Inhaltsübersicht
I. Einleitung
II. Theoretische
und empirische Grundlagen des Interkulturellen Managements
III. Interkulturelle
Kompetenz
I. Einleitung
Die letzten 50 Jahre verzeichnen einen kontinuierlichen
Anstieg des Welthandels am Welt-BSP und des Bestandes an Direktinvestitionen.
Führungskräfte werden daher zunehmend mit kultureller Diversität und fremden
Lebenswelten in neu bearbeiteten Ländermärkten konfrontiert. Einerseits steigen
dadurch Intensität und Vielfalt kultureller Interaktionssituationen.
Andererseits führt die Vereinheitlichung der Ausbildung angehender
Führungskräfte, die weltweite Anwendung von Beraterkonzepten, von Planungs- und
Produktionstechniken, von Standardsoftware und Konzeptionen der Corporate
Governance zur Konvergenz der Verhaltensweisen von Managern. Letzteres Argument
ist Wasser auf den Mühlen der „ Universalisten “ des Internationalen Managements,
nach deren Auffassung Kultur nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ihre Gegner,
die „ Kulturalisten “ , bestreiten die Konvergenz bzw. das Entstehen neuer,
globaler Lebenswelten nicht, ordnen diese aber dem beobachtbaren Verhalten, der
„ Percepta-Ebene “ der Kultur zu. Diese ist durch Grundannahmen und Werte, der
„ Concepta-Ebene “ der Individuen gesteuert, welche wiederum über Sozialisationsprozesse
erworben und damit in der Landeskultur verankert ist.
Unterschiedliche Landeskulturen werfen daher nach wie vor
Probleme auf, denen durch ein Interkulturelles Management begegnet werden kann.
Solche Probleme werden zum einen in den direkten Interaktionssituationen von
Angehörigen unterschiedlicher Kulturkreise wie in Kommunikations- und
Verhandlungsprozessen, in multikulturell besetzten Teams, bei der Entsendung
und Repatriierung von Mitarbeitern oder in interkulturellen Führungssituationen
manifest. Zum anderen umfasst Interkulturelles Management auch die Gestaltung
kultureller Diversität innerhalb des Unternehmens und im Verhältnis zu seinen
Interessenten. Dies reicht von der Adaption der Güter und Leistungen an
kulturell bedingte Konsumgewohnheiten über bewusst multikulturell besetzte
Führungsgremien bis hin zur Beantwortung der Frage, wie sich aus kultureller
Unterschiedlichkeit Synergien heben (Adler, Nancy
J. 1980, S. 173; Adler, Nancy
J. 1983, S. 43) oder Wettbewerbsvorteile erringen lassen (Welge, Martin
K./Holtbrügge, Dirk 2003, S. 7). Letztere Form des Interkulturellen
Managements durchzieht also weite Bereiche des Internationalen Managements, ist
jedoch mit diesem nicht gleichzusetzen, da das Internationale Management auch
Aufgabenfelder enthält, in denen Kulturunterschiede nur eine untergeordnete,
nicht gestaltungsrelevante Rolle spielen. Interkulturelles Management befasst
sich also mit Führungsaufgaben in und zwischen internationalen Organisationen,
in denen Kulturunterschiede der Beteiligten die angestrebte Aufgabenerfüllung
beeinflussen, und ist bestrebt, dysfunktionale Wirkungen kultureller Diversität
zu beseitigen und funktionale Eigenschaften bewusst zu verstärken. Die
interkulturelle Managementforschung untersucht dementsprechend kulturbedingte
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Angehörigen und Organisationen
unterschiedlicher Kulturkreise, versucht, den Einfluss von Kultur auf das
Management und die Zielerfüllung von Unternehmen zu erfassen, und entwickelt
Methoden, um kulturell beeinflusste Interaktionsprozesse zu verbessern.
Interkulturelles Management fragt nicht mehr, ob Kultur eine Rolle spielt,
sondern geht von deren Einfluss auf das Management internationaler
Organisationen aus und versucht, diesen Einfluss im Verhältnis zu anderen
Faktoren zu spezifizieren (Jackson,
Terence/Aycan, Zeynep 2001, S. 7).
