Inhaltsübersicht
I. Begriff
und Zweck
II. Entwicklungsstufen
und inhaltliche Schwerpunkte
III. Methoden
der Früherkennung
IV. Aktuelle
Entwicklungen
I. Begriff und Zweck
Früherkennungsmodelle sind spezifische
(Teil-)Informationssysteme, Verfahren und Instrumente zum frühzeitigen,
möglichst korrekten und präzisen Erkennen künftiger Entwicklungen und zur
Bewertung dadurch ausgelöster Risiken und Chancen. Wie im medizinischen oder
militärischen Bereich, wo Früherkennung schon lange eine bedeutende Rolle
spielt, geht es auch beim Einsatz von Früherkennungsmodellen in Unternehmen
vorrangig um die Gewinnung von Zeit für eine angemessene Reaktion auf die
erwarteten Umfeldveränderungen (vgl. Sepp, H.M.
1996, S. 148 ff.).
Zur Unterstreichung der zunehmenden Dringlichkeit von
Früherkennung wird gerne auf die Zeitschere verwiesen: einerseits habe die
Dynamik der Umfeldveränderungen massiv zugenommen (Ansoff (Ansoff, H.I.
1979, S. 47) hat dafür den Begriff der Umweltturbulenz geprägt, andere
sprechen schon von Hyperturbulenz). Dies erschwere die Vorhersehbarkeit der
strategisch bedeutsamen Veränderungen und reduziere die verfügbare
Reaktionszeit. Andererseits wachse mit zunehmender Komplexität die benötigte
Reaktionszeit, die sich aus dem Zeitbedarf für das Finden der angemessenen
Reaktion, die Durchführung der betreffenden Maßnahmen (mit dem Aufbau der
benötigten Ressourcen und Fähigkeiten) und den Eintritt ihrer Wirkung
zusammensetzt. Bei zu später Reaktion sind Nachteile in Form von negativen
Auswirkungen auf das Unternehmensergebnis (bis zum Grenzfall der Insolvenz) oder
von Opportunitätsverlusten durch entgangene Gewinnchancen zu befürchten.
Alternativ oder ergänzend zu einer Strategie der Verminderung der notwendigen
Reaktionszeit durch Erhöhung der Flexibilität lässt sich diese Problematik
durch eine Verlängerung der verfügbaren Reaktionszeit, also durch ein
rechtzeitiges Erkennen zukünftiger Umfeldveränderungen entschärfen, das noch
ausreichend Zeit lässt zur Abwehr negativer bzw. zur Ausnutzung positiver
Erfolgswirkungen. Dies sollen Früherkennungsmodelle gewährleisten.
II. Entwicklungsstufen und
inhaltliche Schwerpunkte
Weitgehend übereinstimmend werden in der Literatur drei
Generationen von Früherkennungssystemen unterschieden, die sich nach ihrer
spezifischen Zielsetzung, der Reichweite der Ansätze und den verwendeten
Analysemethoden abgrenzen lassen.
1. Generation:
Kennzahlenorientierte Frühwarnsysteme
Früherkennungssysteme dieses Typs setzen überwiegend an den
Zahlen des internen oder externen Rechnungswesens an. Vor allem mithilfe von
Kennzahlensystemen (z.B. Du Pont, ZVEI, RL, vgl. dazu Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1993, S. 48 ff.) werden Abweichungen zwischen
Plan-(Soll-) und Istgrößen erfasst und als Steuerungsgrößen genutzt. Negative
Abweichungen haben (bei Überschreiten vorgegebener Grenzen) Warnfunktion und
deuten auf Probleme bzw. Analyse- oder Handlungsbedarfe hin.
Um nicht nur schon eingetretene, sondern auch zu erwartende
Zielabweichungen anzeigen zu können, lassen sich solche Systeme zu
Erwartungsrechnungen ausbauen, die auf der Basis der vorliegenden Daten die
voraussichtlichen Istwerte hochrechnen und damit einen Soll/Wird-Vergleich
erlauben.
Derartige Früherkennungssysteme vermögen überwiegend nur
operative Entscheidungen zu unterstützen. Sie zeigen – mit sehr geringem
zeitlichen Vorlauf – eher Symptome auf, helfen aber wenig bei der Suche nach
strategischen Ursachen.
2. Generation:
Indikatormodelle
Indikatormodelle ergänzen und erweitern die Systeme der 1.
