Inhaltsübersicht
I. Unternehmenskrise:
Begriff und frühe Forschung
II. Qualitative
Krisenursachen und ihre typischen Kombinationen
III. Krisendiagnose
auf der Basis von Jahresabschlussdaten
IV.
Krisenmanagement
I. Unternehmenskrise:
Begriff und frühe Forschung
Als „ Krise “
bezeichnet man die drohende
Existenzgefährdung einer Unternehmung: Sie liegt vor, wenn die Planung
signalisiert, dass die Unternehmung bei unveränderter Fortführung der Tätigkeit
in ihrem Bestand gefährdet sein würde. Dies entspricht der Risikovorstellung
des KonTraG. Die Krise realisiert sich in der Insolvenz, spätestens wenn
Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung drohen. Von einer „ latenten “ Krise sprechen wir dann, wenn das bestandsgefährdende
Risiko intern angelegt ist, auch wenn es noch nicht bewusst ist. Von einer „ manifesten “ Krise spricht man, wenn die
Krisensituation den maßgeblichen Bezugsgruppen der Unternehmung, namentlich den
Banken, bekannt wird.
Krisendiagnose ist das Bemühen, den Krisenzustand so früh wie
möglich zu erkennen, um damit noch die Möglichkeit zu haben, Maßnahmen des Krisenmanagements zu ergreifen, also
Handlungsalternativen zu wählen, die – abweichend von den ursprünglichen Plänen
– verhindern, dass sich die Krise realisiert. Ist man dabei erfolgreich, ist
die Krise abgewendet, wenn nicht, wird das Insolvenzverfahren eingeleitet,
fortgeführt und mit unverzüglicher oder gestreckter Liquidation, mit
Reorganisation oder übertragender Sanierung beendet (Schimke,
Ernst/Töpfer, Armin 1985).
Je früher das Krisenmanagement einsetzen kann, desto größer
sind seine Erfolgschancen. Hier liegt die fundamentale Bedeutung der Krisendiagnose:
Sie muss darauf gerichtet sein, permanent das Unternehmen daraufhin zu
durchleuchten, ob sich erste Hinweise auf bestandsgefährdende Risiken zeigen.
Dies ist zentrale Aufgabe des vom KonTraG geforderten Risikomanagements.
Benötigt wird dazu eine umfassende Theorie der Unternehmenskrise, durch die Auftreten, Verlauf und
Ausgang einer Unternehmenskrise erklärt werden (Witte,
Eberhard 1981; Krystek,
Ulrich 1987). In einer solchen Theorie ist zunächst die Krise selbst
systematisch zu beschreiben. Sodann
sind die Ursachen einer Krise
-
vollständig,
d.h. als notwendig und hinreichend,
-
systematisch,
d.h. überschneidungsfrei und hierarchisch geordnet,
-
unter Angabe ihrer relativen Bedeutung und Gewichtung,
-
unter Kennzeichnung von Abschwächungen und Verstärkungen und
-
in ihren Kausalketten
zu bestimmen. Weiterhin ist der zeitliche Verlauf der Krise zu kennzeichnen. Schließlich muss eine
Theorie der Unternehmenskrise Aussagen zur Zwangsläufigkeit
enthalten, also darüber, mit welchen Instrumenten und zu welchen Zeitpunkten
die dramatische Zuspitzung der Entwicklung zur Insolvenz noch aufgehalten oder
abgewendet werden kann. Und wie überall stellt sich die Frage nach der situativen Bedingtheit der Krise, wie
etwa nach Alter, Größe und Verfassung der Unternehmung.
Noch liegt eine derartige verhaltenswissenschaftliche,
empirisch geprüfte Theorie der Krise nicht vor.
Die Erforschung der Krise erfolgte auf zwei unterschiedlichen
Pfaden: Schon 1930 erschien die Untersuchung von Fleege-Althoff (Fleege-Althoff,
Fritz 1930) unter dem Titel „ Die notleidende Unternehmung “ , in der
systematisch nach qualitativen
Krisenursachen gefragt wurde. Dieser Pfad wurde nach dem Kriege
insbesondere durch weitere Untersuchungen (Hahn, Gerhard
1958; Rinklin,
Theo-Hansjoerg 1960; Bellinger,
Bernhard 1962) weiter verfolgt. Einen neuen Impuls erhielt die Krisenforschung
mit dem wissenschaftlichen Interesse an sog. Frühwarnindikatoren und -systemen,
vor allem durch die Studien von Müller-Merbach (Müller-Merbach,
Heiner 1976; Müller-Merbach,
Heiner 1977) und Hahn/Krystek (Hahn,
Dietger/Krystek, Ulrich 1979).