II. Theoretische und
empirische Grundlagen des Interkulturellen Managements
Eine Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff (II.1) und
dessen Differenzierung ist unumgänglich, um die Wirkungsmechanismen von Kultur,
aber auch um die Beschränkungen der referierten Kulturstudien (II.2 und III.3)
zu verstehen.
1. Begriff und Merkmale von Kultur
Kultur ist Forschungsgegenstand vieler Disziplinen.
Dementsprechend vielfältig sind die Definitionsversuche. Eine allgemein
anerkannte Definition von Kultur gibt es nicht (Keller, Eugen
von
1982, S. 114). Das Verständnis von Kultur „ als Gesamtheit der Grundannahmen,
Werte, Normen, Einstellungen und Überzeugungen einer sozialen Einheit, die sich
in einer Vielzahl von Verhaltensweisen und Artefakten ausdrückt und die sich
als Antwort auf die vielfältigen Anforderungen, die an eine soziale Einheit
gestellt werden, im Laufe der Zeit herausgebildet hat “ , versucht daher eine
Synthese dieser Definitionsvielfalt (Kutschker,
Michael/Schmid, Stefan 2004, S. 666).
Mit den Grundannahmen, Werten, Einstellungen und
Überzeugungen wird auf die Kognitionen der Individuen Bezug genommen, die für
Dritte nur schwer zugänglich und beobachtbar die Concepta-Ebene der Kultur
bilden. Nun unterscheiden sich Individuen einer sozialen Einheit erheblich in
ihren Kognitionen und in der Art und Weise, wie sich diese in Verhalten und
Artefakten, der Percepta-Ebene von Kultur, niederschlagen. Kultur verweist
daher auf das kollektive Phänomen geteilter Kognitionen und koordinierter
Verhaltensweisen einer sozialen Einheit, die sich dessen Mitglieder im Laufe
der Zeit über Lernprozesse bspw. im Zuge der Sozialisation angeeignet haben.
Mitglieder eines sozialen Systems reagieren „ mental programmiert “ (Hofstede,
Geert 1997, S. 2) auf Anforderungen in ähnlicher Weise, ohne dass
ihnen die Ursache ihres Verhaltens unbedingt bewusst ist.
Soziale Einheiten können soziale Systeme wie Gruppen und
Organisationen oder soziale Kollektive wie Berufsgruppen oder ethnische
Gruppierungen sein. Entsprechend sind unterschiedliche Kulturfelder wie
Unternehmungs- und Abteilungskulturen oder Branchen- und Professionskulturen zu
unterscheiden. Gerade in Veröffentlichungen zur Unternehmungskultur wird der
Versuch unternommen, Concepta- und Percepta-Ebene weiter auszudifferenzieren.
So nimmt z.B. Schein an, dass innerhalb der Concepta-Ebene Grundannahmen als
kollektives Unterbewusstsein die Entstehung, Verwendung und Entwicklung von
Werten beeinflusst (Schein, Edgar
1984, S. 7). Schnyder löst seine immaterielle (Concepta-)Ebene in evaluative,
kognitive und interpretative Komponenten auf, die die materielle Ebene steuern
(Schnyder,
Alphons Beat 1988; vgl. auch Dülfer,
Eberhard 2001; Schmid,
Stefan 1996, S. 146). In den empirischen Untersuchungen wird
freilich selten so fein differenziert. Die hier interessierende Landeskultur
wird in den empirischen Untersuchungen i.d.R. mit der Kultur einer Nation
gleichgesetzt, was angesichts der Ethnienvielfalt einiger Staaten nicht unproblematisch
erscheint (Holzmüller,
Hartmut H. 1995, S. 23).
2. Die „ großen “ kulturvergleichenden
Managementstudien
Im Folgenden wollen wir uns auf die Studien von Hofstede (Hofstede,
Geert 1982) und Trompenaars (Trompenaars,
Fons 1993) und das sog. GLOBE-Projekt konzentrieren, wobei Letzteres
in der Tradition von Kluckhohn und Strodtbeck (Kluckhohn,
Florence R./Strodtbeck, Fred L. 1961) sowie Hall (Hall, Edward
T. 1990) versucht, grundsätzliche, kulturübergreifende Dimensionen
zu entdecken, anhand derer sich die einzelnen Nationen/Kulturkreise
differenzieren lassen. Die erstgenannten Studien zeichnen sich durch die
Großzahligkeit der untersuchten Länder und der Stichproben aus. Gemeinsam ist
ihnen auch, dass sie vornehmlich von Managern gehaltene Werte erfassen, wobei
das GLOBE-Projekt auch das Führungsverhalten in 61 Ländern analysiert (House, Robert
et al. 2002). Die wesentlichen Merkmale der drei Studien sind in Tabelle 1
enthalten.
