Inhaltsübersicht
I. Grundlagen
und Begriffe
II. Diffusionstheorie
III. Das
klassische Diffusionsmodell von Rogers
IV. Differenzialgleichungsmodelle
V. Neuere
Diffusionsmodelle
I. Grundlagen und Begriffe
Die Diffusionsforschung in den Sozialwissenschaften befasst
sich mit der Ausbreitung von Neuerungen, speziell von Informationen, Verfahren
und Produkten. Diffusion wurde bei Ausbreitungsanalysen für Produkte und
Verfahren zunächst als das Ergebnis eines sozialen Prozesses interpretiert, in
dessen Verlauf Informierte oder Nutzer neuer Produkte oder Verfahren weitere
potenzielle Übernehmer informieren und beeinflussen.
Zunehmend traten aber Zweifel auf, ob Kommunikation und
Imitation auf Nachfrager- bzw. Anwenderseite Ausbreitungsverläufe von Produkten
und Verfahren ausreichend erklären können. Seit Mitte der 1970er-Jahre hat sich
die Meinung durchgesetzt, dass Diffusion nicht mehr allein als das Resultat von
sozialen Interaktionen zwischen Nachfragern, sondern als deren Reaktion auf Marketing-Maßnahmen
und auf andere Faktoren zu begreifen ist. Diffusion ist damit ein Gegenstand
des Innovationsmanagements geworden.
Diffusionsverläufe von Innovationen entstehen, weil
Interessenten eine Innovation (im
Marketing meist: neues Produkt, neuartige Dienstleistung) nicht zeitgleich mit
deren Markteinführung, sondern nach und nach, also zeitlich verteilt
übernehmen. Die Anbieter setzen einen Diffusionsprozess
in Gang, der sich als zeitliche Verteilung des Übernahmezeitpunkts (Diffusion) beobachten lässt (vgl. Abb.
1). Übernahmeeinheiten sind z.B.
Unternehmen, Haushalte oder Einzelpersonen. Die maximale Anzahl der
Übernahmeeinheiten, die als Übernehmer einer Innovation in Betracht kommen,
bildet das Übernehmerpotenzial,
bezüglich dessen sich die Innovation allmählich ausbreitet. Im Zeitablauf
verändert das Potenzial daher seine anteilige Zusammensetzung, bestehend aus
den Teilen
-
offenes Potenzial: Übernahmeeinheiten, die noch nicht
über die Innovation und ihre Eigenschaften unterrichtet sind,
-
Übernahmekandidaten: Übernahmeeinheiten, die erst
einen Übernahmeentscheidungsprozess durchlaufen oder mit der Übernahme noch
zögern, und
-
Übernehmerbestand: Übernahmeeinheiten, die die
Innovation bereits übernommen haben.
Der Diffusionsverlauf von Produkten wird meist als ein Teil
des Produktlebenszyklus begriffen.
Während dieser die zeitliche Verteilung der Absatzzahlen angibt, bezeichnet der
Diffusionsverlauf meist nur die zeitliche Verteilung des Zeitpunkts des erstmaligen Kaufs des neuen Produkts.
Wiederkauf- und Kaufvolumenaspekte werden also nicht betrachtet. Lediglich bei
häufig erworbenen Verbrauchsgütern wird bisweilen nicht der Zeitpunkt des
ersten Kaufs, sondern jener der Akzeptanz
analysiert.
Abb. 1: Idealtypischer Verlauf einer Diffusion
Diffusionsverläufe von Produkten werden untersucht, um den
zukünftigen Verlauf der Übernahmen kurzfristig planen zu können, Verständnis
über die Wirkung von Einflussgrößen (z.B. Preise, Werbemaßnahmen) auf einen
Diffusionsverlauf zu erlangen und Marktgesetzmäßigkeiten bei der
Marktbearbeitung von ähnlichen, neuen Produkten berücksichtigen zu können.
II. Diffusionstheorie
Für unterschiedliche Übernahmezeitpunkte durch potenzielle
Übernehmer sind im Wesentlichen drei Ursachen verantwortlich.
Durch die Markteinführung einer Innovation sind nicht
unverzüglich alle möglichen Übernehmer über die Existenz der Innovation und
deren Nutzungsmöglichkeiten informiert. Marktkommunikation durch Anbieter oder
Kommunikation auf Seiten der Nachfrager ist erforderlich, damit potenzielle Übernehmer hiervon
unterrichtet und somit zu Übernahmekandidaten
werden. Da nicht jeder potenzielle Übernehmer zum gleichen Zeitpunkt diese
Information erhält, ist der Beginn
der Übernahmeentscheidungsprozesse unterschiedlich.
