Inhaltsübersicht
I. Das
Prinzip der Kausalanalyse
II. Der
LISREL-Ansatz
III. Kausalmodelle
im Marketing
IV. Probleme
der Kausalanalyse
I. Das Prinzip der
Kausalanalyse
Der Gehalt marketingwissenschaftlicher Aussagen hängt in
hohem Maße davon ab, ob bei der empirischen Prüfung theoretischer Modelle die
wesentlichen Einflussgrößen erfasst worden sind und potenzielle Fehlereinflüsse
kontrolliert werden. Dies gilt insbesondere für die verhaltenstheoretischen
Modelle und Theorien des Marketing,
deren Basis die Beziehung zwischen theoretischen Konstrukten wie z.B. Image,
Einstellung oder Commitment ist. Bei jedem Modelltest hat der Forscher hier
zunächst ein Mess- und Validierungsproblem zu lösen, das üblicherweise dem
Hypothesentest vorgelagert ist.
Eine \'ganzheitliche\' Vorgehensweise zur Validierung und zum
Test von Theorien bieten die Methoden der \'Kausalanalyse\'.
Sie stehen für einen Ansatz der Multivariatenanalyse, der je nach
Formalisierung auch als Kovarianzstrukturanalyse, Strukturgleichungs- oder LISREL-Methodologie
bezeichnet wird. Ausgangspunkt der Kausalanalyse sind im Allgemeinen die
Varianzen und Kovarianzen experimenteller oder nicht experimenteller Daten,
anhand derer eine theoretische Struktur, formalisiert als lineares
Gleichungssystem, getestet wird. Charakteristisch für die Modelle der
Kausalanalyse ist die Integration von Faktorenanalyse
und Regressionsanalyse und die Möglichkeit einer simultanen Schätzung beider
Modellbereiche. Je nach Art der theoretischen Grundlage kann durch die
Faktorstruktur in einem spezifizierten Modell explizit zwischen beobachteten
Variablen und theoretischen Variablen (den Konstrukten) sowie Messtheorie und
Substanztheorie unterschieden werden. Die Kausalanalyse ermöglicht dann:
1.
den Test eines kausalen oder funktionalen Netzwerks
von Beziehungen zwischen Variablen und/oder Konstrukten (Faktoren),
2.
die Kontrolle von Messfehlern und die Validierung der
Messungen theoretischer Konstrukte in einem Faktormodell,
3.
die Zerlegung von kausalen Einflüssen in direkte und
indirekte Wirkungen.
Ein einfaches Kausalmodell mit zwei Kausalhypothesen (ξ1η1 und ξ2η1) und drei Messhypothesen (als
Faktormodelle) (z.B. ξ1→x1) ist in Abb. 1
dargestellt. Die zugrunde liegenden Hypothesen werden durch das Pfaddiagramm
und die Gleichungssysteme repräsentiert, die Symbolik ist vom LISREL-Ansatz
übernommen. Das Modell für die Substanz-
bzw. Kausaltheorie wird im Allgemeinen als Strukturmodell bezeichnet.
Abb. 1: Die Struktur eines Kausalmodells
Das Strukturmodell kann auch mehrere abhängige (endogene)
Konstrukte (η) berücksichtigen, zwischen denen dann wieder kausale
Beziehungen spezifiziert werden können.
Die Konzeption der Kausalanalyse kann als Analogie zu
wissenschaftstheoretischen Konzepten von Hempel
und Carnap (Carnap, R.
1966) aufgefasst werden, die zwischen empirischer
Sprache (Ebene der Beobachtungsvariablen) und theoretischer Sprache (Ebene der Konstrukte) unterscheiden. Bagozzi sieht deshalb in der
Kausalanalyse auch den einzigen Ansatz, der den wissenschaftstheoretischen
Anforderungen einer Prüfung sozialwissenschaftlicher Hypothesen genügt. Er
bezieht sich dabei auf die Möglichkeit der ganzheitlichen Vorgehensweise beim
Theorietest (Bagozzi, R.
