Inhaltsübersicht
I. Führung
– Versuche einer Begriffsbestimmung
II. Ein
Überblick über die Entwicklung
III. Neuere
Theorieansätze
IV. Ausblick
und kritische Würdigung
I. Führung – Versuche
einer Begriffsbestimmung
Ein eingeborener Pfadfinder führt eine Expedition zu den
Jagdgründen.
Eine Diskussion führt zu keinem Ergebnis.
Eine Führung durch ein Museum gefällt den Besuchern (oder
auch nicht).
Die Führung eines Unternehmens wird durch die Aktionäre
kritisiert.
Führung ist im deutschen Sprachgebrauch ein vielschichtiger
Begriff. Auch in der wissenschaftlichen Terminologie gibt es keine einheitliche
Definition des Führungsbegriffes. Weibler (Weibler, 2001)
versucht, bestehende Bestimmungsversuche in folgender Definition
zusammenzufassen:
„ Führung heißt, andere durch eigenes, sozial akzeptiertes
Verhalten so zu beeinflussen, dass dies bei den Beeinflussten mittelbar oder
unmittelbar ein intendiertes Verhalten bewirkt “ (Weibler, 2001,
S. 29). Dieser Versuch kann aber nicht befriedigen. Wie kann nach dieser
Definition „ Führung “ von „ Erziehung “ abgegrenzt werden? Besteht überhaupt ein
Unterschied? Könnte mit der beschriebenen Definition nicht auch jedes sozial
erfolgreiche Handeln beschrieben werden? Also auch z.B. der erfolgreiche
Versuch, sich einer Bedienung in einem Lokal bemerkbar zu machen und das
intendierte Verhalten zu bewirken? Würden wir dieses als erfolgreiche Führung
bezeichnen? Wohl kaum. Ein Definitionsversuch von von Rosenstiel kommt der Realität
näher:
„ Meist wird man bei der Nennung des Wortes Führung an das
Handeln von betrieblichen Vorgesetzten denken, die sich bemühen, die Arbeit der
ihnen unterstellten Personen zielgerichtet zu aktivieren und zu steuern. “ (Rosenstiel, 1999,
S. 412).
Während die Bestimmung durch von Rosenstiel den Aspekt des
Aufbaus einer Unternehmung in den Blickpunkt rückt, wird ein weiterer wichtiger
Gesichtpunkt vernachlässigt. Von Rosenstiel spricht hier von „ Vorgesetzten “ und
„ unterstellten Personen “ . Kann Führung nur in eine Richtung, von „ oben “ nach
„ unten “ , geschehen? Eine weitere interessante Perspektive wird hier von Staehle
(Staehle, 1999)
eingebracht:
„ Führung ist die Beeinflussung der Einstellungen und des
Verhaltens von Einzelpersonen sowie der Interaktionen in und zwischen Gruppen,
mit dem Zweck, bestimmte Ziele zu erreichen “ (Staehle, 1999,
S. 328). Führung kann von Gruppenmitgliedern in unterschiedlichem Umfang und
Ausmaß wahrgenommen werden.
Führung wäre demnach eine Verhaltensbeeinflussung, die sowohl
von „ oben “ nach „ unten “ , als auch in der entgegengesetzten Richtung verlaufen
kann. Zusätzlich kann hier auch eine Verhaltensbeeinflussung zwischen
verschiedenen Gruppen als Führung verstanden werden.
Einen diskussionsfähigen Definitionsversuch liefert Weinert (Weinert, 1989,
S. 555):
-
„ Führung ist ein Gruppenphänomen (das die Interaktion
zwischen zwei oder mehreren Personen einschließt);
-
Führung ist intentionale soziale Einflussnahme (wobei
es wiederum Differenzen darüber gibt, wer in einer Gruppe auf wen Einfluss
ausübt und wie dieser ausgeübt wird, u.v.m.);
-
Führung zielt darauf ab, durch Kommunikationsprozesse
Ziele zu erreichen. “
In eine ähnliche Richtung zielt der systemtheoretische
Definitionsversuch von Badke-Schaub (Stempfle,
/Badke-Schaub, 2005). Führung wird hier nicht als ein
einzelnes Verhalten (zielbezogene Beeinflussung, Strukturiertheit von
Interaktion, etc.), auch nicht als Summe von Aktivitäten, sondern vielmehr als
zentrale Funktion in sozialen Systemen, die sich mit der Steuerung des Systems
befasst gesehen. Das Verhalten, das gezeigt wird, unterscheidet sich nach
Stempfle, /Badke-Schaub, zunächst nicht von anderem Verhalten.
