Inhaltsübersicht
I. Einleitung
II. Das
Entscheidungsproblem des Investors
III. Präferenzen
im Erwartungswert/Varianz-Raum
IV. Effiziente
Portfolios
V. Erweiterungen
der Portfoliotheorie
VI. Grenzen
der Portfoliotheorie
I. Einleitung
Die Portfoliotheorie kann als einer der wesentlichen Meilensteine
auf dem Weg zu einer geschlossenen, mikroökonomisch fundierten
Finanzierungstheorie angesehen werden. Sie basiert auf den Arbeiten von Harry Markowitz (Markowitz, 1952;
Markowitz, 1959).
Andere frühe, aber bei weitem nicht so rigorose Ansätze entwickelten Roy (Roy, A.
1952) und Freund (Freund, R.
1956).
Ursprünglich verfolgte Markowitz die Intention, eine
normative Theorie im Sinne von Handlungsempfehlungen für Investoren zu
entwickeln. Sein Ansatz löste das bis dahin eher diffuse Verständnis von Diversifikation und Portfolio-Bildung (\'Don\'t put all your eggs in one basket\') ab. Als
Grundlage hierfür diente die erstmalige explizite Abbildung der Substitutionsbeziehung zwischen Rendite und
Risiko einer Kapitalanlage. Darüber hinaus bildet die Portfoliotheorie die
Basis für die Modellierung von Gleichgewichtsprozessen auf dem Kapitalmarkt (z.B. Sharpe, W. F.
1964) und erlangt dadurch auch aus positivistischer Sicht einen herausragenden
Stellenwert. Die Bedeutung der Portfoliotheorie und ihrer Weiterentwicklungen
wurde 1990 mit der Vergabe des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an
Markowitz und Sharpe (zusammen mit M. H. Miller, ) gewürdigt.
Das zu seiner Zeit revolutionäre Konzept effizienter Portfolios beruht auf der Annahme, dass sich die
relative Vorteilhaftigkeit von Kapital-Anlagen hinreichend durch die beiden ersten
zentralen Momente ihrer Renditeverteilung, Mittelwert
und Varianz, beschreiben lässt. Ein
Portfolio wird als effizient bezeichnet, falls kein anderes Portfolio bei
gleicher Rendite-Varianz eine höhere erwartete Rendite aufweist. Ein den
Erwartungsnutzen maximierender Investor sollte ausschließlich aus der Menge
effizienter Portfolios das für ihn optimale Portfolio auswählen. Tobin (Tobin, J.
1958) erweiterte den Ansatz, indem er nachwies, dass die optimale Mischung
risikobehafteter Kapitalanlagen bei Existenz einer risikolosen Kapitalanlage
unabhängig von der lokalen Risikoaversion,
also vom Vermögen des Investors ist. Diese Separations-Eigenschaft hat
weitreichende Implikationen im Marktzusammenhang. Bei Homogenität der
Erwartungen halten alle Marktteilnehmer im Gleichgewicht das gleiche Portfolio
risikobehafteter Kapitalanlagen. Für dieses sogenannte Marktportfolio existiert
ein einheitlicher Marktpreis des Risikos, der die Berechnung intersubjektiver
Risikoprämien ermöglicht. Auf Basis dieser Überlegungen wurde die
Preis-Relation des Capital Asset Pricing Model (CAPM) von Sharpe (Sharpe, W. F.
1964) entwickelt. Ausgehend vom CAPM wird der renditegenerierende Prozess einer
Kapitalanlage als lineares Modell (Markt-Modell) beschrieben. Durch die
Separierbarkeit des Gesamtrisikos einer Anlage in systematische und
unsystematische Bestandteile lässt sich der Aufwand zur Bestimmung effizienter
Portfolios stark reduzieren, was den Einsatz der Portfoliotheorie in der Praxis
erleichtert.
II. Das Entscheidungsproblem
des Investors
Ausgangspunkt der Portfoliotheorie ist der normative
Anspruch, dem Investor die Wahl eines optimalen Portfolios zu ermöglichen. Es
wird unterstellt, dass die Entscheidungsträger den Erwartungsnutzen des
Endvermögens maximieren. Diese Zielformulierung geht auf Bernoulli (Bernoulli, D.