P. 1998).
Die Theorieprüfung mit der Kausalanalyse hat paradigmatischen Charakter für die Vorgehensweise
bei der empirisch-quantitativen Forschung im Marketing. Dieser Ansatz beruht
darauf, bei Forschungsaufgaben zunächst (Mess- und Kausal-)Hypothesen – in Form
von »wenn – dann« oder „ je – desto« Aussagen – zu entwickeln und die verbal
formulierte \'Theorie\' in ein Pfaddiagramm zu übersetzen (das \'Kausalmodell\').
Dieses muss die Richtung der angenommenen Beziehungen zwischen den Variablen
der Beobachtungsebene und den Konstrukten der zugrunde liegenden Theorie
widerspiegeln. Das Pfaddiagramm wird dann in ein Gleichungssystem überführt,
dessen Parameterstruktur anhand von empirischen Daten zu testen ist. Bei diesem
Test werden die Varianzen und Kovarianzen der empirischen Daten auf ihre
Konsistenz mit der Kovarianzstruktur des geschätzten theoretischen
Kausalmodells geprüft. Bei fehlender Konsistenz ist die Theorie zu verwerfen.
Die Durchführung von Kausalanalysen im Marketing war lange
Zeit fast ausschließlich mit der Anwendung des Programms LISREL von Jöreskog und Sörbom verbunden (Jöreskog, K.
G./Sörbom, D. 1996a). Mittlerweile existiert eine Reihe von weiteren
Programmsystemen, die alternativ zu LISREL eingesetzt werden können (zu einem
Überblick siehe Hildebrandt,
L. 2004). Im Rahmen weit verbreiteter Statistiksoftware werden die
Programme AMOS (Arbuckle, J.
L. 2005; SPSS), CALIS (Hartmann, W.
M. 1992; SAS), RAMONA (Browne,
M./Mels, G./Cowan, M. 1994; SYSTAT) und SEPATH (Steiger, J.
1995; STATISTICA) angeboten. Daneben existieren ausschließlich als
Stand-alone-Versionen verfügbare Programme wie z.B. EQS (Bentler, P.
M./Wu, E.J. C. 2002) oder Mplus (Muthén, B.
O./Muthén, L. K. 1998 – 2006). Zusätzlich zur kommerziellen Software
kann für die Schätzung von Strukturgleichungsmodellen auch auf kostenlose
Programme zurückgegriffen werden. So ist z.B. unter dem
Open-Source-Statistikprogramm R das Paket „ sem “ verfügbar, das auf dem
RAM-Ansatz (McArdle, J.
J./McDonald, R. P. 1984) beruht; von Neale (Neale, et
al. 2003) wird das Programm Mx angeboten.
Neben der in vielen sozialwissenschaftlichen Disziplinen
populären Kovarianzstrukturanalyse ist in der letzten Zeit eine gewisse
Renaissance des Partial-Least-Squares (PLS)-Ansatzes
festzustellen. Die Zielsetzung dieser Methodik besteht nicht in der möglichst
guten Anpassung eines Modells an die empirische Kovarianzmatrix, sondern in der
Maximierung der erklärten Varianz der Modellvariablen. Programme wie PLS-Graph
(Chin, W. W.
2001) und SmartPLS (Hansmann,
K.-W./Ringle, C. M. 2004) zeichnen sich gegenüber der ersten
verfügbaren PLS-Software LVPLS (Lohmöller,
J-B. 1984) insbesondere durch die stark verbesserte
Benutzerfreundlichkeit aus (Temme,
D./Kreis, H. 2005).
Die Programme zur Schätzung von Kovarianz-Strukturmodellen
unterscheiden sich in erster Linie in der Art der Spezifikation der zu
testenden Modellstruktur, des Schätzalgorithmus und des Benutzerkomforts der
Programmsteuerung. Aufgrund der großen Akzeptanz sollen aber in diesem Beitrag
Nomenklatur und Struktur des LISREL-Ansatzes genauer dargestellt werden.
II. Der LISREL-Ansatz
LISREL (Analyse von Linear
Structural Relationships) liegt zurzeit in der achten Programm-Version vor und
beruht im Kern auf einer Ineinanderschachtelung von Faktoranalyse-Modellen.