Führungsverhalten ist ohne seine funktionale Einbettung, ohne die
Steuerungsfunktion, der das Verhalten im Kontext des sozialen Systems dient,
nicht als Führungsverhalten zu identifizieren.
Im Hinblick auf die „ neuen “ Herausforderungen des 21.
Jahrhunderts wird immer wieder eine neue Art der Führung bzw. eine neue
Führungsgeneration gefordert. Eine Kontrastierung der Charakteristika heutiger Manager
und zukünftiger Führer findet man bei Weinert. Der zukünftige Führer soll
demnach mehr Innovator als Administrator sein, er soll Vertrauen initiieren,
statt sich auf Kontrolle zu verlassen etc. (Weinert, 1998,
S. 475).
Wir haben es also hier mit einem Phänomen zu tun, das zwar
großen Einfluss auf organisatorische Prozesse besitzt, sich aber einer definitorischen
Fassung entzieht. Zusätzlich scheinen technische und gesellschaftliche
Entwicklungen neue Anforderungen an „ Führung “ zu formulieren, die bisher nicht
oder nur teilweise beantwortet werden können.
II. Ein Überblick über
die Entwicklung
1. Der erste Versuch – erfolgreiche Führung
als Eigenschaft oder als Verhaltensstil
a) Eigenschaftstheorien
Der eigenschaftstheoretische Erklärungsversuch stellt den
ältesten Zugang zum Phänomen „ Führung “ dar, ist aber in diversen neueren
Formulierungen auch in der derzeitigen Diskussion nicht ohne Einfluss. Führung
ist demnach ein Phänomen, das sich aus einer Eigenschaft des Führers (z.B.
Vorgesetzten) erklären lässt.
Als Eigenschaften werden in der Psychologie relativ breite
und zeitlich überdauernde Dispositionen verstanden, die in den verschiedensten
Situationen konsistent auftreten. Im angloamerikanischen Sprachgebrauch werden
diese zeitlich und situational konsistenten Dispositionen als traits
bezeichnet. Erste Ansätze zu einer psychologischen Erforschung der Eigenschaften,
die einer erfolgreichen Führung zu Grunde liegen, sind vor etwa 80 Jahren
auszumachen (Kohs, /Irle, 1920).
Der empirische Zugang lag hier in der Frage, welche Eigenschaften erfolgreiche
Führer von weniger bzw. nicht erfolgreichen Führern unterscheiden. Die Befunde
dieser Untersuchungen sind als sehr heterogen einzuschätzen (vgl. Stogdill, 1948;
Delhees, 1995).
Die durchschnittlich am stärksten ausgeprägten Zusammenhänge
ergaben sich zwischen den Variablen „ soziales Geschick “ sowie „ Beliebtheit “ und
eben der Variable „ Führungserfolg “ (vgl. Tab. 1). Eine Kausalrelation ist
hiermit natürlich nicht gegeben. Auch die Frage, ob Führungserfolg und
Beliebtheit voneinander unabhängig sind, aber durch eine dritte Variable kausal
beeinflusst werden (z.B. Wissen, Erziehung), kann nicht geklärt werden.
Tab. 1: Zusammenhang zwischen Führung und
Persönlichkeitsfaktoren (Weibler, 2001,
S. 138).
Aufgrund der großen Streuung in den Ergebnissen und der
beschriebenen fehlenden Erklärung der Kausalitäten konnten und können diese
Ansätze nicht vollständig überzeugen. In der Weiterentwicklung der
Führungstheorien rückte in den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts
die Verhaltenskomponente der Führung stärker in den Fokus.
Allerdings finden derartige Eigenschaftstheorien auch heute
noch in der Praxis eine breite Anerkennung (Weibler, 2001,
S. 141). Es wäre ein Trugschluss anzunehmen, dass Persönlichkeitseigenschaften
des Führers und der Geführten im Sinne von Dispositionen keinen Einfluss auf
den Führungsprozess hätten. Die frühen Erkenntnisse der Eigenschaftstheorie
wurden in den folgenden Theorieansätzen integriert (Liebel, 1992,
S. 112) und mit der charismatischen Führungstheorie entstand in den letzten
Jahren auch eine Neo-Eigenschaftstheorie der Führung.