Generation. Leitidee ist, dass Umfeldveränderungen schon früher zu erkennen
sein und ihren Niederschlag in Vorlaufgrößen (leading indicators) finden
müssten. Solche Vorlaufgrößen können sowohl unternehmensexterne Größen wie z.B.
Faktoren der gesamtwirtschaftlichen bzw. branchen- oder regionenbezogenen
Entwicklung, der Markt- und Konkurrenzstruktur als auch unternehmensinterne
Daten monetärer (Deckungsbeiträge Cashflows) und nicht-monetärer Art
(Fluktuationszahlen, Anteil von Neuprodukten) sein. Eine Übersicht denkbarer
Indikatorensysteme in einem Industriebetrieb gibt die Abb. 1.
Abb. 1: Beispiel für ein Indikatorenschema für die Industrie
(Quelle: Bea,
F.X./Haas, J. 1997, S. 275)
Andere Beispiele finden sich bei Hahn/Klausmann (Hahn,
D./Klausmann, W. 1979), Krystek/Müller-Stewens (Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1993, S. 76 ff.) und Muchna (Muchna, C.
1988, S. 267).
Zur Nutzung eines solchen Indikatormodells sind
-
relevante Beobachtungsfelder zu definieren,
-
Indikatoren mit guten Früherkennungseigenschaften zu
bestimmen,
-
Sollwerte und Toleranzbereiche für diese Indikatoren
festzulegen,
-
die konkreten Indikatorausprägungen zu erheben,
-
Bewertungen hinsichtlich der erwarteten Chancen und
Risiken abzuleiten.
Je nach Auswahl der Beobachtungsfelder und Indikatoren ist
das jeweilige Modell eher der operativen oder der strategischen Früherkennung
zuzuordnen. Seine praktische Leistungsfähigkeit hängt wesentlich davon ab, ob
die für den späteren Unternehmenserfolg wirklich relevanten Indikatoren
ausgewählt sind und die unterstellten Kausalbeziehungen zwischen den
Vorlaufgrößen und der Unternehmensentwicklung theoretisch fundiert sind und
stabil bleiben. Weiterentwicklungen der Indikatormodelle versuchen explizit die
netzartigen Zusammenhänge (ein- und beidseitige positive oder negative
Abhängigkeiten) zu berücksichtigen (z.B. Probst,
G.J.B./Gomez, P. 1999).
3. Generation:
Strategische Frühaufklärung
Den Indikatormodellen wird oft ihre Gerichtetheit
vorgehalten, d.h. die Festlegung auf einmal für relevant erachtete
Beobachtungsbereiche und Indikatoren. Demgegenüber sei eine turbulente Umwelt
gerade durch das Auftreten von Diskontinuitäten geprägt, also von Ereignissen,
die sich störend auf bislang kontinuierliche Entwicklungen auswirken und bisher
stabile ökonomische Zusammenhänge obsolet werden lassen. Aber auch solche
Diskontinuitäten kündigten sich in aller Regel durch sog. schwache Signale an,
die es zu erkennen gelte und auf die das Unternehmen durch der Informationslage
angepasste strategische Reaktionen zu antworten habe. Dieses 1976 von Ansoff,
H.I. entwickelte Konzept der „ Schwachen Signale “ ist bis heute Basis praktisch
aller strategischer Frühaufklärungssysteme. Der Begriff „ Frühaufklärung “ soll
zur Abgrenzung von der Früherkennung potenzieller Bedrohungen und Chancen auch
die Initiierung sich daraus als strategische Antwort ergebender Maßnahmen mit
enthalten (Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1993, S. 21).
Abb. 2: Grade der Ungewissheit bei Diskontinuitäten
(übersetzt aus Ansoff, H. I.
1976, S. 135)
Ansoff unterscheidet, wie Abb. 2. zeigt, fünf Grade der
Ungewissheit, denen er jeweils bestimmte Informationsgehalte zuordnet. Es geht
dabei nicht (in erster Linie) um Ungewissheit im entscheidungstheoretischen
Sinne, sondern um die Unvollständigkeit und inhaltliche Vagheit der verfügbaren
Information. Je nach dem Ungewissheitsgrad sind Reaktionsstrategien der
erhöhten Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, der internen und externen
Flexibilität, der internen Bereitschaft und des direkten Handelns sinnvoll und
angemessen.
