Inhaltsübersicht
I. Einführung
II. Die
Zielgewichtung und ihre Problematik
III. Erweiterungen
I. Einführung
„ Nutzwertanalyse ist die Analyse einer Menge komplexer
Handlungsalternativen mit dem Zweck, die Elemente dieser Menge entsprechend den
Präferenzen des Entscheidungsträgers bezüglich eines multidimensionalen
Zielsystems zu ordnen. Die Abbildung dieser Ordnung erfolgt durch die Angabe
der Nutzwerte (Gesamtwerte) der Alternativen. “ Diese Definition von
Zangemeister (Zangemeister,
C. 1976, S. 45) ist in wörtlicher oder umschreibender Form in
der deutschsprachigen betriebswirtschaftlichen Literatur häufig wiederzufinden
(vgl. u.a. Bechmann, A.
1982; Bieg,
H./Kußmaul, H. 2000, S. 52 ff.; Blohm,
H./Lüder, K. 1995, S. 176 ff.; Götze,
U./Bloech, J. 1995, S. 133 ff.; Schneeweiß,
C. 1991, S. 120 ff.; Weber, M.
1992). Die Menge der Handlungsalternativen wird als gegeben und dem
Entscheidungsträger als bekannt unterstellt; sie ist endlich, ihre Elemente
werden üblicherweise explizit in einer Tabelle aufgelistet und hier mit H1,...,
HN bezeichnet. Der Entscheidende hat, so wird weiter unterstellt,
K-dimensionale (mehrdimensionale) Zielvorstellungen bezüglich der gegebenen
Alternativen; er ist in der Lage, Zielerreichungsgrade (Zielwerte, Zielerträge,
Ausprägungen der Attribute, ?) znk für
seine K Ziele (Kriterien, Attribute, Merkmale) für alle Alternativen zu
artikulieren (n = 1, ..., N; k = 1, ..., K). Die Zielerreichungsgrade können
sowohl reelle Zahlen als auch verbale Artikulierungen des Entscheidungsträgers
sein, die Vorstellungen zum Vergleich zweier Alternativen beinhalten. Da von
endlich vielen Alternativen und von endlichen vielen Zielen ausgegangen wird,
kann das zu analysierende Entscheidungsproblem in einer Tabelle dargestellt
werden.
Wenn hier von einer Tabelle – und nicht von einer Matrix –
gesprochen wird, dann um zu betonen, dass es sich bei den Elementen dieser
Tabelle nicht notwendig um reelle Zahlen handeln muss. Um mithilfe seiner
Zielerreichungsgrade zu einer Entscheidung zu gelangen, sollte der
Entscheidungsträger seine subjektiven Präferenzen dadurch zum Ausdruck bringen,
dass er seine Zielerreichungsgrade in vergleichbare Nutzenwerte (Nutzwerte,
Teilnutzen, Nutzenpunkte, Scores, ?) unk mit einheitlicher Dimension transformiert und
damit vergleichbar macht (n = 1,..., N; k = 1,..., K). Es ist nicht
ausgeschlossen, dass Zielerreichungsgrade und Nutzenwerte ganz oder teilweise
übereinstimmen.
Da sinnvollerweise davon auszugehen ist, dass der
Idealzielpunkt (utopia point) nicht
erreichbar ist, d.h. keine zulässige Alternative existiert, die für alle Ziele
eine individuell optimale Lösung darstellt, liegt ein Zielkonflikt vor. Die
Nutzwertanalyse ist somit als ein spezielles Entscheidungsunterstützungssystem
der multikriteriellen Entscheidungstheorie zu sehen, die ihrerseits zahlreiche
Kompromissmodelle (Aggregationsmodelle) zur Lösung von Zielkonflikten
erarbeitet und deren Implikationen analysiert hat. Eine umfangreiche, recht
allgemeine Klasse von Kompromissmodellen basiert auf Abstandsfunktionen, mit
deren Hilfe eine zulässige Kompromisslösung gefunden werden kann, die einen bestimmten
Abstand etwa vom unzulässigen Idealzielpunkt minimiert (vgl. Dinkelbach,
W./Kleine, A. 1996, S. 52 ff.). Zu dieser Klasse gehört auch
das für die Grundlagen der Nutzwertanalyse zentrale Zielgewichtungsmodell
(additives Modell, lineares Modell).
II. Die Zielgewichtung und
ihre Problematik
Die Zielgewichtung zur Lösung von Zielkonflikten wird in der
Betriebswirtschaftslehre seit langem diskutiert (vgl. u.a. Heinen, E.
