Inhaltsübersicht
I. Zinsoptionen
II. Grundsätzliche
Probleme bei der Bewertung von Optionen auf Zinsinstrumente und Modellübersicht
III. Kursmodelle
IV. Klassische
Faktormodelle
V. Kassa-
und Terminzinssatzmodelle bei vollständiger Information
VI. Empirische
Ergebnisse
I. Zinsoptionen
Die von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich
durchgeführten Markterhebungen zeigen, dass etwa zwei Drittel des Volumens an
Derivaten auf Zinsderivate entfallen. 80% der ausstehenden Zinsderivate werden
over-the-counter (OTC), 20% an Terminbörsen gehandelt. Die OTC-Kontrakte setzen
sich aus Swaps, Forward-Rate-Agreements und Optionen auf Kassa- sowie
Termininstrumente, die börsengehandelten Zinsderivate aus Zinsfutures sowie aus
Optionen auf Futures und auf Kassazinssätze zusammen. OTC-Zinsoptionen entstehen durch eine direkte Vereinbarung zwischen
Käufer und Verkäufer des Kontraktes. Als Basisinstrument werden in der Regel
ein Zinssatz, eine Anleihe oder ein OTC-Terminkontrakt vereinbart. Die beiden
wichtigsten Gruppen von OTC-Zinsoptionen bilden Caps bzw. Floors und Swaptions.
Ein Cap besteht aus einem Portefeuille von Caplets. Jedes Caplet kann als ein Call auf den in einem zukünftigen Zeitpunkt t festgestellten Zinssatz, meist ein
Geldmarktzinssatz, aufgefasst werden. Übersteigt der Referenzzinssatz r an diesem Termin das vereinbarte
maximale Zinsniveau k (Basispreis),
erhält der Käufer des Caps am Ende der Zinsperiode eine zu dieser Zinsdifferenz
r – k proportionale
Ausgleichszahlung. Bei einer Swaption besitzt der Inhaber das Recht, in einem
zukünftigen Zeitpunkt als Fixed-Payer oder Fixed-Receiver in einen Zinsswap mit
vorgegebenem Swapsatz k und fester
Fälligkeit einzutreten. Im ersten Fall liegt eine Payer-, im zweiten eine
Receiver-Swaption vor. Diese Option wird vom Inhaber ausgeübt, wenn im
Entscheidungspunkt der relevante Swapsatz über bzw. unter k liegt. Ihr Ausübungswert ergibt sich dann als die Summe der
diskontierten Zinsersparnisse bzw. Zinsmehreinnahmen. Für Caps und Swaptions
existiert in allen wichtigen Währungen ein liquider und standardisierter Markt.
Daneben gibt es weitere, aber weniger liquide Märkte für exotische Zinsoptionen, für Swaps
mit Optionskomponenten sowie für Anleihen,
bei denen einzelne Ausstattungsmerkmale mit Optionen für die Emittentin oder
den Inhaber ausgestattet sind (Mayer, 1998;
Bardenhewer,
M. 2000; Mason, R.
1986).
Die Mehrzahl der börsengehandelten
Optionen beziehen sich auf ebenfalls börsengehandelte Financial
Futures, denen ihrerseits meist Emissionen staatlicher Emittenten
zugrunde liegen. Die Ausübung dieser Optionen kann in der Regel jederzeit
erfolgen (amerikanischer Typ). Bei den an der CBoT gehandelten Optionen auf
Zinsfutures muss der Optionskäufer die Optionsprämie bei Abschluss bezahlen.
Dagegen werden die Zinsoptionen der EUREX und LIFFE wie Futures über ein
tägliches Markt-to-Market abgerechnet (Future-Style Optionen). Neben Optionen
auf Zinsfutures existieren auch einige Kontrakte auf Kassatitel. Ein Beispiel
hierfür bilden die an der CBOE gehandelten Optionen auf Renditen von Treasury Bills, Treasury Notes und Treasury Bonds.