1954) zurück. In Erweiterung des Grundkonzepts wird außerdem angenommen, dass
sich die Entscheidungsträger rational im Sinne der von Neumann/Morgenstern-Axiome
verhalten (von Neumann,
J./Morgenstern, O. 1944).
Das Endvermögen eines Entscheidungsträgers w?1 setzt sich zusammen aus dem Anfangsvermögen w0 und dem unsicheren Portfolio-Einkommen w0 r?p, das funktional von der Allokation des
Anfangsvermögens w0 auf die zur Verfügung stehenden Kapitalanlagen
abhängt Das
Optimierungsproblem des Investors besteht demnach darin, die relativen
Portfolio-Anteile xj der zur Verfügung
stehenden Kapitalanlagen j=1,...,N so zu wählen, dass der Erwartungsnutzen des
Endvermögens maximiert wird.
Dabei erfolgt die Formulierung des Endvermögens w?1 unter der impliziten Annahme eines vollkommenen Kapitalmarktes (keine Transaktionskosten
oder Steuern, beliebige Teilbarkeit der Kapitalanlagen, vollständige
Verfügbarkeit der Erlöse aus Leerverkäufen).
Ökonomisch plausibel und empirisch vertretbar sind des
weiteren die Annahmen der Nichtsättigung
(u ´ > 0) und der Risikoaversion
(u ´ ´< 0) des Entscheidungsträgers.
Die Optimierung kann auch unter diversen Nebenbedingungen
erfolgen, die sowohl institutionell bedingt als auch selbst auferlegt sein
können. So können beispielsweise Leerverkaufs- bzw.
Kreditaufnahmebeschränkungen, d.h. xj ≥ 0
für j E {1, ...,N}, berücksichtigt werden.
III. Präferenzen im
Erwartungswert/Varianz-Raum
Nichtsättigung und
Risikoaversion als Eigenschaften der von
Neumann/Morgenstern-Nutzenfunktion
führen dazu, dass Investoren ceteris
paribus Vermögensverteilungen mit höherem
erwartetem Endvermögen und niedrigerer
Streuung präferieren. Die ausschließliche Berücksichtigung von
Erwartungswert und Varianz ist allerdings nur dann ein hinreichendes Kriterium
für die Erwartungsnutzenmaximierung, wenn der Erwartungsnutzen eines Investors
vollständig durch die beiden ersten Zentralmomente der Vermögensverteilung
beschrieben wird.
Um die Plausibilität dieser Annahme besser beurteilen zu
können, wird zunächst die Taylor-Erweiterung des Endvermögensnutzens an der
Stelle des erwarteten Endvermögens betrachtet, wobei im Folgenden auf die explizite
Kennzeichnung von Zufallsvariablen durch das Symbol ~ verzichtet wird:
wobei μ = E(w).
Bildet man den Erwartungswert des Nutzens, so entfällt der
zweite Term aus (2). Der dritte Term beinhaltet die Varianz, also das zweite
zentrale Moment der Vermögensverteilung, die restlichen Terme hängen von den
höheren zentralen Momenten der Verteilung ab.
In zwei Fällen ist die Reduktion auf die ersten beiden
zentralen Momente eine zulässige Vereinfachung des Präferenzfunktionals:
1) Im ersten Fall wird von einer quadratischen Nutzenfunktion in der allgemeinen Form
ausgegangen. Da die Ableitungen dritter sowie höherer Ordnung
bei quadratischen Nutzenfunktionen gleich Null sind, kann folglich (3) in
Abhängigkeit von Erwartungswert und Varianz des Vermögens geschrieben werden
als
Parametrisiert man E(u), so stellt (5) eine Schar von
Indifferenzkurven im μ/σ-Raum dar. Leider hat die quadratische
Nutzenfunktion einige ökonomisch unplausible Eigenschaften:
(a) Der Grenznutzen
des Portfolio-Einkommens wird negativ falls c1/c2 < w. In diesem Bereich stellt Einkommen ein
inferiores Gut dar.
(b) Das Pratt-Maß
für die lokale absolute und relative Risikoaversion ist bei quadratischen
Nutzenfunktionen eine steigende Funktion des Vermögens (Pratt, J. W.