1966, S. 142 ff.; Strebel, H.
1972). Es werden für alle Alternativen die einzelnen Zielfunktionen, hier
die Nutzenwerte, mit vom Entscheidungsträger zu wählenden positiven Gewichten g1,..., gK multipliziert und anschließend addiert. Sodann
ist die so gebildete Summe Ψn bezüglich
n zu maximieren:
Bei diesem Vorgehen ist garantiert, dass eine so gefundene
optimale Lösung effizient bezüglich des vorliegenden Entscheidungsproblems ist,
d.h., dass keine andere zulässige Alternative existiert, die in wenigstens
einem Ziel zu einem besseren und bei keinem Ziel zu einem schlechteren Ergebnis
führt.
Hat der Entscheidungsträger eine optimale Lösung gefunden,
dann kann gegebenenfalls die Frage nach dem Bereich entstehen, in dem die
Gewichte (Gewichtsvektoren) variieren können, ohne dass die gefundene Lösung
ihre Optimalität in Bezug auf die gewählten Gewichte verliert. Anhand der
Ergebnisse einer derartigen Sensitivitätsanalyse kann sich der Entscheidende in
seiner Wahl der Gewichte bestätigt fühlen oder nicht. – Ist der
Entscheidungsträger nicht geneigt, seine Gewichte von vornherein festzulegen,
ist es nahe liegend, das Kompromissmodell entweder für mehrere Gewichtsvektoren
oder gar für alle zulässigen Gewichte zu lösen. Auch auf diese Weise können dem
Entscheidungsträger die Konsequenzen einer Gewichtung transparent gemacht
werden, sodass es ihm anschließend leichter fällt, die endgültige Wahl der
Gewichte zu treffen (vgl. u.a. Dinkelbach,
W. 1982, S. 182 ff.; Zangemeister,
C./Bomsdorf, E. 1983). – Auf eine axiomatische Fundierung der
Nutzwertanalyse kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden (vgl. u.a. Lillich, L.
1992; Eisenführ,
F./Weber, M. 1999, S. 115 ff.).
1. Beispiel
(Zwei-Ziele-Fall)
Die international aufstrebende Universität des Sparlandes ist
in der Lage, einen dringend benötigten Hörsaal mittlerer Größe zu bauen. Die
zuständige Baukommission hat bereits fünf Angebote eingeholt, die den
vorgegebenen baulichen Rahmenbedingungen entsprechen, sich jedoch bezüglich
dreier Kriterien unterscheiden, die noch gegeneinander abzuwägen sind. Es
handelt sich (1.) um die Anzahl der Sitzplätze, (2.) um die mehr oder weniger
komfortable technische Ausstattung sowie (3.) um unter ökologischen Aspekten
unterschiedliche Klimaanlagen, auf deren Berücksichtigung an dieser Stelle
zunächst verzichtet wird.
Tab. 1: Entscheidungsmatrix für den Zwei-Ziele-Fall
Die Konkretisierung der beiden ersten Ziele ist relativ
trivial. Die jeweiligen Zielwerte können, so wird unterstellt, der
Objektbeschreibung unmittelbar entnommen werden. Die Anzahl der Sitzplätze als
erstes zu maximierendes Ziel kann unmittelbar als Nutzenwert interpretiert und
der zweiten Spalte der Tab. 1 entnommen werden. Entsprechendes gilt für die
technische Ausstattung als zweites zu maximierendes Ziel. Die Höhe der
Nutzenwerte in der dritten Spalte der Tab. 1 entspricht 1/1000 der jeweiligen
Gesamtbeschaffungsausgaben. Bereits ein flüchtiger Blick auf die
Entscheidungsmatrix zeigt, dass die beiden Ziele konfliktär sind: Der Hörsaal
H5 ist individuelles Optimum des ersten Ziels, der Hörsaal H1 individuelles
Optimum des zweiten Ziels (vgl. Tab. 1).
Die Baukommission hatte sich bereits vorab auf eine
Gewichtung g1 = 0,4 und g2 = 0,6 geeinigt. Damit lautet die
Kompromisszielfunktion:
,
deren Werte in der letzten Spalte der Tab. 1 aufgelistet
sind. Zur Überraschung der Mitglieder der Kommission sind die bezüglich der
zwei Ziele so unterschiedlichen Hörsäle H1 und H5 beide bezüglich der
Zielgewichtung als Kompromissmodell optimal (vgl. die Gerade <$>displaystyle
Psi_n<$> = 308 durch die Punkte H1 und H5 in Abb. 1). M.a.W.: Die
Nutzwertanalyse führt nicht zwingend zu einer eindeutigen Lösung des
vorliegenden Entscheidungsproblems.