II. Grundsätzliche Probleme
bei der Bewertung von Optionen auf Zinsinstrumente und Modellübersicht
Die Bewertung von Zinsoptionen und Optionen auf andere
Basisinstrumente wie Aktien oder Devisen unterscheidet sich in einigen
wesentlichen Punkten. Dies gilt unabhängig davon, ob ein zins- oder
kursbasiertes Modell gewählt wird (vgl. Abb. 1). Die wichtigsten Unterschiede
betreffen die folgenden Punkte:
-
Bei Anleihen mit endlicher Laufzeit ist der
Anleihekurs bei nichtnegativen nominalen Zinssätzen nach oben beschränkt und
muss bei einem Ausschluss von Ausfallrisiken gegen den Rückzahlungskurs
konvergieren.
-
Die Kurs- und Renditevolatilität einer Anleihe
verändert sich mit Abnahme der Restlaufzeit.
-
Neben dem Kurs- oder Zinsverlauf des Basisinstruments
muss mindestens ein weiteres Zinsinstrument modelliert werden. Bei
amerikanischen Optionen oder bei der simultanen Bewertung verschiedener
Zinsderivate ist sogar die Dynamik eines multidimensionalen Zins- oder
Kursprozesses arbitragefrei zu beschreiben.
Die zuletzt herausgearbeitete Problematik einer
arbitragefreien Modellierung der Zinsstrukturkurve bildet den Kern der
Bewertung von Zinsoptionen. Die eigentliche Bewertung stellt demgegenüber ein
nachgeordnetes Problem dar. Die nachstehende Klassifikation der
Bewertungsmodelle für Zinsoptionen orientiert sich deshalb auch daran, ob und
inwieweit Informationen über die aktuelle Zinsstrukturkurve und deren Dynamik
eingehen. So werden bei den Kursmodellen nur die Kurse des Basisinstruments und
eines alternativen Zinstitels erfasst, während in den klassischen
Faktormodellen die gesamten modellendogen
ermittelten Zinsstrukturkurven berücksichtigt werden. Im zweiten Schritt
erfolgt dann die Bewertung der Zinsoption relativ zu diesen endogenen Zinsstrukturkurven. Die
Modelle mit vollständiger Information verwenden zusätzlich die exogen verfügbare aktuelle Kassa- bzw. Terminzinssatzkurve und möglicherweise auch
die aktuelle
Volatilitätsstrukturkurve der Zinssätze.
Abb. 1: Modelle zur Bewertung von Zinsoptionen
III. Kursmodelle
Ausgangspunkt aller Kursmodelle ist eine Beschreibung des
zufälligen Kursverlaufs des Basistitels. In einer ersten Gruppe von Modellen
wird der Kurs als Brown\'scher Brückenprozess formuliert. Dieser auf Ball und Torous zurückgehende Ansatz stellt sicher, dass der Kurs der
Anleihe bei Fälligkeit mit ihrem Rückzahlungskurs übereinstimmt (Ball,
C./Torous, W. 1983). Da diese Eigenschaft jedoch bei konstanter
Volatilität σ ausschließlich über eine geeignete Spezifizierung der Drift
erreicht wird, diese jedoch für den arbitragefreien Wert einer Option keine
Bedeutung besitzt, kann dieses Modell die Eigenschaften von langlaufenden
Zinsoptionen nicht korrekt abbilden.
Das Modell von Ball/Torous zeigt zugleich die Grenzen der
lokalen Charakterisierung von Optionswerten mit Hilfe von partiellen
Differentialgleichungen auf. So weist Cheng
nach, dass zu den als Brown\'sche Brückenprozesse modellierten Anleihekursen
kein äquivalentes Martingalmaß existiert und damit die Arbitragefreiheit dieser
Modelle offen ist (Cheng, S.
1991). Diese Problematik wird durch Bühler
und Käsler gelöst (Bühler,
W./Käsler, J. 1989; Käsler, J.