Auch Übernahmekandidaten reagieren nicht notwendigerweise
sofort mit der Übernahme. Sie sammeln Informationen, bewerten diese und legen
gegebenenfalls einen Übernahmezeitpunkt fest. Somit ist auch die Dauer der Entscheidungsprozesse
unterschiedlich.
Mögliche Resultate
eines Übernahmeentscheidungsprozesses sind die Ablehnung der Innovation, ihre
sofortige Übernahme oder die Festlegung eines künftigen Zeitpunkts für den
Übernahmevollzug bei späterem Bedarf. Die Zeitspanne zwischen positiver
Entscheidung und Vollzug kann variieren. Erst mit dem Übernahmevollzug werden
die Übernahmekandidaten zu Übernehmern.
Der Diffusionsprozess spiegelt die Häufigkeit des
Übernahmevollzugs in den einzelnen Perioden wider. Die Ursachen für die Form
der Häufigkeitsverteilung sind in den Einflussgrößen auf den Beginn der
Übernahmeentscheidungsprozesse, deren Dauer und deren Resultate zu suchen.
III. Das klassische
Diffusionsmodell von Rogers
In kaum einem einführenden Lehrbuch zum Marketing
fehlt das Diffusionsmodell von Rogers
(vgl. Abb. 2), das die Verteilung des Übernahmezeitpunkts einer Innovation als
Glockenkurve (Normalverteilung) wiedergibt (Rogers, E. M.
1983, S. 247).
Abb. 2: Das Diffusionsmodell von Rogers
Nach Maßgabe des Übernahmezeitpunkts werden die Übernehmer
als Innovatoren, frühe Übernehmer, frühe Mehrheit, späte Mehrheit und
Nachzügler bezeichnet.
Rogers sieht die
Unterschiede bei der Diffusion verschiedener Innovationen (Produkte, Verfahren)
in deren Eigenschaften selbst begründet. Eine Innovation breitet sich – wie in
empirischen Studien auch meist bestätigt werden konnte – im Vergleich zu
anderen Innovationen umso rascher aus,
-
je mehr sie Konkurrenzprodukten bzw. -verfahren
überlegen ist,
-
je mehr sie mit Werten, Erfahrungen und bestehenden
Strukturen bei den potenziellen Übernehmern kompatibel ist,
-
je einfacher sie verstanden werden kann,
-
je risikoloser die Übernahmeentscheidung ist (z.B.
probeweise Übernahme) und
-
je leichter sich Ergebnis und Wirkung einer Übernahme
darstellen lassen.
Der glockenförmige Verlauf der Übernahmezeitpunkte einer
einzelnen Innovation wird hier auf einen Imitationsprozess
zurückgeführt. Eine Diffusion nimmt einen solchen Verlauf, wenn die Annahmen
des logistischen Modells gültig sind.
Dieses Modell besagt: »Je höher der Anteil der bisherigen Übernehmer der
Eigenschaft (hier: Wissen, Neuerung, Produkt) ist, umso höher ist die
Wahrscheinlichkeit, dass auch eine Einheit, die die Eigenschaft noch nicht
übernommen hat (hier: Übernahmekandidat), sie übernimmt.« Dies lässt sich
formal wie folgt ausdrücken:
Wird diese Differenzialgleichung nach yt aufgelöst, so resultiert die logistische
Funktion (Lösung siehe Tab. 1). Deren
Ableitung y\'t liefert eine der Normalverteilung sehr stark
ähnelnde Glockenkurve.
Tab. 1: Einige Lösungen der Differenzialgleichungen
Hinter dem logistischen Modell bzw. der Normalverteilung
verbirgt sich folglich die Annahme, dass das Urteil der Nachfrager über die
Attraktivität der Übernahme eines Produkts stark vom Anteil der bisherigen
Übernehmer abhängt. Einige wichtige Fälle, in denen dies gelten kann, sind
Folgende:
-
Das wichtigste Übernahmemotiv besteht in sozialer
Anerkennung. In bestimmten Segmenten steigt der soziale Druck zur Imitation mit dem Übernehmerbestand, etwa bei
modischen Produkten oder Produkten als Kennung für eine Cliquenzugehörigkeit
(Mansfield,
E. 1961; Bass, F. M.
1969).
-
Der Übernehmerbestand bestimmt die Einsatzmöglichkeiten des Produktes
(z.B. bei Kommunikationseinrichtungen).
-
Das wichtigste Übernahmemotiv bildet der Fundus an Produkterfahrung, der von
Beratern oder von Personen mit Meinungsführereigenschaft weitergegeben wird
und stellvertretendes Lernen ermöglicht. Erfahrungsberichte helfen, in dem
Maße Fehler zu vermeiden, wie solche bereits von Übernehmern begangen worden
sind (Mansfield,
E. 1961).
Da diese Annahme nur für spezielle Fälle und bei häufigen
Interaktionen auf Übernehmerseite gilt, folgen reale Diffusionsverläufe selten
einer idealtypischen Normalverteilung, sondern nehmen eigene, charakteristische
Formen an.