Abb. 1: Alternativenmenge im (un1, un2)-Diagramm
Eine weitere Analyse des Entscheidungsproblems führt zu
folgendem Ergebnis: Der bezüglich der Zielgewichtung nicht optimale Hörsaal H2
wird von keinem anderen Hörsaal dominiert, er ist effizient bezüglich des
vorliegenden Entscheidungsproblems (vgl. den in Abb. 1 angedeuteten Dominanzkegel
für H2). Dieses Problem wird im Rahmen der Nutzwertanalyse weitgehend
vernachlässigt. Könnte nicht der Hörsaal H2 ein sinnvoller Kompromiss zwischen
den Hörsälen H1 und H5 sein? – Die nicht optimalen Hörsäle H3 und H4 werden vom
Hörsaal H5 dominiert, der bei beiden Zielen für alle Gewichtungskombinationen
einen höheren Wert aufweist (vgl. Tab. 1 und Abb. 2). Die Abb. 2 verdeutlicht
auch, dass in diesem Beispiel für 0 ≤ g2 < 0,6 bzw. 0,4 < g1 ≤ 1 der Hörsaal H5, für 0,6 < g2 ≤ 1 bzw. 0 ≤ g1 < 0,4 der Hörsaal H1 und für g1 = 0,4 bzw. g2 = 0,6 sowohl H1 als auch H5 optimal sind. Die
Frage, ob auch weitere Kompromissmodelle, die nicht von vornherein effiziente
Alternativen – wie hier die Alternative H2 – als mögliche optimale Lösungen
ausschließen, hinzugenommen werden sollen, wird nicht diskutiert (vgl. Dinkelbach,
W./Kleine, A. 2001).
Abb. 2: Grafischer Alternativenvergleich
2. Beispiel
(Drei-Ziele-Fall)
Als sich kein Kompromiss anbahnt, schlägt der
Umweltbeauftragte vor, die Umweltverträglichkeiten der Klimaanlagen in den
Entscheidungsprozess einzubeziehen, etwa in Hinblick auf deren Energieverbrauch
und Schadstoffemissionen. Die Hörsäle H1, H2 und H5 werden von den Teilnehmern
als befriedigend, der Hörsaal H4 als gut und der Hörsaal H3 als sehr gut eingestuft, jeweils mit den
Nutzenwerten 300, 400 bzw. 600 (vgl. Tab. 2).
Tab. 2: Entscheidungsmatrix für den Drei-Ziele-Fall
Eine vertiefte Analyse des erweiterten Entscheidungsproblems
zeigt die Abb. 3, in der für alle Kombinationen der Gewichte, d.h. für g1 + g2 + g3 = 1 mit g1, g2, g3 ≥ 0, der jeweils optimale Hörsaal bzw.
die jeweils optimalen Hörsäle veranschaulicht werden. Auf Drängen der
Sitzungsleiterin entscheidet sich die Baukommission für g1 = g2 = 0,4 und
g3 = 0,2. Damit ist der Hörsaal H3, also jener,
der im Zwei-Ziele-Fall dominiert wurde, optimale Lösung bezüglich einer
Zielgewichtung mit den genannten Gewichten (vgl. Punkt * in Abb. 3). Im Übrigen
erhält der Hörsaal H1, der im Zwei-Ziele-Fall optimale Lösung war, nunmehr den
schlechtesten Kompromisswert (Nutzwert).
Abb. 3: Grafische Lösung für alle zulässigen Gewichte
Die Ergebnisse einer Nutzwertanalyse sind in hohem Maße, wie
das Beispiel gezeigt hat, subjektiv und zugleich sensitiv, selbst dann, wenn
die Durchführung der Analyse bei oberflächlicher Betrachtung eine nicht
gegebene Objektivität vortäuscht. Aus diesem Grunde sind die hier beispielhaft
vorgeführten Sensitivitätsanalysen von zentraler Bedeutung.
III. Erweiterungen
Neben der hier beschriebenen Nutzwertanalyse, die auch als
Nutzwertanalyse im engeren Sinne bezeichnet wird, gibt es zahlreiche Varianten.
So verzichtet die so genannte Nutzwertanalyse der zweiten Generation etwa auf
Einführung reellwertiger (kardinaler) Nutzenwerte und beschränkt sich beim
Vergleich von Alternativen auf ordinale Skalen (vgl. Bechmann, A.