1991), indem sie den Kursprozess des Basisinstruments relativ zum Kursprozess
desjenigen Zero Bonds modellieren,
dessen Restlaufzeit mit der Optionsfrist übereinstimmt. Dieses Modell ist arbitragefrei,
führt mit Wahrscheinlichkeit eins zu positiven Zinssätzen und erlaubt eine
analytische Lösung für Optionen auf Zero Bonds.
Eine zweite Gruppe von Modellen basiert auf dem Modell von Black, bei dem die speziellen
Eigenschaften von Anleihekursen jedoch nicht berücksichtigt werden (Black, F.
1976). Als Basisinstrument wird hierbei ein Future auf eine Anleihe oder einen
Geldmarkttitel betrachtet. Für die Bewertung einer europäischen Option auf ein
Kassainstrument müssen dann die Fälligkeit des Futures und der Verfallstermin
der Option zusammenfallen, da in diesem Zeitpunkt der Futurekurs mit dem Kurs
des Kassainstruments übereinstimmt.
Der Wert einer Europäischen Option auf einen Future lässt
sich unmittelbar aus der Black/Scholes\'schen Replikationsstrategie zusammen mit
der Überlegung ableiten, dass mit dem Kauf eines Futures kein Kapitaleinsatz
verbunden ist. Für einen Call mit Fälligkeit im Zeitpunkt T und Basispreis E auf
einen Future mit dem aktuellen Kurs F0 ergibt sich dann
Hierbei bezeichnet wie in der Black/Scholes-Formel N (x1) das Call-Delta und N (x2) die Wahrscheinlichkeit der
Optionsausübung bzgl. der risikoneutralen Wahrscheinlichkeitsverteilung des
Futurekurses.
Die Black-Formel stellt den Marktstandard bei der Bewertung
von Caps und Swaptions dar. Dabei werden im Falle eines Caps so viele lognormal
verteilte Terminzinssätze fi (t)
(i = 1, ..., n) wie Caplets bzw. Zinsanpassungstermine modelliert. Der
Terminzinssatz fi stimmt bei Fälligkeit mit dem Kassazinssatz
für die Zinsanpassungsfrist Δti überein. Zur Ermittlung des Wertes des i-ten Caplets im Zeitpunkt t = 0 wird dann in der
Bewertungsbeziehung (1) der Futurepreis Ft durch fi(0), E durch die Zinsgrenze k und der Diskontierungsfaktor durch den
Preis des in ti+1 fälligen Zero Bonds ersetzt.
Diese Vorgehensweise der Praxis wurde lange kritisiert, da
lognormal verteilte Momentanzinssätze Arbitragemöglichkeiten eröffnen (Heath,
D./Jarrow, R./Morton, A. 1992; Hogan,
M./Weintraub, K. 1993). Brace, / et al. und Miltersen, et al. haben
jedoch gezeigt, dass bei vorgegebenen Zinsperioden Δ ti die Black-Formel
aus dem arbitragefreien Heath/Jarrow/Morton-Modell abgeleitet werden kann (Brace,
A./Gatarek, D./Musiela, M. 1997; Miltersen,
K./Sandmann, K./Sondermann, D. 1997; Heath,
D./Jarrow, R./Morton, A. 1992). Damit ist die Anwendung der Black-Formel für die Bewertung von Caps
auch aus theoretischer Sicht gerechtfertigt.
IV. Klassische Faktormodelle
Bei der Bewertung von Zinsoptionen reicht in der Regel die
Modellierung der Kurse einiger weniger Anleihen nicht aus. So ist bei der
simultanen Bewertung eines gesamten Handelsbestandes an Zinsderivaten oder bei
der Bewertung einer amerikanischen Zinsoption die Dynamik der Zinssätze für
eine Vielzahl von Fälligkeiten erforderlich. Hierbei stellen sich zwei
Kernprobleme. Erstens ist sicherzustellen, dass die theoretisch unendlich
vielen Zinssätze im Zeitablauf in dem Sinne konsistent modelliert werden, dass
keine Arbitragemöglichkeiten entstehen. Zweitens sollte die gesamte
Zinsstrukturkurvenbewegung durch wenige Faktoren beschrieben werden, damit die
theoretischen Bewertungs- und die praktischen Anwendungsprobleme beherrschbar
bleiben. Abb. 2 gibt einen Überblick über die Struktur der entwickelten
Faktormodelle.