IV. Differenzialgleichungsmodelle
In den sechziger und frühen siebziger Jahren wurden
Modifikationen der logistischen Funktion entwickelt, um Ausbreitungsprozesse
neuer Produkte besser erklären und für die nähere Zukunft genauer
prognostizieren zu können. In diesen Modellen wird weiterhin unterstellt, dass
durch Eingriffe von außen kein Einfluss auf den Diffusionsverlauf genommen
wird. Diese Modelle haben für praktische Anwendungen heute noch eine große
Bedeutung, so etwa das »Bass-Modell«
(Bass, F. M.
1969). Ein Differenzialgleichungsmodell, in dem viele häufig empirisch
eingesetzte Spezialmodelle enthalten sind, und eine spezielle Interpretation
sind nachfolgend kurz skizziert (Dodson, J.
A./Muller, E. 1978; Mahajan,
V./Peterson, R. A. 1978):
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine der n∞ – nt noch nicht informierten Übernahmeeinheiten
informiert wird (n\'t: Zuwachs an Informierten in t), hängt linear vom Anteil der
bereits Informierten nt/n∞ ab. Auch zwischen der Wahrscheinlichkeit, dass
einer der nt – yt Übernahmekandidaten übernimmt (y\'t: Zuwachs an
Übernehmern in t), und dem Anteil der Übernehmer yt/nt bis zu diesem Zeitpunkt besteht eine lineare
Beziehung.
Die Parameter b bzw. d bringen den Effekt sozialer Interaktion
auf Nachfragerseite zum Ausdruck, a und c jeweils »konstante diffusionsexogene«
Effekte (z.B. konstante Werbeintensität des Anbieters).
Die Lösungen der beiden Differenzialgleichungen ergeben je
Parameterkonstellation charakteristische Diffusionsfunktionen.
Die Kenntnis der Diffusionsfunktionen ist für die Schätzung
der Modellparameter hilfreich. Falls die Parameter von nicht lösbaren
Differenzialgleichungen geschätzt werden sollen, wird meist auf diskrete
Modellformulierungen ausgewichen. Letzteres gilt etwa für die im Folgenden
genannten Modelle.
In den späteren siebziger Jahren war die Diffusionsforschung
darauf konzentriert, komplexere Differenzialgleichungsmodelle zu diskutieren
und an realen Diffusionsverläufen zu überprüfen. Anstelle des linearen
Gleichungstyps wurden andere Funktionen gewählt. Die Zeit t kam als statistisch erklärende Variable hinzu.
Daneben wurden verschiedene Diffusionsmodelle für einzelne Segmente von Übernahmeeinheiten
entwickelt. So unterschied Kaas die
beiden Segmente Meinungsführer und Meinungsfolger, um den unterschiedlichen
Einfluss dieser Personen auf die Verbreitung von Information und auf den
Imitationsdruck hinsichtlich der Übernahme der Produkte zu modellieren (Kaas, K. P.
1973). Schmalen schlug vor, die
Diffusion getrennt in einem Innovatoren- und einem Imitatoren-Segment wie folgt
abzubilden (Schmalen, H.
1979):
Die Übernahmewahrscheinlichkeit der Übernahmeeinheiten im
Innovatoren-Segment (Übernehmerpotenzial n1, Übernehmerzuwachs y1t – y1,t – 1,
Übernehmerbestand y1t) ist gemäß diesem Modell im Zeitablauf konstant (hier: a), im
Imitatoren-Segment (Potenzial n2, Zuwachs y2t – y2,t – 1, Bestand y2t) hängt sie proportional vom
Übernehmeranteil (yt/n, wobei n=n1+n2, yt=y1t+y2t) ab.
Modelle dieser Kategorie eignen sich zur Abbildung und für
die kurzfristige Prognose von Ausbreitungsverläufen, wenn die Bekanntheit und
das Urteil über die Attraktivität einer Übernahme zumindest weitgehend durch
soziale Interaktion zwischen den Übernahmeeinheiten bestimmt werden und in die
Verläufe von außen, z.B. durch Marketing-Politik, nicht eingegriffen wird. Für
langfristige Prognosen auf der Grundlage einer kaum vorangeschrittenen
Diffusion haben sich diese Modelle nicht bewährt.
