Inhaltsübersicht
I. Ergebnisse
der Forschung
II. Optionen
zukünftiger Führungsstilforschung
I. Ergebnisse der
Forschung
1. Mitarbeiterorientierung und
Aufgabenorientierung
Zeitlich im Anschluss an die auf den Psychologen Kurt Lewin,
zurückgehende Unterscheidung eines demokratischen von einem autoritären
Führungsstil hat Fleishman (Fleishman, 1953)
die beiden faktorenanalytisch ermittelten Führungsstile der
Mitarbeiterorientierung (consideration) und der Aufgabenorientierung
(initiating structure) in die Literatur eingeführt. Abb. 1 zeigt Items, über
die diese Führungsstile operationalisiert wurden.
Abb. 1: Items der Dimensionen consideration und initiating
structure (Quelle: aus Wunderer, 2000,
S. 260)
Aufgabenorientierung (initiating structure) umfasst Aspekte
wie die Definition des Zieles sowie des Weges zum Ziel, die Aktivierung, aber
auch Kontrolle und Beaufsichtigung des Mitarbeiters. Mitarbeiterorientierung
(consideration) bezieht sich dagegen auf Aspekte wie Wertschätzung und Achtung,
die Bereitschaft zur zweiseitigen Kommunikation und zur Hilfestellung. Ein
Führungsstil ist damit durch die Summe der Ausprägungen mehrerer positiv
interkorrelierter Verhaltensweisen definierbar. Die Verhaltensweisen innerhalb
eines Führungsstiles korrelieren dabei enger als die Verhaltensweisen zwischen
zwei Führungsstilen.
Für die Praxis ist vor allem die Frage nach der Wirksamkeit
dieser Führungsstile interessant. Fisher und Edwards (Fisher,
/Edwards, 1988) ermittelten in einer Meta-Analyse zum
Führungserfolg die folgenden Resultate (s. Tab. 1).
Tab. 1: Zusammenhang zwischen consideration/initiating
structure einerseits und den Kriterien Leistung/Arbeitszufriedenheit
andererseits (Meta-Analyse). Quelle: modifiziert nach Fisher & Edwards (Fisher,
/Edwards, 1988, S. 202).
Die beiden Führungsstile sind sowohl mit Leistungsindikatoren
als auch mit Zufriedenheitsindikatoren im Mittel also nur schwach positiv
korreliert. Das Fazit, das vorher schon von anderen Autoren gezogen wurde (vgl.
Stogdill, 1974;
Neuberger, 1976)
lautet also, dass über die beiden Führungsstile relevante Erfolgsindikatoren im
Trend nur schwer vorherzusagen sind (Bass, 1990;
Yukl, 1998).
Ein ähnliches Fazit ergibt sich in Bezug auf die
partizipative Führung (vgl. Tab. 2).
Tab. 2: Partizipative Führung, Leistung und Zufriedenheit.
Quelle: modifiziert nach Wagner (Wagner, 1994,
S. 315 – 317).
Von einer generellen Überlegenheit partizipativer
Führungsstile gegenüber nicht-partizipativen Führungsformen kann also nicht die
Rede sein.
Die praktische Relevanz der typologisch orientierten
generalisierenden Führungsstilforschung ist bisher als eingeschränkt zu
betrachten; dies hat u.a. die folgenden Gründe (Gebert, 2002):
Es gilt als gesichert, dass der identische Führungsstil – in
unterschiedlichen Situationen praktiziert – Unterschiedliches bewirkt. So sind
etwa aufgabenbezogen reife Mitarbeiter anders zu führen als aufgabenbezogen
unreife Mitarbeiter (vgl. Hersey,
/Blanchard, 1988). Die Praxis benötigt deswegen Forschungen
und damit Informationen zur Frage, wann
wie (mit welchem Führungsstil) zu führen ist (s. II. 1.).
Da verschiedene Erfolgsindikatoren sowohl für die Leistung
(Umsatz, Patente, Ausschuss) wie auch für die Zufriedenheit (Fragebogendaten,
Krankenstand) jeweils untereinander nur schwach positiv korreliert sind, sind
erfolgskriterienübergreifende summarische Betrachtungen wenig aussagefähig.
Erforderlich ist neben einer situativen Relativierung zusätzlich eine
zielkriterienspezifische
Führungsstilforschung (s. II. 2.).
Die bisher unterschiedenen Führungsstile sind nicht
theoretisch fundiert, sondern reflektieren – vermittelt über das induktive und
empirische Vorgehen bei ihrer Herleitung – das jeweils vorherrschende implizite
Vorverständnis der Führungspraxis, das aber immer nur zeitrelativ und insofern
historische Gültigkeit hat. Die klassische Führungsfunktion der Disziplinierung,
die noch hinter der Aufgabenorientierung (Abb. 1) durchscheint, ist heute nicht
mehr die primäre erfolgsrelevante Führungsfunktion. Folglich müssen
Führungsstile, wenn sie praktische Relevanz haben sollen, den veränderten
Führungsanforderungen angepasst werden, also inhaltlich ausdifferenziert und vor allem ergänzt werden (s. II.