Abb. 2: Typologie klassischer Faktormodelle
1. Ein-Faktormodelle
Die Struktur der Ein-Faktormodelle wird zunächst unter
Verwendung des No-Arbitrage-Ansatzes
dargestellt. Ausgangspunkt ist die exogen vorgegebene stochastische Entwicklung
des Momentanzinssatzes rt in der Form
Beide Größen, die Drift μ(rt) und die
Volatilität σ(rt) des
Momentanzinssatzes, besitzen die Dimension [% p.a.].
Hängt der Wert eines beliebigen Zinsinstruments, z.B. eines
Zero Bonds oder einer Zinsoption, nur von dessen Ausstattungsmerkmalen, dem
aktuellen Momentanzinssatz und dem aktuellen Zeitpunkt ab, dann lässt zeigen,
dass in einem No-Arbitrage-Gleichgewicht die relativen Überschussrenditen aller
Zinsinstrumente übereinstimmen müssen, d.h. es muss
gelten. In (3) bezeichnet D
(rt , t) den No-Arbitrage-Wert des
betrachteten Zinsinstruments, μD(rt, t) dessen erwartete Wertänderung und
σD(rt,
t) die Standardabweichung der Wertänderung jeweils auf Jahresbasis. λD(rt, t) wird
als Marktpreis des Zinsrisikos bezeichnet. Diese Größe hängt nur vom exogenen
Momentanzinssatz und der Kalenderzeit, nicht aber von den Ausstattungsmerkmalen
des Zinsinstruments ab.
Aussagen über Struktur und Höhe des Marktpreises des Risikos
erfordern die Spezifizierung eines Gleichgewichtsmodells. Im Falle eines
Produktions-Tauschgleichgewichts mit einer
ungewissen Zustandsvariablen und einem
repräsentativen Investor mit logarithmischer Nutzenfunktion ist der Marktpreis
des Risikos proportional zu σ(rt) und die
Bewertungsgleichung (3) erlaubt für einfache Zinsprozesse eine explizite Lösung
(Cox,
J./Ingersoll, J./Ross, E. 1985). Hierzu zählen insbesondere die affinen Ein-Faktormodelle. Sie sind
charakterisiert durch folgende Drift- und Diffusionskoeffizienten für den
Momentanzinssatz rt:
Für diese Modellklasse besitzen die Werte B(rt, t, T)
von Zero Bonds die folgende Struktur:
Hierbei sind a (t, T) und b (t, T) elementare
Funktionen, die nur von der Restlaufzeit T
– t des Zero Bonds und den Parametern des Zinsprozesses abhängen. Aus (4)
lässt sich durch Logarithmierung unmittelbar die zugehörige arbitragefreie
Dynamik der Zinsstrukturkurven gewinnen.
Das Vasicek-Modell
und das Cox/Ingersoll/Ross-Modell
bilden die beiden wichtigsten Zinsmodelle mit affiner Struktur (Vasicek, O.
1977; Cox,
J./Ingersoll, J./Ross, E. 1985). Sie sind durch eine
„ mean-reverting “ -Drift der Form
und die Diffusionskoeffizienten
charakterisiert. Alle Kassazinssätze im Vasicek-Modell sind normalverteilt, im Cox/Ingersoll/Ross-Modell nichtzentral
chi-quadratverteilt.
Für beide Modelle lassen sich auch explizite Formeln für
Europäische Optionen auf Anleihen, Kassazinssätze und Futures ableiten. Dieses
Ergebnis beruht auf den speziellen Verteilungseigenschaften der
Momentanzinssätze und auf der einfachen Struktur der Marktpreise des
Zinsrisikos: konstant im Vasicek-Modell
und proportional zu im
Cox/Ingersoll/Ross-Modell.