1982). Andere Ansätze der Nutzwertanalyse greifen auf Methoden der
Fuzzy-Logik zurück und beurteilen Ziele bzw. deren Zielerreichungsgrade
mithilfe von Zugehörigkeitsfunktionen, die mittels geeigneter Regeln bzw.
Operatoren zu aggregieren sind (vgl. Figge, F.
2000, S. 111 ff.).
Auf die multiattributive Nutzentheorie (Multiattributive
Decision Making) gehen insbesondere axiomatisch begründete Erweiterungen der
Nutzwertanalyse zurück. Neben der additiven Aggregation der kardinalen
Nutzenwerte wird beispielsweise eine Multiplikation oder multilineare
gewichtete Verknüpfung entsprechender Nutzenwerte vorgeschlagen (vgl. von Nitzsch,,
R. 1992, S. 47 ff.). Diese Varianten ermöglichen die
Berücksichtigung von Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Zielen. Während
bei diesen Varianten Interaktionen zwischen den Zielen vom jeweiligen
Nutzenniveau abhängen, erlauben Erweiterungen auf der Grundlage nichtadditiver
Gewichtungen die Einbeziehung von generellen Abhängigkeiten zwischen Zielen.
Diese Verfahren basieren auf einer Gewichtung von Zielen bzw. von Zielpaaren,
die sich als Fuzzy Measure interpretieren lassen, sodass eine nutzenmaximale
Alternative unter Verwendung eines Choquet-Integrals bestimmt werden kann (vgl.
Grabisch, M.
1996; Grabisch,
M./Roubens, M. 2000).
Literatur:
Bechmann, Armin :
Nutzwertanalyse, in: HdWW, Bd. 9, hrsg. v. Albers, Williet al., Stuttgart 1982,
Sp. 799 – 812
Bieg, Hartmut/Kußmaul,
Heinz : Investitions- und Finanzierungsmanagement, Bd. I: Investition, München
2000
Blohm, Hans/Lüder, Klaus
: Investition, München, 8. A., 1995
Dinkelbach, Werner :
Entscheidungsmodelle, Berlin et al. 1982
Dinkelbach,
Werner/Kleine, Andreas : Elemente einer betriebswirtschaftlichen
Entscheidungslehre, Berlin et al. 1996
Dinkelbach,
Werner/Kleine, Andreas : Produktionscontrolling – Effiziente Produktionen in
diskreten Technologien, in: ZfB, Jg. 71, Ergänzungsheft 2/2001, S. 51 – 80
Eisenführ, Franz/Weber,
Martin : Rationales Entscheiden, Berlin et al., 3. A., 1999
Figge, Frank :
Öko-Rating, Berlin et al. 2000
Götze, Uwe/Bloech,
Jürgen : Investitionsrechnung, Berlin et al., 2. A., 1995
Grabisch, Michel : The
Application of Fuzzy Integrals in Multicriteria Decision Making, in: European
Journal of Operational Research, 1996, Bd. 89, S. 445 – 456
Grabisch, Michel/Roubens,
Marc : Application of the Choquet Integral in Multicriteria Decision Making,
in: Fuzzy Measures and Integrals, hrsg. v. Grabisch, Michel et al.,
Heidelberg 2000, S. 348 – 374
Heinen, Edmund : Das
Zielsystem der Unternehmung, Wiesbaden 1966
Lillich, Lothar :
Nutzwertverfahren, Heidelberg 1992
Schneeweiß, Christoph :
Planung 1: Systemanalytische und entscheidungstheoretische Grundlagen, Berlin
et al. 1991
Strebel, Heinz : Zur
Gewichtung von Urteilskriterien bei mehrdimensionalen Zielsystemen, in: ZfB,
Jg. 42, 1972, S. 89 – 128
von Nitzsch, Rüdiger :
Entscheidungen bei Zielkonflikten, Wiesbaden 1992
Weber, Martin :
Nutzwertanalyse, in: HWO, hrsg. v. Frese, Erich, Stuttgart, 3. A., 1992,
Sp. 1435 – 1448
Zangemeister, Christof :
Nutzwertanalyse in der Systemtechnik, München, 4. A., 1976
Zangemeister,
Christof/Bomsdorf, Eckart : Empfindlichkeitsuntersuchungen in der
Nutzwertanalyse (NWA): Ermittlung kritischer Zielgewichte und
Empfindlichkeitsmaße, in: ZfBF, Jg. 35, 1983, S. 375 – 397
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