3.).
2. Transformationale (visionär-charismatische
Führung) versus transaktionale Führung
Die von Avolio/Bass (Avolio,
/Bass, 1988) näher diskutierten Führungsstile der
transformationalen und der transaktionalen Führung werden mit Hilfe eines von
ihnen entwickelten Fragebogens u.a. mit folgenden Teilfaktoren beschrieben und
über die nachstehenden Items operationalisiert (Avolio,
/Bass, /Jung, 1999):
-
Transaktionale Führung:
Bedingte Belohnung: Item-Beispiele: „ Er erfüllt meine Wünsche
im Austausch gegen meine Unterstützung für ihn “ . „ Er weist mich darauf hin, was
ich erhalten werde, wenn ich die Anforderungen erfülle “ .
-
Transformationale Führung:
Charisma: Item-Beispiele: „ Ich habe volles Vertrauen in ihn “ .
„ Er wird als ein Symbol für Erfolg und Leistung angesehen “ . „ Ich bin stolz
darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten “ .
Inspirierende Motivation: Item-Beispiele: „ Er hat eine
Zukunftsvision, die mich anspornt “ . „ Er verwendet Symbole und Bilder, um unsere
Zielvorstellungen zu verdeutlichen “ . „ Er führt begeisternde Gespräche mit mir “ .
Intellektuelle Stimulierung: Item-Beispiele: „ Er ermöglicht
es mir, alte Probleme in einem neuen Licht zu sehen “ . „ Er hat Ideen, die mich
dazu gebracht haben, eigene Ideen zu überdenken, die ich nie zuvor infrage
gestellt hatte “ .
Die beiden Führungsstile der transaktionalen und der
transformationalen Führung sind in theoretischen Kategorien deutlich besser
fundiert, als dies für die unter 1. genannten Führungsstile gilt (vgl. auch Conger,
/Kanungo, 1987; House, 1977).
Basis für die „ transaktionale “ Führung ist die Annahme von Transaktionen
zwischen dem Führenden und den Mitarbeitern, die im Sinne eines ökonomischen
Tauschprozesses interpretiert werden (z.B. Entgelt für Leistungseinsatz). Der
transformational Führende führt dagegen über die Kategorien Begeisterung,
Orientierung und Sinn und wird auch dadurch für den Mitarbeiter zu einem
Modell, sodass der Führende über Mechanismen der Identifikation im Ergebnis
Werte und Einstellungen der Mitarbeiter „ transformiert “ .
Aus vielfältigen Gründen (Orientierungslosigkeit,
Innovations- und Wandlungsbedarf) ist heute die transformationale Führung
besonders im Gespräch (Gebert,
/Boerner, 1995). Die transformationale Führung stellt eine
wichtige ergänzende Dimension zu der Aufgaben- und Mitarbeiterorientierung dar.
In einer Meta-Analyse haben Lowe et al. (Lowe, et
al. 1996) – bezogen auf objektive Leistungskennziffern (wie z.B. Umsatzdaten) –
eine mittlere Korrelation der transformationalen Führung von r = .35 ermittelt
und gleichzeitig gezeigt, dass die transformationale Führung mit Leistungskennziffern
enger korreliert ist als die transaktionale Führung. Speziell der letztere
Befund dürfte in qualitativer Hinsicht zukunftsweisend sein.
Aber auch hier gilt die obige Einschränkung: Die
transformationale Führung variiert bezüglich ihrer Effektivität sowohl abhängig
von dem jeweiligen Zielkriterium als auch abhängig von dem jeweiligen
situativen Kontext (Shamir,
/House, /Arthur, 1993), sodass eine diesbezüglich
differenzierende Forschung erforderlich ist, um deren Praxisrelevanz zu
steigern (Kearney, 2005).
II. Optionen zukünftiger
Führungsstilforschung
1. Konsequente situative Relativierung
Die Optionen einer situativ-relativierten
Führungsstilforschung zeigt die Abb. 2.
Abb. 2: Struktur situationstheoretischer Hypothesen am
Beispiel der Annahmen von Hersey/Blanchard (Hersey,
/Blanchard, 1988).