Deren Parameter können nach einer groben Startwertbestimmung (sog. IE-Schätzer)
mit Maximum Likelihood (ML) oder Kleinste-Quadrate Methoden (ULS, GLS)
geschätzt werden. Eine Kovarianzmatrix von Daten wird als Funktion von
Parametern eines theoretischen linearen Modells aufgefasst, das die verschiedenartigen
Beziehungen zwischen Beobachtungsvariablen, Faktoren und Fehlerkomponenten
gleichzeitig abbildet. Die Faktoren repräsentieren die nicht direkt
beobachtbaren Konstrukte oder latenten Variablen, die Faktormodelle die
\'Messtheorie\'. Die Beziehungen zwischen den Faktoren bilden die substanzielle
Theoriestruktur.
Ein LISREL-Kausalmodell besteht dann aus drei Modellteilen,
einem exogenen Messmodell, einem endogenen Messmodell und einem
Strukturgleichungsmodell (Abb. 1).
Nach den Konventionen von LISREL 8 wird angenommen, dass alle
Variablen als Abweichungen vom Mittelwert gemessen sind. Dadurch entfallen die
Absolutglieder in den Gleichungen. Für den Ein-Sample-Fall hat das Modell dann
folgende Struktur:
Die Variablen werden unterschieden nach Messungen x\' = (x1, x2, ?, xp) von unabhängigen (exogenen)
Konstrukten ξ\' = (ξ1, ξ2, ?, ξn,) und
Messungen y\' = (y1, y2, ? yq) von
abhängigen (endogenen) Konstrukten η\' = (η1, η2, ?, ηm). Durch zwei Faktormodelle
x = Λxξ + δ (1)
y = Λyη +
ε (2)
werden die Beziehungen zwischen den Beobachtungsvariablen (x, y)
und den Konstrukten (ξ, η)
abgebildet. e und d sind die Vektoren der Messfehler von y und x. Die Matrizen Λy (q×m) und
Λx (p×n) erfassen die Faktorladungen
(Regressionsgewichte) von y auf
η sowie x auf ξ. Die kausalen Beziehungen werden
dann durch ein System von linearen Strukturgleichungen auf der Konstruktebene
modelliert:
η = Bη + Gξ
+ ζ oder B?ηη = Γξ + ζ (3)
mit [B? = (I – B)]; hier ist B die (m×n) Koeffizientenmatrix für die direkten kausalen
Beziehungen zwischen endogenen Konstrukten η, und Γ die (m×n)
Koeffizientenmatrix für die direkten kausalen Beziehungen zwischen den exogenen
Konstrukten ξ und den endogenen
Konstrukten η. ζ\' =
(ζ1,
ζ2 ?, ζm) ist der Zufallsvektor von Residuen
in den Kausalbeziehungen.
Zur Lösbarkeit der Gleichungssysteme werden folgende
Basisannahmen getroffen: ε und δ sind untereinander unkorreliert und
unkorreliert mit η, ξ und ζ. ζ ist unkorreliert mit den exogenen Konstrukten ξ, und
die Matrix I – B ist nicht singulär.
Das Programm schätzt Parameter unter Berücksichtigung von
Restriktionen und Parametervorgaben in acht Parametermatrizen, die eine
vollständige Modellstruktur abbilden. Dies sind neben den
Abhängigkeitsbeziehungen in Λx, Λy, B,
Γ die spezifizierten Kovariationsbeziehungen in:
Φ der (n×n) Varianz-Kovarianzmatrix der exogenen
Konstrukte,
Ψ der (m×m) Varianz-Kovarianzmatrix der Fehler ζ in
den Strukturgleichungen,
Θδ, Θε den
(p×p), (q×q) Varianz-Kovarianzmatrizen der Fehler δ, ε in den
Faktormodellen
Sofern die Information in den Daten ausreicht, um alle
Koeffizienten eindeutig zu bestimmen, d.h. das Modell identifiziert ist, können
je nach Qualität der Daten unterschiedliche Methoden zur Schätzung der
Parameter eingesetzt werden. Die ML-Methode verlangt formal
multivariat-normalverteilte Variablen, während die ULS- und GLS-Schätzmethoden
weniger restriktiv sind. Zur Überprüfung der Verteilungsannahmen kann der
Nutzer auf Zusatzmodule (z.B. PRELIS) zugreifen (Jöreskog, K.