1964).
2) Im zweiten Fall wird von einer Normalverteilung des
Portfolio-Einkommens ausgegangen.
Hinreichende Bedingung für ein normalverteiltes Portfolio-Einkommen
ist, dass die Rendite-Verteilungen der einzelnen Kapital-Anlagen im Portfolio
multivariat normalverteilt sind.
Wegen der Symmetrie der Normalverteilung verschwinden alle
ungeraden höheren Momente in (3) und die geraden höheren Momente lassen sich
als Funktionen von E(w) und σ(w) ausdrücken. Daraus folgt, dass die
Präferenzen des Investors vollständig als Indifferenzkurvenschar in der
μ/σ-Ebene dargestellt werden können. Wie Tobin (Tobin, J.
1958) zeigt, verlaufen die Iso-Nutzen-Linien bei Annahme von Nichtsättigung und
Risikoaversion des Investors konvex zum Ursprung.
Abb. 1: Indifferenzkurven eines risikoaversen Investors mit
rationalen Präferenzen im μ/σ-Raum
Die Annahme multivariater Normalverteilung der Renditen
erweist sich als unplausibel und empirisch kaum haltbar. Renditen können zwar
unendlich groß werden, aber selbst bei Anlageformen mit unbeschränkter Haftung
gibt es eine Renditeuntergrenze (das Vermögen des Investors). Bei
Kapitalanlagen mit beschränkter Haftung (z.B. Aktien) beträgt die
Renditeuntergrenze – 100%. Die Einkommensverteilungen einzelner Kapitalanlagen
sind somit keineswegs symmetrisch, sondern tendenziell rechtsschief.
Statistisch liegt Rechtsschiefe bei einem positiven dritten zentralen Moment
einer Verteilung vor. Für Aktienrenditen konnte Rechtsschiefe in zahlreichen
empirischen Untersuchungen nachgewiesen werden (z.B. Fama, E. F.
1965). Über längere Zeiträume betrachtet entsprechen die Renditen von Aktien
eher einer Log-Normalverteilung, denn einer Normalverteilung. Fama (Fama, E. F.
1965) stellt auch für tägliche Aktienrenditen Abweichungen von der Normalverteilungsannahme
fest. Zwar kann er die Symmetrie-Hypothese in diesem Fall nicht ablehnen,
jedoch weicht das vierte zentrale Moment der Renditeverteilung (die Wölbung)
signifikant von der Normalverteilung ab. Die empirischen Verteilungen weisen so
genannte \'fat tails\' auf, d.h. im Vergleich zur Normalverteilung verlagert sich
Wahrscheinlichkeitsmasse vom Zentrum der Verteilung in die Außenbereiche der
Verteilung. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Pareto-Verteilung.
Dadurch entsteht das Problem infiniter Varianzen. Dieses macht es für den
Investor unmöglich, Portfolio-Entscheidungen anhand des
μ/σ-Kriteriums zu treffen. Fama zeigt jedoch, dass bei Stabilität der
Renditeverteilung auch andere Dispersionsmaße zur Portfolio-Selektion im Sinne
von Markowitz herangezogen werden
können.
Bereits Markowitz (Markowitz, 1952)
beurteilt jedoch die Annahme stabiler Verteilungen als besonders kritisch, da
sich selbst bei kurzen Anlagezeiträumen der Informationsstand des Investors und
damit seine Erwartungshaltung bzgl. Rendite und Risiko der Anlagealternativen
verändern kann. Eine Verteilung wird als stabil bezeichnet, falls sich ihre
Parameter während der Messperiode (also hier während des Anlagezeitraums) nicht
verändern. Parameterinstabilitäten lassen sich mithilfe neuerer ökonometrischer
Verfahren, wie z.B. mit ARCH- und
GARCH-Modellen (Engle, R.
1982; Bollerslev,
T. 1987) abbilden. Mit ihrer Hilfe lässt sich beispielsweise das
empirische Phänomen des Volatilitäts-Clustering (d.h. die Persistenz der
Volatilität) an Finanzmärkten beschreiben.
