditen heranziehen zu können, müssen Indikatoren formulierbar sein,
aufgrund derer Kauf- und Verkaufsignale abgeleitet werden. Der Suche nach
solchen Handelsregeln kommen Tests der schwachen Form der Informationseffizienz
gleich. In diesem gut erforschten Gebiet kommt die überwiegende Zahl der
Studien zu dem Ergebnis, dass der Kapitalmarkt als effizient im schwachen Sinne
betrachtet werden kann. Folglich können keine Handelsregeln auf Basis von
vergangenen Kurs- und Umsatzdaten gefunden werden, die Überrenditen versprechen
(für einen Überblick siehe Fama, 1991;
Campell, J.
Y./Lo, A. W./MacKinlay, A. C. 1997). Einige Ausnahmen sind
festgestellte Überrenditen bei Verwendung von zyklischen und antizyklischen
Handelsstrategien (De Bondt,
/Thaler, 1985; Schiereck,
D./Weber, M. 1995). Weitere Renditeeffekte, die sich nicht mit der
Kapitalmarkttheorie erklären lassen betreffen Kalendereffekte wie z.B. den
Januareffekt (vgl. die in Thaler, R. H.
1992 enthaltenen Artikel), Überrenditen bei kleinen Unternehmen (small
firm-Effekt, vgl. Banz, R. W.
1981) und den Wettereffekt (Hirshleifer,
D./Shumway, T. 2003). Shiller
(Shiller, R.
J. 1981) zeigt, dass Aktienrenditen zu sehr schwanken, als dass sie
mit neuen Informationen erklärt werden könnten (vgl. auch West, K. S.
1988).
Diese in der Vergangenheit beobachteten Renditeanomalien
lassen sich jedoch nicht zwingend mit Börsenpsychologie erklären, sondern
können oft auch auf die Unvollkommenheit der Märkte wie z.B. mangelnde
Liquidität zurückzuführen sein. In einigen Fällen lassen sich nach einer
Variation der Untersuchungsmethode die vorher beobachteten Effekte nicht mehr
nachweisen (vgl. bspw. Fama, E. F.
1998).
V. Fazit
Der junge Forschungszweig der Börsenpsychologie ist noch weit
davon entfernt, eine geschlossene Abbildung des begrenzt rationalen Verhaltens
der Anleger und ihrer Wirkung auf die Kursbildung zu bieten. Das komplexe
Verhalten des Menschen bei Finanzentscheidungen lässt sich bisher nicht
geschlossen abbilden. Die experimentelle Forschung im Bereich der Behavioral
Finance trägt jedoch zur Erklärung des menschlichen Verhaltens an den
Finanzmärkten bei und hilft bestehende Theorien weiterzuentwickeln. Die
Existenz erfolgversprechender Handelsregeln auf Basis psychologischer Effekte
wird kontrovers diskutiert. Dennoch kann der Anleger von den Erkenntnissen der
Börsenpsychologie profitieren. Das Wissen um seine beschränkte Rationalität
hilft „ irrationales “ Verhalten zu erkennen und die Anlagerendite zu optimieren.
Anleger neigen zu selektiver Wahrnehmung, werden von Angst,
Neid und Gier getrieben, folgen dem Herdentrieb in der Hausse und dem
Lemmingeverhalten im Crash. Diese sehr anschaulichen Charakterisierungen des
Anlegerverhaltens werden in Modellen der klassischen Kapitalmarkttheorie wie
zum Beispiel dem Capital Asset Pricing Model (CAPM) ignoriert. Solange die
Börsenpsychologie aber nicht in der Lage ist, Anlegerverhalten systematisch zu
erklären und zu prognostizieren, liefert die Vorstellung von seelenlosen
ß-Anlegerandroiden (Gerke, 1997)
die besten Näherungsmodelle für die Preisbildung an den Kapitalmärkten.
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