G./Sörbom, D. 1996b).
Das Schätzproblem der ML-Schätzung in LISREL besteht darin,
über den Parametervektor π (d.h. die unbekannten Parameter der acht
LISREL-Matrizen) die modellimplizierte Kovarianzmatrix S zu schätzen, die mit größter Wahrscheinlichkeit die empirische
Kovarianzmatrix der Daten S erzeugt
hat. Bei Annahme einer Wishartverteilung von S erfolgt die Schätzung über die iterative Minimierung der Funktion
F(π) = log|Σ| + tr(SΣ-1) – log|S| – (p + q), (4)
wobei tr die Spur einer Matrix angibt. Die Schätzung über ULS
minimiert die Funktion
F(π) = 1/2 tr[(S
– Σ)2]
(5)
Gemeinsam ist allen Schätzmethoden, dass sie die Abweichung
der Gesamtheit der Werte der empirischen Kovarianzen von den durch das Modell
reproduzierten Werten minimieren. Sind die theoretisch postulierten
Beziehungen, d.h. die geschätzten Varianzen-Kovarianzen konsistent mit den
empirischen Daten, dann wird die zugrunde liegende Theorie als nicht
falsifiziert betrachtet bzw. zu dem Grad akzeptiert, zu dem das Modell nicht an
den Daten scheitert. Zur Beurteilung der Modellanpassung liefert LISREL dem Benutzer
Fit-Indices und Teststatistiken zur Beurteilung der Gesamtstruktur sowie von
Teilstrukturen. Am gebräuchlichsten sind GFI, AGFI, Tucker/Lewis\' NNFI und
Bentler/Bonett\'s NFI, deren Werte nahe 1 liegen sollten sowie der RMSEA, dessen
Wert kleiner 0,06 sein sollte (Bollen, K. A.
1989; Hu, L.
T./Bentler, P. M. 1999).
Zur Gesamtmodellprüfung kann im Fall der ML- oder
GLS-Schätzung als strengste Instanz ein Chi2-Test eingesetzt werden. LISREL
berechnet dabei einen modellspezifischen Wahrscheinlichkeitswert p für den Fehler erster Art (Ablehnung
des richtigen Modells). p sollte
größer als eine Signifikanzschwelle von α = ,10 sein. Die
Teststatistik ist nur valide bei normalverteilten Daten, der Analyse von Kovarianzmatrizen
und angemessen großen Stichproben (≈ 400). Die Schätzung einer
Gütefunktion kann über Hilfsverfahren erfolgen (Satorra,
A./Saris, W. E. 1985). Ansonsten sollte die Statistik als Fit-Index
interpretiert oder zur Beurteilung alternativer Modellhypothesen als Chi2-Differenztest
eingesetzt werden.
Für explorative Studien liegt in LISREL ein Modifikationsindex
vor, der angibt, um wie viel sich die Chi2-Teststatistik verbessert, wird ein
beliebiger restringierter Parameter geschätzt (zur explorativen Modellanpassung
Homburg, C.
1989).
Problematisch bei der Anwendung des Chi2-Tests ist
seine Sensitivität gegenüber der Stichprobengröße. Deshalb ist es ratsam,
mehrere sich ergänzende Fit-Indices je nach Stichprobengröße, Datenqualität
oder Schätzprozedur nebeneinander zur Modellevaluation zu verwenden. LISREL
bietet mehr als 25 unterschiedliche Prüfkriterien. Die Fit-Indices, Angaben
über die Standardfehler der Parameter und Residualvarianzen in einzelnen Faktor-
und Regressionsstrukturen lassen in der Summe eine verlässliche Aussage über
die Validität eines geschätzten Modells zu.