Dadurch besitzen die Momentanzinssätze bzgl. der risikoadjustierten
Wahrscheinlichkeiten dieselben Verteilungseigenschaften wie vor
Risikoadjustierung. Es ergibt sich dann für einen europäischen Call auf einen
Zero Bond mit Laufzeit T^
Die kumulative Verteilungsfunktion F in (5) ist im Vasicek-Modell
durch die kumulative Normalverteilung N
und im Cox/Ingersoll/Ross-Modell
durch die Verteilungsfunktion einer nichtzentral chi-quadratverteilten
Zufallsgröße definiert, deren Parameter durch den Zinsprozess und die
Ausstattungsmerkmale der Option festgelegt sind.
2. Mehr-Faktormodelle
Offensichtlich können realistische Bewegungen der
Zinsstrukturkurve mit Hilfe von Ein-Faktormodellen nicht angemessen
repräsentiert werden, da lokale Änderungen von Zinssätzen unterschiedlicher
Fristigkeit vollständig positiv korreliert sind. Es liegt deshalb nahe, die
Dynamik der Zinsstrukturkurve durch mehr als einen Faktor zu charakterisieren.
In einer ersten Gruppe von Ansätzen werden Zinssätze als Faktoren gewählt (Brennan,
M./Schwartz, E. 1979; Walter, U.
1996). Autoren einer zweiten Gruppe von Arbeiten erweitern Ein-Faktormodelle
des Abschnitts 1, indem sie einen oder mehrere Parameter des Zinsprozesses für rt ebenfalls als stochastischen Prozess
modellieren (Chen, L.
1996). In den Ansätzen der dritten und allgemeinsten Gruppe werden die Faktoren
als abstrakte Größen modelliert. Als Beispiel können das allgemeine
Gleichgewichtsmodell von Cox/Ingersoll/Ross und dessen spezielle Variante von Uhrig genannt werden (Cox,
J./Ingersoll, J./Ross, E. 1985; Uhrig, M.
1996).
Auch bei den Mehr-Faktormodellen besitzen die Ansätze mit
affinen unkorrelierten Faktoren eine besondere Bedeutung, da sie eine
analytische Darstellung der Zinsstrukturkurve erlauben. Das folgende spezielle
Zwei-Faktormodell illustriert diesen Sachverhalt (Walter, U.
1996): Der erste Faktor wird durch die Rendite lt eines lang laufenden Zerobonds repräsentiert.
Die stochastische Entwicklung von lt genügt einem Wurzelprozess des Cox/Ingersoll/Ross-Typs. Als zweiter Faktor wird der
Spread st := lt – rt gewählt, der als Ornstein/Uhlenbeck-Prozess
wie im Vasicek-Modell modelliert
wird. Der Wert eines Zero Bonds besitzt dann die folgende Struktur
(6)
d.h. er lässt sich als Produkt zweier Komponenten darstellen,
wobei jede die für ein affines Ein-Faktormodell abgeleitete Form (4) besitzt.
Daraus folgt unmittelbar, dass die Zinsstrukturkurve y(T, lt, st) = – (a(t,
T) + b(t, T) · lt + c (t,
T) · st)/T linear von den beiden Faktoren lt und st abhängt. Auch für den Wert von europäischen
Optionen auf Zero Bonds und damit für Caps lässt sich wieder eine analytische
Darstellung der Form (5) angeben.
V. Kassa- und
Terminzinssatzmodelle bei vollständiger Information
1. Kassazinssatzmodelle
Klassische Faktormodelle besitzen einen wesentlichen
Nachteil: Die für den Bewertungszeitpunkt t
= 0 ermittelte endogene Zinsstrukturkurve stimmt in aller Regel nicht mit
der aktuellen, grundsätzlich beobachtbaren Zinsstrukturkurve überein. Dasselbe
gilt für die Volatilitätsstrukturkurve, definiert als die Volatilität der
Renditen von Zero Bonds in Abhängigkeit der Restlaufzeit.