4. Weitere
Abgrenzungen
Als zusätzliche Differenzierungsmerkmale unternehmerischer
Früherkennungsmodelle sind der Anwendungszweck und die Trägerschaft von
Bedeutung (zu weiteren Merkmalen s. Krystek, U.
1990, S. 421 ff.; zu einer umfangreichen Typologie s. Muchna, C.
1988, S. 83 ff., und Wiedmann,
K.-P. 1984, S. 8). Der Zweck eigenorientierter
Früherkennungssysteme liegt in der Entdeckung von Chancen und Risiken des
eigenen Unternehmens, während fremdorientierte Systeme darauf gerichtet sind,
Chancen und Risiken von Marktpartnern (Kunden, Lieferanten, Konkurrenten) zu
erkennen. Bei Letzteren kommt insbesondere der Insolvenzprognose von
Kreditnehmern durch Auswertung fundamentaler Unternehmensdaten (v.a. Jahresabschlüssen)
große praktische Bedeutung zu. Letztlich besteht aber auch dabei der Zweck in
der Abschätzung der daraus für das analysierende Unternehmen resultierenden
Ausfallrisiken.
Früherkennungsmodelle können von nur einem Unternehmen allein
(betriebliche Systeme) bzw. von mehreren Unternehmen und/oder privaten und
staatlichen Institutionen gemeinsam (überbetriebliche Systeme) getragen werden,
wobei auch die Nutzung von Erkenntnissen überbetrieblicher Systeme für das
unternehmenseigene Früherkennungsmodell sinnvoll sein kann.
Die in den angesprochenen Merkmalen zum Ausdruck kommende
begriffliche Breite der Früherkennungssysteme spiegelt sich auch in der
literarischen Verwendung des Begriffs wider, die von unterjährigen
Finanzplanungsmodellen (vgl. Zunk, D.
2000) über Aufdeckung von Kreditbetrug (vgl. Everding, S.
1996) und Insolvenzprognosen aus Jahresabschlüssen (vgl. Baetge, J.
1998; Hüls, D.
1995; Pfeifer, A.
1998) bis zu umfassenden strategischen Frühaufklärungssystemen (z.B. Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1993; Horváth, P.
2000) reichen.
III. Methoden der
Früherkennung
1. Adäquanz
von Methoden und Umfeldbedingungen
Unter welchen Voraussetzungen lassen sich verlässliche
Aussagen über künftige Entwicklungen ableiten?
-
Es müssen Invarianzen, also (Quasi-) Gesetzmäßigkeiten
zwischen verursachenden oder vorlaufenden und bewirkten Größen gelten,
-
diese müssen (möglichst) korrekt erkannt und
modellhaft erfasst sein,
-
die Ausprägungen der relevanten verursachenden bzw.
vorlaufenden Größen müssen feststellbar sein.
Bei solchen Idealbedingungen ist eine Früherkennung von
Chancen und Bedrohungen recht leicht durch den Einsatz von quantitativen
Prognosemethoden zu erreichen. Entweder erlaubt die Analyse der
interessierenden Zeitreihe selbst eine Ableitung des Prognosewerts, oder es ist
die Anwendung von univariaten oder multivariaten, linearen oder nicht-linearen
Kausalmodellen geboten. Ihre Leistungsfähigkeit hängt davon ab, in welchem
Umfang die genannten Bedingungen erfüllt sind.
Weit schwieriger gestaltet sich die Früherkennung bei
Diskontinuitäten, wenn also (vermeintliche oder tatsächliche) Strukturbrüche
auftreten und die bisher geltenden (oder für gültig gehaltenen)
Gesetzmäßigkeiten nicht mehr greifen (vgl. Picot, A.
1981; Hammer, R.M.
1992, S. 199 ff.). Hier treten die praktischen Schwierigkeiten des
Konzepts der „ Schwachen Signale “ zutage: Was sind „ Schwache Signale “ genau? Wie
lassen sie sich erkennen (Erfassungsproblem) und bezüglich ihrer strategischen
Bedeutung bewerten (Theorieproblem)? Wie kann man erkennen, dass sich Neues
entwickelt, wenn man das Neue nicht kennt? Wir lernen tendenziell rückwärts,
d.h. aus Erfahrungen, benötigen hier aber Vorstellungen über das „ Vorwärts “ .