Der zweite Forschungspfad führte über die klassische
Bilanzanalyse zur sog. Insolvenzprognose und betrachtet damit quantitative Krisendaten. Schon die
traditionsreiche Kreditwürdigkeitsanalyse hatte implizit stets die frühe
Erkenntnis und Vermeidung des Krisenfalls vor Augen. Es sei an die Arbeiten von
Mellerowicz/Jonas (Mellerowicz,
Konrad/Jonas, Heinrich 1954), Krümmel (Krümmel,
Hans-Jacob 1962, S. 137 ff.), Wittgen (Wittgen,
Robert 1970) und Hagenmüller (Hagenmüller,
Karl Friedrich 1976, Sp. 1224 – 1234) erinnert.
In der folgenden Betrachtung sollen die neueren Entwicklungen
auf diesen beiden Wegen dargestellt werden.
II. Qualitative
Krisenursachen und ihre typischen Kombinationen
Die Forschungsarbeiten zu den qualitativen Krisenursachen
wurden erst in den 1970er-Jahren als methodisch anspruchsvolle empirische
Studien durchgeführt, die schließlich multivariate
Ergebnisse lieferten (Reske,
Winfried/Brandenburg, Achim/Mortsiefer, Hans Jürgen 1976; Hauschildt,
Jürgen 1983; Grenz,
Thorsten 1987).
Ausgangspunkt sind dabei systematische Ableitungen von
einzelnen Krisenursachen (Abb. 1). Dabei konnte die Krisenforschung auf
Vorarbeiten und Erkenntnisse zu Schwachstellen in den einzelnen betrieblichen
Funktionsbereichen zurückgreifen.
In Clusteranalysen wurden für Großunternehmen die folgenden typischen Kombinationen von Krisenursachen
festgestellt:
-
In Unternehmen
auf brechenden Stützpfeilern bricht der Absatz ein oder stagniert
unerwartet. Produktion und Beschaffung laufen indessen plangemäß weiter. Die
Kapazitäten sind nicht mehr aufeinander abgestimmt. Es kommt zu Halden von
Rohstoffen und Produkten. Die Krise lässt sich nicht abschotten. Höhere
kurzfristige Verschuldung ist die weitere Folge.
-
In technologisch
gefährdeten Unternehmen liegen die Krisenursachen im Produktionssektor,
in der Investitionstätigkeit sowie in Forschung und Entwicklung.
Führungsfehler kommen hinzu. Es handelt sich um Unternehmen, die starr an
bestimmten – zuvor erfolgreichen – Verfahrens- oder Produktphilosophien
festhalten.
-
In unkontrolliert
expandierenden Unternehmen liegt bei forciertem externen Wachstum durch
Firmenakquisitionen ein eklatanter Mangel an Eigenkapital vor. Es treten
Probleme im Rechnungswesen sowie bei Führung und Organisation auf. Die
zugekauften Unternehmen lassen sich nicht in die gewachsene Organisation und
das vorhandene Informationssystem eingliedern. Vermeintliche „ Schnäppchen “
erweisen sich tatsächlich als Flops.
-
In Unternehmen
mit konservativer, starrsinniger, patriarchalischer Führung liegt der
Hauptmangel in der Person des Unternehmers oder des dominierenden Mitgliedes
der Geschäftsführung. Geblendet durch frühere Erfolge neigt dieser Mensch zur
Selbstüberschätzung, zu sehr persönlichen, intuitiven, sprunghaften – und
eben falschen Entscheidungen.
In kleineren Unternehmen finden sich diese Kombinationen von
Krisenursachen ebenfalls, dort lassen sich überdies noch zwei weitere Typen
bestimmen:
-
Das abhängige
Unternehmen ist durch eine zu starke Bindung an einen großen Kunden
gekennzeichnet,
-
das Unternehmen
mit unkorrekten Mitarbeitern gerät durch Kompetenzüberschreitungen,
Korruption, Betrug oder andere geschäftsschädigende Verhaltensweisen
derartiger Mitarbeiter in die Krise.
Die typologische Betrachtung zeigt, dass es falsch ist, von
„ der “ latenten Unternehmenskrise schlechthin zu sprechen. Richtig ist es
vielmehr, von unterschiedlichen Mustern auszugehen, in denen stets mehrere
Krisenursachen in jeweils unterschiedlichen, aber dennoch explosiven Mischungen
auftreten.
Abb. 1: Krisenursachen
III. Krisendiagnose auf
der Basis von Jahresabschlussdaten
Traditionell wird die Krisendiagnose auf Kennzahlen gestützt,
die aus Bilanzen sowie den Gewinn- und Verlustrechnungen abgeleitet werden, wie
etwa Renditen, Liquiditätskennzahlen, Umschlagskennziffern, Deckungsrelationen,
die im Zeit-, Betriebs- und Branchenvergleich an Aussagekraft gewinnen (Littkemann,
Jörn/Krehl, Harald 2000). Die in die Kennzahlen eingehenden
Primärdaten werden dabei vielfältig verdichtet, am komplexesten sicherlich bei
der Bestimmung von Varianten des Cash Flow (Hauschildt,
Jürgen/Leker, Jens/Mensel, Nils 2000).