Eine weitere hinreichende Bedingung für die Annahme eines normalverteilten
Portfolio-Einkommens ist erfüllt, falls die Investoren \'wohl diversifizierte
Portfolios\' halten. Ein Portfolio wird als \'wohl diversifiziert\' bezeichnet,
falls die Anwendung des \'Zentralen
Grenzwertsatzes\' (ZGWS) gerechtfertigt ist (Hirshleifer,
J./Riley, J. G. 1992). Der ZGWS besagt, dass die Verteilung einer
Summe von identisch verteilten Zufallsvariablen, falls diese nicht perfekt
miteinander korrelieren, mit zunehmender Summandenzahl gegen eine
Normalverteilung konvergiert.
Da weder von strikter stochastischer Unabhängigkeit, noch von
identischen Renditeverteilungen ausgegangen werden kann, können \'wohl diversifizierte\'
Portfolios nur approximativ gegeben sein. Tendenziell werden die höheren
zentralen Momente von Renditeverteilungen durch Bildung näherungsweise \'wohl
diversifizierter\' Portfolios eliminiert. Der ausserordentlich hohe
Portfolio-Anteil des Humankapitals, sowie die empirisch beobachtbare Präferenz
für Lotterien mit rechtsschiefen Verteilungen spricht eher gegen die Annahme,
dass Investoren \'wohl diversifizierte\' Portfolios halten.
IV. Effiziente Portfolios
Akzeptiert man, dass Investoren (i) den Erwartungsnutzen des
Endvermögens maximieren, (ii) Nutzenfunktionen mit den üblichen Eigenschaften u
´ > 0 (Nichtsättigung) und u ´ ´ < 0 (risikoaversion) besitzen und dass
(iii) ihre Präferenzen vollständig im μ/σ-Raum abgebildet werden
können, so stellt sich die Frage, welches Portfolio sie aus der Menge aller
erreichbaren Portfolios wählen.
Der entscheidende Schritt von Markowitz (Markowitz, 1952)
bestand in der Reduzierung des Portfolio-Selektions-Problems des Investors auf
die Teilmenge effizienter Portfolios. Nur aus dieser Teilmenge wählt der
Investor sein optimales Portfolio. Mathematisch erfolgt bei gegebener Portfoliorendite
eine Minimierung der Varianz
Die Lösung erfolgt mithilfe der Linearen Programmierung.
Daraus ergibt sich die im μ/σ-Raum dargestellte Hyperbel der Minimum-Varianz-Portfolios
(Möglichkeitslinie). M kennzeichnet
dabei das global varianzminimale Portfolio. Effizient ist nur der obere Ast
dieser Hyperbel, der die μ/σ-effizienten Portfolios repräsentiert
(siehe Abb. 2). μ/σ-effizient sind die Portfolios, die bei gegebener
Varianz die höchstmögliche erwartete Rendite bieten.
Abb. 2: Die Menge effizienter Portfolios im
μ/σ-Raum
Existiert zusätzlich eine risikolose Kapital-Anlage
(σ=0) mit unbeschränkten Leerverkaufsmöglichkeiten, so besteht die Menge
der effizienten Portfolios aus Linearkombinationen zwischen der risikolosen Kapital-Anlage f und dem Tangential-Portfolio T, dem nunmehr
einzigen effizienten Portfolio, das ausschließlich aus risikobehafteten
Kapitalanlagen besteht. Die erwartete Rendite eines effizienten Portfolios
lässt sich in diesem Fall schreiben als
Die Linearität effizienter Portfolios im μ/σ-Raum
hat weitreichende Konsequenzen. So ist die optimale Mischung risikobehafteter
Kapitalanlagen eindeutig durch das Tangential-Portfolio T bestimmt.
Insbesondere ist das Verhältnis der Portfolio-Anteile in T unabhängig vom Vermögen
des Investors, also unabhängig von der lokalen
Risikoaversion nach Pratt (Pratt, J. W.