Für den Fall niedriger aufgabenbezogener Reife korreliert die
delegative Führung (X) mit dem Führungserfolg (Y) vermutlich negativ, da sowohl
aufgaben- als auch motivationsbezogen ein misfit vorliegt; die Person wird
qualifikationsbezogen überfordert und bekommt etwas angeboten (Freiraum), was
sie nicht nachfragt. Ist die aufgabenbezogene Reife dagegen hoch ausgeprägt, so
korreliert in dieser Situation der delegative Führungsstil (X) mit dem
Führungserfolg (Y) vermutlich positiv, da ein aufgaben- und motivationsbezogener
fit hergestellt wird: Die Person bekommt die Freiheitsgrade, die sie nachfragt
und wird weder über- noch unterfordert, sondern gefordert.
Lassen sich diese Hypothesen theoretisch begründen und
empirisch bestätigen (vgl. Gebert,
/Steinkamp, 1992), so kann man dem Praktiker im Prinzip sagen,
wann er „ was zu tun “ und wann er „ was zu lassen “ hat. Genau dies möchte die
Praxis wissen.
Aus den hypothetischen Funktionen der Abb. 2 folgt, dass die
Variablen (X) und (Y) dann tendenziell r =.0 korreliert wären, wenn von der
Situationsvariablen der aufgabenbezogenen Reife abstrahiert wird, also über
alle Ausprägungen der aufgabenbezogenen Reife hinweg generalisierend die
Variablen (X) und (Y) miteinander korreliert würden. Die dann resultierende
0-Korrelation würde aber nicht die Irrelevanz des delegativen Führungsstiles
indizieren, sondern im Grunde nur einen Denkfehler reflektieren.
Situationsorientierte Führungsstilforschung, in der die Situation nicht als
Determinante der Führung, sondern als Moderator zwischen Führungsstil und
Führungserfolg interpretiert wird, hat zunächst einmal eine aufklärerische
Funktion; sie sensibilisiert für die Tücken unzulässlich generalisierender und
damit verschleiernder Forschung.
In diesem Sinne ist zukünftig mehr situationsorientierte
Führungsstilforschung notwendig. Dies ist aber nur dann sinnvoll, wenn die zu
untersuchenden Situationsaspekte theoriegestützt hergeleitet werden (vgl. Boerner, 2002).
2. Ergänzende erfolgskriterienspezifische
Führungsstilforschung
Der Umstand, dass verschiedene Erfolgskriterien untereinander
niedrig korrelieren, heißt nichts anderes, als dass diese verschiedenen
Kriterien unterschiedlich bedingt sind. Statt mit einem vergleichsweise
spezifischen Vorverständnis von Führung zu beginnen und dieses anschließend,
situativ relativiert, mit einem je interessierenden Erfolgskriterium in
Verbindung zu setzen – Modell alt in der Abb. 3 – , bestünde eine radikale
Transzendierung dieser Forschungstradition darin, dass man die Fragereihenfolge
umkehrt und mit der Beschreibung dessen beginnt, was eigentlich erklärt werden
soll (z.B. ein spezifischer Innovationsindikator), um so der unterschiedlichen
Bedingtheit der verschiedenen Zielkriterien besser gerecht zu werden (Modell
neu in der Abb. 3).
Abb. 3: Fragenabfolge zur Führungsforschung: altes und
neues Modell.
Als Erstes ist zu präzisieren, zu welchem Ziel der
Mitarbeiter einen Beitrag leisten soll, was inhaltlich also unter dem
Führungserfolg zu verstehen ist. Anschließend soll gefragt werden, welches
Geführten-Verhalten geeignet ist, zu diesem Erfolgskriterium einen wesentlichen
Beitrag zu leisten. Als Drittes soll gefragt werden, an welchen situativen
Barrieren dieses Geführten-Verhalten häufig scheitert und entsprechend gefragt
werden, durch welches Führungsverhalten diese Barrieren beseitigt werden
können, damit so das zielrelevante Geführten-Verhalten wahrscheinlicher wird.
Was Führung substantiell ausmacht, ergibt sich dann nicht ex
ante, sondern ex post. Der Verzicht, das Führungsverhalten ex ante zu
definieren, dient dem Zweck, das Führungsverhalten auf das jeweilige
Zielkriterium hin feinjustieren zu können, um so Einseitigkeiten und
Blindheiten des (immer historisch gewachsenen) Führungsvorverständnisses zu überwinden.
Der Prozess der Selektion, aus dem Universum potenziell relevanter
Führungsverhaltensweisen die erfolgsrelevanten heraus zu filtern, wird damit
nicht – zielunabhängig – über vorgefertigte Führungsstildefinitionen, sondern
zielbezogen unter der Perspektive der Förderung des zielrelevanten
Geführtenverhaltens gesteuert. Dies ist das Kernmerkmal der zielorientierten
Führung.