b) Verhaltensorientierte Theorieansätze
Die richtungsweisende Frage der verhaltenstheoretischen
Ansätze war, wie sich erfolgreiche Führer in ihrem Verhalten von weniger
erfolgreichen unterscheiden. Was tun Erstere, um eine effiziente und
gleichzeitig zufriedene Arbeitsgruppe zu führen? Zwei zeitlich fast parallel
arbeitende Forschungsgruppen in Ohio und Michigan führten in den 50er-Jahren des
letzten Jahrhunderts hierzu umfangreiche Studien durch. Das empirische Vorgehen
in den Untersuchungen war sehr ähnlich. Mitarbeiter einer Führungsperson wurden
über deren Verhalten befragt. Anschließend wurde versucht, aus diesen
Verhaltensbeschreibungen eine möglichst kleine Anzahl relevanter
Verhaltensdimensionen zu isolieren, die eine Prognose von zukünftigem Verhalten
leisten sollten. Beide Gruppen kamen auch in ihren Ergebnissen zu sehr
ähnlichen Kategorien (s. Tab. 2).
Tab. 2: Ohio- und Michigan – Studies.
Diese Einführung von Zwei-Faktoren-Modellen hat eine
Entwicklung initiiert, die ihren Niederschlag in der Führungsstildiskussion
fand. Diese Theorien wurden z.T. weiterentwickelt und verfeinert (Managerial
Grid von Blake,
/Mouton, 1969); zum Teil um weitere Faktoren ergänzt
(4-Faktoren-Modell von Bowers,
/Seashore, 1966). Die Diskussion um Führungsstile soll hier
nicht vertieft werden. Kritisch zu sehen ist, ob zwei (oder auch vier)
Dimensionen zur Beschreibung des komplexen Phänomens „ Führung “ ausreichen. Vom
methodischen Standpunkt ist die Erfassung des Führungsverhaltens durch
Fragebögen als besonders kritisch einzuschätzen (eine umfassende Kritik findet
sich bei Liebel, 1992,
S. 128; Weibler, 2001,
S. 314).
Trotz dieser Kritik wurden die Ohio und Michigan Studien
vielfach rezipiert und vor allem als Basis für die Entwicklung von
Führungstrainings genutzt (RRR des Führungsverhaltens, Blake,
/McCanse, 1995; Reifegrad-Modell, Hersey,
/Blanchard, 1982).
2. Situative Führungstheorien
Nachdem bisher Führungstheorien im Mittelpunkt standen, die
sich schwerpunktmäßig auf die Person des Führenden, auf seine Eigenschaften und
auf sein Verhalten konzentrierten, soll in diesem Kapitel die wichtigste
situative Führungstheorie in ihren Kernpunkten referiert werden.
Die Kontingenztheorie der Führung von Fiedler (Fiedler, 1967)
kann als „ situativer “ Wendepunkt innerhalb der Geschichte der Führungstheorien
angesehen werden. Fiedler geht davon aus, dass Führungserfolg abhängig ist von
zwei interagierenden Faktoren. Dies ist zum einen das Ausmaß an Kontrolle über
den Arbeitsprozess und das Arbeitsergebnis ( „ situative Kontrolle “ ), das einem
Führer zur Verfügung steht und zum anderen die zeitlich überdauernde
aufgabenorientierte oder mitarbeiterorientierte Motivation des Führers
( „ Führungsstil “ ).
Die situative Kontrolle kann nach Fiedler aufgrund von drei
kritischen Dimensionen eingeordnet werden:
-
Führer-Geführten-Beziehungen:
Die Unterstützung des Führers durch die Gruppe; die persönlichen Beziehungen
des Führers zu seinen Gruppenmitgliedern
-
Aufgabenstruktur:
Das Ausmaß, in dem die Aufgabe klar definiert ist, die Ziele verdeutlicht
sind und der Weg zur Zielerreichung festgelegt ist
-
Positionsmacht:
Die legale Macht
des Führers, Gruppenmitglieder belohnen oder bestrafen zu können
Aufgrund der Ausprägung auf diesen Dimensionen ergeben sich
Situationen von geringer bis hoher „ situativer Günstigkeit “ .
Die Aufgaben- oder Beziehungsorientierung des Führers
operationalisiert Fiedler, durch die „ Least-Preferred-Co-worker “ Skala (LPC).