1964) und außerdem unabhängig von der globalen
Risikotoleranz des Investors. Betrachtet man z.B. zwei Investoren A und B
mit unterschiedlicher globaler Risikotoleranz (siehe Abb. 3), so halten beide
das Tangential-Portfolio T. Die unterschiedliche Risikoneigung beider Investoren
kommt ausschließlich im Anteil von T an den Gesamt-Portfolios von A und B zum
Ausdruck. Während A positive Anteile in der risikolosen Kapital-Anlage f und
dem Tangential-Portfolio T hält, verkauft B Anteile in der risikolosen Anlage
leer und investiert den Erlös in T. Investor A wird daher auch häufig als
Gläubiger und Investor B als Schuldner charakterisiert. Die Unabhängigkeit des
optimalen Portfolios risikobehafteter Kapitalanlagen von individuellen
Investorpräferenzen wird auch als \'Two-Fund-Separation\' bezeichnet und geht auf
Tobin (Tobin, J.
1958) zurück.
Abb. 3: Menge effizienter Portfolios bei Existenz einer risikolosen
Kapital-Anlage
An dieser Stelle sei auf die pareto-verbessernde Wirkung von
vollkommenen Kapitalmärkten, d.h. insbesondere von unbeschränkten risikolosen
Geldaufnahme- bzw. Anlagemöglichkeiten hingewiesen. In diesem Fall stellen
sich, wie in Abb. 3 erkennbar, sowohl Investor A als auch Investor B besser.
Beide erreichen höhere Nutzenindifferenzkurven. Gleichzeitig kann sich niemand
verschlechtern. Investor C kann als marginaler Investor angesehen werden, da er
sich durch die Einführung der risikolosen Kapitalanlage nicht verbessert. Er
ist indifferent bzgl. der Existenz von rf, da er 100% seines Budgets in das
Tangential-Portfolio investiert, also weder Schuldner noch Gläubiger ist.
V. Erweiterungen der
Portfoliotheorie
1. Marktgleichgewicht bei homogenen
Erwartungen der Investoren
Das Tangential-Portfolio in Abb. 3 erhält weitergehende
Interpretierbarkeit, falls angenommen wird, dass alle Investoren homogene
Erwartungen haben, sich also der gleichen Menge μ/σ-dominanter
Portfolios gegenübersehen. In diesem Fall wählen alle Investoren das gleiche
Portfolio aus risikobehafteten Anlagen. Da im Marktgleichgewicht alle
Kapitalanlagen gehalten werden müssen, handelt es sich bei diesem Portfolio um
das Markt-Portfolio (MP). Alle Kapitalanlagen gehen im Verhältnis ihres
Marktwerts zum Gesamtmarktwert in das MP ein. Die Anteile sind daher stets
positiv. Da alle Marktteilnehmer ein Portfolio mit ausschließlich positiven
Anteilswerten nachfragen, besteht keinerlei Interesse an Leerverkäufen
risikobehafteter Kapitalanlagen.
Die wichtigste Implikation des \'Mutual-Fund-Theorems\' liegt
im Bereich eines einheitlichen Marktpreises des Risikos, der durch die Steigung
der Effizienzlinie in (7) determiniert ist. Diese Effizienzlinie wird als
Kapitalmarktlinie bezeichnet. Durch den einheitlichen Marktpreis des Risikos
werden ähnlich wie bei der Fisher-Separation (Fisher, I.
1930) Investitionsentscheidungen an Agenten delegierbar. Sie hängen nicht von
den Risikopräferenzen der Kapitalgeber ab. Im Marktgleichgewicht entsprechen
alle subjektiven marginalen Raten der Substitution (MRS) bezüglich
μ/σ dem Marktpreis des Risikos.
Aus der zusätzlichen Bedingung, dass im Marktgleichgewicht
die Überschussnachfragen nach risikobehafteten Anlagen gleich Null sein müssen,
lässt sich zudem die Preisrelation des Capital
Asset Pricing Model (Sharpe, W. F.
1964) herleiten, die auch als Wertpapiermarktlinie bezeichnet wird.