V. Neuere Diffusionsmodelle
Der Übernehmeranteil kann als diffusionsendogene Variable z.B. zur Modellierung von sozialem
Einfluss und des Erfahrungsfundus verwendet werden. Ab Mitte der siebziger
Jahre wurden auch Diffusionsmodelle mit diffusionsexogenen Variablen hinsichtlich
ihrer Eignung, Marketing-Aktivitäten zu planen und Übernehmerzahlen zu
prognostizieren, erprobt. Zu den diffusionsexogenen
Variablen sind beispielsweise die Preis-, Werbe- oder Außendienstpolitik des
Anbieters der Innovation und seiner Wettbewerber sowie ökonomische und
rechtliche Veränderungen zu zählen. Entweder werden diese exogenen Größen
direkt in die Modelle aufgenommen, oder es wird die Wirkung dieser Variablen
implizit in Form von Koeffizienten ausgedrückt.
Letzteres gilt für einen weiteren Vorschlag von Schmalen. In diesem Modell mit heterogen auf exogene Variablen
reagierendem Potenzial wird die Struktur des semilogistischen Modells noch
weitgehend beibehalten, aber berücksichtigt, dass sich exogene Variablen in
verschiedenen, noch geeignet abzugrenzenden Übernehmersegmenten unterschiedlich
auf die Übernahmewahrscheinlichkeit auswirken können (Schmalen,
H./Binninger, F.-M./Pechtl, H. 1993):
In vielen empirisch eingesetzten Modellformulierungen wird
einfachheitshalber angenommen, dass Übernahmeeinheiten auf exogene Variablen homogen reagieren. Auf eine Unterteilung
der Nachfrager in Segmente wird in diesen Untersuchungen verzichtet (Hesse, H.-W.
1987; Simon,
H./Sebastian, K.-H. 1987). Die funktionale Beziehung (z.B. additiv,
multiplikativ, Interaktionsterme) und die berücksichtigten exogenen Variablen
(z.B. Schulungsmaßnahmen, Messebelegung, Eingriffe des Gesetzgebers) werden
fallspezifisch festgelegt.
Dabei wird beachtet, dass manche exogene Variablen zeitliche Ausstrahlungseffekte aufweisen.
Beispielsweise wirken Werbemaßnahmen nicht nur in der Periode ihrer
Durchführung, sondern auch noch in späteren Zeiträumen. Gegebenenfalls sollten
also zeitverzögerte exogene Variablen berücksichtigt werden.
In der Diffusionstheorie
werden die Fragen behandelt, auf welche Weise Anbieter die Geschwindigkeit der
Ausbreitung neuer Produkte beeinflussen können und welche Nachfragersegmente
bevorzugt in welchen Marktphasen eines Produkts übernehmen. Da es für viele
Unternehmen von existenzieller Bedeutung ist, dass ihre neuen Produkte in
kurzer Zeit Marktbedeutung erlangen, und da angenommen wird, dass die
Ausbreitung durch exogene Variablen beschleunigt werden kann, kann der Einsatz
von Diffusionsmodellen ein hilfreiches Planungsinstrument für die Festlegung
der absatzpolitischen Aktivitäten und für die Prognose der Übernehmeranzahlen
sein. Da zu frühen Zeitpunkten eines Ausbreitungsverlaufs die Datenbasis oft
noch klein ist, sollte aufgrund der hohen Fehlerrate von Befunden auch auf
Ergebnisse bei ähnlichen Produkten zurückgegriffen und durch subjektive
Schätzungen und eventuell Computersimulationen ergänzt werden.
Literatur:
Bass, F. M. : A New Product Growth
Model for Consumer Durables, in: Man.Sc., 1969, S. 215 – 227
Dodson, J. A./Muller, E. : Models of
New Product Diffusion through Advertising and Word-of-Mouth, in: Man.Sc., 1978,
S. 1568 – 1578
Hesse, H.-W. : Kommunikation und
Diffusion von Produktinnovationen, Berlin 1987
Kaas, K. P. : Diffusion und Marketing,
Stuttgart 1973
Mahajan, V./Peterson, R. A. :
Innovation Diffusion in a Dynamic Potential Adopter Population, in: Man.Sc.,
1978, S. 1589 – 1597
Mansfield, E. : Technical Change and
the Rate of Imitation, in: Econometrica, 1961, S. 741 – 766
Rogers, E. M. : Diffusion of
Innovations, 3. A., New York et al. 1983
Schmalen, H. : Marketing-Mix für
neuartige Gebrauchsgüter, Wiesbaden 1979
Schmalen, H./Binninger, F.-M./Pechtl,
H. : Diffusionsmodelle als Entscheidungshilfe zur Planung absatzpolitischer
Maßnahmen bei Neuprodukteinführung, in: DBW, 1993, S. 513 – 527
Simon, H./Sebastian, K.-H. :
Diffusion and Advertising, in: Man.Sc., 1987, S. 451 – 466
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