Anhand einer Skala von 18 bipolaren Items (z.B. streitsüchtig – ausgleichend;
widerlich – nett) sollen Führer denjenigen Mitarbeiter einschätzen, mit dem sie
in der Vergangenheit oder der Gegenwart am wenigsten gerne zusammengearbeitet
haben bzw. zusammenarbeiten. Diese Einschätzungen werden zu einem LPC-Wert des
Führers aufsummiert (Fiedler, et
al. 1979, S. 16). Ein Führer mit einem hohen LPC – Wert beschreibt auch den am
wenigsten geschätzten Mitarbeiter mit postiven Eigenschaftsausprägungen,
während ein Führer mit niedrigem LPC-Wert ihn durch sehr negative und
zurückweisende Bezeichnungen beschreibt. Für Fiedler bedeutet ein hoher
LPC-Wert den Führungsstil der Personenorientierung und ein niedriger Wert
bedeutet Aufgabenorientierung.
Da der situative Ansatz davon ausgeht, dass es nicht einen
erfolgreichen Führungsstil gibt, untersuchte Fiedler, , wie die Günstigkeit
einer Situation und der praktizierte Führungsstil interagieren. Nach seinen
Ergebnissen sind in extrem günstigen und in extrem ungünstigen Situationen
aufgabenorientierte Führer erfolgreicher, in Situationen mittlerer Günstigkeit
personenorientierte Führer. In weiteren Untersuchungen konnten als eine dritte
Kategorie Personen mit einem mittleren LPC-Wert ermittelt werden. Diese
Personen, die einen „ sozial-unabhängigen “ Führungsstil haben, zeigen scheinbar
die besten „ Führungs “ -Leistungen in Situationen von hoher Günstigkeit. Sie sind
dagegen in Situationen von geringer Günstigkeit „ relativ schwach “ (Fiedler, et
al. 1995, S. 944). Fiedler räumt ein, dass weitere Forschungsanstrengungen
notwendig sein werden, um ein klareres Profil zu ermitteln.
Fazit des Modells ist, dass nicht ein Führungsstil per se
besser ist, sondern dass Führungseffektivität gleichermaßen durch den
Führungsstil und durch die Situation bedingt wird (vgl. Weibler, 2001,
S. 332). Aus dieser Aussage lassen sich praktische Empfehlungen für die
Steigerung der Effektivität ableiten. Fiedlers Ansatz führte zu einer Flut von
Untersuchungen. Die Kritikpunkte an der Kontingenztheorie
lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:
-
Die Operationalisierung der Variable „ Führungsstil “
durch die LPC-Skala ist unbefriedigend.
-
Die Auswahl, Operationalisierung und Rangordnung der
Situationsvariablen „ Führer-Geführten-Beziehung “ , „ Aufgabenstruktur “ und
„ Positionsmacht “ erscheint willkürlich. Zwischen diesen als unabhängig
postulierten Variablen bestehen höchstwahrscheinlich korrelative Beziehungen.
-
Die Betonung der Kriteriumsvariablen „ Leistung “
verkürzt die komplexen Zusammenhänge innerhalb des Führungsprozesses und der
jeweiligen Organisation.
Neuere Ansätze von Fiedler verwenden die Prinzipien der
Kontingenztheorie zur Entwicklung einer Theorie der „ kognitiven Ressourcen “ (Fiedler, 1986).
3. Path-Goal Theorien der Führung
Innerhalb der Path-Goal Theorien wird zum ersten Mal der
Geführte (vor allem dessen Motive) in einer Führungstheorie mit einbeschlossen.
Die Theorien bauen zum einen auf den Ohio-Studies und dem Kontingenzmodell von
Fiedler auf. Zum anderen wird die Instrumentalitäts- oder Erwartungstheorie der
Motivation aus der allgemeinen Psychologie aufgenommen (z.B. Heckhausen, 1987).
Die Path-Goal Theorien postulieren, dass die Tendenz eines Menschen, eine
bestimmte Handlung auszuführen davon abhängt, ob
-
er erwartet, dass dieses Verhalten zu spezifischen
Ergebnissen und Resultaten führt (=Instrumentalität) und
-
ob diese Ergebnisse und Resultate für ihn einen
gewissen subjektiven Wert (=Valenz) besitzen.
Nach den Annahmen der Weg-Ziel-Theorien handeln Menschen nur
dann, wenn eine Ergebniserwartung für sie einen Nutzen hat und sie dieser
Handlung eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit einräumen. Dem Führer kommt als
Hauptaufgabe nach Evans (Evans, 1970)
zu, eine Motivationsfunktion auszuüben. Er hat
-
die Art und Menge der ideellen und materiellen Gewinne
der Mitarbeiter zu steigern (= Beeinflussung der Valenzen).