Im Marktgleichgewicht ist die erwartete Rendite einer
Kapitalanlage i eine lineare Funktion ihres Kovarianzrisikos. Dieses
Kovarianzrisiko wird auch als systematisches Risiko einer Kapitalanlage
bezeichnet. Das systematische Risiko ist der Teil des Gesamtrisikos einer
Kapitalanlage, der nicht durch die Bildung eines \'wohl diversifizierten\' Portfolios
eliminiert werden kann. Aufgrund der Zerlegbarkeit der Gesamtvarianz in
systematische und unsystematische Bestandteile kann der renditegenerierende
Prozess einer Kapitalanlage mithilfe des folgenden linearen Modells beschrieben
werden:
Dieses lineare Modell wird auch als Markt-Modell bzw. als
\'Single-Index-Model\' bezeichnet und zur Beschreibung des empirischen
Zusammenhangs zwischen der Rendite einer Kapitalanlage j und der Marktrendite
verwendet. Der Regressionsparameter βj entspricht dem CAPM-Beta.
Im CAPM-Marktgleichgewicht muss gelten, dass die
Residualrenditen des Markt-Modells in einer Querschnittsbetrachtung über alle
Kapitalanlagen unkorreliert sein müssen. Die Varianz/Kovarianz-Matrix der
Portfolio-Residualrenditen weist daher die so genannte Diagonaleigenschaft auf,
d.h. die Matrix besitzt nur auf ihrer Hauptdiagonalen von Null abweichende
Einträge.
Durch Bildung eines \'wohl-diversifizierten\' Portfolios geht
der Residualvarianzanteil gegen Null. Bei endlicher Anzahl von Kapitalanlagen
verschwindet die Residualvarianz eines Portfolios somit zwar nicht vollständig,
wird jedoch schon ab N=10 vernachlässigbar klein. Folglich besteht, bei
hinreichender Diversifikation, die Portfolio-Varianz zumindest approximativ
ausschließlich aus systematischen Bestandteilen, nämlich den mit ihren
Portfolio-Anteilen gewichteten Kovarianzrisiken. Durch Anwendung des
Diagonal-Modells lassen sich somit zumindest annähernd effiziente Portfolios
bestimmen.
Ein praktischer Vorteil dieser Vorgehensweise liegt in einer
erheblichen Verminderung des Schätz- und Rechenaufwandes bei der
Portfolio-Optimierung. Bei Anwendung der Markowitz-Methode zur Bestimmung von
Minimum-Varianz-Portfolios erweist sich bereits die Parameterschätzung bei
hinreichend großer Anzahl zur Verfügung stehender Anlagealternativen als
äußerst komplexes Problem. Im N-Anlagen-Fall hat der Investor neben N
Erwartungswerten und N Varianzen noch (N2-N)/2 Kovarianzen zu schätzen. Hinzu
kommt, dass für jede vorgegebene erwartete Rendite ein konvexes Programmierungsproblem
mit mindestens 2 Nebenbedingungen zu lösen ist. Kommen
Leerverkaufsbeschränkungen hinzu, so wächst die Anzahl der Nebenbedingungen um
die Anzahl der nicht leerverkaufbaren Anlagealternativen. Zieht man die
Vielfalt der in der Realität existierenden Anlagealternativen in Betracht, so
stellt die Bestimmung minimum-varianz-effizienter Portfolios eine kaum lösbare
Aufgabe für den Investor dar.
Neben der nur approximativen Bestimmbarkeit effizienter
Portfolios besteht ein weiteres Problem des Markt-Modells darin, dass das
Markt-Portfolio im Praxis-Einsatz durch einen Markt-Index abgebildet wird, der
jeweils nur eine Teilmenge der Gesamtpopulation von Kapitalanlagen
repräsentiert.
Der hier vorgestellte μ/σ-Ansatz der
Portfolio-Selektion und seine Erweiterungen sind sowohl aus normativer wie auch
aus deskriptiver Sicht nur dann akzeptabel, falls seine Prämissen als zulässige
Vereinfachungen der Realität akzeptiert werden können. Hierzu ist sowohl die
Konfrontation der Modellaussagen mit der Empirie, als auch die Frage nach der
Robustheit der Theorie-Implikationen bei Aufweichung einiger restriktiver
Annahmen notwendig. Im Rahmen dieser Abhandlung wird nur kurz auf Letzteres
eingegangen. Für eine Zusammenfassung empirischer Ergebnisse kann auf Copeland/Weston (Copeland, T.
E./Weston, J. F. 1988), Fama
(Fama, 1991)
und Campbell et al. (Campbell,
/Lo, /MacKinlay, 1997) verwiesen werden.