Das allgemeine LISREL-Modell kann flexibel zur Spezifikation
und zum Test vieler Modelltypen eingesetzt werden, z.B. für Pfadmodelle,
Modelle der konfirmatorischen Faktorenanalyse, zweistufige Faktormodelle,
Kausalmodelle, für die Ein- und Mehrgruppenanalyse, Zeitreihen- und
Panelanalysen mit autokorrelierten Residuen, Modelle für höhere Produktmomente
und Modelle zum Test von Mittelwertstrukturen auf der Ebene der Faktoren. Auf
die Parameter können lineare und nicht-lineare Beschränkungen gelegt werden.
Der Nutzer kann Intervallrestriktionen vorgeben. Er kann bei der
Modellspezifikation auch von der vorgegebenen Struktur des LISREL-Modells (Abb. 1) abweichen und jede beliebige
Kovarianzstruktur schätzen.
Bei der Programm-Version LISREL 8 ist mit der
SIMPLIS-Kommandosprache eine Steuerung des Programms ohne umfangreiche
Kenntnisse der Matrixalgebra möglich.
III. Kausalmodelle im
Marketing
Im Marketing
hat die Kausalanalyse besonders durch die Berücksichtigung
verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse in Teilbereichen der Forschung
Beachtung gefunden, in denen die Voraussetzung der experimentellen Prüfung
kausaler Beziehungen nur unvollkommen herzustellen ist. Typische
Anwendungsfelder sind Bereiche, in denen der Forscher eine Vielzahl von
Einflüssen durch vernetzte Hypothesen zu berücksichtigen hat und
objektspezifische Operationalisierungsprobleme auftreten. Hierzu gehören
Studien der Einstellungs-Verhaltens-Forschung, der
Produkt-Zufriedenheitsforschung sowie der Image- und Involvementforschung (Trommsdorff,
V. 1989).
In anderen Bereichen findet die Kausalanalyse ihre Anwendung,
wenn Befragungsdaten und Indikatoren für die Prüfung von Hypothesen vorliegen.
So werden besonders in den Studien zur Erfolgsfaktorenforschung
kausalanalytische Methoden eingesetzt (Annacker, D.
2001; Fritz, W.
1992; Hildebrandt,
L. 1992).
Reliabilitätsprüfung, kausalanalytische Validierung und der
Test von Kausalbeziehungen mit Messfehlerkontrolle können als dominierende
Aufgaben der Kausalanalyse im Marketing angesehen werden. Die
Reliabilitätsprüfung (z.B. nach Cronbach\'s α) beruht auf dem Test der
Eindimensionalität einer Itembatterie mit einem Faktormodell
x = Λxξ + δ (6)
Das Faktormodell gibt über die Schätzwerte der λi und den Varianzen der Fehlerterme di die Möglichkeit, die Reliabilität jedes Items
zu berechnen. Allgemein definiert ist die Reliabilität als die quadratische
Korrelation zwischen dem Konstrukt auf seinen Messungen. Im Modell lassen sich
einzelne und zusammengesetzte Reliabilitätsmaße berechnen, wobei nachfolgend
angenommen wird, dass die Varianzen der Konstrukte auf eins standardisiert
sind. Die Reliabilität der einzelnen Items ergibt sich dann über
ρi = (Λi2) / (Λi2 + Θii) (7)
mit Θii, der Fehlervarianz und ρi, der
Indikator-Reliabilität. Als zusammengesetztes Maß für alle Items im
Faktormodell eines Konstruktes wird die Faktor-Reliabilität über Summen
berechnet mit
ρc = (Σλi)2 / (Σλi)2 + ΣΘii) (8)
Beide Indices haben einen Wertebereich zwischen 0 und 1, je
größer ρ, desto größer die Reliabilität. Für erweiterte Tests sei auf Bagozzi (Bagozzi, R.
P. 1980) verwiesen.
Die kausalanalytische Validierung beruht auf dem Konzept der
Validitätsprüfung mit der MTMM (Multitrait-Multimethod-)Matrix von Campbell und Fiske.