Kennzahlen treffen aber vielfach nur singuläre Feststellungen
und sagen wenig über Ursache-/Wirkungsketten aus. Daher hat man sie schon früh
in sog. „ Kennzahlensystemen “ dergestalt verknüpft, dass sich bestimmte
Sekundäreffekte auf mehrere vorgeschaltete Primäreffekte zurückführen lassen.
Das älteste und bekannteste derartige Schema ist das ROI-Konzept im Dupont-Control-System
(Hauschildt,
Jürgen 1970). Am weitesten verbreitet ist das MIDIAS-Konzept der
DATEV e.G. (Hauschildt,
Jürgen/Leker, Jens/Krehl, Harald 1996). Durch diese
Kennzahlensysteme werden die Analytiker aufgefordert, immer wieder nach den
Ursachen bestimmter Auffälligkeiten zu fragen. Die fragengeleitete
Krisendiagnose löst damit die feststellende Bilanzanalyse ab.
Statistische Verfahren
haben diese Analysemethoden ergänzt. Eine Übersicht über die wichtigsten, im
Folgenden genannten Verfahren findet sich im Sammelband von Hauschildt/Leker (Hauschildt,
Jürgen/Leker, Jens 2000):
-
Scoringmodelle werden in der Form von Check-Listen
vielfältig in der Praxis eingesetzt. Den einzelnen Beobachtungen werden
Punktwerte zugeordnet. Diese Punktwerte werden addiert. Bei
Über-/Unterschreiten bestimmter Grenzwerte wird ein Diagnose-Urteil nach der
Art einer Zeugnisnote vergeben.
-
Diskriminanzanalysen werden als großzahlige
Betriebsvergleiche durchgeführt (Hauschildt,
Jürgen 2000). Dabei werden die systematischen Unterschiede
zwischen einer Stichprobe von bestandsgefährdeten (zumeist: insolventen)
Unternehmen und einer Vergleichsgruppe solventer Unternehmen ermittelt und in
einer Diskrimininanzfunktion zusammengefasst (Leker, Jens
1993). Diese Funktion enthält diejenigen Bilanzkennzahlen, in denen sich die
beiden Gruppen unterscheiden. Eine systematische Erweiterung dieses Konzeptes
bietet die logistische Regression,
in die auch nicht-numerische Beobachtungen eingehen können (Schewe,
Gerhard/Leker, Jens 2000).
-
Die Analysen mit Künstlichen Neuronalen Netzen
überantworten die Bestimmung der kritischen Bilanzkennzahlen einem komplexen
Lernprozess des Analysesystems (Baetge,
Jörg/Dossmann, Christiane/Kruse, Ariane 2000).
-
Durch Fuzzy-Set-Analysen wird es möglich, auch „ unscharfe “
subjektive Werturteile oder qualitative Merkmale in die computergestütze
Analyse einzubeziehen (Blochwitz,
Stefan/Eigermann, Judith 2000).
In den vergangenen 20 Jahren hat die Krisendiagnose damit
einen Sprung von Quantität in Qualität erlebt. In der praktischen Anwendung
werden die statistischen Verfahren für eine erste Vorsortierung eingesetzt, in der
zunächst unstrittig kritische und sodann krisenverdächtige Unternehmen
gekennzeichnet werden. Diese werden dann individuell mit größerer Intensität
untersucht.
IV. Krisenmanagement
Krisenmanagement umfasst alle Aktivitäten der Vermeidung und
der Bekämpfung einer Krise. Das vorausschauende
Krisenmanagement ist permanent bestrebt, einzelne Krisenursachen aufzuspüren
und im Sinne einer Prophylaxe zu verändern (Müller-Stewens,
Günter 1989).
Krisenbekämpfung
ist in der akuten Situation zwingend. Diese akute Situation ist beim Übergang
von der latenten in die manifeste Krise gegeben. Sie ist in aller Regel durch
enormen Zeitdruck und durch schlagartigen Vertrauensverlust gekennzeichnet. In
dieser Situation signalisiert die Finanzplanung üblicherweise drohende
Zahlungsunfähigkeit. Dies ist die Stunde der Liquiditätspolitik (Witte,
Eberhard 1963): Vorziehen und Bewirken zusätzlicher Einnahmen,
Verschieben oder Senken von Ausgaben. Konkret geht es um das Abstoßen von
Vermögensteilen und Notliquidierungen, um beschleunigte Produktverkäufe unter
Hinnahme von Preisabschlägen, um Investitionsstopps, Kurzarbeit, Sperrung von
Budgets etc. Ob in dieser Situation noch Kredite mobilisiert werden können,
hängt von der Einschätzung der Partner auf den Finanz- und Kapitalmärkten ab.