Fortschreibungsmodelle der vorher beschriebenen Art sind daher meist nicht mehr
tauglich. Vielmehr gilt es, über den Einsatz vorrangig qualitativer
Entdeckungs- und Prognosemethoden potenziell relevante Veränderungen des
Unternehmensumfelds herauszufiltern. Eine Sicherheit, das Richtige zu entdecken
und es adäquat zu bewerten, ist hier nicht gegeben.
Diese Art von tendenziell ungerichteter Suche nach „ Schwachen
Signalen “ durch Abtasten des gesamten für relevant erachteten
Unternehmensumfelds wird als Scanning bezeichnet (vgl. Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1999, S. 505 ff.; Muchna, C.
1988, S. 65 ff.). Demgegenüber beschränkt sich Monitoring auf ein konkret
definiertes und eingegrenztes Umfeld und dabei auf ein vertieftes und
dauerhaftes Beobachten von Phänomenen, die man als wichtig identifiziert hat.
In einer Welt mit weitgehend invariantem Umfeld genügt damit eine Beschränkung
auf Monitoring-Aktivitäten, um Abweichungen von erwarteten Entwicklungspfaden
frühzeitig zu signalisieren. In einer Welt mit hohem Anteil an Diskontinuitäten
muss Scanning die primäre und Monitoring die unterstützende Aktivität bilden.
Klassische Anwendungstypen der ersteren Art von
Früherkennungsmodellen sind unternehmerische, eher kurzfristig und operativ
orientierte Partial- oder Totalplanungsmodelle und Insolvenzprognosen aus
Jahresabschlüssen (und zusätzlichen Unternehmens- und Umfelddaten).
Beispielhaft soll die typische Vorgehensweise der Insolvenzprognosemodelle
skizziert werden.
Ziel der Insolvenzanalyse ist, Merkmale von Unternehmen zu
identifizieren, die eine Trennung erlauben in „ gesunde “ Unternehmen, die
voraussichtlich „ überleben “ und ihre Kredite bedienen können, und solchen, die
insolvenzgefährdet sind, bei denen der Kreditgeber also voraussichtlich
Ausfälle in Kauf nehmen muss. Wir verfügen aber über keine gesicherte Theorie
der Insolvenzentstehung, die die klassifizierenden Merkmale und ihr
Zusammenwirken eindeutig liefern und Aussagen über kausale Zusammenhänge
zwischen Merkmalsausprägungen und der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung
zulassen würde. Die oben definierten Idealbedingungen für gute Prognosen sind
also nicht gegeben.
Die modernen Modelle der Insolvenzprognose nähern sich dem
Problem der Suche nach invarinten Zusammenhängen zwischen Merkmalsausprägungen
und künftiger Insolvenzgefährdung auf empirisch-induktivem Weg. Aus Gründen der
Datenverfügbarkeit konzentrieren sie sich meist auf historische
Jahresabschlussdaten von Unternehmen, deren weitere Entwicklung bekannt ist.
Aus ihnen werden mit Hilfe statistischer Verfahren (meist kommt dabei die
multivariate lineare Diskriminanzanalyse zum Einsatz, vgl. z.B. Baetge,
J./Beuter, H./Feidicker, M. 1992) Kennzahlenkombinationen mit
entsprechenden Gewichten der Einzelkennzahlen ermittelt, anhand derer möglichst
gut die insolvent gewordenen Unternehmen von den gesund gebliebenen getrennt
werden können. Ein Anspruch auf kausale Erklärung der unterschiedlichen
Entwicklungen durch die differierenden Kennzahlenwerte wird dabei nicht
erhoben. Erscheint plausibel bzw. zeigt sich empirisch, dass die gefundenen
Zusammenhänge repräsentativ und (weitgehend) zeitstabil sind, dann können sie
zur Klassifikation von Unternehmen bezüglich ihrer künftigen Entwicklung
herangezogen werden.
Die mit solchen Verfahren bei methodisch sauberer
Vorgehensweise erzielbaren Klassifikationsergebnisse sind so gut, dass v.a.