Diese wird gebildet aus den Messungen verschiedener
Konstrukte mit jeweils mehreren Messinstrumenten, die maximal unterschiedlich
sein sollen. Mit einem Modell der konfirmatorischen Faktorenanalyse lässt sich
dann prüfen, ob die Kriterien der MTMM-Validierung: Konvergenzvalidität als
Grad, zu dem mehrere Messungen mit verschiedenen unabhängigen Messmethoden
übereinstimmen und Diskriminanzvalidität als Grad, zu dem sich die Messungen
mit gleichen Messmodellen unterscheiden, erfüllt sind (Campbell, D.
T./Fiske, J. D. 1959).
Das Pfadmodell der konfirmatorischen Faktorenanalyse
für die Prüfung von Konvergenz- und Diskriminanzvalidität ist in Abb. 2 dargestellt.
Abb. 2: Das Modell der konfirmatorischen Faktorenanalyse zur
Prüfung von Konvergenz- und Diskriminanzvalidität
Das Modell berücksichtigt drei Faktoren mit jeweils drei
Messungen. Die Validitätskriterien lassen sich über einen hierarchischen
Modelltest (über Parameterstrukturen und Modell-Fit) prüfen mit den Hypothesen
in Tab. 1.
Tab. 1: Validitätstest mit der konfirmatorischen
Faktorenanalyse
Das dargestellte Modell wird auch als »Trait-only«-Modell
bezeichnet und geht davon aus, dass keine Methodeneffekte vorliegen. Der Test
dieser Effekte kann über die Einführung weiterer Faktoren oder die Schätzung
von Messfehlerkorrelationen bei gleichen Messmodellen erfolgen (Hildebrandt,
L. 1998). Allerdings hat eine Meta-Analyse von Validierungen mit der
konfirmatorischen Faktorenanalyse gezeigt, dass der Untersucher häufig mit
Schätzproblemen konfrontiert wird und unzulässige Lösungen das Ergebnis sind (Marsh, H.
W./Bailey, M. 1991).
Der Test eines vollständigen Kausalmodells, d.h. eines
Modells, das Faktorenmodelle und Kausalstrukturen zwischen mehreren Konstrukten
erfasst, wird mit dem Test nomologischer Validität gleichgesetzt. Es erlaubt
neben der Validierung der Messkonzepte den Test konkurrierender Hypothesen in
einem Modell. Das Modell führt eine Validierung der Messkonzepte mit
gleichzeitigem Test eines kausalen Netzwerks durch und sichert damit auch
Validitätskriterien wie Konkurrent- und Prognosevalidität. Hierarchische
Modelltests erlauben die Prüfung alternativer oder konkurrierender Theorien.
Eine typische Anwendung ist der Test des
Einstellung-Verhalten-Modells (Ajzen,
I./Fishbein, M. 1980). Es postuliert, dass die Einstellung und
subjektive Norm die Verhaltens-Intention beeinflussen, die wiederum das
Verhalten determiniert. Eine alternative Auffassung ist dagegen, dass die
Einstellung das Verhalten direkt beeinflusst. Diese konkurrierenden Hypothesen
sind in Abb. 3 dargestellt. Die
Einstellung ist mit drei Indikatoren gemessen worden, die anderen Konstrukte
mit jeweils zwei Indikatoren.
Abb. 3: Ein Kausalmodell zum Test von nomologischer Validität
Die Schätzung ergibt Faktorladungen λi zwischen 0,56 und 0,86, allerdings werden die
Hypothesen des ersten Modells (ohne γ21) durch die Daten (bei
Berücksichtigung der Stichprobengröße von n = 97), nach Prüfung der Fit-Indices
nur im Grenzbereich gestützt. Die Schätzung des alternativen Modells führt
dagegen zu einer signifikanten und besseren Anpassung, sodass in diesem
Modellkontext die Einstellung das Verhalten direkt beeinflusst und die
normativen Effekte nicht vorhanden sind. Die standardisierten Parameter des
Strukturmodells und die Fit-Indices finden sich in Tab. 2.