-
die Mitarbeiter zu beraten auf dem Weg, die
Arbeitsziele ohne Umwege zu erreichen, Konflikte zu lösen, persönliche und
dienstliche Interessen nicht aus dem Auge zu verlieren (= Beeinflussung der
Instrumentalität) (Liebel, 1992,
S. 137).
Innerhalb der Theorie werden weiterhin zwei Klassen von
Kontingenzvariablen angenommen, die die Beeinflussung durch den Führer
moderieren: die Charakteristika der Geführten und die Charakteristika der
Aufgabe bzw. der Arbeitsumwelt.
Abb. 1: Kontingenzvariablen moderieren die Beziehung zwischen
Führungsverhalten und Gruppenergebnis (Weinert, 1998,
S. 459).
Weinert (Weinert, 1998,
S. 459) stellt heraus, dass Path-Goal
Theorien im Gegensatz zu früheren Ansätzen nicht nur untersuchen und
erklären wollen, welcher Führungsstil
zu einer effektiveren Leistung führt, sondern warum ein Führer unter bestimmten Konstellationen erfolgreicher ist
oder nicht. Darüber hinaus lässt sich anführen, dass die Path-Goal Theorien zum ersten Mal einen Bezugsrahmen schaffen, der
nicht mehr von einer klassischen Arbeitsgruppe mit einem Führer (und einem
bestimmten Führungsverhalten) und einer ihm untergebenen Gruppe ausgeht. Die
oben beschriebenen Motivationsfunktionen lassen sich durch geeignete
Verstärkungs-, Trainings- und Coachingsysteme auch organisatorisch
implementieren.
Die empirische Prüfung der Theorie ergibt bis heute noch kein
einheitliches Bild. Die Ergebnisse einer eigenen Metaanalyse werden von Evans,
selbst als enttäuschend eingestuft, wobei er hier feststellt, dass die
bisherigen Überprüfungsversuche lediglich „ an der Oberfläche der Theorie
herumlaborierten “ (Evans, 1995,
S. 1087). Die Komplexität und Vernetztheit der Theorie, die theoretisch einen
Vorteil darstellen, sind für eine methodisch „ saubere “ Überprüfung ein großes
Hindernis.
III. Neuere Theorieansätze
1. Transaktion versus Transformation
In den letzten Jahren hat sich eine Differenzierung der
Führungstheorien in Transaktions- versus Transformationsansätzen etabliert. Der
Transaktionsführer führt und motiviert seine Mitarbeiter in Richtung
feststehende, akzeptierte und etablierte Ziele, die durch ihn, die Organisation
oder die Gesellschaft vorgegeben sind. Seine Funktion liegt in der Klarstellung
der Erwartungen an die Arbeitsgruppe, der Erfordernisse der Aufgabenstellung
und der Etablierung eines Belohnungs- und Bestrafungssystems. Transaktionale
Führer orientieren sich an den durch die Organisation gegebenen Zielen, den
Wünschen und Werten (Valenzen) ihrer Mitarbeiter. Die meisten der bisher
referierten Führungstheorien sind damit unter den Oberbegriff der „ Transaktion “
zu subsumieren.
Transformationale Führer dagegen sehen in der Transaktion nur
den Ausgangspunkt einer Formung. Transformationale Führung beginnt dort, wo die
Ziele, Werte und Wünsche der Geführten verändert bzw. geformt werden.
Bass, postuliert vier Komponenten der transformationalen
Führerschaft, die im Rahmen von empirischen Studien durch einen Fragebogen (MLQ
= Multifactor Leadership Questionaire) identifiziert wurden (Bass, 1986).
Tab. 3: Komponenten transformationaler Führung (Weibler, 2001,
S. 335).
Nach Weinert (Weinert, 1998,
S. 476) konnten Bass und Avolio (Bass,
/Avolio, 1993) „ belegen, dass Transformations-Führerschaft
eine engere korrelative Beziehung zu hoher Produktivität und Arbeitszufriedenheit
und zu niedriger Kündigungsrate hat als transaktionale Führung “ . Theoretisch
lässt die Reduktion des komplexen Phänomens „ Führung “ auf vier Komponenten, die
bisher theoretisch kaum definiert und empirisch schwer zu operationalisieren
sind, Bedenken aufkommen.
Grundsätzlich ist die zu beobachtende Abgrenzung zwischen
Transaktions- und Transformationstheorien kritisch zu betrachten.