Kreditinstitute zunehmend auf sie vertrauen und sie zur Bonitätsprüfung
einsetzen. In jüngerer Zeit sind die linearen statistischen Verfahren
allerdings zunehmend durch Neuronale Netze abgelöst worden. Deren Vorteil ist,
dass sie auch nicht-lineare Zusammenhänge beliebiger Struktur und Komplexität
entdecken können und daher den linearen Verfahren in ihrer Trenngenauigkeit
tendenziell überlegen sind. (vgl. z.B. Baetge,
J./Dossmann, C./Kruse, A. 2000; Rehkugler,
H./Poddig, T. 1998, S. 333 ff.). Offenbar behalten die von
solchen linearen wie nicht-linearen Insolvenzprognosemodellen gefundenen
Vorlaufgrößen nicht nur bei unterschiedlichen Unternehmensgruppen ihre
Relevanz, sondern sind auch so invariant, dass sie nur in größeren
Zeitabständen nachjustiert werden müssen.
Ungeachtet der massiven Kritik D. Schneiders an solchen
Modellen, die sich vor allem an der fehlenden theoretischen Fundierung
entzündet (Schneider, D.
1985), kann damit konstatiert werden, dass die eingesetzten quantitativen
Methoden der Früherkennung (weitgehend) problemadäquat sind.
2. Früherkennung
bei Diskontinuitäten
Der idealtypische Prozess der strategischen Frühaufklärung
zur Entdeckung von Diskontinuitäten aus schwachen Signalen ist in Abb. 3.
wiedergegeben.
Abb. 3: Der Prozess der strategischen Frühaufklärung (Quelle:
Liebl, F.
1996, S. 11)
Ausgangspunkt ist die systematische Beobachtung der Umwelt
durch Scanning und unterstützend durch Monitoring. Es gibt keine ex ante
spezifisch für die ungerichtete Suche geeigneten Methoden. Vielmehr geht es
darum, aus der Menge an verfügbaren Signalen die herauszufinden, die auf das
Entstehen neuer Issues (Entwicklungen, Trends, Moden) hindeuten. Diese sind
dann weiter zu beobachten. Die von Kirsch/Esser/Gabele (Kirsch,
W./Esser, W.-M./Gabele, E. 1979, S. 363 ff.) geprägte Metapher
des „ Aufwirbel-Ansaug-Filter-Systems mit automatischer Filterüberprüfung “
bringt diese Ungerichtetheit der Suche und ihr aktives Betreiben gut zum
Ausdruck. Wichtig ist, sich nicht zu früh auf spezifische, für strategisch
relevant gehaltene Beobachtungsfelder und Indikatoren zu konzentrieren (Inside-out-Perspektive),
sondern offen zu sein für potenziell relevante Signale aus allen
Umfeldbereichen, d. h eine konsequente Outside-in-Perspektive zu wahren (vgl. Liebl, F.
1996, S. 12). Dies wird in Theorie und Praxis aber nicht durchgängig so
gesehen. Als unterstützende Methoden kommen in dieser Phase vorrangig
Inhaltsanalysen, die Delphimethode, Diskontinuitätenbefragungen, und auch
Lebenszyklusanalysen von Trends sowie der Einsatz von Kreativitätstechniken
in Frage. Neben eigenen Analysen ist auch die Nutzung von
Früherkennungsinformationen Dritter, v.a. professioneller Institutionen
sinnvoll (beispielhaft „ Strategisches Radar “ des Batelle-Instituts 1980).
In einem zweiten Schritt sind die identifizierten Issues auf
ihre Zusammenhänge in Ursachen und/oder Wirkungen zu überprüfen und zu
Trendlandschaften zu verdichten (issue mapping). Dies reduziert die Fülle der
zu verarbeitenden Informationen und verstärkt den Sicherheitsgrad, die Art,
Richtung und Stärke zu erwartender Entwicklungen möglichst zutreffend erkannt
zu haben. Zugleich lassen sich die denkbaren Auswirkungen von nachhaltigen
Veränderungen des Makroumfelds auf das Mikroumfeld, speziell auch die
Stakeholder des Unternehmens aufzeigen (vgl. Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1999, S. 509 ff.). Eine hilfreiche
Methode kann hierbei die Szenariotechnik (vgl. Geschka, H.
1999) qualitative Prognosemethoden und die Beobachtung von
Diffusionsfunktionen und strukturellen Trendlinien (vgl. hierzu Krampe,
G./Müller, G. 1983) sein.
Nach diesen Vorarbeiten ist zu prüfen, ob aus den
identifizierten Trends für das Unternehmen relevante strategische Wirkungen
resultieren. Diese Strategic Issue Analysis (vgl. Ansoff, H.I.