Cox/Ingersoll/Ross schlagen vor, die Freiheitsgrade
klassischer Faktormodelle dadurch zu erhöhen, dass die Drift des
Momentanzinssatzes zusätzlich von der Kalenderzeit abhängt (Cox,
J./Ingersoll, J./Ross, E. 1985, S. 395). Die Struktur der
zeitabhängigen Drift soll dann im Rahmen eines „ Inversionsprozesses “ in der
Weise festgelegt werden, dass die endogene
Zinsstrukturkurve mit der am Markt beobachteten exogenen übereinstimmt.
Im Allgemeinen wird die Bestimmung der zeitabhängigen Drift
nur auf numerischem Weg möglich sein. Vorschläge hierzu gehen auf Hull/White
und Uhrig/Walter zurück (Hull,
J./White, A. 1996; Uhrig,
M./Walter, U. 1996). Im Falle des Vasicek-Modells kann das Inversionsproblem jedoch analytisch gelöst
werden (Hull, J.
1990). Hierbei wird die Funktion a(t, T) in der Bewertungsgleichung (4),
die ihre Struktur auch bei zeitabhängigem Parameter γ(t) behält, in der Weise festgelegt, dass die aus B(r0, 0, T) errechneten Modellrenditen mit der
aktuellen Zinsstrukturkurve übereinstimmen. Diese Vorgehensweise lässt sich
auch auf Mehr-Faktormodelle übertragen.
Eine zusätzliche Anpassung eines Modells an die aktuelle Volatilitätsstrukturkurve kann
grundsätzlich über die zeitabhängige Formulierung eines zweiten Parameters,
z.B. der Volatilität σ oder des Mean-Reversion-Parameters κ,
erfolgen. Die Kalibrierung lässt sich dann unter Verwendung von Preisen für
Caps oder Swaptions vornehmen. Es zeigt sich aber, dass diese Vorgehensweise
für Ein-Faktormodelle zu unplausiblen zukünftigen Volatilitätsstrukturen führt
(Walter, U.
1996). Aus diesem Grund sollten bei der simultanen Kalibrierung eines Modells
zur Bewertung von Zinsoptionen an die Zins- und Volatilitätsstrukturkurve
mindestens zwei Faktoren berücksichtigt werden. Rebonato berichtet ausführlich über Erfahrungen bei der Anpassung
unterschiedlicher Kassazinsmodelle an Zins- und Volatilitätsdaten (Rebonato, R.
1998).
Wenn die Kalibrierung eines Faktormodells an die aktuelle
Zins- und Volatilitätsstrukturkurve nur numerisch möglich ist, können auch die
Werte von Optionen auf Zinsintrumente nur noch numerisch ermittelt werden. Im
Falle des Vasicek-Modells mit seinem
normalverteilten Zinsfaktor lassen sich jedoch bei einem zur Kalibrierung
verwendeten zeitabhängigen Faktor
γ (t) Optionswerte analytisch
ermitteln. Es ergibt sich für den Wert eines Calls wiederum eine
Bewertungsformel des Black/Scholes-Typs (5). Dieses Ergebnis lässt
sich auch auf Modelle mit mehreren normalverteilten Faktoren erweitern.
2. Terminzinssatzmodelle
Die Kalibrierung eines Kassazinssatzmodells an die aktuelle
Marktinformation kann ein sehr aufwendiger Prozess sein. Eine Alternative
stellt die auf Ho/Lee und Heath/Jarrow/Morton zurückgehende Vorgehensweise dar
(Ho, T./Lee,
S. 1986; Heath,
D./Jarrow, R./Morton, A. 1992). Bei diesen Modellen wird eine
aktuelle Zins- und Volatilitätsstrukturkurve vorgegeben und die Dynamik der
Zinsstrukturkurve bedingt zu dieser Information in arbitragefreier Weise
modelliert. Da die aktuelle Zinsinformation meist durch Terminzinssätze
dargestellt wird, hat sich für diese Modellklasse auch die Bezeichnung
Terminzinssatzmodelle eingebürgert.