Der pragmatische Ertrag dieses Vorgehens scheint nicht
unerheblich zu sein. In einer empirischen Studie im Sparkassenbereich ermitteln
Geyer & Steyrer (Geyer,
/Steyrer, 1994) Korrelationen zwischen den (erfolgsunabhängig
definierten) klassischen Führungsstilen der Aufgabenorientierung, der
Mitarbeiterorientierung und der modernen Variante der transformationalen
Führung einerseits und ökonomischen Erfolgskriterien andererseits maximal
Korrelationen von r=.30, womit 9% der Erfolgsvarianz erklärt sind. Gebert &
Ulrich (Gebert,
/Ulrich, 1990) zeigen dagegen, dass in der beschriebenen Weise
zielorientiert hergeleitete Führungsverhaltensweisen wesentlich enger mit den
je untersuchten Erfolgskriterien (der Steigerung des Kreditvolumens bzw. der
Rendite) verbunden sind; in ihrer Studie sind über einfache Korrelationen etwa
30% der ökonomisch definierten Erfolgsunterschiede (und bei multipler
Korrelation bis zu 50% der Erfolgsunterschiede) zwischen den Instituten auf die
jeweiligen Führungsunterschiede zurückführbar. Exakt dies ist die Messlatte für
die praktische Relevanz des Denkansatzes: Zielorientiert hergeleitete
Führungsweisen scheinen wesentlich nachhaltiger auf das jeweilige
Erfolgskriterium einzuwirken.
Mit diesen Überlegungen soll nicht das Ende der klassischen
Führungsstilforschung eingeläutet sein. Im Gegenteil: Es gibt nach wie vor
Sinn, speziell moderne Varianten der Führungsstile (transformationale Führung)
erfolgsunabhängig zu definieren und bei konsequenter situativer Relativierung
mit spezifischen Erfolgskriterien in Verbindung zu setzen. Hiervon sind
Erkenntnisfortschritte zu erwarten. Dies schließt aber nicht die hier
vorgeschlagene komplementäre Strategie aus, Führungsstile wieder aufzubrechen,
die Relevanz einzelner Sub-Aspekte zielorientiert zu untersuchen und durch
zielorientierte Neukombinationen von Subaspekten zu neuen Führungsstilen
vorzudringen, die für bestimmte Klassen von Erfolgskriterien (z.B. der
Innovativität) dann einen erhöhten Erklärungswert aufweisen.
3. Anhebung der Komplexität der
Führungsstilbeschreibung
Im Sinne einer inhaltlichen Ausdifferenzierung und im Sinne
einer prägnanteren theoretischen Verankerung zukünftiger Führungsstilforschung
ist eine Bezugnahme z.B. auf das Führungsmodell von Quinn (Quinn, 1991)
hilfreich. Die Kernthese dieses Autors lautet, dass die Führungskraft eine
Vielzahl komplementärer, aber partiell widersprüchlicher Rollen zu erfüllen
hat. In einer hyperkompetitiven Umwelt, in der in jedem betrieblichen
Aufgabenfeld die Anforderungen an die Innovativität und die Effizienz steigen,
muss die Führungskraft Innovator, zugleich aber auch Monitor und Stabilisator
sowie z.B. einerseits Direktor, andererseits aber auch Coach usw. sein. Denison
et al. (Denison, et
al. 1995) haben empirisch bestätigt, dass in der Tat diejenige Führungskraft
erfolgreicher ist, die der Anforderung der Ausfüllung eines so verstandenen
Rollenplurals deutlicher entspricht.
Die bisherige Führungsstilbeschreibung greift insofern
systematisch zu kurz, als Führungsstile (einschließlich der transformationalen
Führung) im Schwerpunkt immer nur aus der Sicht einer Führungsrolle bzw. Führungsfunktion thematisiert wurden.
Erforderlich sind zukünftig komplexere Führungsstilbeschreibungen, die durch Kombinationen verschiedener Stile
definiert sind (Gebert, 2004).
Die Förderung von Effizienz bedingt freiraumbegrenzende
Führungsmuster, die Förderung von Innovativität bedingt dagegen
freiraumerweiternde Führungsmuster. Da die Führungskraft heute in jedem
Aufgabenfeld für mehr Effizienz und
Innovativität zu sorgen hat, wird die Führungskraft entsprechend mit
widersprüchlichen Führungsanforderungen konfrontiert (Müller-Stewens,
/Fontin, 1997; Gebert,
/Boerner, 1995). Führungsbeschreibungen müssen zukünftig
insofern nicht nur durch Kombinationen von Führungsstilen gekennzeichnet sein.
Zusätzlich kommt es darauf an, Führungsstile über die Art des Kompromisses bzw. über die Form der Ausbalancierung widersprüchlicher Führungsanforderungen zu
kennzeichnen, da gerade das Ausbalancieren widersprüchlicher
Führungsanforderungen für den Führungserfolg bedeutsam ist (vgl. empirisch
hierzu Gebert,
/Boerner, /Lanwehr, 2001).
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