1976; Kreikebaum,
H. 1989) bedient sich der Chancen-Anfälligkeits-Analyse, die
für die einzelnen strategischen Geschäftsfelder untersucht, wie die
Marktattraktivität einerseits und die relative Wettbewerbsposition,
insbesondere der Wert der verfügbaren Ressourcen, andererseits durch die
Umfeldveränderungen positiv oder negativ beeinflusst werden (könnten). Dabei
sind neben der vermuteten Richtung und Stärke der Wirkung auch die zeitliche
Dimension und der Grad der Gewissheit der Entwicklung zu bestimmen. Zur
methodischen Unterstützung bieten sich hier vor allem die Szenario-Technik und
die Cross-Impact-Methode an.
Durchgängig wird in der Literatur die enorme Bedeutung der
organisationalen Offenheit für die rechtzeitige Entdeckung und richtige Interpretation
„ schwacher Signale “ hervorgehoben. Trotz verschiedener plausibler Überlegungen
(s. z.B. Zurlino, F.
1995, S. 73 ff.; Liebl, F.
1996, S. 189 ff.) bleibt offen, durch welche konkreten organisatorischen
Maßnahmen und unterstützenden Kommunikationssysteme eine Sensibilisierung und
Lernfähigkeit der Organisation und ihrer Mitglieder und eine Überwindung von
Informationspathologien (s. Wiedmann,
K.-P. 1984, S. 98 ff.) sichergestellt werden kann.
IV. Aktuelle Entwicklungen
Während bei den operativen Früherkennungssystemen, insbesondere
den skizzierten Insolvenzprognosemodellen, in neuerer Zeit ein methodischer und
inhaltlicher Fortschritt durch den Einsatz von Methoden der Künstlichen
Intelligenz festzustellen ist, konstatiert z.B. Bertram (Bertram, U.
1993, S. 23) zurecht bei der strategischen Früherkennung eine
Forschungsstagnation im Sinne fehlender neuer Grundlagenentwürfe. Auch jüngere
und jüngste Arbeiten geben im Grunde die schon in den 1970er- und 1980er-Jahren
entwickelten Konzepte und Methoden wieder (z.B. Krystek,
U./Müller-Stewens, G. 1999) bzw. konzentrieren sich meist
darauf, die Möglichkeiten und Bedingungen der systematischen Wissensgenerierung
aus schwachen Signalen vertieft zu analysieren (Liebl, F.
1996) oder die Anwendung für bestimmte Analysebereiche (z.B. für die
Technikanalyse Lange, V.
1994; für die ökologische Analyse Sepp, H.M.
1996) oder für Branchen (für Versicherungen vgl. Bertram, U.
1993) zu konkretisieren. Ein pragmatischer Vorschlag zur Entwicklung und
zum praktischen Einsatz von Früherkennungsmodellen und ihrer Integration in ein
umfassendes betriebliches „ Navigationssystem “ findet sich bei Horváth (Horváth, P.
2000).
Dabei sind mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Kontrolle
und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) am 01.05.1998 auf die
Vorstände von Aktiengesellschaften und auf die Wirtschaftprüfer neue
Herausforderungen und Verpflichtungen bezüglich der Früherkennung zugekommen.
Nach § 91 Abs. 2 AktG hat der Vorstand „ geeignete Maßnahmen zu treffen,
insbesondere ein Überwachungssystem einzurichten, damit den Fortbestand
gefährdende Entwicklungen früh erkannt werden. “ Nach Lück erfordert dies u.a.
die Einrichtung eines Frühwarnsystems (Lück, W.
1999). Der Abschlussprüfer hat nach § 317 Abs. 4 HGB bei
Aktiengesellschaften, die Aktien mit amtlicher Notierung ausgegeben haben, „ zu
beurteilen, ob der Vorstand die ihm nach § 91 Abs. 2 des Aktiengesetzes
obliegenden Maßnahmen in einer geeigneten Form getroffen hat und ob das danach
einzurichtende Überwachungssystem seine Aufgaben erfüllen kann. “ Dieser
zusätzliche gesetzliche Druck müsste der theoretischen und praktischen
Beschäftigung mit Früherkennungssystemen einen neuen Schub verleihen. Bislang
greifen die einschlägigen Schriften allerdings nur partiell die bestehenden
Modelle auf (vgl. Lück, W.
1999) oder fallen gar hinter diesen Stand zurück (vgl. Füser,
K./Gleißner, W. 1999; Gleißner, W.
2000).
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