Tab. 2: Die standardisierten Parameter des Strukturmodells
Der hier dargestellte Modelltest kann nur einen Anhaltspunkt
für die Möglichkeiten der Kausalanalyse geben. Das Potenzial liegt in der
Prüfung komplexer Hypothesenstrukturen mit Validierung und in der
Einsatzmöglichkeit zum Test von Faktorenstrukturen höherer Ordnung, der
Anwendung des Modells auf Zeitreihen und Paneldaten sowie des Tests von
Modellstrukturen mit Kontrolle unbeobachtbarer Einflussgrößen.
IV. Probleme der
Kausalanalyse
Ein Großteil der Probleme der Kausalanalyse ergibt sich aus
der Komplexität der Modellstrukturen, verbunden mit relativ strengen Annahmen
für die Schätzung der Parameter. Der Anwender ist damit konfrontiert, dass die
vorliegende Software auch Lösungen erzeugt, die den zulässigen Parameterbereich
verlassen (z.B. negative Varianzen, standardisierte Regressionskoeffizienten
größer eins etc.). Die Einführung von Restriktionen oder
Spezifikations-»Tricks« durch sog. Phantom-Variablen
können hier akzeptable Lösungen schaffen. Es sind aber jeweils eine Vielzahl
von Kriterien zu prüfen, ehe der Forscher ein Modell dann als bewährt ansehen
sollte.
Ein schwer zu lösendes Problem, besonders in komplexen
Modellen, ist der Nachweis der Identifikation aller Modellparameter.
Identifikationsprobleme können u.a. auftreten, wenn weniger als drei
Indikatoren für die Faktoren vorliegen, Messfehlerkorrelationen vorhanden sind
oder nicht rekursive Beziehungen geschätzt werden. Ein Modell wird als
identifiziert bezeichnet, wenn alle frei zu schätzenden Parameter identifiziert
sind. Dies ist nicht der Fall, wenn zwei unterschiedliche Parametersets die
gleiche Kovarianzmatrix erzeugen. Eine notwendige Bedingung für Identifikation
ist zunächst, dass die Zahl der frei zu schätzenden Parameter nicht die Zahl
der unterschiedlichen Elemente in der Varianz-Kovarianz-Matrix übersteigt.
Diese Bedingung ist aber nicht hinreichend, sie gibt an, wann
mit Sicherheit ein Modell nicht identifiziert ist. Streng genommen ist der
Nachweis der Identifikation nur durch algebraische Auflösung der
Gleichungsstruktur und den Nachweis, dass jeder Parameter eindeutig als
Funktion der Varianzen und Kovarianzen ausgedrückt werden kann, möglich. Dies
ist aber gerade bei komplexen Modellen kaum durchführbar. Im Allgemeinen muss
sich der Forscher auf Ersatzkriterien verlassen, die in der Summe zwar eine
relativ große, aber keine vollständige Sicherheit liefern.
Ein inhaltliches Problem ist die Logik des Chi2-Tests.
Danach ist ein akzeptables Modell eines, welches durch die Daten nicht
widerlegt werden kann. Wenn ein Modell nicht widerlegt werden kann, bleiben
trotzdem andere – ähnlich gut »fittende« bzw. äquivalente (Lee,
S./Hershberger, S. A. 1990) – Modelle auch nicht widerlegt.
Weiter besteht im Allgemeinen Unklarheit darüber, was unter
der Kausalitätsinterpretation eines durch die Daten nicht zurückgewiesenen
Modells zu verstehen ist. Kausalität einer Variablenbeziehung kann durch die
Verfahren der Kausalanalyse nämlich nicht
nachgewiesen werden. Multivariate statistische Verfahren repräsentieren nur
eine Syntax, die hinsichtlich ihrer kausalen Interpretation neutral ist. Die
Methode prüft deshalb nur Aussagen darüber, ob eine kausale Beziehung aufgrund
der expliziten substanziellen Annahme des Forschers im Kontext einer
modellierten Struktur statistisch existiert oder nicht. Im Rahmen des Marketing
ist deshalb die Kausalinterpretation an eine Vielzahl von Kriterien zu knüpfen,
wenn das Ergebnis einer Kausalanalyse für sozialtechnische Aussagen verwendet
werden soll. Kausale Schlussfolgerungen beruhen letztendlich auf Kriterien, die
außerhalb des Datenanalyse-Systems liegen.
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