Tab. 1: Vergleich dreier Wertestudien (zusammengestellt aus Kutschker,
Michael/Schmid, Stefan 2004, S. 736 und Javidan,
Mansour/House, Robert J. 2002)
Insbesondere Hofstedes Dimensionen sind immer wieder in
weiteren Studien repliziert und bestätigt worden (Hofstede,
Geert 2001; Sondergaard,
Mikael 1994). Diese und weitere Kulturstudien zeigen, dass
kulturelle Differenzen zwischen den einzelnen Kulturkreisen bestehen. Freilich
bereitet die Zahl und die Genese der verwendeten Kulturdimensionen methodische
Schwierigkeiten, da es ja nicht ganz beliebig sein kann, ob man Länderkulturen
anhand von vier oder über 20 Dimensionen differenziert. Letzteres schlägt
Triandis (Triandis,
Harry C. 1982, S. 88) vor, der in einem jüngeren Beitrag weitere
neun Dimensionen empfiehlt (Triandis,
Harry C. 2001). Schlussendlich bleibt es auch spekulativ, inwieweit
die Wertedifferenzen auf das Managementverhalten durchschlagen. Dieser
Kritikpunkt könnte von Studien beseitigt werden, die direkt das Verhalten von
Führungskräften erfassen.
3. Kulturvergleichende Managementstudien
Eine Klasse von Untersuchungen knüpft an den Wertedimensionen
an und verbindet diese mit verschiedenen Managementaspekten. So sind Hofstedes
Wertedimensionen immer wieder der Ausgangspunkt, um die kulturelle Distanz von
Ländermärkten zu berechnen (Kogut,
Bruce/Singh, Harbir
1988), um Unterschiede im Planungs- und Führungsverhalten (Brock, David
M. et al. 2000; Newman, Karen
L./Nollen, Stanley D. 1996), in den Führungsstilen (Javidan,
Mansour/House, Robert J. 2002) und verfolgten Zielen (Hofstede,
Geert et al. 2002), im Verhandlungsverhalten (Hofstede,
Geert/Usunier, Jean-Claude 1996), in der Marketingforschung (Steenkamp,
Jan-Benedict E. M. 2001) oder in der Moral der Konsumenten
aufzuzeigen (Rawwas, Mohammed
Y. A. 2001).
Auch ohne Bezug zur Concepta-Ebene wird nachgewiesen, dass
Kulturunterschiede den Erfolg von internationalen Joint Ventures beeinflussen (Li, Ji
et al. 2001; Meschi,
Pierre-Xavier/Roger, Alain 1994; Hennart,
Jean-Francois/Zeng, Ming 2002), die Markterschließungsstrategie
bestimmen (Überblick bei Brouthers,
Keith D./Brouthers, Lance Eliot 2001; Shaw,
Vivienne Topajka 2001), auf das Führungsverhalten durchschlagen (Pillai,
Rajnandini et al. 1999; Kropf, Beat
1998; Smith, Peter
B. et al. 1995), die Auslandsorientierung und Entsendungspolitik
bestimmen (Holzmüller,
Hartmut H./Kasper, Helmut 1990; Mendenhall,
Mark/Oddou, Gary 1995) und selbst das Modebewusstsein, den
„ dress-code “ , determinieren (Manrai,
Lalita A. et al. 2001). Es fehlen auch nicht Untersuchungen zu
interkulturellen Interaktionssituationen wie zur interkulturellen Kommunikation
(Überblick bei Knapp,
Karlfried 2003; Limaye, Mohan
R./Victor, David A. 1995), zum interkulturellen Führungsverhalten
(Überblick bei Thomas,
Alexander/Stumpf, Siegfried 2003) und Verhandlungsverhalten
(Überblick bei Usunier,
Jean-Claude 1996). Die Vielfalt der theoretischen und empirischen
Arbeiten zur Rolle der Kultur zwingt an dieser Stelle zum Verweis auf die weiterführende
Literatur (Dülfer,
Eberhard 1997; Hasenstab,
Michael 1999; Kutschker,
Michael/Schmid, Stefan 2004, Kap.5; Redding,
Gordon S. 1994; Schmid,
Stefan 1996). Wenn man eine Gemeinsamkeit dieser Studien
herausarbeiten möchte, dann spielen kulturelle Unterschiede in den
angesprochenen Managementaspekten und interkulturellen Interaktionssituationen
offensichtlich eine erhebliche Rolle, die nach einer hohen interkulturellen
Kompetenz der Interaktionspartner verlangt.