Im Weiteren werden zeitstetige Terminzinssatzmodelle mit
einem (abstrakten) Faktor auf der Basis von Momentan-Terminzinssätzen f (t,
T) betrachtet. Hierbei bezeichnet t
die Kalenderzeit und T den Beginn der
„ kurzen “ , bis T + dt reichenden
Zinsperiode für das Termingeschäft. Eine Verallgemeinerung auf mehr als einen
Faktor ist unmittelbar möglich (vgl. Heath,
D./Jarrow, R./Morton, A. 1992). In Analogie zum Momentanzinssatz
wird die stochastische Entwicklung des Terminzinssatzes in der folgenden Weise
charakterisiert:
Das zentrale Ergebnis von Heath/Jarrow/Morton besagt, dass die nicht genauer spezifizierte Drift (bzgl.
der risikoneutralen Wahrscheinlichkeiten) bereits durch die
Diffusionskoeffizienten vollständig festgelegt ist:
Die einfachsten Varianten des Heath/Jarrow/Morton-Modells ergeben sich, wenn die
Diffusionskoeffizienten nicht vom Terminzinssatz abhängen. In diesem Fall sind
die Terminzinssätze normalverteilt. Optionen auf Zero Bonds lassen sich dann
wieder analytisch bewerten und die Bewertungsformel besitzt die in (5)
dargestellte Struktur.
Bei allen Kassa- und Terminzinssatzmodellen mit
normalverteilten Faktoren wird der Vorteil, dass sich eine große Zahl von
Zinsoptionen analytisch bewerten lassen, durch den offensichtlichen Nachteil
erkauft, dass Kassa- und Terminzinssätze negative Werte annehmen können. Zur
Vermeidung dieses Nachteils liegt es nahe, normalverteilte Faktoren durch logarithmisch normalverteilte zu
ersetzen. Heath/Jarrow/Morton haben
jedoch darauf hingewiesen, dass die auf den ersten Blick unproblematische
Dynamik
von Terminzinssätzen zu Arbitragemöglichkeiten führt. Ein
analoges Ergebnis wurde von Hogan/Weintraub für logarithmisch
normalverteilte Momentanzinssätze rt bewiesen (Hogan,
M./Weintraub, K. 1993).
Beide Resultate waren der Anlass, statt des theoretischen
Konstrukts „ Momentanzinssätze “ Marktkonventionen bei der Definition von
Zinssätzen zu verwenden. So konnten Miltersen/Sandmann/Sondermann zeigen, dass arbitragefreie Modelle für die
Zinsstrukturkurve auf der Basis von logarithmisch
normalverteilten Terminzinssätzen entwickelt werden können, wenn sich diese
auf eine Zinsperiode positiver Länge, z.B. drei Monate, beziehen (Miltersen,
K./Sandmann, K./Sondermann, D. 1997). Diese Modelle erlauben es
ebenfalls, Europäische Optionen auf Zero Bonds analytisch zu bewerten. Die
Bewertungsformel besitzt allerdings eine allgemeinere Struktur als die Black/Scholes-Formel und stimmt mit dem von Bühler/Käsler
abgeleiteten Ergebnis überein (Bühler, W./Käsler,
J. 1989). Ein Nachteil dieser Modelle mit positiver Zinsperiode
besteht darin, dass Zinsoptionen, die auf Zinssätzen anderer Fristigkeit
basieren, nicht analytisch bewertet werden können, da bei linearer Zinsrechnung
aufeinanderfolgende dreimonatige Zinssätze und der zugehörige sechsmonatige
Zinssatz nicht alle logarithmisch normalverteilt sein können.