2. Marktgleichgewicht ohne risikolose
Kapitalanlage
Die bei der Herleitung der \'Two-Fund-Separation\' und des CAPM
gemachte Annahme einer risikolosen und unbeschränkten Kapitalanlagemöglichkeit
widerspricht unmittelbar der empirischen Beobachtung. Sie ist schon alleine
deshalb unplausibel, weil bei der gleichzeitig gesetzten Prämisse multivariat
normalverteilter Renditen immer eine positive Konkurswahrscheinlichkeit des
Investors gegeben ist. Des weiteren ist die Einheitlichkeit des risikolosen
Zinssatzes aufgrund von Marktunvollkommenheiten, z.B. Transaktionskosten,
zumindest nicht für alle Marktteilnehmer gegeben. Trotzdem lassen sich
Separationseigenschaft und CAPM-Preisrelation bei Existenz eines so genannten
Zero-Beta-Portfolios retten (Black, F.
1972). Ein Zero-Beta-Portfolio ist ein Portfolio, dessen Rendite stochastisch
unabhängig von der Marktrendite ist. Black zeigt die Existenz und die
Eindeutigkeit eines solchen Portfolios. Bildet man nun Linear-Kombinationen
zwischen dem Zero-Beta-Portfolio und dem Markt-Portfolio, so erhält man eine
Effizienzlinie im μ/σ-Raum, die sich von der Kapitalmarktlinie nur
durch die Substitution der risikolosen Kapitalanlage durch das
Zero-Beta-Portfolio unterscheidet. Ein einheitlicher Marktpreis des Risikos
existiert in diesem Fall allerdings nur unter der Prämisse unbeschränkter
Leerverkaufsmöglichkeiten für das Zero-Beta-Portfolio.
3. Marktgleichgewicht bei heterogenen
Erwartungen
Lintner zeigte,
dass die wesentlichen Implikationen des CAPM auch bei heterogenen Erwartungen
der Marktteilnehmer erhalten bleiben (Lintner, J.
1969). Der einzige Unterschied zum Ursprungsmodell besteht bei Lintner darin,
dass Erwartungswerte und Kovarianzen komplexe gewichtete Durchschnitte der
Investoren-Erwartungen sind. Allerdings ist unmittelbar einsichtig, dass im
Fall heterogener Erwartungen die Separationseigenschaft verloren geht, d.h.
nicht alle Investoren das gleiche Portfolio aus risikobehafteten Kapitalanlagen
wählen. Folglich ist das Markt-Portfolio nicht mehr notwendigerweise effizient.
Dieser Umstand stellt die empirische Testbarkeit des CAPM ernsthaft in Frage (Roll, R.
1977). Als weitere Implikation des Lintner-CAPM besitzen Marktpreise für die
Marktteilnehmer Informationscharakter. Hierzu entstand ausgehend von Grossman (Grossman, S.
J. 1976) und Grossman/Stiglitz (Grossman, S.
J./Stiglitz, J. E. 1976) eine umfangreiche Literatur zur
Verarbeitung von Informationen in Kapitalmärkten.
4. Mehrperiodige Portfolio-Selektions- und
Asset-Pricing-Modelle
Bisher wurde vereinfachend von einem Portfolio-Auswahlproblem
mit einperiodigem Entscheidungshorizont des Investors ausgegangen. Diese Myopik
könnte unter Umständen die Gültigkeit des vorgestellten μ/σ-Ansatzes
in Frage stellen. Es wurden daher Modelle entwickelt, die nicht nur den
Erwartungsnutzen des Endvermögens, sondern den Erwartungsnutzen des
Lebenszeit-Konsums (inkl. des Erbgutes) maximieren.
Im statischen/einperiodigen Kontext agieren die Entscheider
als Maximierer ihres erwarteten Endvermögens. Hier sollte aber beachtet werden,
dass das letzte Ziel des Wirtschaftens nicht die Vermögensmaximierung, sondern
der Konsum ist. Im einperiodigen Zusammenhang stellt dies kein Problem dar, da
implizit die Annahme getroffen wird, dass am Ende der Modellperiode das
angesammelte Vermögen konsumiert wird. Im mehrperiodigen Kontext ändert sich
die Situation: Die Unterscheidung zwischen der Ausrichtung der individuellen
Entscheidungen am erwarteten Vermögen oder am optimalen intertemporalen Konsum
wird dann relevant.