III. Interkulturelle
Kompetenz
Interkulturelle Kompetenz wird zunehmend als wichtige
Schlüsselqualifikation von Managern verstanden, interkulturelle
Interaktionssituationen erfolgreich zu bestehen. Dabei weiß weder die Praxis,
die diese Schlüsselqualifikation trainieren will, was genau darunter zu
verstehen ist (Fritz,
Wolfgang/Möllenberg, Antje 2003, S. 304), noch ist sich die
Forschung über Begriff und Verhaltenskonsequenzen interkultureller Kompetenz
einig. Letzteres liegt daran, dass vielfältige Ansätze das Phänomen zu fassen
versuchen, wobei kommunikationswissenschaftliche Ansätze wegen ihrer
integrierenden Sichtweise gegenwärtig dominieren (Überblick in Müller,
Stefan/Gelbrich, Katja 2001). Interkulturelle Kompetenz ist demnach
eine Kombination von affektiven, kognitiven und konativen Komponenten. Unter
affektiven Elementen sind Unvoreingenommenheit, Einfühlungsvermögen,
Nicht-Ethnozentrismus und Offenheit zu verstehen. Kognitive Elemente erfassen
kulturelles Basiswissen, Wissen über das Land, Selbst-Bewusstsein,
Wertschätzung des Selbst und realistische Erwartungen. Unter die konativen
Komponenten fallen Entspanntheit, Respekt vor Anderen, Flexibilität,
Ambiguitätstoleranz, Erfolgsorientierung, Sprachfertigkeiten und die
Bereitschaft, sich Dritten angemessen mitzuteilen (Müller,
Stefan/Gelbrich, Katja 2001, S. 267).
Durch interkulturelles Training lassen sich Defizite der
interkulturellen Kompetenz beheben. Informationsorientierte Trainingsmethoden
zielen auf eine Veränderung der kognitiven Basis. Die Trainingsinhalte können
sich spezifisch auf einen Kulturkreis konzentrieren, was bspw. vor
Auslandsentsendungen angebracht ist. Sie können aber auch allgemein Wissen über
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Kulturen mittels Vorträgen, Diskussionen,
Videomaterial oder einen Culture-Assimilator erzeugen. Bei Erfahrungsbasierten
Trainingsmethoden sind hingegen neben kognitiven auch affektive und konative
Komponenten der interkulturellen Kompetenz Ziel intendierter
Verhaltensänderungen. Mittels Simulations- und Rollenspielen sowie bi- und
multikulturellen Workshops lassen sich Erfahrungen für spezifische Kulturkreise
gewinnen oder ganz allgemein die eigene kulturelle Kompetenz entdecken und
erweitern (Thomas,
Alexander/Hagemann, Katja/Stumpf, Siegfried 2003). Es ist angesichts
des juvenilen Forschungsstandes nicht verwunderlich, dass sich die Praxis bei
der interkulturellen Personalentwicklung noch primär auf die klassischen
Methoden des Selbststudiums, der Informations- und Präsentationsseminare oder
die Abordnung zu Tochtergesellschaften verlässt. Methoden, die wie der
Culture-Assimilator auf den Erkenntnissen der interkulturellen Forschung
aufbauen, werden nur von wenigen der 100 größten deutschen Unternehmen
eingesetzt (Fritz,
Wolfgang/Möllenberg, Antje 2003, S. 301).
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