Die Sicherung der Zahlungsfähigkeit hat in der akuten Krisensituation absoluten
Vorrang vor dem Streben nach Gewinn.
Das Handeln in der Krisensituation verlangt Rückzug auf
robuste und einfache Verfahren des Entscheidens und Durchsetzens (Becker, Heinz
1978; Müller, Rainer
1982; Bergauer,
Anja 2001). Voraussetzungs- und bindungsloses Management erscheint
möglich. Die klare ökonomische Grundstruktur des unternehmerischen Handelns
wird dabei nicht durch allerlei Kompromissformeln verzerrt, die im Alltag wohl
etablierten und ungestörten Unternehmensgeschehens üblich sind:
-
Die Zielsetzung
verengt sich auf einige, wenige, dominante Ziele: Kostenminimierung unter
der strengen Nebenbedingung der Liquiditätserhaltung. Die Kostenperspektive
wird präferiert, weil die Kosten besser und schneller beeinflussbar sind als
die Erlöse. Ziele mit kurzen Zeithorizonten und klarer Kontrollmöglichkeit
verdrängen jegliche Unschärfe und Vieldimensionalität der sonst üblichen
Zielkonzeptionen.
-
Die Alternativenzahl
wird eng begrenzt, weil der allfällige Zeitdruck es nicht zulässt, viele
Alternativen zu suchen, zu generieren und zu bewerten. Man bleibt zwar
vordergründig bei der Optimierung, wendet sie aber auf eine sehr kleine
Alternativenzahl an, im Extremfall auf die Wahl zwischen „ Handeln “ und
„ Nicht-Handeln “ .
-
Die Situationsbeurteilung
reduziert sich auf eine worst-case-Betrachtung, weil optimistischere
Annahmen fahrlässig wären.
-
Die Führungsproblematik
vereinfacht sich drastisch, weil den Geführten der Bruch ihrer Karriere
bei Insolvenz bewusst ist.
Die akute Krisensituation verlangt kurzfristig und befristet
nach einer Änderung der Organisation.
Die Liquiditätspolitik ist nur dann durchzusetzen, wenn dem obersten
Krisenmanager besondere Vollmachten und Vetorechte eingeräumt werden.
Zentralisierung der Aktivitäten ist zwingend. An die Stelle der gewohnten
Deckungsbeitrags- und Betriebsergebnis-Rechnungen treten Produkt- und
Bereichs-Finanzrechnungen. Intensiver und zeitnaher Informationsaustausch
zwischen den Beteiligten jenseits der traditionellen Berichts- und
Dokumentationswege ist unerlässlich.
Zum Krisenmanagement gehört schließlich eine besondere
Krisenkommunikation (Roselieb,
Frank 2002). Es gilt zu verhindern, dass sich Gerüchte bilden, die
schädliche Kettenreaktionen auslösen, und dass die Betroffenen indirekt von
Aktionen erfahren, durch die sie belastet werden. Es ist gesichertes Wissen,
dass optimistisch oder pessimistisch gefärbte Informationen die Glaubwürdigkeit
noch weiter herabsetzen. Nur die realistische und selbstkritische Information
der Beteiligten, der Betroffenen und der Öffentlichkeit unterstützt das
Krisenmanagement. Dabei kommt der Aktualität der Informationslieferung eine
besondere Bedeutung zu. Das Internet eröffnet überdies die Möglichkeiten zum
Dialog. Das Krisenmanagement erschöpft sich nicht darin, in einem großen
Krisenstab die Maßnahmen vorzubereiten und von einem herausgehobenen
Krisenmanager durchsetzen zu lassen. Es hat vielmehr die interessierten Partner
des Geschehens sachgerecht und zeitnah auf dem Laufenden zu halten.
Nach Überwindung der akuten Notsituation mündet das
Krisenmanagement ein in eine strategische
Neuausrichtung der gesamten Unternehmung. Damit endet auch der
organisatorische Sonderstatus des Krisenmanagers. Aber vorausschauendes
Krisenmanagement als permanente Krisendiagnose soll nach den Vorstellungen des
KonTraG zu einer Daueraufgabe eigens dazu bestellter Risikomanager werden.
Vorstand, Aufsichtsrat und Abschlussprüfer haben sich für das Funktionieren des
Risikomanagements zu verantworten.
Hinzu kommt in Zukunft die ständige kritische Beobachtung des Unternehmens
durch ein institutionelles Rating (Leker, Jens
2001). Der intellektuelle Umgang mit der
Krise wird damit zum laufenden innerbetrieblichen Problem.
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