Merton (Merton, 1971)
gelang es nachzuweisen, dass das optimale Portfolio eines Investors, bei
kontinuierlicher Portfolio-Revision, die gleiche Separationseigenschaft
aufweist wie im Einperioden-Modell von Tobin
(Tobin, J.
1958). In einer Erweiterung dieses Ansatzes zeigt Merton (Merton, R. C.
1973), dass bei stochastischer risikoloser Anlage die \'Two-Fund-Separation\' in eine \'Three-Fund-Separation\'
übergeht, d.h. dass alle Investoren ihr individuelles Portfolio aus 3 \'Funds\'
zusammenstellen, dem Markt-Portfolio,
der risikolosen Anlage und einem Hedge-Portfolio, das sie gegen
unerwartete Veränderungen des risikolosen Zinssatzes absichert. Für die
zusätzliche Statusvariable Unsicherheit des risikolosen Zinses wird ein
Risikozuschlag verlangt. Die Interpretation ist jedoch kontraintuitiv in bezug
auf das Standard-CAPM, da der Zusammenhang zwischen dem Wert eines Assets und
seinem marginalen Beitrag zum Vermögen im intertemporalen CAPM so nicht mehr
vorhanden ist.
Das von Breeden (Breeden, D.
1979) entwickelte Konsum-CAPM ist die
probate dynamische Formulierung in Analogie zum statischen Modell des
Standard-CAPM. Das Konsum-CAPM setzt um, dass im intertemporalen Zusammenhang
die entscheidende Größe der individuelle intertemporale Konsumplan ist. Damit
kann der Wert eines Assets nicht mehr von seinem marginalen Beitrag zum
Endvermögen (einperiodig), sondern von seinem marginalen Risikobeitrag zum
Konsumplan abhängt. Die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Konsums ersetzt die Rendite
des Marktportefeuilles als determinierende Variable der Gleichgewichtsrenditen
der Assets, diese werden also in Abhängigkeit ihrer Kovarianz mit dem
aggregierten Konsum bepreist. Dies ergibt dann als Konsequenz in Analogie zum
Standard-CAPM das Konsum-Beta als erklärende Variable der Assetrenditen.
VI. Grenzen der
Portfoliotheorie
Die Portfoliotheorie hat für ein halbes Jahrhundert die
empirische und theoretische Kaptalmarktforschung beherrscht. Sie hat in dieser
Zeit zahlreiche Erweiterungen und Verfeinerungen erfahren, durch die z.B. auch
beschränkt rationales Verhalten über so genanntes Noise Trading (Röckemann,
Ch. 1995; von Heyle, D.
1995) in die ansonsten auf der Prämisse vollkommener Märkte basierende
Postfoliotheorie eingebaut wurde. Zunehmend wird in der Kapitalmarktforschung
aber herausgearbeitet, dass zwischen den Gesellschaften und Managern eines
Unternehmens Interessenskonflikte auftreten, dass Informationsassymetrien die
Finanzierung behindern und Anleger sentimental (Gerke, 2000)
statt rational handeln.
Im Rahmen von Behavioral Finance-Ansätzen (Shefrin, H.
2000; DeBondt, W.
F. M./Thaler, R. H. 1995) wird die Irrationalität der Anleger
betont. Insbesondere kurzfristig handeln zahlreiche Investoren irrational. Sie
folgen mit so genanntem Herdenverhalten (Devenow,
A./Welch, I. 1996) Zeittrends, verhalten sich in Verlustsituationen
anders als in Gewinnsituationen (siehe zum Dispositionseffekt Shefrin,
H./Statman, M. 1985; Gerke,
W./Bienert, H. 1993). Überreaktionen prägen die Marktpreise (Shiller, R.
J. 2000; Bank, M.
2001). Die Behavioral Finance-Ansätze werden aber immer den Nachteil aufweisen,
dass sie die Stringenz und Geschlossenheit der Portfoliotheorie in ihren
Aussagen nicht erreichen können.
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