Transformation ist eine mögliche, aber nicht zwingende Konsequenz der
Transaktion. Mitarbeiter, deren Wünsche und Werte von der Führungskraft nicht
beachtet werden, sind wohl kaum zu einer Formung (im positiven Sinne der
Transformation) bereit. Eine Parallele zu den Hygiene- und
Zufriedenheitsfaktoren in der Diskussion der Arbeitszufriedenheit ist
offensichtlich.
2. Charisma
Nachdem in der Forschung zu Führungstheorien zunächst über Jahrzehnte
hinweg situative Komponenten eine stärkere oder sogar beherrschende Rolle
spielten, kann man in den letzten Jahren in der psychologischen Forschung im
Allgemeinen und in der Forschung zur Führungstheorie im Besonderen eine
Renaissance des Konstruktes „ Persönlichkeit “ feststellen.
Während allerdings die „ älteren “ Eigenschaftstheorien auf der
Suche nach einzelnen Eigenschaften waren, die für alle Situationen Geltung
hatten, interessieren sich neuere „ trait “ -Ansätze für Verhaltensaggregate.
House und Shamir (House,
/Shamir, 1995) fassen umfangreiche empirische Arbeiten zur
besonderen Qualität der Verhaltensweisen charismatischer Führer in 16 Punkten
zusammen, die folgende Kernsätze enthalten:
-
Charismatische Führer entwickeln und fördern die
Entstehung von Visionen, die sie ihren Untergebenen auch demonstrativ
vorleben. Charismatische Führer zeigen eine hohe moralische Integrität.
-
Charismatische Führer haben ein hohes Selbstvertrauen,
stärkere Entschlossenheit und Ausdauer und sie verfügen über eine hohe
Risikobereitschaft.
-
Charismatische Führer wecken wahlweise das
Gesellungs-, Macht- und Leistungsmotiv bei ihren Anhängern. Dabei haben sie
diesen gegenüber hohe Erwartungen und aber auch hohes Vertrauen. Sie
beurteilen ihre Geführten positiv, sind stolz auf sie und sind interessiert
an deren positiven Entwicklung.
-
Charismatische Führer sind große Kommunikatoren. Sie
zeigen außergewöhnliches und innovatives Verhalten, transportieren
Botschaften anregend, einfallsreich und mit starker emotionaler Tönung.
Eine gewisse augenscheinliche Validität ist dieser Aufzählung
gewiss abzugewinnen. Jeder kennt aus Politik, Geschichte oder Wirtschaft
wenigstens eine solche „ charismatische “ Führungspersönlichkeit. Die Einwände
gegen die transformationale Führungstheorie lassen sich auch auf diesen Ansatz
ausweiten. Eine umfassende Kritik der charismatischen Führungstheorie findet
sich bei Weibler (Weibler, 2001,
S. 167).
IV. Ausblick und
kritische Würdigung
Die Entwicklung der Führungstheorien steht zur Zeit an einem
kritischen Punkt. Viele traditionelle Forschungsansätze haben sich scheinbar
„ totgelaufen “ . Dies geschah z.T. auf Grund komplexer, kaum mehr empirisch
überprüfbarer Annahmen. Auch die methodische Fixierung der Führungsforschung
auf das Erhebungsinstrument „ Fragebogen “ hat zu dieser Entwicklung beigetragen.
Durch die Postulierung von „ neuen “ Anforderungen an die Führung bzw. das
Management werden zusätzlich neue Ansätze begünstigt.
Gegenwärtig entstehen Ansätze, die durch eine Reduktion auf
eine überschaubare Anzahl von Variablen Komplexitätsreduktion anbieten. Ob dies
dem komplexen Phänomen „ Führung “ gerecht werden kann, erscheint theoretisch
mehr als fraglich. Für die Praxis stellt vor allem die noch ungelöste Frage, ob
Charisma und transformationale Führung lehr- und lernbar ist, einen wichtigen
Kritikpunkt dar.
Es sind aber auch Bestrebungen zu beobachten, in die
Diskussion um Führungstheorien kognitive Aspekte und Modelle der Systemtheorie
einzubringen. Auch methodische Ansätze, das Erhebungsinstrument „ Fragebogen “
durch die Verhaltensbeobachtung zu ersetzen bzw. zu ergänzen, sind zu
registrieren. Eine derartige theoretische und methodische Anreicherung wird
u.E. dem Phänomen besser gerecht als eine Reduktion auf einige schlecht
definierte und operationalisierte Dimensionen. Eine „ kognitive Wende “ in der
Diskussion der Führungstheorien wurde oft gefordert und ist lange überfällig.
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