3. Zusammenhänge zwischen Kassa- und
Terminzinssatzmodellen
Zu jedem Terminzinssatzmodell existiert aufgrund der
definitorischen Beziehung rt = f (t,
t) ein äquivalentes Kassazinssatzmodell. Allerdings wird, außer in
Sonderfällen, die Änderung drt des Momentanzinssatzes nicht nur von den
aktuellen Werten der Faktoren abhängen (Markov-Eigenschaft),
sondern von deren gesamten Historie. Für Ein-Faktormodelle hat Jeffrey gezeigt, dass in die
Volatilitäten aller Terminzinssätze außer den beiden Zeitvariablen t und T nur noch der aktuelle
Momentanzinssatz rt bzw. f
(t, t) eingehen darf, damit das
Kassazinssatzmodell die Markov-Eigenschaft
besitzt. Dies ist also insbesondere dann erfüllt, wenn σ(t, T, f) nicht von f abhängt (Jeffrey, A.
1995).
Umgekehrt existiert auch zu jedem Kassazinssatzmodell ein
äquivalentes Terminzinssatzmodell. Die stochastische Entwicklung der
Terminzinssätze kann dabei grundsätzlich aus der Dynamik der Zero-Bondpreise
abgeleitet werden, indem die Beziehung
zwischen Momentan-Terminzinssätzen und den aus dem Kassazinssatzmodell
gewonnenen Zero-Bondpreisen ausgenutzt wird.
Besonders einfach gestalten sich die Zusammenhänge zwischen
Kassa- und Terminzinssatzmodellen, wenn die Faktoren normalverteilt sind. So
stimmen die Volatilitäten des Kassazinssatzes rt und der Terminzinssätze im zeitstetigen Ho/Lee-Modell
überein. Im Ein-Faktor-Vasicek-Modell
gehört zu der Volatilität σ des Momentanzinssatzes rt die exponentiell in T abnehmende Volatilität
VI. Empirische Ergebnisse
Die beiden umfangreichsten empirischen Studien gehen auf Amin/Morton
und Bühler et al. zurück (Amin,
K./Morton, A. 1994; Bühler, W. et
al. et al. 1999). Amin/Morton testen sieben
Ein-Faktor-Terminzinssatzmodelle im Markt der Optionen auf Eurodollar-Futures.
Bei der Erklärung beobachteter Optionspreise erzielen die beiden Modelle mit
den Volatilitätsfunktionen
die niedrigsten prozentualen absoluten Fehler.
Bühler et al.
testen sieben Kassa- und Terminzinssatzmodelle im Markt der Zinsoptionsscheine
auf Bundesanleihen (Bühler, W. et
al. et al. 1999). Die Gruppe der Kassazinssatzmodelle umfasst ein
Ein-Faktormodell sowie zwei Zwei-Faktormodelle. Bei diesem werden der
langfristige Zinssatz und der Spread bzw. der Momentanzinssatz und dessen
Volatilität als Faktoren verwendet. Die Gruppe der Terminzinssatzmodelle
besteht aus zwei Ein- und zwei Zwei-Faktormodellen. Von den untersuchten
Modellen erweist sich das Ein-Faktor-Kassazinssatzmodell als Ausreißer mit
nicht akzeptablen Resultaten. Hinsichtlich der absoluten Abweichungen zwischen
Modell- und Marktpreisen schneiden überraschenderweise die beiden
Zwei-Faktor-Terminzinssatzmodelle am schlechtesten ab. Ihre mittleren absoluten
Fehler liegen signifikant über denjenigen der anderen vier Modelle. Insgesamt
verbleiben zwei Modelle, deren absoluter Bewertungsfehler bei Variation des
Untersuchungsdesigns nie schlechter ausfällt als bei einem der anderen vier
Modelle: das Ein-Faktor-Terminzinssatzmodell mit einer zu f(t, T) proportionalen
Volatilität der Terminzinssätze und das Zwei-Faktormodell mit dem kurzfristigen
Zinssatz und dessen Volatilität als Faktoren. Wird zusätzlich zur
Bewertungsqualität der Aufwand zur Schätzung der Daten und zur numerischen
Berechnung der Optionswerte berücksichtigt, sollte auf Basis der Ergebnisse
dieser Studie dem einfaktoriellen Terminzinssatzmodell der Vorzug gegeben
werden.
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